Helle und der Tote im Tivoli

Heute erscheint bei Atlantik Helle und der Tote im Tivoli. Ich durfte den Krimi von Judith Arendt schon lesen und danke dem Hoffmann und Campe Verlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.

Helle Jespers leitet die Polizeistation in Skagen, dem ‚letzen Ort vor dem Meer‘ am nördlichsten Zipfel Dänemarks, wo nur selten etwas Aufregendes passiert. Doch dann kommt die Meldung, dass Gunnar Larsen, der ehemalige Direktor des nahegelegenen Gymnasiums, grausam zugerichtet und mit einem kandierten Apfel im Mund auf einem Kinderkarussell im Vergnügungspark Tivoli in Kopenhagen aufgefunden wurde.  Sören Gudmund, der Leiter der dortigen Mordkommission, gibt Helle klar zu verstehen, sie solle sich lieber weiterhin um Falschparker und Ladendiebe kümmern, aber die Polizistin lässt sich nicht abschütteln und beginnt, die zunächst sehr spärlichen Spuren zu verfolgen. Als ein zweiter Mord passiert, erkennt sie nach und nach die Zusammenhänge.

Meine Meinung: Helle Jespers ist keine bildschöne Athletin mit untrügerischem kriminalistischem Spürsinn, die Miss Marple und Lara Croft gleichermaßen vor Neid erblassen lassen würde, und auch keine von Alpträumen geplagte einsame Kämpferin mit kaputtem Privatleben, deren Aktionen im wirklichen Leben längst die Dienstaufsichtsbehörde auf den Plan gerufen hätten. Stattdessen schildert Judith Arendt eine kluge, sympathische Durchschnittsfrau, die einen hoffentlich frei erfundenen, aber durchaus glaubwürdigen Kriminalfall in einem realistischen Setting löst. Die Titelheldin lebt zwar in einem Bilderbuchhaus direkt am Meer und hat einen  Bilderbuchehemann, aber ansonsten ist ihr Leben eher mau: zu viel Speck um die Hüften und zu wenige berufliche Perspektiven, gelegentlich zu viel Rotwein und meistens zu wenig Sex. Der Mord am ehemaligen Gymnasialdirektor ihrer Kinder ist die erste Herausforderung seit langem, und Helle meistert diese, auch wenn sie dabei emotional und körperlich Federn lassen muss. Dabei gibt es keine an den Haaren herbeigezogenen Dialoge und unglaubwürdigen Zufälle, stattdessen solide Polizeiarbeit und Bezüge zur politischen und sozialen Realität im Jahr 2018. Nur ganz zum Schluss schaltet Helle und mit ihr der gesamte Polizeiapparat das Hirn aus, aber das sei ihnen im Interesse eines dramatischen Finales verziehen. Etwas zu bedeutungsschwer haben auf mich die kurzen Kapitel gewirkt, in denen der offensichtlich psychisch schwer gestörte Täter zu Wort kommt, aber auch das hat dazu beigetragen, dass der Krimi interessant und spannend und die Geschichte gleichzeitig nachvollziehbar blieb.  

Der deutschen Autorin gelingt es, Skandinavienfeeling zu vermitteln, auch wenn ich, da ich Dänemark nicht kenne, schwer beurteilen kann, wie authentisch ihre Darstellung ist. Das Thema, um das es geht, ist zu ernst und die Morde sind zu grausam, um eine humorvolle Story daraus zu machen, und aus den gleichen Gründen fällt der erste Fall für Kommissarin Jespers für mich auch nicht in die Kategorie Cosy Crime. Gleichzeitig ist das Umfeld der Kommissarin, einschließlich Hund mit Alterswehwehchen und Ehemann mit Wikingerbart, ‚hyggelig‘ genug, damit ich für einen zweiten Fall der Ermittlerin gerne wieder in ihre Welt zurückkehren werde. 

Judith Arendt, Helle und der Tote im Tivoli – Der erste Fall für Kommissarin Jespers. Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 2018. 287 Seiten.

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Deutscher Buchpreis – Die Shortlist

Da ich von den 20 Büchern der Longlist des Deutschen Buchpreises nur 2 gelesen habe, darf ich mich natürlich nicht wundern, wenn auf der Shortlist dann nur mehr mir unbekannte Romane zu finden sind, aber ein bisschen enttäuscht bin ich doch. Arno Geigers Unter der Drachenwand hat mir so gut gefallen, dass ich dem Buch ausgezeichnete Chancen gegeben hatte, aber offensichtlich hat sich die Jury doch den nicht ganz so Begeisterten angeschlossen. Bei Sören Heim findet sich eine mögliche Erklärung fürs Nicht-Weiterkommen.

Der Siegertitel wird am 8. Oktober bekanntgegeben. Bis dahin werde ich es wohl nicht schaffen, auch nur einen der nominierten Titel zu lesen, daher hier die Shortlist mit Links zu Besprechungen meiner Blogger-Kolleginnen.

Maria Cecilia Barbetta, Nachtleuchten

Maxim Biller, Sechs Koffer

Nino Haratischwili, Die Katze und der General

Inger-Maria Mahlke, Archipel auch hier besprochen.

Susanne Röckel, Der Vogelgott

Stephan Thome, Gott der Barbaren

Die nächsten Titel auf meiner Leseliste: Der Krimi Helle und der Tote im Tivoli von Judith Arendt (erscheint am 15. September), Mareike Fallwickels Romandebüt Dunkelgrün fast schwarz, das es auf die Longlist der Österreichischen Buchpreises 2018 geschafft hat, und endlich Unterleuten von Julie Zeh.

Beitragsbild (c) Christina Weiß, Quelle: http://www.deutscher-buchpreis.de

Österreichischer Buchpreis – Die Longlist

Heute wurde das Ergebnis der ersten Runde des Österreichischen Buchpreises 2018 veröffentlicht. Von insgesamt 150 eingereichten Titeln wurden 10 für die Longlist 2018 und 3 für die Shortlist Debüt ausgewählt. Aus weiblicher Sicht ist die Liste etwas enttäuschend, da unter den Nominierten insgesamt nur fünf Autorinnen  sind. Das heißt aber nicht, dass die Liste nicht durchwegs interessant wäre. Hier alle nominierten Titel:

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Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz (Frankfurter Verlagsanstalt)
Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie (Verlag Klaus Wagenbach)
Arno Geiger: Unter der Drachenwand (Carl Hanser Verlag)
Gerhard Jäger: All die Nacht über uns (Picus Verlag)
Hanno Millesi: Die vier Weltteile (Edition Atelier)
Margit Schreiner: Kein Platz mehr (Schöffling & Co.)
Robert Seethaler: Das Feld (Hanser Berlin)
Heinrich Steinfest: Die Büglerin (Piper Verlag)
Josef Winkler: Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe (Suhrkamp)
Daniel Wisser: Königin der Berge (Jung und Jung)

Ich kenne bisher nur Unter der Drachenwand, die Geschichte einer Beziehung zwischen einem Soldaten auf Genesungsurlaub kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs und einer Deutschen, die es wie ihn an den Mondsee verschlagen hat. Für mich einer der besten Romane, die ich je gelesen habe, daher naturgemäß ein Anwärter auf den Sieg.

Nicht allzu weit vom Mondsee entfernt, nämlich in Hallein, spielt Dunkelgrün fast schwarz. ‚Ein großartiges Buch‘ nennt Andrea von Lesen… in vollen Zügen Mareike Fallwickels Debütroman und auch Bookster HRO zeigt sich begeistert.

Auf dem grauen Sofa liefert Claudia eine ausführliche Besprechung von Milena Michiko Flašars Herr Katō spielt Familie, der eher deprimierenden Geschichte eines Mannes, der sich auch nach der Pensionierung seine Träume nicht verwirklichen kann.

Die dritte Autorin, die es auf die Longlist geschafft hat, ist Margit Schreiner mit Kein Platz mehr. Ein Roman, dessen Thema der Mangel an Platz in unserer Wohlstandsgesellschaft ist. Ich denke, den werde ich auslassen.

Neben der Longlist wurde heute auch die Shortlist für die Kategorie Debütroman veröffentlicht. Erfreulicherweise gehen hier zwei der drei Nominierungen an Frauen:

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Ljuba Arnautović: Im Verborgenen (Picus Verlag)
David Fuchs: Bevor wir verschwinden (Haymon Verlag)
Marie Gamillscheg: Alles was glänzt (Luchterhand Literaturverlag)

Bei Ljuba Arnautović sticht zunächst einmal die Biographie hervor: 1954 in Russland geboren, aufgewachsen zwischen österreichischem Vater und russischer Mutter, Leben in Wien, München und Moskau, Tätigkeit als Übersetzerin, Journalistin und Autorin. Das Leben zwischen zwei Welten in politisch unruhigen Zeiten spiegelt sich auch in ihrem Debütroman wieder, der von Genovefa erzählt: Sie versteckt 1944 in ihrer Wiener Wohnung Menschen, während sich ihre Söhne in der UdSSR und ihr Mann in Australien befinden.

Marie Gamillscheg erzählt in Alles was glänzt vom Leben in einem Dorf, in dessen Bergwerksstollen es rumort. Klingt interessant genug, um es zumindest auf die Wunschliste zu setzen.

 

Launen der Zeit

In ihrem jüngsten Roman Launen der Zeit (Clock Dance) erzählt Anne Tyler  vier Episoden aus dem Leben ihrer Hauptperson:

1967: Wenn Willa Drake nach Hause kommt, weiß sie nie, was sie erwartet. Ihre Mutter Alice ist die hübscheste, lebendigste und klügste Mutter in ihrer Schule, aber manchmal ist sie wie ausgewechselt, zornig und unbeherrscht. Ihr Vater Melvin hingegen ist die Geduld in Person und liebt seine Frau und seine Töchter vorbehaltlos.Weiterlesen »

Bullshit Bingo – Wie das Leben so spielt

BULLSHIT BINGOMarie und Moritz sind nicht nur ein Paar, sie arbeiten auch in der selben Firma, und öde Besprechungen verkürzen sie sich mit Bullshit Bingo – „von A wie Arbeitszeiterfassungs-software bis Z wie Zielgruppen-segmentierung.“ (S.7)Doch dann findet Moritz heraus, dass Marie doch die Pille nimmt, und ihr erster Streit ist auch ihr letzter. Dass Maries beste Freundin Elisa gerade im Babyglück schwelgt, macht die Vorstellung, eine eigene Familie zu gründen, für Marie auch nicht attraktiver, vor allem, weil sie deren Ehe mit dem affigen Gynäkologen Johannes sehr skeptisch gegenüber steht.

Dann beginnt das Leben zu spielen, wie der Untertitel des Romans es ankündigt. Weiterlesen »

Der zweite Reiter

Alex Beer

Der aus dem Krieg mit einem Granatsplitter im Bein heimgekehrte Rayonsinspektor August Emmerich ist alles andere als erfreut, als ihm Ferdinand Winter, ein zartbesaiteter verarmter Adeliger, als Assistent zugeteilt wird, und er lässt den jungen Kollegen das auch spüren. Die beiden machen sich ohne großen Enthusiasmus daran, gegen einen Schwarzhändlerring zu ermitteln und entdecken dabei durch Zufall im Wienerwald die Leiche eines Kriegsheimkehrers, der davon geträumt hatte, nach Brasilien auszuwandern. Der Tote hat eine Schusswunde, die Pistole liegt daneben. Der Pathologe vermutet Selbstmord, aber Emmerich glaubt an Mord und ermittelt gegen die ausdrückliche Anordnung seines Vorgesetzten in diese Richtung weiter. Als eine zweite Leiche auftaucht und sich herausstellt, dass sich  beide  Männer kurz vor ihrem Tod getroffen hatten, sieht Emmerich den Fall als Chance, sich zu profilieren, und lässt nicht mehr locker.

‚Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.‘

Dieses Zitat von Martin Kessel stellt Alex Beer dem ersten Krimi um August Emmerich voran. Weiterlesen »

Deutscher Buchpreis 2018

Buchpreis 2018 longlistSoeben hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Longlist für den Deutschen Buchpreis veröffentlicht, und einige, die als Fixstarter gehandelt worden sind, fehlen auf der Liste, beispielsweise Kristine Bilkau mit Eine Liebe, in Gedanken, die auch ich sehr gerne dabeigehabt hätte, oder Junger Mann, der für September angekündigte neue Wolf Haas. Für mich als Wolf Haas-Fan natürlich eine Enttäuschung, aber aus weiblicher Sicht kann ich mit der Longlist zufrieden sein, denn während 2017 nur sieben von  20 Nominierten  Autorinnen waren, finden sich heuer immerhin 11 SchriftstellerINNEN auf der Liste.

Hier die Longlist 2018 mit Links zu Besprechungen:Weiterlesen »

Die Frau im hellblauen Kleid

Volkstheater bühneneingang
Bühneneingang, Volkstheater, Wien

Die Frau im hellblauen Kleid ist Käthe Schlögel, Tochter eines Wiener Gemüsehändlers. Sie wohnt ganz in der Nähe des Theaters in der Josefstadt, beginnt ihre Karriere gegen den Widerstand der Eltern am Volkstheater und feiert in Prag und Berlin große Erfolge. Als Bühnen- und Filmstar begründet sie  so eine Schauspieler*innendynastie. Wenn dieser Begriff fällt, denke ich sofort an die Familie Hörbiger/Wessely und ihre Nachfahren. Aus diesem Grund habe ich beim Lesen vom ersten Kapitel an nach Parallelen Ausschau gehalten, und die gibt es durchaus: Im richtigen Leben wie im Roman beginnt der Erfolg in der Zwischenkriegszeit und setzt sich über vier Generationen bis in die Gegenwart fort. Damit ist es unvermeidlich, dass die erste Generation sich mit dem Naziregime und den Auswirkungen seiner Politik konfrontiert sieht und die nachfolgenden Generationen sich damit abmühen müssen, unangenehme Fragen zu beantworten und das aufzuarbeiten, was schiefgegangen ist. So erging es auch der Familie von Paula Wessely, deren Name im Roman auch tatsächlich erwähnt wird; aber die Art, wie das geschieht, macht deutlich, dass der Roman von Beate Maxian eben keine fiktionalisierte Familienbiographie ist, sondern seine eigene Geschichte erzählt.  Vera Altmann, als Schauspielerin weit weniger erfolgreich als ihre Mutter Marianne und ihre Großmutter Käthe, möchte eine TV-Dokumentation über ihre Familie drehen und liefert damit den Anstoß dafür, dass all das auf den Tisch kommt, worüber bisher nicht gesprochen wurde.Weiterlesen »

Zurück aus Irland

Version 2Wie im letzten Beitrag angekündigt, habe ich mich auf meiner Reise nach Irland nicht nur auf die Spuren bekannter, sondern auch auf die Suche nach „neuen“ Autorinnen gemacht. Ich bin fündig geworden, wenn auch etwas anders als erwartet. Zunächst habe ich mich in einer Filiale der Buchhandelskette Eason in Galway umgesehen. Dort stehen vor allem Taschenbücher in den Regalen, daneben gibt es auch eine gut sortierte Schreibwarenabteilung. In der ChickLit-Abteilung war ein für mich neuer Name an prominenter Stelle vertreten: Emma Hannigan. Ihr erst im Frühjahr 2018 erschienener jüngster Roman Letters to my Daughters wird leider auch ihr letzter bleiben, denn sie ist im März dieses Jahres an Krebs gestorben. Emma Hannigan war nicht nur Romanschriftstellerin, sie hat ihre Gedanken ab 2010 auch auf ihrem Blog geteilt und dabei ihren Kampf gegen die Krankheit und vor allem ihren unnachgiebigen Optimismus dokumentiert.Weiterlesen »

ChickLit-Ferien

1. Juli, das klingt nach Sommerferien,  Sonne, Meer und – ChickLit. Keine Zeit im Jahr ist besser dazu geeignet, die eigene Seele baumeln zu lassen, indem man sich in das Seelenleben fiktiver Geschlechtsgenossinnen vertieft und mit diesen lacht, weint, hofft, bangt, trauert und feiert. Da ich die Sonne und das Meer, nicht aber die Hitze liebe, habe ich mir heuer wieder ein Reiseziel ausgesucht, das nicht nur für mich ideale klimatische Bedingungen bietet (wenn stören schon Regenschauer und 18°C Außentemperatur), sondern auch das Land ist, in dem ChickLit mit-erfunden wurde: Viele der erfolgreichsten ChickLit-Autorinnen kommen aus Irland, das auch sonst nicht arm an literarischen Größen ist.Weiterlesen »