Und die Welt war jung

Köln am Neujahrstag 1950. Im Haus von Gerda und Heinrich Aldenhoven ist im fünften Jahr nach dem Untergang des 1000jährigen Reiches das Geld knapper als vor dem Krieg, aber immerhin steht das Haus noch und die Jugend feiert schon wieder. Auch das Haus von Gerdas Freundin Elisabeth in Hamburg hat den Krieg überstanden, nur müssen Elisabeth und Kurt Borgfeld dieses Haus nun mit ihrer Tochter Nina, dem kleinen Enkelsohn Jan und Einquartierten aus Schlesien teilen. Von Schwiegersohn Joachim gibt es seit Kriegsende kein Lebenszeichen, und während Elisabeth immer noch fest an seine Rückkehr glaubt, geht Tochter Nina der britische Journalist Winton Langley, den sie in der Silvesternacht kennengelernt hat, nicht mehr aus dem Kopf. Bei Familie Canna in San Remo haben alle den Krieg wohlbehalten überstanden, und es mangelt weder an Geld noch an Wohnraum, dafür muss Heinrichs Schwester Margarethe unter einem Dach mit der Großfamilie schon seit Jahren mit dem Standesdünkel und den andern Marotten ihrer italienischen Schwiegermutter klarkommen. Im Laufe des Jahrzehnts, das gerade begonnen hat, wird sich für alle drei Familien viel ändern, die Elterngeneration wird lernen, die Kriegsereignisse aufzuarbeiten, die Kinder werden erwachsen, Beziehungen gehen zu Ende, neue Lieben entstehen, und Kinder werden geboren.

Meine Meinung: Carmen Korns neuer Roman, der erste Teil einer als Drei-Städte-Saga angekündigten Serie, folgt dem Muster ihrer Jahrhundert-Trilogie, nur dass diesmal nicht einzelne Frauen, sondern ganze Familien im Mittelpunkt stehen. Im Leben der Mitglieder dieser Familien spiegeln sich die gesellschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhhunderts, genauer gesagt der 1950er-Jahre wider. Verletzungen werden sichtbar, alte Wunden heilen, wenn auch manchmal nur unter Mühen, das Leben wird einfacher und freier, der Wohlstand wächst.

Ein bisschen vorhersehbar sind die Ereignisse, und manche der Personen bleiben in stereotypen Rollen stecken, von der neureichen Schwiegermutter mit Standesdünkel bis zum schwermütigen Kriegsheimkehrer, und wie schon in der Jahrhundert-Trilogie herrscht in den Familien ein Umgangston, der für die Heftigkeit der Konflikte zu höflich und emotionslos wirkt. Und natürliche lassen sich die meisten dieser Konflikte auflösen, als würden Kriegstraumata irgendwann von alleine verschwinden. Auch die Lesung durch die Autorin trägt nicht dazu bei, dem Roman mehr emotionale Tiefe oder mehr Zwischentöne zu verleihen. Trotz dieser Einschränkungen habe ich mir die Geschichte gerne als nostalgische Zeitreise ohne Anspruch auf psychologischen Tiefgang vorlesen lassen.

Carmen Korn, Und die Welt war jung. Drei-Städte-Saga Teil 1. Gekürzte Hörbuchfassung gelesen von der Autorin. Argon Verlag GmbH 2020, 14 h 57 min.

Am A… vorbei geht auch ein Weg

Wie wunderbar es ist, wegzulassen, was einen nicht froh macht, so fasst Alexandra Reinwarth die Botschaft ihres Ratgebers zusammen, und Dinge, die einen nicht froh machen, gibt es viele: Einladungen, beim Übersiedeln mitzuhelfen, Aufträge für Gratis-Arbeiten, Werbeanrufe von Marketingfirmen, Teammeetings im Büro, gute Ratschläge für werdende Mütter, WhatsApp-Gruppen für Kita-Eltern, und dazu noch liegengebliebene Männersocken und das Ringen um die Bikinifigur. Die Autorin hat für diese Probleme eine einfache Lösung: mit einer eleganten Bewegung der Hüften Platz machen, damit die Angelegenheit einfach an einem vorüberziehen kann. Am A… vorbei eben. Klingt einfach und ist es auch, vorausgesetzt, man macht sich klar, wer und was einem im Leben wichtig ist und auf wen und worauf man gerne verzichten kann und möchte. Am Beginn dieses Lernprozesses steht für die Autorin ein beherztes F… dich! an eine Freundin und im Anschluss daran die Erkenntnis, sie verbringe viel zu viel Zeit mit Leuten, die sie nicht mochte, an Orten, die ihr nicht gefielen, und täte Dinge, die sie nicht wollte. Die logische Konsequenz: Schluss damit! und zwar Schluss damit, ohne dabei zum A…loch zu mutieren. Bei der Umsetzung dieses Vorsatzes lässt sich Alexandra Reinwarth von uns begleiten, und es wird eine sehr humorvolle Reise über verschiedene Stationen, an denen wir alle auch schon mal Halt gemacht haben, vom Kaffeeplausch mit der nervigen Bekannten über den Familiengeburtstag mit der neugierigen Tante bis zum Geburtsvorbereitungskurs mit geführter Meditation.

Meine Meinung: In gewisser Weise ist Am Arsch vorbei geht auch ein Weg das Kontrastprogramm zum letzten auf diesem Blog vorgestellten Titel: während Denk dich schlank den Weg zu Disziplin und Selbstoptimierung weist, habe ich Alexandra Reinwarths Ratgeber zumindest in Teilen als Empfehlung verstanden, alle Fünf gerade sein zu lassen, sich zu entspannen, und die Dinge so zu nehmen wie sie sind, oder sie eben gar nicht zu nehmen. Nicht selten ist nicht nur von einer zweiten Portion Nachtisch, sondern auch von vollen Aschenbechern und durchzechten Nächten die Rede. Eine gesunde Lebensweise sieht anders aus. Andererseits: Wer kann und will schon immer nur ein mustergültiges Leben führen? Und vor allem: Wer will schon immer allen Ansprüchen gerecht werden, die die anderen stellen? Genau das ist das zentrale Anliegen der Autorin: Sie lädt ihr Leser*innen dazu ein, sich alle Verpflichtungen vom Hals zu schaffen, die nicht aus eigenem Antrieb, sondern von außen kommen. In die Situationen aus ihrem eigenen Leben, von denen die eine oder andere möglicherweise ein wenig ausgeschmückt ist, konnte ich mich nicht nur sehr gut hineinversetzen, sie haben mich auch immer wieder zum Lachen gebracht. Und sie haben mich dazu angeregt, das eine oder andere mal meine Hüfte elegant zur Seite zu bewegen, um manche Ansprüche…

Alexandra Reinwarth, Am Arsch vorbei geht auch ein Weg. Als Hörbuch gelesen von der Autorin. mvg-Verlag 2017. 4 h 24 min.

Denk dich schlank

Ich bin 1,62 groß, wiege 57 kg und trage Größe 36. Das war nicht immer so. In der Schule hatte ich nach damaligen Maßstäben mindestens 10 kg zu viel, und nach Abschluss des Studiums, zahlreichen Diäten und Ausflügen in die eine oder andere Essstörung landete ich bei über 70 kg. Dann entdeckte ich ein Buch mit dem vielversprechenden Titel Denken Sie sich schlank, befolgte das darin empfohlene Mentalprogramm und konnte zum ersten Mal in meinem Leben jede noch so figurbetonte Mode mitmachen, ohne mich wie ein rosa Elefant zu fühlen. Zwar gab es nicht zuletzt dank zweier Schwangerschaften und der einen oder anderen Lebenskrise auch danach immer wieder Aufs und Abs in der Kleidergröße, aber das schlanke Selbstbild setzte sich letztendlich jedesmal durch.

Der Titel von Daniela Galitzdörfers Ratgeber machte mich trotzdem – oder gerade deswegen – sofort neugierig. Welche Methoden verwendet die Autorin, die nicht nur als Fitness Coach (www.galitzdoerfer-fitness.de), sondern auch als Business Coach (www.galitzdoerfer-coaching.de) tätig ist? Sind es Meditationen, Mantras, Visualisierungen? Psychologische Erklärungen für falsches Ernährungsverhalten und ungesunde Lebensweisen? An all das erinnere ich mich, auch wenn ich das Buch von damals längst weitergegeben habe. Im Untertitel verspricht Denk dich schlank zu erklären Warum eine perfekte Figur eine Frage der Geisteshaltung ist, und wenig überraschend startet die Autorin im ersten Kapitel Schlank denken, handeln und fühlen mit Themen, die bestimmen, wie wir uns selbst gegenübertreten: Verantwortung, Selbstfürsorge und Kommunikation, Körperwahrnehmung, Lebensfreude und Selbstbewusstsein. Kapitel 2 Zielgewicht erreichen widmet sich der praktischen Umsetzung eines Programms zur Gewichtsreduktion: Ernährung, Sport und Bewegung, Regeneration, dazu auch Überlegungen zur Strukturierung des Tagesablaufs, zu Disziplin und Durchhaltevermögen. In den Kapiteln 3 und 4 geht es wieder vermehrt um die psychologische Seite des Projekts schlank & gesund, konkret um Motivation und die Überwindung von Hindernissen.

Meine Meinung: Zunächst einmal muss man sich die Frage stellen, ob ein Ratgeber, der Gewichtsreduktion zum Ziel hat, auf einem Blog, auf dem Bücher für Frauen vorgestellt werden, überhaupt besprochen werden sollte. Ist das nicht eine Aufforderung, einem Schönheitsideal zu folgen, das sich an unrealistischen Maßstäben orientiert? Sollte es nicht darum gehen, sich in seiner Haut wohl und unabhängig vom Körpergewicht attraktiv zu fühlen? Meine Antwort auf diese Frage ist: „Ja, aber…“ Die aktuelle Gesundheitskrise hat uns gezeigt, dass körperliche Fitness in manchen Fällen überlebenswichtig sein kann. So sexy eine Frau in XXL-Dessous auch sein mag, sie landet mit weitaus größerer Wahrscheinlichkeit in der Covid19-Risikogruppe als die Größe S bis M-Trägerinnen, und das Gleiche gilt auch für die Waschbär-statt-Waschbrett-Bauch-Fraktion unter den Männern.

Man muss sich selbst mögen, um den eigenen Körper in Schuss zu halten und sich so etwas Gutes zu tun. Daniela Galitzdörfer legt die Karten dabei auf den Tisch:

Wenn Sie schlank sein wollen, müssen Sie bereit sein, den Preis eines schlanken Lebensstils zu zahlen. Wenn Sie gesund sein wollen, müssen Sie Ihren Körper mit gesunder Nahrung und gesunden Gewohnheiten unterstützen. Wenn Sie erfolgreich sein wollen, müssen Sie Durchhaltevermögen zeigen. Alles hat zwei Seiten. Denken Sie darüber nach, ob Sie bereit sind, die Anstrengungen in Kauf zu nehmen. Erinnern Sie sich daran: alles hat seinen Preis. (S. 102)

Hier ist deutlich die Unternehmensberaterin zu erkennen, die auch mit unangenehmen Wahrheiten nicht hinter dem Berg hält, und auch sonst kommt das Thema Disziplin in den Ausführungen nicht zu kurz. Galitzdörfer liefert aber auch die Kniffe, die dabei helfen, diese Disziplin aufrecht zu erhalten, und vor allem die Anleitungen zur Überwindung von hinderlichen Glaubenssätzen, Blockaden und Ängsten finde ich sehr hilfreich. Diese lassen sich problemlos auf andere Lebensbereiche übertragen, in denen es bisher vielleicht nicht so ganz geklappt hat. So wird man dann vielleicht nicht nur schlank und fit, sondern kann auch beruflich neu durchstarten oder sein Privatleben mehr nach den eigenen Wünschen gestalten. Dass ein solches Programm gut funktioniert, weiß ich aus eigener Erfahrung.

Daniela Galitzdörfer, Denk dich schlank. Warum eine perfekte Figur eine Frage der Geisteshaltung ist. dielus edition Leipzig 2020, 232 Seiten. Ich danke dem Verlag dielus edition für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

City of Girls

Eigentlich wollte ich Ende Mai nach New York reisen. Die Tickets waren bestätigt, das Hotel reserviert, der Timeslot für den Besuch der Freiheitsstatue gebucht. Dieser Tage hätte ich mir aus diversen Reiseführern Tipps zusammengesucht, mich nach den besten Broadwayshows erkundigt, mir überlegt, auf welcher Dachterrasse ich wohl Cocktails trinken möchte, ob ich den Central Park besser mit dem Fahrrad oder per Segway erkunde. Das muss leider warten. Statt dessen habe ich eine literarische Reise ins New York des Jahres 1940 gemacht. Dort ist die 19-jährige Vivian Morris gerade gelandet, nachdem eine exklusive Mädchenschule ihren Eltern nahegelegt hatte, sie mit Ende des Schuljahres abzumelden. Nun wohnt sie bei ihre Tante Peggy, die ein nur mäßig erfolgreiches Theater in einem heruntergekommenen Viertel der Stadt betreibt und der Überzeugung ist, man müsse junge Menschen wie Erwachsene behandeln und ihnen daher ihre Freiheit lassen. Das einzige, was Vivian wirklich kann, ist, mit ihrer Singer-Nähmaschine aus dem, was sich gerade auftreiben lässt, atemberaubende Kreationen zu zaubern, also übernimmt sie das Schneidern der Theaterkostüme und stürzt sich vor und nach der Vorstellung mit den Showgirls des Theaters ins Großstadtleben.

Meine Meinung: Bisher kannte ich Elizabeth Gilbert nur als Verfasserin des bekanntesten Reiseberichts der ChickLit-Literatur und seiner Fortsetzung. Mit Eat, Pray, Love landete sie 2006 einen Bestseller,  Das Ja-Wort: Eine Geschichte vom Heiraten erzählt, wie sie sich dazu durchringen konnte, den Mann, dem sie auf Bali begegnet war, zu heiraten. Dass diese Ehe mittlerweile wieder geschieden ist, zeigt, dass auch sorgfältige Überlegungen nicht immer zum erwünschten Ziel führen. Sorgfältiges Überlegen kann man der jungen Protagonistin von City of Girls allerdings ohnehin nicht vorwerfen. Vivian tut, wonach ihr der Sinn steht, begibt sich in Abenteuer, von denen sie weiß, dass sie auch schlecht ausgehen können, und genießt das alles in vollen Zügen, bis sie von den Konventionen ihrer Zeit eingeholt wird. Gilbert erzählt die Geschichte aus Sicht der 90-jährigen Vivian, die die Geschehnisse ihres ersten New Yorker Jahres und der Jahrzehnte danach mit unverblümtem Blick und trockenem Witz Revue passieren lässt, und zeichnet dabei eine manchmal zärtliches und immer zumindest verständnisvolles Bild der unterschiedlichen Beziehungen, denen Vivian begegnet. Dabei handelt es sich nicht in erster Linie um Beziehungen zu Männern, im Zentrum stehen, mit einer Ausnahme, ihre Freundschaften zu Frauen: mit ihnen arbeitet sie zusammen, von ihnen lernt sie und auf sie setzt sie bei wichtigen Entscheidungen. Die Autorin erzählt mit Humor, wie die 19-Jährige zielstrebig ihre Unschuld los wird, lässt sie erstaunt eine lesbische Liebe beobachten und liefert eine nüchterne, manchmal sarkastische, aber nie verbitterte Schilderung schmerzhafter wie amüsanter Erfahrungen auf dem Weg hin zu einem selbstbestimmten Liebesleben. 

Dieser Besprechung liegt das Hörbuch in englischer Sprache, gelesen von Blair Brown, zugrunde. Die deutsche Übersetzung von Britt Somann-Jung erscheint am 27. Mai bei S. Fischer. Da werde ich gerade eine Reisetasche für ein Wochenende an einem österreichischen See packen. New York ist nächstes Jahr dran.

Elizabeth Gilbert, City of Girls. Als Audiobook gelesen von Blaire Brown. Penguin Audio 2019. 15 h 8 min.

In deutscher Übersetzung von Brit Somann-Jung: City of Girls.  S. Fischer 2020. 496 Seiten. 

Ich bin, ich bin, ich bin

Immer wieder werde ich durch Literaturpreise und die dazugehörigen Long- und Shortlists auf Autorinnen aufmerksam, von denen ich ansonsten wahrscheinlich nie etwas gehört hätte, und so war es auch bei Maggie O’Farrell. Die in Nordirland geborene und in Wales und Schottland aufgewachsene Britin hat es mit Hamnet auf die Shortlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction geschafft und mich mit dieser fiktiven Geschichte über den realen Sohn von William Shakespeare und Anne Hathaway restlos begeistert. Die deutsche Übersetzung erscheint erst im Herbst bei Piper, aber schon seit Juni 2018 gibt es Farrells Autobiographie Ich bin, ich bin, ich bin: 17 Berührungen mit dem Tod auf Deutsch. Aufgeschrieben hat sie diese Erinnerungen vor allem für ihre Kinder, und ihnen ist das Buch auch gewidmet, allerdings geht schon die im ersten Kapitel beschriebene Situation so unter die Haut, dass ich mich beim Anhören der von Maria Simon eindringlich gelesenen Hörbuchversion gefragt habe, ab welchem Alter Kinder Derartiges wohl verdauen können. 1990 begegnete O’Farrell als 18-jährige Praktikantin in einem Wellness-Hotel im Lake District  bei einer Wanderung einem Mann, der ihr den Riemen seines Feldstechers um den Hals legte. Mit gespielt kühlem Kopf gelang es ihr, den Mann abzuschütteln. Sie meldete den Vorfall bei der Polizei, wurde aber nicht ernstgenommen. Zwei Wochen später tauchten Kriminalbeamte bei ihr auf. Diese fahndeten nach einem Täter, der eine neuseeländische Studentin mit dem Riemen eines Feldstechers erdrosselt hatte.

Ihre erste Begegnung mit dem Tod hatte die Autorin schon mit acht, als sie an Enzephalitis erkrankte, und wie dem Titel zu entnehmen ist, folgten darauf noch zahlreiche andere: Bei der Geburt ihres ersten Kindes,  bei der ihr der Kaiserschnitt zunächst verweigert wurde, auf einer Reise durch Südamerika in Gestalt von mit einer Machete bewaffneten Räubern, beim Schwimmen im Indischen Ozean und schließlich auch auf einer verlassenen Landstraße in der Toskana, auf der Suche nach einem Krankenhaus, in dem der anaphylaktische Schock ihrer Tochter behandelt werden kann.

Meine Meinung: Wie eingangs erwähnt hat Maggie O’Farrell ihre Erinnerungen für ihre Kinder aufgeschrieben. Wohl aus diesem Grund hat sich auch über Dinge berichtet, die sie nach eigenen Aussagen bis dahin niemandem oder zumindest nur ihrem Ehemann (dem Schriftsteller William Sutcliffe) erzählt hatte, und sie verrät dabei viel über ihre Gefühlswelt. Der Tod ist Maggie O’Farrells Lebensthema, das lässt sie ihre Leserinnen bereits mit dem Untertitel wissen, aber mit welcher Konsequenz sie sich immer wieder in Situationen begeben hat, die auch für Menschen ohne neurologische Vorbelastung eine Herausforderung wären, das hat mich doch verblüfft. Auch ich reise gern und habe mich schon in Gegenden gewagt, die andere nicht ohne den Schutz einer Reisegruppe kennenlernen möchten, ich  esse unterwegs nicht immer nach dem Gebot „Koch es, schäl es oder lass es“, ich habe die eine oder andere Sportart ausprobiert, die in der Unfallstatistik nicht unter ferner liefen vorkommt, und ich habe auch mit meinen Kindern nicht nur Dinge unternommen, die der Kinderarzt empfohlen hat. Farrells Erzählungen lassen aber auf einen Lebenshunger und eine Risikobereitschaft schließen, die ich mir vor allem dadurch erklären kann, dass sie, einmal dem Tod durch Gehirnentzündung und dem Leben im Rollstuhl entronnen, durch nichts und niemanden mehr aufzuhalten war, auch durch ihren eigenen Körper nicht. Wenn sie dabei für meinen Geschmack dem Schicksal etwas zu viel abzutrotzen scheint, dann hat das vermutlich genau denselben Grund.

Möglicherweise nicht ganz beabsichtigt haben Farrells Schilderungen dessen, was ihr bei Berührungen nicht mit dem Tod, sondern mit diversem medizinischen Personal  widerfahren ist, auch noch einen Nebeneffekt: Sie zeigen die schon seit langem bestehenden Schwächen des britischen Gesundheitssystems auf, die ganz aktuell ihren Niederschlag in Corona-Statistiken finden. 

Maggie O’Farrell, Ich bin, ich bin, ich bin. Als Hörbuch gelesen von Maria Simon. Tacheles! (Hörbuch) 2018, 6 h 6min.

 

Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger

Lorenz Prischinger badet in Selbstmitleid: Seine Karriere als Schauspieler ist nach hoffnungsvollen Anfängen zum Erliegen gekommen, seiner Freundin Stephie unterrichtet seit einem Jahr nicht mehr in Wien, sondern an der Universität Heidelberg, und sowohl Sozialversicherung als auch Finanzamt drohen mit der Zwangsvollstreckung ihrer Ansprüche.  Obwohl er sich das also definitiv nicht leisten kann, lässt Lorenz sich an einem verregneten Märztag mit dem Taxi von seiner Vierzimmer-Altbauwohnung in der Mondscheingasse „im hippen und kulturellen Zentrum des Siebten Bezirks“ nach Liesing, einer Mischung aus Wohnghetto und Industriezone, an der Demarkationslinie zu Niederösterreich“ chauffieren, zur Genossenschaftswohnung seiner Tante Hedi in der Dionys-Schönecker-Gasse, wohin er sich zum Abendessen eingeladen hat. Neben seiner Tante Hedi und deren Lebensgefährten Willi warten dort auch Wetti (Barbara) und Mirl (Maria-Josefa), die zwei anderen Schwestern seines Vater. Die Prischingers stammen aus einem kleinen Dorf im Waldviertel, Onkel Willi kommt ursprünglich aus Montenegro, und sein Herz hängt Titos Jugoslawien immer noch nach.

Im Laufe der nächsten Wochen wird Lorenz‘ Situation immer aussichtsloser, da helfen auch die Kochkünste seiner Tanten und Onkel Willis Ratschläge nichts, doch dann passiert etwas, womit niemand gerechnet hat und was die ganze Familie im wahrsten Sinn des Wortes in Bewegung bringt. Und die Geister der Vergangenheit weckt.

Meine Meinung: Es gibt also doch diese Manen. Nicht alles beendet der Tod, sondern ein blasser Schatten entflieht“ Dieses Zitat des römischen Dichters Properz ist der von Cornelius Obonya gelesenen Hörbuchfassung von Vea Kaisers drittem Roman vorangestellt, und die Manen, laut Duden die guten Geister eines Toten, machen Lorenz‘ Familie das Leben nicht gerade leichter. Während sich Lorenz mit seinen Tanten und dem Onkel im roten Fiat Panda auf eine 13-stündige Fahrt macht, deren Schilderung sich am besten als literarisches Roadmovie mit Slapstick-Elementen beschreiben lässt, widmen sich die Kapitel dazwischen in Rückblenden den sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten der Prischinger–Schwestern samt Anhang. Wie der Untertitel erwarten lässt, haben die Verstorbenen großen Einfluss auf die von den Lebenden getroffenen Entscheidungen, und die Autorin, die selbst Altgriechisch und Latein studiert hat, lässt sich dabei von der griechischen und römischen Mythologie inspirieren und den verbummelten Altphilologen Lorenz die Analogien erläutern.  Die Schrulligkeit und verbale Schlagfertigkeit der handelnden Personen macht aus dem Roman eine humorvolle Betrachtung der Lebenswirklichkeiten von zwei Generationen: der Kriegsgeneration, die den Sachzwängen eisernes Durchhaltevermögen entgegensetzen musste, um Selbstbestimmung zu erlangen, und ihren Töchtern und Söhnen, die es mit den lebenden und verblichenen Vorfahren auch nicht immer einfach, aber viel mehr materiellen Spielraum und Freiheit in ihren Entscheidungen haben. 

Vea Kaiser, Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger, als Hörbuch gelesen von Cornelius Obonya, Argon Hörbuch 2019, 13 h 39 min. 

Bookster HRO geht hart mit dem Roman und der Autorin ins Gericht, viel besser gefallen hat es letteratura, und lobende Worte findet auch buchrevier.

weg

Vietnam ist total angesagt. Ich war im Februar dort, eine meiner Kolleginnen bereist das Land gerade jetzt und meine beste Freundin hat schon gebucht. Somit scheint es fast logisch, dass Doris Knecht, eine Autorin, die mich schon in der Vergangenheit immer wieder damit  verblüfft hat, wie genau sie aktuellen gesellschaftlichen Strömungen nachspüren kann, die Protagonisten ihres neuesten Romans in das Land in Südostasien schickt. In weg machen sich Georg und Heidi also dorthin auf, um ihre gemeinsame Tochter Charlotte zu suchen. Lotte ist 23, psychisch krank und das Einzige, was die beiden bis zu ihrem Wiedersehen in Saigon gemeinsam haben. Sehr bald nach der ungeplanten Schwangerschaft war Heidi, Austauschstudentin in Wien, wieder nach Deutschland zurückgekehrt, hatte geheiratet und mit neuem Mann und zweitem Kind ein Leben im Reihenhausidyll in der Nähe von Frankfurt begonnen, während der Bummelstudent Georg gemeinsam mit seiner neuen Partnerin Lea im Waldviertel den Gasthof seiner Eltern übernommen hatte. Lotte hatte er immer nur in den Ferien einige Wochen gesehen, während Heidi das ganze Jahr über darauf konzentriert war, alles richtig zu machen, um die psychische Erkrankung ihrer Tochter in den Griff zu bekommen. Das schien ihr auch gelungen zu sein, bis Lotte plötzlich aus ihrer WG in Berlin abgehauen war. Das Verschwinden ihrer Tochter beschert Heidi die erste Flugreise ihres Lebens, Georg eine Trennung von seinen geliebten Kindern, seiner geliebten Frau und seiner weniger geliebten Mutter und beiden eine Reise durch Südvietnam und Kambodscha, auf der für die Touristenattraktionen keine Zeit bleibt, die aber zumindest kulinarisch einiges zu bieten hat und auch das Familiensystem neu ordnet.

_MG_9047Meine Meinung: Doris Knechts Roman ist kein Reisebericht, aber trotzdem nimmt die Schilderung der Gegebenheiten in Vietnam und Kambodscha in der Geschichte viel Raum ein und deckt sich, was Vietnam betrifft, mit meinen Beobachtungen. Einer der ersten Eindrücke ist für Reisende meist die unüberschaubare Flut an Mopeds, auf denen sich die Vietnamesen und einige wagemutige Touristen ihren Weg durch die Städte und über Land bahnen, und zwar nicht allein oder zu zweit, sondern auch mal zu viert oder zu fünft, wahlweise auch mit Hühnerkäfigen oder Bambusstangen im Gepäck. _MG_7101Und Mopeds sind der rote Faden, der sich durch die Geschichte zieht. Auf einem Moped waren Heidi und Georg auf den Kahlenberg bei Wien gedüst, um dort in einer warmen Sommernacht Charlotte zu zeugen. Jetzt steht das Moped in desolatem Zustand in Georgs Schuppen. Mopeds sind das Erste, was Heidi nach ihrer Ankunft in Saigon in die Augen springt, und das Erste, was sie in Angst und Schrecken versetzt. Aber sie muss sich dieser Angst stellen, denn um auf die andere Straßenseite zu gelangen, muss sie sich ihren Weg durch die Mopeds bahnen, und um Charlotte zu finden, muss sie wieder hinter Georg auf dem Sozius Platz nehmen. 

Nachdem ich von Doris Knechts Wald restlos begeistert war, fand ich Besser und Alles über Beziehungen dann immer noch gut, aber nicht mehr ganz so überwältigend. Mit weg hat die Autorin mir jetzt aber bewiesen, dass sie immer noch sehr genau auf unser mitteleuropäisches Wohlstandsleben und unsere Erste-Welt-Probleme schauen kann, ohne dabei zu sehr auf den Unterhaltungswert zu schielen. Sie  wirft Schlaglichter auf einzelne Szenen und Entwicklungen, die Heidi und Georg schließlich auf eine Trauminsel in Kambodscha führen, und verzichtet darauf, jeden einzelnen Faden der Geschichte bis zum Ende zu erzählen. Die nächste Etappe wird aber möglicherweise auf einem Moped zurückgelegt. 

Im Interview erzählt die Autorin, ein zentrales Thema sei für sie die durch Marihuanakonsum ausgelöste psychische Erkrankung von Charlotte gewesen. Dieser Zusammenhang kommt in der Geschichte nicht so deutlich zum Ausdruck, wie das notwendig wäre, um eindringlich davor zu warnen, der Input hat mir aber genügt, um meine eher liberale Einstellung zu diesem Thema ernsthaft zu überdenken.

Weitere Besprechungen des Romans gibt es bei letteratura, bei masuko13 und bei meineliteraturwelt.

Doris Knecht, weg. Rowohlt Berlin 2019. 304 Seiten. Ich danke dem Rowohlt-Verlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar!

Meine Zeit mit Eleanor

27. April 1945. Die Journalistin Lorena Hickok wartet in einer Wohnung in Manhattan of Eleanor Roosevelt, seit zwei Wochen Witwe des 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten, und erinnert sich an die erste Begegnung mit der Frau, deren heimliche Geliebte sie seit vielen Jahren ist. Heimlich war die Liebe dabei nur für die Öffentlichkeit: Sowohl Franklin D. Roosevelt als auch das berufliche und private Umfeld des Paares wusste über die Beziehung Bescheid, denn schon kurz nach diesem ersten Zusammentreffen im Jahr 1932 hängte die Reporterin ihren Job bei der Associated Press an den Nagel und zog zum frischgekürten Präsidenten und der First Lady ins Weiße Haus. In Meine Zeit mit Eleanor lässt Amy Bloom diese Beziehung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Frauen Revue passieren. Sie erzählt von glücklichen Momenten und großen und kleinen Kränkungen, die ‚Hick‘ sich gefallen lässt, während gleich nebenan Weltpolitik gemacht wird. Die Ich-Erzählerin teilt mit den Leser*innen aber auch Details darüber, wie sie es aus tristen Familienverhältnissen in South Dakota in Redaktionsräume in New York geschafft hat, und wir erfahren dabei mehr als Eleanor je erfahren hat.

Meine Meinung: Ich habe den Roman schon vor einem Jahr im englischen Original gelesen und war  davon sehr angetan (siehe Weiße Häuser & First Ladies). In die letzte Woche erschienene deutsche Übersetzung wollte ich eigentlich nur hineinlesen, konnte dann aber einfach nicht aufhören, Amy Blooms Erzählweise hat mich sofort wieder in die Geschichte hineingezogen. Ausgehend vom Zusammentreffen der beiden Frauen im April 1945 präsentiert sie eine geschickt zusammengestellte Collage von Episoden aus deren  Leben, ergänzt mit Geschichten über FDR, seine Affären und sein Umfeld und der einen oder anderen spöttischen Bemerkung über Berühmtheiten wie Wallis Simpson oder die politischen Geschehnisse der damaligen Zeit. So mixt Bloom Anekdoten mit Szenen, die unter die Haut gehen, und lässt Hick als Erzählerin dabei zu journalistischer Höchstform auflaufen. Dass die Autorin selbst als Journalistin tätig war – unter anderem arbeitete sie für die New York Times – hat dabei sicher nicht geschadet. 

Auch wenn Amy Bloom in den Nachbemerkungen betont, dass sie eine „von der ersten bis zur letzten Seite fiktive“ Geschichte erzählt (S. 266), klingt diese glaubwürdig, stimmig und authentisch. Das verdankt sie wahrscheinlich vor allem der genauen Recherche und dem Studium der 3000 Briefe umfassenden Korrespondenz zwischen den beiden Frauen. Nicht zuletzt hat auch die ausgezeichnete Übersetzung von Kathrin Razum zum Vergnügen beim Wiederlesen beigetragen. Sie trifft den flapsig-eleganten bis nüchtern-groben und erstaunlicherweise gleichzeitig rührend-zärtlichen Ton des Originals punktgenau.

Amy Bloom, Meine Zeit mit Eleanor. Übersetzung aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum. Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2019. 269 Seiten.

Ich danke dem Atlantik Verlag herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Im englischen Original: White Houses. Granta Books 2018. 216 Seiten. 

Zeiten des Aufbruchs

Vor einigen Wochen habe ich Euch die von Carmen Korn gelesene Hörbuchversion ihres Romans Töchter einer neuen Zeit vorgestellt. Darin begleitet die Autorin 4 Frauen, alle um 1900 in Hamburg geboren, von ihrer Jugend bis ins Jahr 1949. In Zeiten des Aufbruchs erzählt sie, was das Leben für  Henny, Käthe, Ida und Lina in den nächsten zwei Jahrzehnten bringt. Während Käthe, die aus politischen Gründen im KZ war, vorläufig verschwunden bleibt und auch ihr Mann Rudi noch nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist, beginnt sich Ida an der Seite ihrer großen Liebe Tian zu langweilen. Henny, die in zweiter Ehe mit einem überzeugten Nazi verheiratet war, muss sich Wahrheiten stellen, vor denen sie bisher lieber die Augen verschlossen hat, und ihrer Schwägerin Lina gelingt es, ihr privates Glück mit einem beruflichen Neuanfang als Buchhändlerin zu kombinieren. Obwohl Hamburg stark vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen worden war, geht es in der Zeit des Wirtschaftswunders für alle aufwärts, und davon profitiert vor allem auch die nächste Generation. Hennys Tochter Marike studiert Medizin, ihr Sohn Klaus macht beim Rundfunk Karriere, Florentine, die Tochter von Ida und Tian, reist als Fotomodell durch die Welt, und Ruth, die in sich gekehrte Adoptivtochter von Käthe und Rudi, kann sich im Studium verwirklichen und zeigt starkes politisches Engagemen

Meine Meinung: Der erste Teil von Carmen Korns Trilogie hat mir gut gefallen, und nun wollte ich wissen, wie es im Leben ihrer vier Protagonistinnen weitergeht. Die Autorin beschreibt dieses Leben  auch im zweiten Teil wieder vor dem Hintergrund der Geschichte Deutschlands und ihrer Heimatstadt Hamburg und lässt viele Details dieser Geschichte in ihre Erzählung einfließen. Weiterlesen »

Lise Meitner – Pionierin des Atomzeitalters

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Vor kurzem stellte das Autor*innenpaar David Rennert und Tanja Traxler in der Buchhandlung Leo in Wien Lise Meitner – Pionierin des Atomzeitalters vor. Die Veranstaltung war sehr gut besucht, schließlich ist die Biographie der österreichischen Physikerin das Wissenschaftsbuch des Jahres 2019. Ehrengast war Monica Frisch, Lise Meitners Großnichte. Deren Vater, Otto Robert Frisch, war nicht nur der Neffe, sondern auch ein enger Kollege der 1878 in Wien geborenen Wissenschaftlerin.  Die jüdische Familie musste vor den Nazis fliehen, daher wurde Monica Frisch  auch im Exil geboren und lebt bis heute in Großbritannien. Der Besuch in der Heimat ihrer Eltern ist ihr erster seit 50 Jahren.

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Monica Frisch (r.) und Ulla Remmer von der Buchhandlung Leo

Lise Meitners Flucht vor den Nazis nimmt in ihrer Biographie natürlich breiten Raum ein und hatte auch wesentlichen Einfluss auf ihre Karriere, David Rennert und Tanja Traxler gingen in ihrer Präsentation und Lesung aber vor allem auf die Schwierigkeiten ein, die Lise Meitner überwinden musste, um als Frau einen Platz in der Welt der Wissenschaft zu finden. Der Weg war von Anfang an steinig. Die Matura, Voraussetzung für die Zulassung zu einem Hochschulstudium, darf sie als Mädchen nur auf dem Weg der Externistenprüfung ablegen, erst dann kann sie als eine der ersten Frauen 1901 an der Universität Wien ihr Physikstudium an aufnehmen. 1907 geht sie nach Berlin, um ihre akademische Laufbahn fortzusetzen,  sich nicht darum kümmernd, dass Frauen in der Wissenschaft dort noch weniger gern gesehen sind als in Wien. Trotzdem kann sie sich durchsetzen und macht gemeinsam mit dem Chemiker Otto Hahn, mit dem sie in Berlin von Anfang an zusammenarbeitet, zahlreiche Entdeckungen, die unser Verständnis der Welt für immer verändert haben. Die jahrzehntelange Zusammenarbeit mündet schließlich in der Entdeckung der Kernspaltung.  Die Liste der Persönlichkeiten, mit denen sich Lise Meitner ausgetauscht und mit denen sie im Laufe ihrer Karriere gemeinsam geforscht hat, liest sich wie ein Who-is-Who der Welt der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts: Neben Otto Hahn und Otto Robert Frisch arbeitet sie unter anderem mit Ludwig Boltzmann, Albert Einstein, Max Planck, Niels Bohr, Enrico Fermi und Erwin Schrödinger zusammen. Als Hahn 1945 den Nobelpreis enthält, lebt Lise Meitner in Schweden im Exil und geht vollkommen zu Unrecht leer aus. Einerseits ist sie persönlich enttäuscht darüber, dass Hahn ihren Beitrag in seiner Dankesrede nicht hinreichend würdigt, andererseits übt sie sich ihr ganzes Leben lang in zurückhaltender Bescheidenheit – ein typisches Frauenschicksal nicht nur der damaligen Zeit.

Meine Meinung: Eine Biographie als Wissenschaftsbuch des Jahres? Das erschien mir zunächst etwas überraschend, aber das Autor*innenduo Renner/Traxler hat es zustande gebracht, beides zu vereinen: in vier Teilen (Aufbereitung – Strahlung – Kernspaltung – Spaltprodukte) zeichnen sie den persönlichen Werdegang einer Forscherin nach und beschreiben parallel dazu die wissenschaftlichen Fortschritte, an denen diese beteiligt ist, auf eine Weise, die die Geschichte der Entdeckung der Kernspaltung auch für Laien verständlich macht. Die Kombination Politikwissenschafter/Historiker (David Rennert) und Physikerin/Philosophin (Tanja Traxler) bringt ein Buch zustande, dessen leichte Lesbarkeit nicht auf Kosten des Informationsgehalts geht. Ein besonders erhellendes Kapitel beleuchtet dabei die Frage, wie es passieren konnte, dass eine Frau, die insgesamt 48mal für den Nobelpreis nominiert war, diesen nie bekommen hat. 

Auf Interpretationen und Wertungen verzichten die Autor*innen weitgehend, sie lassen Fakten und Aussagen der Wissenschafterin sprechen. Ihre Recherchen beruhen dabei vor allem auf der genauen Auswertung von Lise Meitners persönlicher Korrespondenz. Das lässt hinter der engagierten und erfolgreichen Forscherin auch den Menschen Lise Meitner aufblitzen, eine Frau, die ihren Weg konsequent ging und sich ihre Integrität bewahren konnte, aber nicht ganz frei von Widersprüchen war.  Die Frage, inwieweit sie als Spitzenwissenschafterin die Verpflichtung hatte oder gehabt hätte, sich für andere Frauen in ihrem Metier einzusetzen, wird im Buch nur kurz angesprochen, bei der Präsentation vom Publikum aber heiß diskutiert. 

Dieser Bericht ist ein Beitrag zu #WomeninScience, einer Serie von bingereader.

David Rennert und Tanja Traxler, Lise Meitner – Pionierin des Atomzeitalters. Residenz Verlag 2018. 220 Seiten. Ich danke dem Residenz Verlag herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.