Ein (fast) perfektes Wochenende in Venedig

Mit dem Nachtzug nach Venedig, in der Saison des acqua alta, das stand seit vielen Jahren auf meiner bucket list. Nicht, weil ich unbedingt nasse Füße bekommen wollte, sondern um die Stadt dann zu erleben, wenn sie sich notgedrungen nicht von ihrer allerbesten Seite zeigt und andere sich dadurch möglicherweise abschrecken lassen. Ich wollte mich einfach so durch die Stadt treiben lassen, die Sehenswürdigkeiten besichtigen, an denen die Warteschlange gerade nicht ganz so lang ist, und dort einkehren, wo dies auch die Einheimischen tun.

Ausgestattet mit dem Reiseführer für Ein perfektes Wochenende … Venedig der Süddeutsche Zeitung Edition, die mir schon in Rom gute Dienste geleistet hatte, setzte ich mich also vor genau einer Woche mit meiner Familie in Wien in den Nighttjet. Obwohl wir nur mehr Sitzplätze bekommen hatten, war die Reise einigermaßen bequem, und nach einem Frühstück mit Espresso und Croissants

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in einem Café, das gerade aufgesperrt hatte, ging es zu Fuß  durch die noch sehr ruhige Stadt in Richtung Campanile di San Marco. Mit der Ruhe war es bald vorbei. Die Lagunenstadt kennt ganz offensichtlich keine Nebensaison, und so drängten sich im Laufe des Vormittags und mit zunehmender Nähe zur Piazza San Marco immer mehr Menschen an den Podesten und Rampen vorbei, mit denen sich die Stadt auf das für Sonntag angekündigte Hochwasser und den ebenfalls für diesen Tag geplanten Venedig-Marathon vorbereitete. Ein kurzer Blick auf die lange Schlange vor dem Dom genügte, um die Besichtigung zu verschieben. Stattdessen schnell mit dem Boot zurück zur Stazione Santa Lucia, um das Gepäck abzuholen, und weiter zu unserem Apartment nach La Giudecca, dachten wir. Am Schalter der ACTV wurden wir dann aber in unserem Tatendrang gebremst: sciopero – Streik. Daher nicht mit dem vaporetto, sondern doch zu Fuß um Bahnhof, von dort mit allen Koffern und Rucksäcken wieder zurück nach San Marco und mit einem der wenigen verfügbaren Boote über den Canale della Giudecca ans Südufer, Schlüssel in Empfang nehmen, Gepäck deponieren und mit dem nächsten verfügbaren Boot wieder ins Zentrum. Genau so mühsam wie es klingt, aber ich wollte ja das lebensnahe Venedig. Sei vorsichtig mit deinen Wünschen…

Der nächste Wunsch ging glimpflicher in Erfüllung: Von den Touristen-Hotspots entfernt essen. Das passende Lokal fanden wir am Campo Santa Margherita im Bezirk Dorsoduro: In der Osteria Alla Bifora gibt es weder fünfsprachige Speisekarten noch glutenfreie Pizza, dafür köstliche Lasagne und alle anderen Klassiker der italienischen Hausmannskost. Die jungen Venezianer*innen treffen sich dort auf ein Glas Wein oder für ein Essen mit der Familie und bezahlen nicht mit Kreditkarte sondern in bar. Nachdem wir uns gestärkt hatten, ließen wir uns weiter durch die Stadt treiben.

 

Gegen Abend wagten wir uns dann wieder auf die Piazza San Marco. Diesmal keine Menschenmassen. statt dessen stimmungsvolle Beleuchtung, Musik aus den umliegenden Cafés, Platz zum Toben für die Kinder – so geht Städtebummel.

Einen der Gründe dafür, dass die piazza im Vergleich zu tagsüber fast menschenleer wirkt, bekamen wir sehr bald vor Augen geführt: Über den Canale della Giudecca glitt lautlos und daher umso bedrohlicher eines der unvorstellbar riesigen Kreuzfahrtschiffe in die Lagune. Die Altstadt schrumpft dahinter zu Zwergengröße, man fühlt sich plötzlich wie in Minimundus. Zigtausende Besucher täglich, die, mit Bändchen mit dem Namen der Reederei um den Hals, in Gruppen von Bord gehen, hinter einem gelben, grünen, blauen Fähnchen durch die Stadt marschieren, alle, die nicht zur Gruppe gehören, zur Seite schubsen und sich am Abend wieder schön brav no grandi naviim Speisesaal des Schiffes am internationalen Buffet anstellen. ‚no grandi navi‚ kann man auf Transparenten lesen, und die Stadt hat das auch durchzusetzen versucht, aber die Reedereien haben erfolgreich dagegen geklagt. Nach langen Verhandlungen gibt es jetzt doch eine Einigung, und ab 2019 sollen die stinkenden Kolosse in der Lagune endgültig der Vergangenheit angehören.

Venice cruiserDie Besitzerin des Cafés direkt am Canale della Giudecca, wo wir am nächsten Tag als einzige Nicht-Italiener frühstücken, meint, die Monsterkreuzer seien ein großes, aber bei weitem nicht das einzige Problem. Offiziell hat Venedig noch 50.000 Einwohner, in Wirklichkeit seien es nur mehr etwa 20.000. Die Mieten seien für Einheimische einfach nicht mehr leistbar, weil alle ihre Wohnungen lieber an Touristen vermieten. Schuldbewusst denke ich an unser 4-Zimmer-Apartment mit atemberaubenden Blick auf die Altstadt um 160 Euro pro Tag. Für zwei Nächte absolut leistbar, aber hochgerechnet auf ein Monat …

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Blick von La Giudecca auf die Chiesa di Santa Maria del Rosario

Vielleicht hätten wir doch eine andere Bleibe wählen sollen 😉

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Hotel Danieli, San Marco

Wer für die Probleme sensibilisiert durch die Stadt geht, kann sich gut vorstellen, weshalb die Einheimischen das Weite suchen: Einen Kinderwagen oder den Hund an der Leine durch die Menschenmassen zu manövrieren kostet Nerven, und das Permesso! und Attentione! mit dem sich die Venezianer*innen den Weg bahnen, klingt nicht immer freundlich. Freundlich sind sie aber doch: Ein Per favore! und Grazie! reicht als Zeichen dafür, dass man als Besucher*in bereit ist, sich auf das Land und die Stadt einzulassen, und eine elegante ältere Dame bietet uns von sich aus ihre Hilfe an, als wir orientierungslos an einer Ecke stehen. Etwas abseits vom ärgsten Trubel, in den Stadtteilen Santa Croce, Dorsoduro und Giudecca, fanden wir  das Venedig, auf das ich mich gefreut hatte, und bei einem Espresso und Campari Soda auf einem nicht ganz so stark frequentierten Platz waren wir immer noch Touristen, fühlten uns aber nicht mehr wie eine Landplage.

Beim zweiten Versuch am Samstag erschien uns auch die Schlange vor dem Markusdom nicht mehr ganz so lang, und nach der ausgiebigen Besichtigung der Kunstschätze – besonders die aus der Antike stammenden Pferdestatuen hatten es uns angetan – war die Piazza dank Flut wieder deutlich leerer.

Venice MarathonMit der Ebbe am späteren Nachmittag war der Spuk schnell wieder vorbei, aber am Sonntag kam das Wasser dann auch von oben, was den Zieleinlauf des Venedig-Marathons zu einem Erlebnis der besonderen Art machte.

Wir wollten dem erwarteten Trubel des Marathons entgehen, indem wir einen Ausflug nach Murano planten, aber das Acqua alta machte den Weg auch für uns mühsam: Die Boote verkehrten wieder nur sehr unregelmäßig, und die Glasbläserinsel war zwar weitgehend frei von Touristen, aber die Straßen und Geschäfte wirkten bei gähnender Leere und trübem Wetter auch nicht eben einladend.

 

Version 2Zurück auf dem Festland hatten wir dank Ebbe noch einmal Gelegenheit, trockenen Fußes durch die Stadt bis zum Bahnhof zu spazieren, in weniger belebten Gassen das eine oder andere Geschäft zu durchstöbern, uns zwischendurch mit köstlichen Pizzaecken und Tramezzini zu stärken und für Zuhause eine Focaccia Veneziana, einen typisch venezianischen Kuchen, und noch einige andere Köstlichkeiten und Mitbringsel zu kaufen. Und auch der Rucksack im Bild war auf der Hinreise noch nicht dabei.

Nach Wien ging es am Abend im Liegewagen deutlich komfortabler als auf der Hinreise, und da hatte ich dann auch Zeit, im Reiseführer nachzublättern, was wir alles versäumt hatten: Ich werde wohl bald wieder hinfahren müssen. Zuhause erwarteten uns in den Nachrichten nochmals Bilder von Venedig:  Am Montag hatte das Acqua alta einen zehnjährigen Höchststand erreicht, 70 Prozent der Stadt waren überschwemmt und die Bewohner und Besucher dazu aufgerufen, die Häuser möglichst nicht zu verlassen.

Mein Fazit: Venedig ist nicht in erster Linie eine Stadt, sondern eher ein Freilichtmuseum, aber der Besuch lohnt sich ohne jeden Zweifel. Wer nicht vollkommen unkritisch in jede beliebige Touristenfalle tappt, wird zu erschwinglichen Preisen sehr gut essen und trinken und sehenswerte Architektur und Kunstschätze bewundern können. Und wer mit dem Kreuzfahrtschiff anreist, wird am Tag des Jüngsten Gerichts auch bei ansonsten untadeligem Lebenswandel mit einem längeren Aufenthalt im Fegefeuer zu rechnen haben.

Ein perfektes Wochenende … Venedig. Süddeutsche Zeitung Edition. Smart Travelling  2018. 115 Seiten.

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..als ob sie Emma hießen

9783701734580In Österreich gezeugt, ins Deutsche Reich zur Welt gekommen‘, so kommentiert  Emmy Werner das Datum ihrer Geburt, den 13. September 1938. Am Donnerstag hat die Theatermacherin in der Wiener Buchhandlung Leo, einer ihrer Lieblingsbuchhandlungen, wie sie sagt, ihr Buch …als ob sie Emma hießen vorgestellt. Nein, keine Autobiographie, kein Theaterbuch, kein Skandalbuch, eine Nachbetrachtung. Diese basiere auf einem 600-Seiten-Manuskript, das sie ursprünglich nur für ihre Familie geschrieben habe. Der Titel leitet sich von Christian Morgensterns Möwenlied ab: ‚Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen‘ lauten dessen erste Zeilen. Im Nachhinein ist sie mit dieser Wahl nicht zufrieden, weil das Gedicht heute weniger bekannt sei als sie gedacht habe. Ich habe es auch nicht gekannt. Emmy Werner hingegen ist mir seit vielen Jahren ein Begriff. Zunächst spielte sie am Theater der Jugend, für das auch ich während der Schulzeit ein Abo hatte, dann im Theater der Courage, das sie gemeinsam mit Stella Kadmon kurze Zeit leitete. Anfang der 1980er-Jahre gründete sie ‚zum Entsetzen aller‚ das Theater in der Drachengasse. ‚Diese Zeit war der Horror und gleichzeitig aber auch wunderschön.‘  Später war sie die erste Frau an der Spitze eines der großen Wiener Theater: Von 1988 bis 2005 hatte sie die künstlerische Leitung des Volkstheaters inne, wo sie auch als Regisseurin tätig war, und wurde damit, da das Theater im 7. Wiener Gemeindebezirk Neubau liegt, ‚die Neubauerin vom Brillantengrund.‘

Emmy Werner stehendNach einer Augen-OP kann Emmy Werner nur kurze Stücke lesen und wird daher bei der Lesung von ihrer Enkeltochter Anna unterstützt.  Diese bewältigt die Aufgabe souverän, was vermutlich nicht ganz einfach ist, denn die Oma kann das Regieführen nicht lassen, unterbricht und korrigiert gelegentlich liebevoll, aber bestimmt. Von Anna ist auch gleich zu Beginn des Buches die Rede. Für sie hatte die Großmutter ihre Stöckelschuhe aufgehoben, nachdem sie sie ‚nicht mehr er-tragen‚ (S. 11) konnte, nur leider trägt Anna ihre Schuhe 2 Nummern größer – und zumindest an diesem Abend auch keine High Heels, sondern Schnürstiefel.  Mit Augenzwinkern teilt Emmy Werner ihre Erfahrungen mit dem Älterwerden, bevor sie von ihren ersten Lebensjahren in Wien vorliest und berichtet. Sie selbst habe im Krieg keine Angst gehabt, manchmal sogar zum Spaß den ‚Kuckuck‘, den Warnton für Bombenangriffe im Radio, nachgemacht, aber sie habe die Angst der anderen gespürt. Ihre Mutter etwa habe eine Zwangsneurose entwickelt und sich am ganzen Körper waschen müssen, bevor sie in den Luftschutzkeller gehen konnte. Die Familie hat Glück gehabt: Das Wohnhaus in der Nähe der Volksoper blieb von den Bomben verschont, sowohl der Vater als auch der ältere Bruder kamen unverletzt aus dem Krieg zurück. Aber bis heute sind Sirenen und Flugzeuge für Emmy Werner etwas Schlimmes.

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Meine Meinung: Ich konnte die Nachbetrachtung schon vorab lesen und möchte mich bei dieser Gelegenheit beim Residenz Verlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar bedanken. Zentrale Themen in Werners Leben wie  in ihrem Buch sind Eigenständigkeit und das Alleinsein.  Nach der Trennung in Freundschaft am Ende einer sehr früh eingegangenen Ehe habe sie sich ganz bewusst dafür entschieden, mit ihrem Sohn alleine zu leben, und ihre späteren Lebenspartner hätten keinesfalls bei ihr einziehen dürfen. Aber natürlich sei ihr klar, dass es einen Unterschied mache, ob man freiwillig oder unfreiwillig alleine lebe. Selbstbestimmt müsse es in jedem Fall sein, und empört kritisiert sie die Stimmen, die die Meinung vertreten, Frauenhäuser seien ein Angriff auf die Familie. 

Emmy Werner erzählt in der dritten Person über das Leben von E. Anders sei ihr das gar nicht möglich gewesen, erklärt sie. In den ersten Kapiteln fand ich das etwas befremdlich, denn da ist E. ein Kind, später ein Teenager (Backfisch nannte man das damals), und auf mich wirkte die Erzählweise ein bisschen so, als würde ich einen Bericht vom Jugendamt oder aus einer Polizeiakte lesen. Aber weiter hinten, wenn es um die junge Ehe und um die Karriere geht, erreicht Emmy Werner das, was sie vermutlich beabsichtigt hat: die mit objektiver Distanz gelungene Schilderung eines Frauenlebens, ihres eigenen Lebens, vor dem Hintergrund der gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen, die sie miterlebt hat. Und da sie weitgehend darauf verzichtet, die teilweise prominenten Namen der Personen in ihrem Umfeld zu nennen, bleibt der Blick beim Lesen auf sie und ihre persönliche und berufliche Entwicklung fokussiert. Keine Lebensbeichte, keine Skandalgeschichten, keine Indiskretionen,  stattdessen der eine oder andere humorvolle, aber anonyme Hinweis auf menschliche Schwächen und Marotten. Die Erfolgsstory einer Frau mit Prinzipien in einer spannenden Zeit. 

Emmy Werner, … als ob sie Emma hießen. Eine Nachbetrachtung. Residenz Verlag Salzburg – Wien 2018. 319 Seiten. 

 

Helle und der Tote im Tivoli

Heute erscheint bei Atlantik Helle und der Tote im Tivoli. Ich durfte den Krimi von Judith Arendt schon lesen und danke dem Hoffmann und Campe Verlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.

Helle Jespers leitet die Polizeistation in Skagen, dem ‚letzen Ort vor dem Meer‘ am nördlichsten Zipfel Dänemarks, wo nur selten etwas Aufregendes passiert. Doch dann kommt die Meldung, dass Gunnar Larsen, der ehemalige Direktor des nahegelegenen Gymnasiums, grausam zugerichtet und mit einem kandierten Apfel im Mund auf einem Kinderkarussell im Vergnügungspark Tivoli in Kopenhagen aufgefunden wurde.  Sören Gudmund, der Leiter der dortigen Mordkommission, gibt Helle klar zu verstehen, sie solle sich lieber weiterhin um Falschparker und Ladendiebe kümmern, aber die Polizistin lässt sich nicht abschütteln und beginnt, die zunächst sehr spärlichen Spuren zu verfolgen. Als ein zweiter Mord passiert, erkennt sie nach und nach die Zusammenhänge.

Meine Meinung: Helle Jespers ist keine bildschöne Athletin mit untrügerischem kriminalistischem Spürsinn, die Miss Marple und Lara Croft gleichermaßen vor Neid erblassen lassen würde, und auch keine von Alpträumen geplagte einsame Kämpferin mit kaputtem Privatleben, deren Aktionen im wirklichen Leben längst die Dienstaufsichtsbehörde auf den Plan gerufen hätten. Stattdessen schildert Judith Arendt eine kluge, sympathische Durchschnittsfrau, die einen hoffentlich frei erfundenen, aber durchaus glaubwürdigen Kriminalfall in einem realistischen Setting löst. Die Titelheldin lebt zwar in einem Bilderbuchhaus direkt am Meer und hat einen  Bilderbuchehemann, aber ansonsten ist ihr Leben eher mau: zu viel Speck um die Hüften und zu wenige berufliche Perspektiven, gelegentlich zu viel Rotwein und meistens zu wenig Sex. Der Mord am ehemaligen Gymnasialdirektor ihrer Kinder ist die erste Herausforderung seit langem, und Helle meistert diese, auch wenn sie dabei emotional und körperlich Federn lassen muss. Dabei gibt es keine an den Haaren herbeigezogenen Dialoge und unglaubwürdigen Zufälle, stattdessen solide Polizeiarbeit und Bezüge zur politischen und sozialen Realität im Jahr 2018. Nur ganz zum Schluss schaltet Helle und mit ihr der gesamte Polizeiapparat das Hirn aus, aber das sei ihnen im Interesse eines dramatischen Finales verziehen. Etwas zu bedeutungsschwer haben auf mich die kurzen Kapitel gewirkt, in denen der offensichtlich psychisch schwer gestörte Täter zu Wort kommt, aber auch das hat dazu beigetragen, dass der Krimi interessant und spannend und die Geschichte gleichzeitig nachvollziehbar blieb.  

Der deutschen Autorin gelingt es, Skandinavienfeeling zu vermitteln, auch wenn ich, da ich Dänemark nicht kenne, schwer beurteilen kann, wie authentisch ihre Darstellung ist. Das Thema, um das es geht, ist zu ernst und die Morde sind zu grausam, um eine humorvolle Story daraus zu machen, und aus den gleichen Gründen fällt der erste Fall für Kommissarin Jespers für mich auch nicht in die Kategorie Cosy Crime. Gleichzeitig ist das Umfeld der Kommissarin, einschließlich Hund mit Alterswehwehchen und Ehemann mit Wikingerbart, ‚hyggelig‘ genug, damit ich für einen zweiten Fall der Ermittlerin gerne wieder in ihre Welt zurückkehren werde. 

Judith Arendt, Helle und der Tote im Tivoli – Der erste Fall für Kommissarin Jespers. Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 2018. 287 Seiten.

Deutscher Buchpreis – Die Shortlist

Da ich von den 20 Büchern der Longlist des Deutschen Buchpreises nur 2 gelesen habe, darf ich mich natürlich nicht wundern, wenn auf der Shortlist dann nur mehr mir unbekannte Romane zu finden sind, aber ein bisschen enttäuscht bin ich doch. Arno Geigers Unter der Drachenwand hat mir so gut gefallen, dass ich dem Buch ausgezeichnete Chancen gegeben hatte, aber offensichtlich hat sich die Jury doch den nicht ganz so Begeisterten angeschlossen. Bei Sören Heim findet sich eine mögliche Erklärung fürs Nicht-Weiterkommen.

Der Siegertitel wird am 8. Oktober bekanntgegeben. Bis dahin werde ich es wohl nicht schaffen, auch nur einen der nominierten Titel zu lesen, daher hier die Shortlist mit Links zu Besprechungen meiner Blogger-Kolleginnen.

Maria Cecilia Barbetta, Nachtleuchten

Maxim Biller, Sechs Koffer

Nino Haratischwili, Die Katze und der General

Inger-Maria Mahlke, Archipel auch hier besprochen.

Susanne Röckel, Der Vogelgott

Stephan Thome, Gott der Barbaren

Die nächsten Titel auf meiner Leseliste: Der Krimi Helle und der Tote im Tivoli von Judith Arendt (erscheint am 15. September), Mareike Fallwickels Romandebüt Dunkelgrün fast schwarz, das es auf die Longlist der Österreichischen Buchpreises 2018 geschafft hat, und endlich Unterleuten von Julie Zeh.

Beitragsbild (c) Christina Weiß, Quelle: http://www.deutscher-buchpreis.de

Österreichischer Buchpreis – Die Longlist

Heute wurde das Ergebnis der ersten Runde des Österreichischen Buchpreises 2018 veröffentlicht. Von insgesamt 150 eingereichten Titeln wurden 10 für die Longlist 2018 und 3 für die Shortlist Debüt ausgewählt. Aus weiblicher Sicht ist die Liste etwas enttäuschend, da unter den Nominierten insgesamt nur fünf Autorinnen  sind. Das heißt aber nicht, dass die Liste nicht durchwegs interessant wäre. Hier alle nominierten Titel:

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Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz (Frankfurter Verlagsanstalt)
Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie (Verlag Klaus Wagenbach)
Arno Geiger: Unter der Drachenwand (Carl Hanser Verlag)
Gerhard Jäger: All die Nacht über uns (Picus Verlag)
Hanno Millesi: Die vier Weltteile (Edition Atelier)
Margit Schreiner: Kein Platz mehr (Schöffling & Co.)
Robert Seethaler: Das Feld (Hanser Berlin)
Heinrich Steinfest: Die Büglerin (Piper Verlag)
Josef Winkler: Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe (Suhrkamp)
Daniel Wisser: Königin der Berge (Jung und Jung)

Ich kenne bisher nur Unter der Drachenwand, die Geschichte einer Beziehung zwischen einem Soldaten auf Genesungsurlaub kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs und einer Deutschen, die es wie ihn an den Mondsee verschlagen hat. Für mich einer der besten Romane, die ich je gelesen habe, daher naturgemäß ein Anwärter auf den Sieg.

Nicht allzu weit vom Mondsee entfernt, nämlich in Hallein, spielt Dunkelgrün fast schwarz. ‚Ein großartiges Buch‘ nennt Andrea von Lesen… in vollen Zügen Mareike Fallwickels Debütroman und auch Bookster HRO zeigt sich begeistert.

Auf dem grauen Sofa liefert Claudia eine ausführliche Besprechung von Milena Michiko Flašars Herr Katō spielt Familie, der eher deprimierenden Geschichte eines Mannes, der sich auch nach der Pensionierung seine Träume nicht verwirklichen kann.

Die dritte Autorin, die es auf die Longlist geschafft hat, ist Margit Schreiner mit Kein Platz mehr. Ein Roman, dessen Thema der Mangel an Platz in unserer Wohlstandsgesellschaft ist. Ich denke, den werde ich auslassen.

Neben der Longlist wurde heute auch die Shortlist für die Kategorie Debütroman veröffentlicht. Erfreulicherweise gehen hier zwei der drei Nominierungen an Frauen:

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Ljuba Arnautović: Im Verborgenen (Picus Verlag)
David Fuchs: Bevor wir verschwinden (Haymon Verlag)
Marie Gamillscheg: Alles was glänzt (Luchterhand Literaturverlag)

Bei Ljuba Arnautović sticht zunächst einmal die Biographie hervor: 1954 in Russland geboren, aufgewachsen zwischen österreichischem Vater und russischer Mutter, Leben in Wien, München und Moskau, Tätigkeit als Übersetzerin, Journalistin und Autorin. Das Leben zwischen zwei Welten in politisch unruhigen Zeiten spiegelt sich auch in ihrem Debütroman wieder, der von Genovefa erzählt: Sie versteckt 1944 in ihrer Wiener Wohnung Menschen, während sich ihre Söhne in der UdSSR und ihr Mann in Australien befinden.

Marie Gamillscheg erzählt in Alles was glänzt vom Leben in einem Dorf, in dessen Bergwerksstollen es rumort. Klingt interessant genug, um es zumindest auf die Wunschliste zu setzen.

 

Launen der Zeit

In ihrem jüngsten Roman Launen der Zeit (Clock Dance) erzählt Anne Tyler  vier Episoden aus dem Leben ihrer Hauptperson:

1967: Wenn Willa Drake nach Hause kommt, weiß sie nie, was sie erwartet. Ihre Mutter Alice ist die hübscheste, lebendigste und klügste Mutter in ihrer Schule, aber manchmal ist sie wie ausgewechselt, zornig und unbeherrscht. Ihr Vater Melvin hingegen ist die Geduld in Person und liebt seine Frau und seine Töchter vorbehaltlos.Weiterlesen »

Bullshit Bingo – Wie das Leben so spielt

BULLSHIT BINGOMarie und Moritz sind nicht nur ein Paar, sie arbeiten auch in der selben Firma, und öde Besprechungen verkürzen sie sich mit Bullshit Bingo – „von A wie Arbeitszeiterfassungs-software bis Z wie Zielgruppen-segmentierung.“ (S.7)Doch dann findet Moritz heraus, dass Marie doch die Pille nimmt, und ihr erster Streit ist auch ihr letzter. Dass Maries beste Freundin Elisa gerade im Babyglück schwelgt, macht die Vorstellung, eine eigene Familie zu gründen, für Marie auch nicht attraktiver, vor allem, weil sie deren Ehe mit dem affigen Gynäkologen Johannes sehr skeptisch gegenüber steht.

Dann beginnt das Leben zu spielen, wie der Untertitel des Romans es ankündigt. Weiterlesen »

Der zweite Reiter

Alex Beer

Der aus dem Krieg mit einem Granatsplitter im Bein heimgekehrte Rayonsinspektor August Emmerich ist alles andere als erfreut, als ihm Ferdinand Winter, ein zartbesaiteter verarmter Adeliger, als Assistent zugeteilt wird, und er lässt den jungen Kollegen das auch spüren. Die beiden machen sich ohne großen Enthusiasmus daran, gegen einen Schwarzhändlerring zu ermitteln und entdecken dabei durch Zufall im Wienerwald die Leiche eines Kriegsheimkehrers, der davon geträumt hatte, nach Brasilien auszuwandern. Der Tote hat eine Schusswunde, die Pistole liegt daneben. Der Pathologe vermutet Selbstmord, aber Emmerich glaubt an Mord und ermittelt gegen die ausdrückliche Anordnung seines Vorgesetzten in diese Richtung weiter. Als eine zweite Leiche auftaucht und sich herausstellt, dass sich  beide  Männer kurz vor ihrem Tod getroffen hatten, sieht Emmerich den Fall als Chance, sich zu profilieren, und lässt nicht mehr locker.

‚Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.‘

Dieses Zitat von Martin Kessel stellt Alex Beer dem ersten Krimi um August Emmerich voran. Weiterlesen »

Deutscher Buchpreis 2018

Buchpreis 2018 longlistSoeben hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Longlist für den Deutschen Buchpreis veröffentlicht, und einige, die als Fixstarter gehandelt worden sind, fehlen auf der Liste, beispielsweise Kristine Bilkau mit Eine Liebe, in Gedanken, die auch ich sehr gerne dabeigehabt hätte, oder Junger Mann, der für September angekündigte neue Wolf Haas. Für mich als Wolf Haas-Fan natürlich eine Enttäuschung, aber aus weiblicher Sicht kann ich mit der Longlist zufrieden sein, denn während 2017 nur sieben von  20 Nominierten  Autorinnen waren, finden sich heuer immerhin 11 SchriftstellerINNEN auf der Liste.

Hier die Longlist 2018 mit Links zu Besprechungen:Weiterlesen »

Die Frau im hellblauen Kleid

Volkstheater bühneneingang
Bühneneingang, Volkstheater, Wien

Die Frau im hellblauen Kleid ist Käthe Schlögel, Tochter eines Wiener Gemüsehändlers. Sie wohnt ganz in der Nähe des Theaters in der Josefstadt, beginnt ihre Karriere gegen den Widerstand der Eltern am Volkstheater und feiert in Prag und Berlin große Erfolge. Als Bühnen- und Filmstar begründet sie  so eine Schauspieler*innendynastie. Wenn dieser Begriff fällt, denke ich sofort an die Familie Hörbiger/Wessely und ihre Nachfahren. Aus diesem Grund habe ich beim Lesen vom ersten Kapitel an nach Parallelen Ausschau gehalten, und die gibt es durchaus: Im richtigen Leben wie im Roman beginnt der Erfolg in der Zwischenkriegszeit und setzt sich über vier Generationen bis in die Gegenwart fort. Damit ist es unvermeidlich, dass die erste Generation sich mit dem Naziregime und den Auswirkungen seiner Politik konfrontiert sieht und die nachfolgenden Generationen sich damit abmühen müssen, unangenehme Fragen zu beantworten und das aufzuarbeiten, was schiefgegangen ist. So erging es auch der Familie von Paula Wessely, deren Name im Roman auch tatsächlich erwähnt wird; aber die Art, wie das geschieht, macht deutlich, dass der Roman von Beate Maxian eben keine fiktionalisierte Familienbiographie ist, sondern seine eigene Geschichte erzählt.  Vera Altmann, als Schauspielerin weit weniger erfolgreich als ihre Mutter Marianne und ihre Großmutter Käthe, möchte eine TV-Dokumentation über ihre Familie drehen und liefert damit den Anstoß dafür, dass all das auf den Tisch kommt, worüber bisher nicht gesprochen wurde.Weiterlesen »