Der zweite Reiter

Alex Beer

Der aus dem Krieg mit einem Granatsplitter im Bein heimgekehrte Rayonsinspektor August Emmerich ist alles andere als erfreut, als ihm Ferdinand Winter, ein zartbesaiteter verarmter Adeliger, als Assistent zugeteilt wird, und er lässt den jungen Kollegen das auch spüren. Die beiden machen sich ohne großen Enthusiasmus daran, gegen einen Schwarzhändlerring zu ermitteln und entdecken dabei durch Zufall im Wienerwald die Leiche eines Kriegsheimkehrers, der davon geträumt hatte, nach Brasilien auszuwandern. Der Tote hat eine Schusswunde, die Pistole liegt daneben. Der Pathologe vermutet Selbstmord, aber Emmerich glaubt an Mord und ermittelt gegen die ausdrückliche Anordnung seines Vorgesetzten in diese Richtung weiter. Als eine zweite Leiche auftaucht und sich herausstellt, dass sich  beide  Männer kurz vor ihrem Tod getroffen hatten, sieht Emmerich den Fall als Chance, sich zu profilieren, und lässt nicht mehr locker.

‚Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.‘

Dieses Zitat von Martin Kessel stellt Alex Beer dem ersten Krimi um August Emmerich voran. Im Juni war ich dabei, als die Schriftstellerin in einer kleinen Wiener Buchhandlung Die rote Frau vorstellte, den zweiten Fall des Ermittlerduos Emmerich/Winter. Den ersten Teil der Reihe, Der zweite Reiter, kannte ich damals noch nicht. Normalerweise ist es keine gute Idee, Buchserien in der falschen Reihenfolge zu lesen, aber ich war doch neugierig auf diesen ersten Fall, dem August Emmerich seine Beförderung vom einfachen Polizeiagenten in die Abteilung Leib und Leben verdankte. Die Hörbuchfassung wird in beiden Fällen von Cornelius Obonya präsentiert, und dieser Name war für mich ein weiteres starkes Argument dafür, herauszufinden, wie August Emmerichs Karriere bei der Polizei im Jahr 1919 beginnt.

Meine Meinung: Alex Beer erzählt Geschichten von Menschen, die der Krieg, ‚der zweite Reiter‚, schwer in Mitleidenschaft gezogen hat, und sie portraitiert Wien so, wie die Stadt als Folge dieses Krieges tatsächlich gewesen sein muss. Man merkt dem Roman die detaillierte Recherche an, und so wird der Krimi zu einer Zeitreise. Die Typen, die Alex Beer dabei zeigt, von Winters immer noch von Standesdünkel geleiteter Großmutter bis zu den Schleichhändlern und Betrügern, die aus dem Elend anderer Profit schlagen, sind zwar manchmal ein bisschen überzeichnet, aber ihre Stimmen sind authentisch. Die Rollen zwischen Gut und Böse sind dabei klar verteilt, auch wenn die Guten nicht notwendigerweise immer auf der Seite des Gesetzes stehen. 

Auch Cornelius Obonya als Sprecher hat mich nicht enttäuscht. Anders als mit einem wienerischer Akzent möchte ich die Geschichte nicht erzählt bekommen, und der Schauspieler findet dabei für alle Figuren, die weiblichen eingeschlossen, den richtigen Ton und macht so die Lesung zu einem Hörspiel.

Alex Beer, Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich. Gelesen von Cornelius Obonya. Random House Audio 2017. 6 h 36 min. 

Ich danke Random House Audio für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

 

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Deutscher Buchpreis 2018

Buchpreis 2018 longlistSoeben hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Longlist für den Deutschen Buchpreis veröffentlicht, und einige, die als Mixstarter gehandelt worden sind, fehlen auf der Liste, beispielsweise Kristine Bilkau mit Eine Liebe, in Gedanken, die auch ich sehr gerne dabeigehabt hätte, oder Junger Mann, der für September angekündigte neue Wolf Haas. Für mich als Wolf Haas-Fan natürlich eine Enttäuschung, aber aus weiblicher Sicht kann ich mit der Longlist zufrieden sein, denn während 2017 nur sieben von  20 Nominierten  Autorinnen waren, finden sich heuer immerhin 11 SchriftstellerINNEN auf der Liste.

Hier die Longlist 2018 mit Links zu Besprechungen:

Carmen-Francesa Banciu, Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!

Maria Cecilia Barbetta, Nachtleuchten (erscheint am 15. August)

Maxim Biller, Sechs Koffer

Susanne Fritz, Wie kommt der Krieg ins Kind

Arno Geiger, Unter der Drachenwand, auch hier besprochen

Nino Haratischwili, Die Katze und der General (erscheint am 31. August)

Franziska Hauser, Die Gewitterschwimmerin

Helene Hegemann, Bungalow (erscheint am 20. August)

Anja Kampmann, Wie hoch die Wasser steigen, auch hier besprochen

Angelika Klüssendorf, Jahre später

Gert Loschütz, Ein schönes Paar

Inger-Maria Mahlke, Archipel (erscheint am 21. August)

Gianna Molinari, Hier ist noch alles möglich

Adolf Muschk, Heimkehr nach Fukushima

Eckhart Nickel, Hysteria (erscheint am 4. September)

Josef Oberhollenzer, Sültzrather

Susanne Röckel, Der Vogelgott

Matthias Senkel, Dunkle Zahlen

Stephan Thome, Gott der Barbaren (erscheint am 10. September)

Christina Viragh, Eine dieser Nächte

Da ich nur zwei der nominierten Romane gelesen habe, kann ich auch nur zu diesen eine Prognose abgeben. Die Gewitterschwimmerin ist faszinierend, aber ich bin mir nicht sicher, ob Franziska Hauser es damit auf die Shortlist schafft, die am 11. September bekanntgegeben wird.

Arno Geigers Roman Unter der Drachenwand zählt schon jetzt zu meinen All-time Favourites, daher halte ich ihn natürlich für preisverdächtig. Andererseits ist es mehr als fraglich, ob nach Robert Menasse, der den Preis 2017 für Die Hauptstadt bekommen hat, zum zweiten Mal hintereinander ein österreichischer Autor reale Chancen auf die Auszeichnung hat.

Ein Blick auf meinen SuB verbietet jeden Gedanken daran, einen der 18 anderen Titel auch nur auf meine Wunschliste zu setzen. Eine Ausnahme würde ich da trotzdem für Eine dieser Nächte von Christina Viragh machen, denn das kammerspielartige Setting – ein Langstreckenflug von Bangkok nach Zürich, auf dem ein nicht mehr ganz nüchterner Amerikaner seine Sitznachbaren ungebeten mit Geschichten vollquatscht – klingt für mich sehr verlockend.

 

Die Frau im hellblauen Kleid

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Bühneneingang, Volkstheater, Wien

Die Frau im hellblauen Kleid ist Käthe Schlögel, Tochter eines Wiener Gemüsehändlers. Sie wohnt ganz in der Nähe des Theaters in der Josefstadt, beginnt ihre Karriere gegen den Widerstand der Eltern am Volkstheater und feiert in Prag und Berlin große Erfolge. Als Bühnen- und Filmstar begründet sie  so eine Schauspieler*innendynastie. Wenn dieser Begriff fällt, denke ich sofort an die Familie Hörbiger/Wessely und ihre Nachfahren. Aus diesem Grund habe ich beim Lesen vom ersten Kapitel an nach Parallelen Ausschau gehalten, und die gibt es durchaus: Im richtigen Leben wie im Roman beginnt der Erfolg in der Zwischenkriegszeit und setzt sich über vier Generationen bis in die Gegenwart fort. Damit ist es unvermeidlich, dass die erste Generation sich mit dem Naziregime und den Auswirkungen seiner Politik konfrontiert sieht und die nachfolgenden Generationen sich damit abmühen müssen, unangenehme Fragen zu beantworten und das aufzuarbeiten, was schiefgegangen ist. So erging es auch der Familie von Paula Wessely, deren Name im Roman auch tatsächlich erwähnt wird; aber die Art, wie das geschieht, macht deutlich, dass der Roman von Beate Maxian eben keine fiktionalisierte Familienbiographie ist, sondern seine eigene Geschichte erzählt.  Vera Altmann, als Schauspielerin weit weniger erfolgreich als ihre Mutter Marianne und ihre Großmutter Käthe, möchte eine TV-Dokumentation über ihre Familie drehen und liefert damit den Anstoß dafür, dass all das auf den Tisch kommt, worüber bisher nicht gesprochen wurde.

9783453422124_CoverMeine Meinung: Man soll ein Buch natürlich nicht nach dem Cover auswählen, aber in diesem Fall konnte ich dem Einband einfach nicht widerstehen. Nostalgische Pastellfarben wie auf einem alten Filmplakat, eine melodramatisch inszenierte Blondine und als zusätzlicher Blickfang das Wiener Bellaria Kino, in dem bis heute Filmklassiker und Raritäten gezeigt werden. Perfekte Sommerlektüre, dachte ich, und mit Einschränkungen war’s das auch. Beate Maxian ist keine begnadete Dialogschreiberin, und die Dramaturgie folgt der Schablone genau jener Filme, deren Stars Käthe Schlögel und Marianne Altmann wohl gewesen wären. Gerne gelesen habe ich das Buch trotzdem

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Das Bellaria Kino heute

(oder vielleicht sogar deswegen, wer braucht schon bei 35°C Außentemperatur anspruchsvolle, komplizierte Plots?). Ich habe bekommen, was das Cover erwarten lässt: Ein Lesevergnügen mit nostalgischen Anklängen und Lokalkolorit, aber ohne Verklärung einer Zeit, die keine gute alte war. Der Faschismus, seine Auswirkungen auf die Welt des Theaters und Films und seine (Nicht-)Bewältigung in den 50er- und 60er-Jahren liefern den ehrlich und ohne Beschönigung dargestellten Hintergrund für die Liebesgeschichten und Heiratssachen der vier Künstlerinnen. Sehr gelungen fand ich die Art, wie die Autorin die in der Gegenwart spielenden Kapitel mit den Rückblenden verbindet, weniger gut gelungen die Darstellung der verschiedenen Mutter-Tochter-Beziehungen: Auch die schlimmsten Unaufrichtigkeiten und Konflikte sind über einem guten Glas Rotwein oder einer Portion Rindsrouladen rasch verschmerzt – so funktioniert das im wirklichen Leben wohl nicht. Das mich das nicht allzu sehr gestört hat, liegt daran, dass Beate Maxian ihre vier Protagonistinnen ohne große Gefühlsduselei und frei von Selbstmitleid durchs Leben gehen lässt und sie als starke Persönlichkeiten darstellt, die sich nicht unterkriegen lassen und zusammenhalten.

Beate Maxian, Die Frau im hellblauen Kleid. Wilhelm Heyne Verlag München 2017. 445 Seiten. Ich danke dem Heyne Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Zurück aus Irland

Version 2Wie im letzten Beitrag angekündigt, habe ich mich auf meiner Reise nach Irland nicht nur auf die Spuren bekannter, sondern auch auf die Suche nach „neuen“ Autorinnen gemacht. Ich bin fündig geworden, wenn auch etwas anders als erwartet. Zunächst habe ich mich in einer Filiale der Buchhandelskette Eason in Galway umgesehen. Dort stehen vor allem Taschenbücher in den Regalen, daneben gibt es auch eine gut sortierte Schreibwarenabteilung. In der ChickLit-Abteilung war ein für mich neuer Name an prominenter Stelle vertreten: Emma Hannigan. Ihr erst im Frühjahr 2018 erschienener jüngster Roman Letters to my Daughters wird leider auch ihr letzter bleiben, denn sie ist im März dieses Jahres an Krebs gestorben. Emma Hannigan war nicht nur Romanschriftstellerin, sie hat ihre Gedanken ab 2010 auch auf ihrem Blog geteilt und dabei ihren Kampf gegen die Krankheit und vor allem ihren unnachgiebigen Optimismus dokumentiert.Weiterlesen »

ChickLit-Ferien

1. Juli, das klingt nach Sommerferien,  Sonne, Meer und – ChickLit. Keine Zeit im Jahr ist besser dazu geeignet, die eigene Seele baumeln zu lassen, indem man sich in das Seelenleben fiktiver Geschlechtsgenossinnen vertieft und mit diesen lacht, weint, hofft, bangt, trauert und feiert. Da ich die Sonne und das Meer, nicht aber die Hitze liebe, habe ich mir heuer wieder ein Reiseziel ausgesucht, das nicht nur für mich ideale klimatische Bedingungen bietet (wenn stören schon Regenschauer und 18°C Außentemperatur), sondern auch das Land ist, in dem ChickLit mit-erfunden wurde: Viele der erfolgreichsten ChickLit-Autorinnen kommen aus Irland, das auch sonst nicht arm an literarischen Größen ist.

Irland 2012f
Dingle Peninsula, West Cork, Ireland

Da wäre zunächst einmal Maeve Binchy. Sie wurde 1939 in Dalkey geboren, einem der wohlhabendsten Vororte von Dublin, studierte am University College Dublin Geschichte und arbeitete als Lehrerin für Geschichte, Französisch und Latein, bevor sie 1963 nach Israel reiste. Die Briefe, die sie von dort nach Hause schrieb, waren der Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere: Ihre Eltern schickten die Briefe an eine Zeitung, die sie prompt veröffentlichte. Ab 1968 arbeitete sie für die Irish Times und betreute deren „Frauenseite“. Nachdem ihr erstes Buch fünfmal von Verlagen abgelehnt worden war, veröffentlichte sie 1982 den Roman Light a Penny Candle (Irische Freundschaften). Schon 1983 wurden die Rechte dafür um 52.000 Pfund, die höchste bis dahin jemals für einen Romanerstling bezahlte Summe, verkauft, und bei ihrem Tod war Maeve Binchy eine der reichsten Frauen Irlands. Das hatte aber keinen Einfluss auf ihren Lebensstil. Durch Zufall verbrachte ich im August 2012, wenige Wochen nach Maeve Binchys Tod, einige Tage in Stanley House, einem B&B in Schull, Dingle Peninsula, West Cork. Die Zimmer waren für eine Frühstückspension zwar fast schon luxuriös, aber das hatte ich auch anderswo schon erlebt. Nancy Brosnan bewirtete ihre Gäste sehr stilvoll und mit großer Aufmerksamkeit, vor allem aber mit großer Herzlichkeit. Beim Plaudern erzählte sie mir, dass Maeve Binchy alljährlich ihre Ferien in Stanley House verbracht hatte und eine gute Freundin geworden war. Keine Luxushotels also für Maeve Binchy, sondern ein komfortables B&B, in dem das Zimmer für eine Familie nur etwas mehr als 120 Euro kostete. Damals habe ich mir vorgenommen, bald einen von Maeve Binchys 17 Romanen zu lesen, heuer werde ich das hoffentlich endlich nachholen können.

IMG_2208Fast vollständig abgearbeitet habe ich hingegen schon meine Liste der Romane von Sheila O’Flanagan, nachdem mich vor einigen Jahren ihr 2006 erschienener Roman Yours, Faithfully (Mit all meiner Liebe) begeistert hatte. Darin treffen einander zwei Frauen am Krankenbett eines schwer verunglückten Mannes und entdecken, dass sie beide mit ihm verheiratet sind. Klingt wenig plausibel und übermäßig dramatisch, aber Sheila O’Flanagans Geschichten zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie glaubwürdige Figuren in ungewöhnlichen Situationen zeichnen kann. Die Autorin wurde 1958 in Dublin geboren und machte als Finanzexpertin einer Bank Karriere, bevor sie 1999 ihren ersten Roman Suddenly Single (Plötzlich Single) veröffentlichte. Ihren eigenen Erfahrungen im Wirtschaftsleben ist es wahrscheinlich zu verdanken, dass ihre Figuren meist Frauen sind, die sich mit den realen Problemen des Alltags und der Arbeitswelt ebenso auseinandersetzen müssen wie mit romantischen Verwicklungen.  Nachdem längere Zeit keines ihrer Bücher auf Deutsch erschienen war, hat der Insel Taschenbuch-Verlag heuer Helle Nächte am Meer (The Missing Wife) veröffentlicht. Darin geht es um eine Frau, die von ihrem tyrannischen Ehemann Reißaus nimmt, um wieder zu sich selbst zu finden. Auf ihrem Twitter-Account hält Sheila O’Flanagan auch mit ihrer Meinung zu politischen Themen nicht hinter dem Berg, sie unterstützt Projekte für Frauen und ist eine der Direktorinnen von Fighting Words, einer von ihrem Schriftstellerkollegen Roddy Doyle gegründeten Organisation, die Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen dabei hilft, ihr literarisches Potential zu entdecken.

IMG_2209Eine irische Autorin, deren Bücher fast alle ins Deutsche übersetzt wurden, ist die 1963 in Limerick geborene Marian Keyes. Ihr jüngster Roman The Break wird sicher bald folgen, denn seit ihrem Debüterfolg Wassermelone (Watermelon) im Jahr 1995 ist sie ständiger Gast in den Bestsellerlisten. Wassermelone ist der erste von bisher fünf Bänden der Serie um die Mitglieder der Walsh-Familie, bei der es trotz enger Familienbande nicht nur idyllisch zugeht. Besonders berührt hat mich Anybody Out There (Erdbeermond). Darin versucht Anna Walsh nach einem traumatischen Einschnitt wieder ins Leben zurückzufinden. Die Bücher von Marian Keyes beschäftigen sich, wie sie auf ihrer Homepage schreibt,  mit „modernen Sorgen“: Sucht, Depression, häusliche Gewalt, die Gläserne Decke und schwere Erkrankungen. Marian Keyes hat selbst offen über ihre Alkoholsucht und ihre Depressionen gesprochen und diese auch in ihren Büchern thematisiert. Der irische Humor kommt dabei aber nie zu kurz, und am Ende gibt es immer Anlass zu Optimismus.

PS ICH LIEBE DICH.jpgDie vierte irische ChickLit-Autorin, die ich hier vorstellen möchte, ist auch die Jüngste und eine der im deutschen Sprachraum Erfolgreichsten: Cecilia Ahern. Sie wurde 1981 als Tochter des späteren Taoiseach (Ministerpräsidenten) Berti Ahern geboren und begann schon als Kind zu schreiben. Sie studierte Journalismus und verfasste im Alter von 21 Jahren ihren ersten Roman, der sofort ein Bestseller wurde: P.S. Ich liebe Dich. Seither hat sie bereits zahlreiche Romane veröffentlicht, die alle Bestseller waren und von denen zwei (P.S. Ich liebe Dich und Für immer, vielleicht) auch verfilmt wurden. Ihre meist romantisch-dramatischen Geschichten sprechen vor allem ein jüngeres Publikum an und sind an ganz vielen Stränden und Swimmingpools vertreten. 2016 sind kurz hintereinander zwei Romane erschienen, in denen sich Cecilia Ahern in einem etwas anderen Genre versucht, das aber ebenfalls ein junges Publikum anspricht: Flawed und Perfect erzählen die Geschichte der 17-jährigen Celestine, die in einer perfekten Welt darum kämpft, ihre Unabhängigkeit zu gewinnen und Fehler machen zu dürfen.

Ich bin schon gespannt, welche „neuen“ Autorinnen ich in Irland kennenlernen werde und verspreche, diese hier vorzustellen. In der Zwischenzeit wünsche ich Euch einen erholsamen ChickLit-Sommer!

Eine Liebe, in Gedanken

41gBaD+NS1L._SX311_BO1,204,203,200_Du musst dir keine Sorgen machen“, hatte Antonia Weber zu ihrer Tochter gesagt, als diese begann, sich vor dem Alter und vor dem Alleinsein zu fürchten. „Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben.“ (S. 241) Antonia wusste, wovon sie sprach. In den frühen 60er-Jahren hatte sie sich in Edgar verliebt, von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm geträumt, sich sogar mit ihm verlobt. Toni hatte alles auf diese eine Karte gesetzt, und auch, nachdem die Beziehung zerbrochen war, hatte sie 50 Jahre lang nicht aufgehört, an Edgar zu denken und ihrer Tochter von der Zeit mit ihm zu erzählen. Gleichzeitig hatte sie auch nach der Trennung viele ihrer Träume gelebt, ein selbstbestimmtes Leben geführt, Reisen unternommen, zweimal geheiratet und ein Kind bekommen. Nach Antonias Tod, den Kristine Bilkau als Ausgangspunkt für ihren Roman Eine Liebe, in Gedanken wählt, findet die Tochter die alten Briefe und Fotos und beschließt, Edgar aufzusuchen. Noch vor dem Zusammentreffen mit dem Mittsiebziger trägt sie Details über die Geschichte dieser Liebe zusammen, die 1964 begann und 1967 endete.

Meine Meinung: Der Roman ist im März erschienen, und eigentlich wollte ich ihn noch im selben Monat lesen. Vor kurzem habe ich ihn dann endlich von meinem SuB gefischt, aber jetzt tut es mir fast leid, dass ich damit nicht bis zu den Sommerferien gewartet habe. Nicht, weil er ein seichtes Lesevergnügen für den Strand wäre, sondern damit die Bilder, die er zeichnet, genug Zeit zum Nachklingen haben und nicht sofort wieder im Alltagsstress versinken. Kristine Bilkau fängt die Stimmung einer Zeit der gesellschaftlichen Veränderungen ein. Antonia gehört der ersten Generation „moderner“ Frauen an: einer Generation, für die Berufstätigkeit eine Selbstverständlichkeit zu werden begann, die sich den einen oder anderen bescheidenen Luxus leisten konnte, die nicht mehr vollkommen in strikten Moralvorstellungen gefangen war, die Beziehungen eingehen, sich wieder trennen  und ein Kind alleine großziehen konnte, ohne sofort und automatisch im  gesellschaftlichen Abseits zu landen. Heute sind diese Frauen Großmütter und Urgroßmütter, und beim Lesen von Antonias Geschichte wurde mir bewusst, dass ihr Leben dem heutiger junger Frauen schon ähnlich war. Der Gedanke an diese heute alten Frauen hat es für mich umso reizvoller gemacht, einen Blick in Tonis Leben in den 1960er-Jahren  zu werfen: eine junge Frau wie viele andere seither, nicht immer diszipliniert, aber ambitioniert, manchmal in ihre Träume versponnen, aber doch in der Lage, das Leben zu meistern. Der Autorin geht es laut eigener Aussage um die Frage, ob wir eigentlich wirklich wissen können, wer unsere Eltern gewesen sind. Ich bin nicht sicher, ob wir  das wissen können oder überhaupt wissen sollten. In jedem Fall ist Toni aber bereit, über alles, was geschehen ist und was sie bewegt offen zu sprechen, und auch das ist schon eine sehr moderne Einstellung.

Das andere Thema des Romans ist für Kristine Bilkau die Frage, was eigentlich erfüllte Liebe ist. Für mich hat Antonias Liebe zu Edgar ein bisschen etwas von einer Romeo & Julia-Geschichte. Wir wissen von Anfang an, dass die Sache nicht gut ausgehen wird, aber trotzdem habe ich den beiden das Happy End bis zum letzten Kapitel gewünscht. Die Geschichte ist also auch sehr romantisch (und damit doch etwas für den Strand), kommt aber ohne Kitsch aus und überlässt es der Leserin, die Frage nach der erfüllten Liebe zu beantworten. Auch dafür sollte man sich Zeit nehmen, und das ruhige Tempo der Geschichte lädt dazu ein. 

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar!

Weitere Besprechungen des Romans, die sich auch mit den vielen anderen Facetten dieser Geschichte beschäftigen, findet Ihr bei LiteraturReich, bei literaturleuchtet, in Julia’s Library , bei aboutbookscoffeeandcats, auf dem paper and poetry blog und auf literaturlese.

Kristine Bilkau, Eine Liebe, in Gedanken. Luchterhand Literaturverlag 2018. 253 Seiten.

Die rote Frau

IMG_1959Alex Beer? Wieso schon wieder ein männlicher Autor auf diesem Blog? Aber Alex Beer, das ist die aus Bregenz stammende Autorin Daniela Larcher. Diese Woche hat sie in der Buchhandlung Leo in Wien ihren zweiten August-Emmerich-Krimi vorgestellt. Nach Der zweite Reiter nun Die rote Frau. Ihre Namenswahl spricht die Autorin gleich zu Beginn der Lesung an, und sie gibt auch einen Einblick in ihren Werdegang als Schriftstellerin: Nach einem BWL- und einem Archäologiestudium habe sie in New York bei einem Verlag gearbeitet und dabei erkannt: Bücher schreiben – das ist es! Nach ihrer Rückkehr habe sie unter ihrem wirklichen Namen mehrere Krimis veröffentlicht, dann aber einen Psychothriller schreiben wollen und sich dafür das Pseudonym zugelegt. Als sie die ersten 100 Seiten des Thrillers ihrem Literaturagenten vorlegte, fand dieser den Text zwar schlecht, konnte aber das Problem orten: Ihre Sprache sei für das Genre einfach zu antiquiert. Also galt es, das Sujet dem Schreibstil anzupassen. So entstand der erste Fall des in der Zwischenkriegszeit in Wien ermittelnden August Emmerich. „Ich kann die Leser auf eine Zeitreise mitnehmen“, sagt die Autorin und spricht über die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe ihrer Geschichten, die sie in der Österreichischen Nationalbibliothek anhand der dort archivierten Tageszeitungen recherchiert. Der zweite Reiter spielt im Jahr 1919, der Mord, der den Auftakt zu Die rote Frau bildet, wird am 18. März 1920 verübt. „Damals war Wien ein Drecksloch.“ Diese Aussage gefällt nicht allen im Publikum, auch wenn die Autorin zu bedenken gibt, dass dies die Zeit vor den als Rotes Wien in die Geschichte eingegangenen Sozialreformen gewesen sei. Lebensmittel- und Energieknappheit, hohe Arbeitslosigkeit, miserabelste Wohnbedingungen, schlechte Gesundheitsversorgung. Genau aus diesen Gründen sei Wien damals aber eine Metropole der Filmindustrie gewesen, die in Die rote Frau ebenfalls eine Rolle spielt: Ein Heer von Arbeitslosen, das waren billige Statisten für die Monumentalfilme.

Auch dem Ermittlerduo Emmerich und Winter hat das Leben übel mitgespielt. August Emmerich ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Gerade einmal die Hälfte aller Kinder, die in einer solchen Einrichtung untergebracht waren, hätten ihre Volljährigkeit erlebt, erzählt Beer. Im Krieg war er durch einen Granatsplitter verwundet worden und leidet immer noch an den Folgen. Aufgrund von Umständen, die im ersten Teil der Serie nachzulesen sind, lebt Emmerich jetzt in dem Männerwohnheim in der Meldemannstraße im 20. Wiener Gemeindebezirk, in dem vor dem Ersten Weltkrieg auch jener erfolglose Kunstmaler Unterschlupf gefunden hatte, der den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brechen sollte. Emmerichs Assistent Ferdinand Winter wohnt zwar wesentlich feudaler, aber ansonsten geht es dem verarmten Adeligen kaum besser als seinem Vorgesetzten.

IMG_1951Meine Meinung: Die sympatisch-selbstsichere Unverblümtheit, mit der Daniela Larcher/Alex Beer vor Publikum spricht, findet im Roman ihr Gegenstück in einer stilsicheren Beschreibung des sozialen Umfelds einer Zeit, die, wie die Autorin meint, in der Literatur unterrepräsentiert ist. Genau deshalb hat sie sich auf diese Epoche konzentriert. Sie will Unbekanntes zeigen und sagt: „Ich probiere, meine Leser an Orte mitzunehmen, wo sie sonst nicht hinkommen.“ Als Beispiele nennt sie den Wienerberg, die Chatham Bar (heute das legendäre Café Hawelka und zufällig auch der Ort, an dem die Buchhandlung Leo 1817 gegründet wurde) oder die mehrstöckigen Keller unter der Innenstadt. Dort spielt eine sehr unterhaltsame, wenn auch brutale Ringkampfszene, und das ist auch eine der Passagen, in denen Dialoge im Wiener Dialekt dem Roman zusätzlich Authentizität verleihen. An dieser Stelle hatte die Geschichte schon rasant Fahrt aufgenommen, und das mit einer Lockerheit, die im Kontrast zum düsteren Setting steht. „Alle Krimis sind irgendwie gleich“, behauptet die Autorin. Auch das werden manche nicht gern hören, und wahrscheinlich stimmt es auch nicht. Aber die Krimis von Alex Beer sind in jedem Fall ganz anders als alles, was ich bisher gelesen habe. „Warten Sie erst auf Teil 3“, verspricht sie. Ich warte!

Alex Beer, Die rote Frau. Ein Fall für August Emmerich. Limes 2018. 411 Seiten. Ich danke der Buchhandlung Leo für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

 

Meghan Markle

IMG_1867Das Motto dieses Blogs ist ja Gute Bücher von und für Frauen, aber das Buch, das ich Euch heute vorstellen möchte, wird dem nur mit Einschränkungen gerecht. Zunächst einmal wurde Meghan, die Biografie der Amerikanerin Meghan Markle, die am Pfingstwochenende Prinz Henry of Wales geheiratet hat, von einem Mann geschrieben: dem britischen Journalisten Andrew Morton, der 1992 mit Diana: Ihre wahre Geschichte einen Bestseller landete und seither zahlreiche andere Promis unter die nicht immer freundliche Lupe genommen hat, darunter Madonna, Monica Lewinsky, Tom Cruise und Angelina Jolie. Und inwieweit das Genre der Promibiographien generell in die Kategorie „Gute Bücher“ einzuordnen ist, darüber scheiden sich sicher die Geister.

Trotz dieser und einiger weiterer Einschränkungen finde ich, dass die Biographie einen Beitrag wert ist. Ausgewählt habe ich sie aus mehreren Gründen: Erstens wollte ich in einer beruflich sehr stressigen Zeit ganz bewusst etwas weniger Anspruchsvolles lesen als zuletzt. Normalerweise greife ich in solchen Phasen zu einem Krimi, aber ich war so auf meine Arbeit konzentriert, dass ich einen komplizierten Plot sicher nicht durchblickt hätte.  Zweitens hat das Interview, das Meghan Markle und Prinz Harry der BBC aus Auslass ihrer Verlobung gaben, meine Sympathien für und mein Interesse an der amerikanischen Schauspielerin geweckt, von der ich bis vor wenigen Monaten noch nie etwas gehört hatte. Und drittens muss ich gestehen, dass ich eine Schwäche für die britischen Royals habe. Diese beginnt nicht mit den Windsors, sondern mit King Arthur, auch wenn es den vielleicht gar nicht gegeben hat.Weiterlesen »

Die Gewitterschwimmerin

2095_Hauser_Gewitterschwimmerin_135x215_RZ.inddIn Die Gewitterschwimmerin erzählt Franziska Hauser, Jahrgang 1975, die Geschichte ihrer eigenen Familie. Die Idee dazu sei aus der Frage entstanden, warum ihre Mutter so ein Biest geworden war, sagt die Autorin im Interview, und erst nach Fertigstellung des Romans  sei ihr klar geworden, dass ihre Mutter auch die Hauptfigur ist. Als Titelheldin des Romans wird diese Mutter zur 1951 geborenen Tamara Hirsch, Tochter von Alfred Hirsch, eines  prominenten jüdischen DDR-Schriftstellers, der dank seiner Vergangenheit als kommunistischer Widerstandskämpfer gegen das Naziregime viele Privilegien genießt. In Episoden zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Jahr 2017 erfahren wir Details über die Geschichte der Familie, wobei manche Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden. So ergibt sich nach und nach ein umfassendes Bild und so manche Erklärung für das zerstörerische Verhalten, das Alfred und Adele Hirsch ihren Töchtern gegenüber an den Tag legen. Während ihre jüngere Schwester Dascha an der oft lieblosen Behandlung und am sexuellen Missbrauch zerbricht, lernt Tamara, damit umzugehen, auch wenn der Preis dafür hoch ist.Weiterlesen »

Bist du wahnsinnig geworden?

IMG_1378Claudia Erdheims Debütroman Bist du wahnsinnig geworden? erschien erstmals 1984/85 im Löcker Verlag und wurde soeben vom Czernin-Verlag neu aufgelegt. Im Zentrum steht die Beziehung der Autorin zu ihrer Mutter, einer  Psychoanalytikerin, die im Wien der Nachkriegszeit zwei Töchter alleine großzieht, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Die Familie mit jüdischen Wurzeln ist dem Holocaust nur durch Glück entkommen, daher ist es kein Wunder, dass die „Frau Doktor“ ihrer Umgebung mit zorniger Überheblichkeit begegnet. Verschont bleiben davon nur ihre Patienten, denen ihre ganze Aufmerksamkeit gilt. Die Töchter hingegen erleben den Alltag als Abfolge von Worttiraden gegen alles und jeden in einer Welt, vor der sie um jeden Preis ferngehalten werden müssen. Weiterlesen »