Eine Liebe, in Gedanken

41gBaD+NS1L._SX311_BO1,204,203,200_Du musst dir keine Sorgen machen“, hatte Antonia Weber zu ihrer Tochter gesagt, als diese begann, sich vor dem Alter und vor dem Alleinsein zu fürchten. „Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben.“ (S. 241) Antonia wusste, wovon sie sprach. In den frühen 60er-Jahren hatte sie sich in Edgar verliebt, von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm geträumt, sich sogar mit ihm verlobt. Toni hatte alles auf diese eine Karte gesetzt, und auch, nachdem die Beziehung zerbrochen war, hatte sie 50 Jahre lang nicht aufgehört, an Edgar zu denken und ihrer Tochter von der Zeit mit ihm zu erzählen. Gleichzeitig hatte sie auch nach der Trennung viele ihrer Träume gelebt, ein selbstbestimmtes Leben geführt, Reisen unternommen, zweimal geheiratet und ein Kind bekommen. Nach Antonias Tod, den Kristine Bilkau als Ausgangspunkt für ihren Roman Eine Liebe, in Gedanken wählt, findet die Tochter die alten Briefe und Fotos und beschließt, Edgar aufzusuchen. Noch vor dem Zusammentreffen mit dem Mittsiebziger trägt sie Details über die Geschichte dieser Liebe zusammen, die 1964 begann und 1967 endete.

Meine Meinung: Der Roman ist im März erschienen, und eigentlich wollte ich ihn noch im selben Monat lesen. Vor kurzem habe ich ihn dann endlich von meinem SuB gefischt, aber jetzt tut es mir fast leid, dass ich damit nicht bis zu den Sommerferien gewartet habe. Nicht, weil er ein seichtes Lesevergnügen für den Strand wäre, sondern damit die Bilder, die er zeichnet, genug Zeit zum Nachklingen haben und nicht sofort wieder im Alltagsstress versinken. Kristine Bilkau fängt die Stimmung einer Zeit der gesellschaftlichen Veränderungen ein. Antonia gehört der ersten Generation „moderner“ Frauen an: einer Generation, für die Berufstätigkeit eine Selbstverständlichkeit zu werden begann, die sich den einen oder anderen bescheidenen Luxus leisten konnte, die nicht mehr vollkommen in strikten Moralvorstellungen gefangen war, die Beziehungen eingehen, sich wieder trennen  und ein Kind alleine großziehen konnte, ohne sofort und automatisch im  gesellschaftlichen Abseits zu landen. Heute sind diese Frauen Großmütter und Urgroßmütter, und beim Lesen von Antonias Geschichte wurde mir bewusst, dass ihr Leben dem heutiger junger Frauen schon ähnlich war. Der Gedanke an diese heute alten Frauen hat es für mich umso reizvoller gemacht, einen Blick in Tonis Leben in den 1960er-Jahren  zu werfen: eine junge Frau wie viele andere seither, nicht immer diszipliniert, aber ambitioniert, manchmal in ihre Träume versponnen, aber doch in der Lage, das Leben zu meistern. Der Autorin geht es laut eigener Aussage um die Frage, ob wir eigentlich wirklich wissen können, wer unsere Eltern gewesen sind. Ich bin nicht sicher, ob wir  das wissen können oder überhaupt wissen sollten. In jedem Fall ist Toni aber bereit, über alles, was geschehen ist und was sie bewegt offen zu sprechen, und auch das ist schon eine sehr moderne Einstellung.

Das andere Thema des Romans ist für Kristine Bilkau die Frage, was eigentlich erfüllte Liebe ist. Für mich hat Antonias Liebe zu Edgar ein bisschen etwas von einer Romeo & Julia-Geschichte. Wir wissen von Anfang an, dass die Sache nicht gut ausgehen wird, aber trotzdem habe ich den beiden das Happy End bis zum letzten Kapitel gewünscht. Die Geschichte ist also auch sehr romantisch (und damit doch etwas für den Strand), kommt aber ohne Kitsch aus und überlässt es der Leserin, die Frage nach der erfüllten Liebe zu beantworten. Auch dafür sollte man sich Zeit nehmen, und das ruhige Tempo der Geschichte lädt dazu ein. 

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar!

Weitere Besprechungen des Romans, die sich auch mit den vielen anderen Facetten dieser Geschichte beschäftigen, findet Ihr bei LiteraturReich, bei literaturleuchtet, in Julia’s Library , bei aboutbookscoffeeandcats, auf dem paper and poetry blog und auf literaturlese.

Kristine Bilkau, Eine Liebe, in Gedanken. Luchterhand Literaturverlag 2018. 253 Seiten.

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Die rote Frau

IMG_1959Alex Beer? Wieso schon wieder ein männlicher Autor auf diesem Blog? Aber Alex Beer, das ist die aus Bregenz stammende Autorin Daniela Larcher. Diese Woche hat sie in der Buchhandlung Leo in Wien ihren zweiten August-Emmerich-Krimi vorgestellt. Nach Der zweite Reiter nun Die rote Frau. Ihre Namenswahl spricht die Autorin gleich zu Beginn der Lesung an, und sie gibt auch einen Einblick in ihren Werdegang als Schriftstellerin: Nach einem BWL- und einem Archäologiestudium habe sie in New York bei einem Verlag gearbeitet und dabei erkannt: Bücher schreiben – das ist es! Nach ihrer Rückkehr habe sie unter ihrem wirklichen Namen mehrere Krimis veröffentlicht, dann aber einen Psychothriller schreiben wollen und sich dafür das Pseudonym zugelegt. Als sie die ersten 100 Seiten des Thrillers ihrem Literaturagenten vorlegte, fand dieser den Text zwar schlecht, konnte aber das Problem orten: Ihre Sprache sei für das Genre einfach zu antiquiert. Also galt es, das Sujet dem Schreibstil anzupassen. So entstand der erste Fall des in der Zwischenkriegszeit in Wien ermittelnden August Emmerich. „Ich kann die Leser auf eine Zeitreise mitnehmen“, sagt die Autorin und spricht über die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe ihrer Geschichten, die sie in der Österreichischen Nationalbibliothek anhand der dort archivierten Tageszeitungen recherchiert. Der zweite Reiter spielt im Jahr 1919, der Mord, der den Auftakt zu Die rote Frau bildet, wird am 18. März 1920 verübt. „Damals war Wien ein Drecksloch.“ Diese Aussage gefällt nicht allen im Publikum, auch wenn die Autorin zu bedenken gibt, dass dies die Zeit vor den als Rotes Wien in die Geschichte eingegangenen Sozialreformen gewesen sei. Lebensmittel- und Energieknappheit, hohe Arbeitslosigkeit, miserabelste Wohnbedingungen, schlechte Gesundheitsversorgung. Genau aus diesen Gründen sei Wien damals aber eine Metropole der Filmindustrie gewesen, die in Die rote Frau ebenfalls eine Rolle spielt: Ein Heer von Arbeitslosen, das waren billige Statisten für die Monumentalfilme.

Auch dem Ermittlerduo Emmerich und Winter hat das Leben übel mitgespielt. August Emmerich ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Gerade einmal die Hälfte aller Kinder, die in einer solchen Einrichtung untergebracht waren, hätten ihre Volljährigkeit erlebt, erzählt Beer. Im Krieg war er durch einen Granatsplitter verwundet worden und leidet immer noch an den Folgen. Aufgrund von Umständen, die im ersten Teil der Serie nachzulesen sind, lebt Emmerich jetzt in dem Männerwohnheim in der Meldemannstraße im 20. Wiener Gemeindebezirk, in dem vor dem Ersten Weltkrieg auch jener erfolglose Kunstmaler Unterschlupf gefunden hatte, der den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brechen sollte. Emmerichs Assistent Ferdinand Winter wohnt zwar wesentlich feudaler, aber ansonsten geht es dem verarmten Adeligen kaum besser als seinem Vorgesetzten.

IMG_1951Meine Meinung: Die sympatisch-selbstsichere Unverblümtheit, mit der Daniela Larcher/Alex Beer vor Publikum spricht, findet im Roman ihr Gegenstück in einer stilsicheren Beschreibung des sozialen Umfelds einer Zeit, die, wie die Autorin meint, in der Literatur unterrepräsentiert ist. Genau deshalb hat sie sich auf diese Epoche konzentriert. Sie will Unbekanntes zeigen und sagt: „Ich probiere, meine Leser an Orte mitzunehmen, wo sie sonst nicht hinkommen.“ Als Beispiele nennt sie den Wienerberg, die Chatham Bar (heute das legendäre Café Hawelka und zufällig auch der Ort, an dem die Buchhandlung Leo 1817 gegründet wurde) oder die mehrstöckigen Keller unter der Innenstadt. Dort spielt eine sehr unterhaltsame, wenn auch brutale Ringkampfszene, und das ist auch eine der Passagen, in denen Dialoge im Wiener Dialekt dem Roman zusätzlich Authentizität verleihen. An dieser Stelle hatte die Geschichte schon rasant Fahrt aufgenommen, und das mit einer Lockerheit, die im Kontrast zum düsteren Setting steht. „Alle Krimis sind irgendwie gleich“, behauptet die Autorin. Auch das werden manche nicht gern hören, und wahrscheinlich stimmt es auch nicht. Aber die Krimis von Alex Beer sind in jedem Fall ganz anders als alles, was ich bisher gelesen habe. „Warten Sie erst auf Teil 3“, verspricht sie. Ich warte!

Alex Beer, Die rote Frau. Ein Fall für August Emmerich. Limes 2018. 411 Seiten. Ich danke der Buchhandlung Leo für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

 

Meghan Markle

IMG_1867Das Motto dieses Blogs ist ja Gute Bücher von und für Frauen, aber das Buch, das ich Euch heute vorstellen möchte, wird dem nur mit Einschränkungen gerecht. Zunächst einmal wurde Meghan, die Biografie der Amerikanerin Meghan Markle, die am Pfingstwochenende Prinz Henry of Wales geheiratet hat, von einem Mann geschrieben: dem britischen Journalisten Andrew Morton, der 1992 mit Diana: Ihre wahre Geschichte einen Bestseller landete und seither zahlreiche andere Promis unter die nicht immer freundliche Lupe genommen hat, darunter Madonna, Monica Lewinsky, Tom Cruise und Angelina Jolie. Und inwieweit das Genre der Promibiographien generell in die Kategorie „Gute Bücher“ einzuordnen ist, darüber scheiden sich sicher die Geister.

Trotz dieser und einiger weiterer Einschränkungen finde ich, dass die Biographie einen Beitrag wert ist. Ausgewählt habe ich sie aus mehreren Gründen: Erstens wollte ich in einer beruflich sehr stressigen Zeit ganz bewusst etwas weniger Anspruchsvolles lesen als zuletzt. Normalerweise greife ich in solchen Phasen zu einem Krimi, aber ich war so auf meine Arbeit konzentriert, dass ich einen komplizierten Plot sicher nicht durchblickt hätte.  Zweitens hat das Interview, das Meghan Markle und Prinz Harry der BBC aus Auslass ihrer Verlobung gaben, meine Sympathien für und mein Interesse an der amerikanischen Schauspielerin geweckt, von der ich bis vor wenigen Monaten noch nie etwas gehört hatte. Und drittens muss ich gestehen, dass ich eine Schwäche für die britischen Royals habe. Diese beginnt nicht mit den Windsors, sondern mit King Arthur, auch wenn es den vielleicht gar nicht gegeben hat.Weiterlesen »

Die Gewitterschwimmerin

2095_Hauser_Gewitterschwimmerin_135x215_RZ.inddIn Die Gewitterschwimmerin erzählt Franziska Hauser, Jahrgang 1975, die Geschichte ihrer eigenen Familie. Die Idee dazu sei aus der Frage entstanden, warum ihre Mutter so ein Biest geworden war, sagt die Autorin im Interview, und erst nach Fertigstellung des Romans  sei ihr klar geworden, dass ihre Mutter auch die Hauptfigur ist. Als Titelheldin des Romans wird diese Mutter zur 1951 geborenen Tamara Hirsch, Tochter von Alfred Hirsch, eines  prominenten jüdischen DDR-Schriftstellers, der dank seiner Vergangenheit als kommunistischer Widerstandskämpfer gegen das Naziregime viele Privilegien genießt. In Episoden zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Jahr 2017 erfahren wir Details über die Geschichte der Familie, wobei manche Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden. So ergibt sich nach und nach ein umfassendes Bild und so manche Erklärung für das zerstörerische Verhalten, das Alfred und Adele Hirsch ihren Töchtern gegenüber an den Tag legen. Während ihre jüngere Schwester Dascha an der oft lieblosen Behandlung und am sexuellen Missbrauch zerbricht, lernt Tamara, damit umzugehen, auch wenn der Preis dafür hoch ist.Weiterlesen »

Bist du wahnsinnig geworden?

IMG_1378Claudia Erdheims Debütroman Bist du wahnsinnig geworden? erschien erstmals 1984/85 im Löcker Verlag und wurde soeben vom Czernin-Verlag neu aufgelegt. Im Zentrum steht die Beziehung der Autorin zu ihrer Mutter, einer  Psychoanalytikerin, die im Wien der Nachkriegszeit zwei Töchter alleine großzieht, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Die Familie mit jüdischen Wurzeln ist dem Holocaust nur durch Glück entkommen, daher ist es kein Wunder, dass die „Frau Doktor“ ihrer Umgebung mit zorniger Überheblichkeit begegnet. Verschont bleiben davon nur ihre Patienten, denen ihre ganze Aufmerksamkeit gilt. Die Töchter hingegen erleben den Alltag als Abfolge von Worttiraden gegen alles und jeden in einer Welt, vor der sie um jeden Preis ferngehalten werden müssen. Weiterlesen »

Diese schrecklich schönen Jahre

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Erinnert ihr Euch an Dame Edna Megastar, die voluminöse Schreckschraube mit lila Haaren und strassbesetzter Brille, die ihre atemberaubende Karriere dem australischen Komiker Barry Humphries verdankt? Ihrem Humor entkam nichts und niemand. Ihre Show flimmerte zu einer Zeit über deutschsprachige Bildschirme, als Crossdresser noch als Transvestiten bezeichnet wurden, Frauen jenseits der 39 ihren Platz nicht vor der Kamera, sondern zuhause auf dem Sofa einzunehmen hatten und auch die Jüngeren in Fernsehkrimis ausschließlich entweder die Leiche oder die Sekretärin spielten.  Einer von Dame Ednas Sketches bestand in einem Werbespot, in dem sie das Testimonial für ein neues Parfum gab: Menopause hauchte sie in die Kamera, als würde sie für J’adore werben. Lachen über die Wechseljahre, das war damals so häufig wie eine TV-Kommissarin, und wenn die körperlichen Veränderungen einer Frau allzu sehr zu schaffen machten, holte sie sich aus Großmutters Kräutergarten oder aus der Apotheke mit möglichst wenig Aufsehen entsprechende Mittelchen. Psychische Turbulenzen gab es nicht, das war mangelnde Vernunft oder mangelnde Disziplin.

Heute ist die Welt glücklicherweise eine andere: Weiterlesen »

Die Stadtbienen

In den letzten Wochen habe ich mich „lesetechnisch“ vor allem mit Büchern und Aktivitäten beschäftigt, die besser auf meinen Blog BritLitScout passen, daher war es hier bei ChickLitScout ziemlich ruhig. Das wird sich in den nächsten Tagen ändern. Bis dahin möchte ich die Zeit nutzen, um Euch auf ein Buch hinzuweisen, das zwar nicht ganz in mein literarisches Beuteschema passt, dessen Thema ich aber für sehr wichtig halte und dem ich daher sehr viele Leserinnen wünsche. Ulrike Sokul hat es soeben auf leselebenszeichen vorgestellt und ich erlaube mir hiermit, ihren Beitrag hier zu posten.

Liebe Grüße
Niamh

Leselebenszeichen

  • Wie ich Imkerin wurde und mein Leben zu summen begann
  • von Erika Mayr
  • mit Anne Kunze
  • Knaur Taschenbuch Verlag    http://www.droemer-knaur.de
  • überarbeitete Neuausgabe März 2018
  • Taschenbuch
  • 254 Seiten
  • 10,99 € (D), 11,30 € (A)
  • ISBN 978-3-426-78968-1

B I E N E N B E G E I S T E R U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In einem lebhaften, lockeren Plauderton berichtet Erika Mayr davon, wie sie bei den Bienen gelandet ist. Ihr Lebenslauf führte sie nach vollbrachter Gärtnerinnenausbildung von Bayern nach Berlin. Dort beginnt sie ein Gartenbaustudium und arbeitet nebenbei als Aushilfe in einer Bar. Sie lebt sich ein, schließt Freundschaften und beschäftigt sich u.a. mit der Biodiversität innerstädtischer Brachflächen.

Dies führt zu ersten Kontakten mit Berliner Stadtimkern und zu reger Bienenbegeister-ung. Erika Mayr findet einen erfahrenen Imkerpaten und lernt das Imkern. Inzwischen stehen ihre Bienenstöcke auf dem Dach eines Hochhauses in Kreuzberg, und Erika Mayr…

Ursprünglichen Post anzeigen 478 weitere Wörter

Meine geniale Freundin

Vorbemerkung: Die nachstehende Besprechung enthält Hinweise auf den Plot und den Ausgang des Romans. Dieser war auch mir beim Anhören des Hörbuchs bereits bekannt, aber das hat meine Freude an dem Buch in keiner Weise beeinträchtigt. Wer jedoch sicher gehen möchte, sollte lieber nicht weiterlesen.

IMG_0978.jpgObwohl mich der vierte Teil von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga nur mittelmäßig begeistert hatte, wie im Beitrag zur Geschichte des verlorenen Kindes nachzulesen, war ich trotzdem auf den ersten Band neugierig, und daher besorgte ich mir die von Eva Mattes gelesene Hörbuchfassung von Meine geniale Freundin in der Städtischen Bücherei. Dieser erste Teil beginnt so, wie der letzte endet: Die erfolgreiche Schriftstellerin Elena Greco erhält einen Anruf von Gennaro, dem Sohn von Raffaella (Lila) Cerullo: Seine Mutter ist seit zwei Wochen spurlos verschwunden, so als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Zu dem Zeitpunkt, als dies geschieht, sind beide Frauen 66 Jahre alt und kennen sich schon ihr ganzes Leben. Elena weiß sofort, was es mit dem Verschwinden ihrer Freundin auf sich hat: Lila hat einen schon lange gehegten Plan in die Tat umgesetzt, nämlich den, sich aus der Welt zurückzuziehen, ohne auch nur ein Staubkörnchen von sich zu hinterlassen. Elena wundert sich nur wenig, denn sie kennt Lila besser als sonst jemand, aber sie findet, dass Lila wieder einmal übertreibt, und  sie fasst einen Entschluss:

Mal sehen, wer diesmal das letzte Wort behält, sagte ich mir. Ich schaltete den Computer ein und begann, unsere Geschichte aufzuschreiben, in allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist.

 Das Ergebnis sind die vier Bände der Neapolitanischen Saga.

Die Freundschaft der beiden Mädchen beginnt, als sie Anfang der 1950er-Jahre in die Grundschule des Rione, eines Armenviertels bei Neapel, kommen.  Schnell wird der Lehrerin, Maestra Oliviero, klar, dass die Mädchen, vor allem aber Lila, überdurchschnittlich begabt sind, und sie beginnt, die beiden zu fördern. Während Elenas Eltern zähneknirschend und unter finanziellen Opfern den Empfehlungen der Maestra folgen und ihre Tochter später in die Mittelschule und aufs Gymnasium schicken, bleibt Lila dieser Weg versperrt: Sie, die immer die mutigere und starrköpfigere von den beiden war, fügt sich nach einem kurzen Ausflug in eine berufsbildende Schule den Wünschen ihres Vaters und beginnt mit ihrem älteren Bruder Rino gemeinsam in der Schusterwerkstatt der Familie Schuhe zu reparieren. Hatte sie vorher die örtliche Bibliothek leergelesen und davon geträumt, mit Elena gemeinsam ein Buch wie Betty und ihre Schwestern zu schreiben und dadurch reich zu werden, setzt sie jetzt alle ihre Energien daran, durch das Anfertigen von Schuhen nach eigenen Entwürfen aus der bescheidenen Schusterwerkstatt der Familie eine erfolgreiche Schuhmanufaktur zu machen.

Meine Meinung: ‚Meine geniale Freundin‘ nennt Lila Elena, als sie sich im Alter von 16 Jahren gerade dabei ist, sich für ihre Hochzeit zurechtmacht, und sie nimmt Elena das Versprechen ab, zu studieren und das zu erreichen, was sie beide sich vorgenommen haben. Für mich ist das eine der traurigsten Szenen, die ich in einem Buch je gelesen habe, und die Aussage hat mich nicht nur traurig, sondern auch wütend gemacht.  Auf Bildung verzichten zu müssen, weil man aus einer armen Familie kommt oder ein Mädchen ist, etwas Ungerechteres kann ich mir nicht vorstellen! Elena ist klug und begabt, aber sie hat, nicht ganz zu unrecht, das Gefühl, dass sie es ohne Lilas Hilfe nicht schaffen kann. Gleichzeitig sieht sie einen inneren Zusammenhang zwischen ihrem Schicksal und dem ihrer Freundin:

‚Es war, als wäre die Freude oder der Schmerz der Einen wie durch einen bösen Zauber die Voraussetzung für den Schmerz oder die Freude der Anderen. Auch unser Äußeres schien diesem Auf und Ab zu unterliegen.‘

Lila versucht in einer Mischung aus Trotz und Schicksalsergebenheit, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Elena ist dabei eine genaue, schonungslose und ehrliche Beobachterin sowohl ihrer eigenen Entwicklung als auch der Entwicklung ihrer Freundin. Die Erzählerin ergeht sich aber nicht in endlosen psychologischen Analysen, sie beschränkt sich auf die Fakten und die knappe Beschreibung ihrer eigenen Gefühle. Die Interpretation dessen, was die Geschehnisse für die Mädchen bedeuten und was die Gründe für ihre Handlungen und Entscheidungen sind,  bleibt weitgehend den Leser*innen überlassen, und ich glaube, dass mich die Geschichte genau deshalb so berührt hat. Ein weiteres wichtiges Element sind für mich die rätselhaften Geschehnisse: das Verschwinden von Puppen, das am Anfang der Freundschaft steht, und Lilas Verschwinden im Alter von 66 Jahren. Sie bilden ein Gegengewicht zum betonten Realismus  und verleihen der Erzählung Magie, ohne sie ins Esoterische abgleiten zu lassen. Eva Mattes liefert dabei ein tolles Hörerlebnis, das der Geschichte vollkommen gerecht wird. 

Weitere Besprechungen des Romans findet ihr bei buchherz, bei BirthesLesezeit und bei den Büchertauben, und in der buchpost gibt es zusätzlich auch zahlreiche interessante Links zum Buch und zur Autorin.

Als Hörbuch: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger. Der Hörverlag 2016. 11h 43min.

In gedruckter Form: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. 422 Seiten.

 

Vier Schwestern

IMG_0860Joanna King, das ist für Hörer*innen des österreichischen Radiosenders FM4 die angenehme Stimme, die die englischsprachigen Nachrichten präsentiert. Vor kurzem hat die aus Neuseeland stammende Journalistin, die auch für den Inhalt dieser Nachrichten verantwortlich zeichnet, ihren ersten Roman veröffentlicht.  Vier Schwestern, so der deutsche Titel ihres Debütromans Absence, treffen sich 18 Jahre nach der Scheidung ihrer Eltern  in Corniglia, einem Ort der Cinque Terre an der italienischen Riviera. Die Idee für das Treffen hatte Rose, die mit ihrem Ehemann Sam, einem erfolgreichen Architekten, in Florenz lebt. Jess, die Älteste, macht für zwei Wochen Urlaub von ihrer Karriere als Anwältin, ihrem Mann und ihrem 9jährigen Sohn in Neuseeland, und Ngaio, die Zweitälteste, ist gemeinsam mit ihrem Mann Haig ebenfalls aus Neuseeland angereist. Erzählt wird die Geschichte aus dem Blickwinkel der Jüngsten, einer in London lebenden Tänzerin, deren Namen wir nicht erfahren. Sie ist Rose immer schon besonders nahe gestanden, und daher weiß sie als Einzige der Schwestern über ein Ereignis aus der Zeit knapp nach der Scheidung der Eltern Bescheid, das Rose noch heute mit sich herumschleppt. Gleichzeitig ist Rose die Einzige, der die Jüngste von ihrem Verhältnis mit Adrian erzählt hat, einem verheirateten Mann mit Frau und Kind in London.

Als Rose nach der ersten gemeinsamen Urlaubswoche plötzlich spurlos verschwindet, sind die anderen zunächst bemüht, sich keine allzu großen Sorgen zu machen, aber nach einigen Stunden schlägt das Rätselraten doch in Panik um, und sie beschließen, mit Sam Kontakt aufzunehmen. Dieser lehnt es ab, die Polizei einzuschalten, und verspricht, von Florenz aus etwas in der Sache zu unternehmen und am nächsten Tag nach Corniglia zu kommen. Die Jüngste hat ihr Handy ständig in Griffweite: Einerseits wartet sie auf Nachricht von Rose, andererseits hofft sie auch, dass Adrian sich meldet.

Meine Meinung: Die Ausgangssituation von Vier Schwestern würde sich ebenso gut für einen unbeschwerten Frauenroman wie für einen Psychothriller eignen, aber der Autorin gelingt etwas anderes: Sie liefert ein Kammerspiel, das auch ein tiefgründiges Theaterstück  à la Tennessee Williams oder einen französischen Film mit Anklängen an Der Swimmingpool abgeben würde. Die Haupthandlung konzentriert sich auf zwei Orte der Cinque Terre und wenige Tage, mit einigen Rückblenden in Form von Erinnerungen der Erzählerin, die letzten Kapitel haben den Charakter eines Epilogs. Die Rivalitäten und kleinen Gehässigkeiten zwischen den Schwestern, die unterschiedlichen Wahrnehmungen der vier Töchter zur Scheidung der Eltern und die widersprüchlichen Beurteilungen der jeweiligen Partner der anderen erzeugen beim Lesen eine Atmosphäre, als würde man bei einer Familienfeier mit am Tisch sitzen, bei der dicke Luft herrscht. Die Runde weckt vielleicht unangenehme Erinnerungen an die eigene Familie, aber man ist fasziniert von der aufgestauten Energie, neugierig auf Geheimnisse aus der Vergangenheit und gespannt, wie es weitergeht. Dann klärt sich das Verschwinden von Rose plötzlich auf. Diese durchaus überraschende Wendung ist ein mit gekonntem literarischem Understatement gelieferter Twist. Dieser mischt die Karten vollkommen neu, sorgt aber nicht für mehr Harmonie, und das Spiel geht munter weiter. 

Ich durfte den Roman im englischen Original lesen, das bei uns nicht erhältlich ist, und möchte mich bei der Autorin für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar herzlich bedanken. 

Eine weitere Besprechung findet Ihr bei schonhalbelf.

Joanna King, Vier Schwestern. Aus dem Englischen übersetzt von Juliane Zaubitzer. mare Verlag 2018. 256 Seiten.

Die Geschichte des verlorenen Kindes

IMG_08402011 erschien Meine geniale Freundin, der erste Band von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga, vor wenigen Wochen kam der vierte Band der Serie in deutscher Übersetzung als Die Geschichte des verlorenen Kindes in die Buchhandlungen. Ich hatte zwar die ersten drei Teile nicht gelesen, wollte mir dieses Buch aber trotzdem nicht entgehen lassen, war es doch von der Kritik hochgelobt und 2016 für den Man Booker International Prize nominiert worden. Die Hörbuchfassung wird von Eva Mattes gelesen, ein weiteres starkes Argument für die Geschichte. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich beim Hörverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplar herzlichst bedanken.

Die Neapolitanische Saga, das sind die Lebenserinnerungen von Elena Greco, einer linken Intellektuellen und Schriftstellerin. Sie stammt aus  dem Rione, einem Armenviertel bei Neapel, wo sie in den 1950er-Jahren gemeinsam mit ihrer besten Freundin Raffaella Cerullo, genannt Lila, zur Schule gegangen ist. Dem Hörbuch ist eine kleine Broschüre beigelegt, eine Art „Was bisher geschah“ der ersten 3 Teile, es war also nicht schwer, den Einstieg zu schaffen. Die Geschichte des verlorenen Kindes nimmt den Faden in den späten 1970er-Jahren auf, als Lila und Elena Anfang 30 sind.  Weiterlesen »