Die Penelopiade

IMG_1017Die Geschichte des Trojanischen Krieges, seine Ursachen und seine Folgen kann man auf verschiedene Art erfahren: bei Homer in der Ilias und der Odyssee (zweimal 24 Gesänge, insgesamt etwa 900 Seiten), in einer der zahlreichen Jugendausgaben von Homers Epen, beispielsweise in Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums (viele kurze Kapitel, ca. 400 Seiten über Ilias und die Odyssee) oder mündlich nacherzählt vom Vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier (eine CD einer mehrteiligen Hörbuchsammlung der Sagen des Klassischen Altertums).

Man kann sich die Geschichte aber auch von Penelope, der Frau des Odysseus, erzählen lassen. Sie verbringt ihre Zeit in Margaret Atwoods Penelopiade seit gut 3000 Jahren damit, sich in der Unterwelt zu langweilen, und bei ihr kommen weder Odysseus und die anderen Helden, noch Helena, deretwegen der ganze Schlamassel begonnen hatte, besonders gut weg. Penelope wurde als 15jähriges Mädchen mit dem ihr bis dahin fremden Odysseus verheiratet, und der ließ sie nur ein Jahr später in der Obhut seiner Mutter und seiner Amme zurück, um in den Krieg zu ziehen. Während alle anderen Helden 10 Jahre später nach erfolgreicher Eroberung Trojas in ihre griechische Heimat zurückkehrten, musste sich Penelope noch ein weiteres Jahrzehnt in Geduld und Keuschheit üben. In ihren Bericht über 20 Jahre als alleinerziehende Mutter, die nicht nur eine Schwiegermutter, sondern auch eine ganze Schar ungebetener Verehrer am Hals hat, lässt sie auch die eine oder andere Spitze gegen den Lebensstil im 21. Jahrhundert einfließen, und im Gegensatz zu Homer bietet Margaret Atwood eine plausible Erklärung dafür an, weshalb 12 Mägde nach der Rückkehr des Hausherren umgehend sterben mussten.

Die Stimmen dieser 12 gehenkten Mädchen begleiten und ergänzen Penelopes Monolog, wie das ein Chor in Griechischen Tragödien zu tun pflegt, und bieten damit eine Umrahmung, die zum Verständnis zwar nicht notwendig ist, aber als formales Stilmittel seine Wirkung erreicht. Wer mit dem Trojanischen Sagenkreis ein wenig vertraut ist wird sich über die eine oder andere Anspielung der Autorin zusätzlich amüsieren können, allen anderen erschließt sich die Geschichte auch ohne dieses Vorwissen.

Eine weitere zu Recht begeisterte Besprechung des Romans findet Ihr in der netten Bücherkiste.

Margaret Atwood, The Penelopiad: The Story of Penelope and Odysseus. Canongate Books Ltd. 2006, 199 Seiten.

In deutscher Übersetzung von Malte Friedrich: Die Penelopiade. Berlin Verlag 2005, 173 Seiten. Nur antiquarisch erhältlich.

 

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