Scarlett & Rhett

Vom Winde verweht stand bis vor kurzem ganz weit unten auf meiner Leseliste. Ein 1000-Seiten-Schinken mit einer durch die Verfilmung hinreichend bekannten Lovestory in einer durch Rassismus und lächerliche Moralvorstellungen geprägten High Society? – Nein danke! Dass der Roman 1937 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde und ich ihn auf Platz 21 der 100-Bücher-die-man-unbedingt-lesen-muss-Liste der BBC  entdeckte, von denen viele ganz bestimmt noch in diesem Blog behandelt werden, hat mich dann doch neugierig gemacht, also besorgte ich mir das englische Original.

Die erste positive Überraschung war das Vorwort von Pat Conroy, dem Autor von Herr der Gezeiten, einem meiner Lieblingsbücher. Nicht ohne Ironie nennt Conroy Margaret Mitchells Roman die „Illias“ der Amerikanischen Südstaaten, einen Gesang auf eine untergegangene Welt, und den letzten posthumen Sieg der Konföderierten. Es sei ein Kriegsbericht, ein historischer Liebesroman,  ein Sittenbild, eine bittere Anklage, ein Schmerzensschrei und ein langer, kaltherziger Blick auf eine liebreizende machtbesessene Südstaatenschönheit. Dieser Charakterisierung  würde ich noch  „eine  Lektion in nordamerikanischer Geschichte“ hinzufügen. Es steht außer Zweifel, dass diese Lektion aus einem sehr subjektiven Blickwinkel erfolgt und vor allem die Sklaverei so verharmlosend darstellt als wäre sie ein Akt christlicher Nächstenliebe gewesen. Aber in dem Buch erfährt man, mit welcher Motivation und Erwartungshaltung die Südstaatler in den Krieg zogen, wer General Lee und was Gettysburg war und dass es für die Nachwirkungen eines Krieges nicht unbedingt einen Unterschied macht, ob die Guten oder die Bösen gewonnen haben. Geschichte wird, so sagt man, von den Siegern geschrieben. Hier wird sie von einer unmittelbaren Nachkommin der Verlierer dokumentiert, und die versteht ihr literarisches Handwerk. Sie ermöglicht es ihren Leser_innen, einen zwar einseitigen, aber schonungslosen  Blick auf die Geschehnisse zu werfen und so beim Lesen die nötige kritische Distanz zu wahren, ohne dass die Geschichte der Beziehung zwischen Scarlett O’Harra und Rhett Butler ihre Faszination verliert.

Margaret Mitchell stammte aus einer wohlhabenden, politisch sehr aktiven Familie und verbrachte ihr ganzes Leben in Atlanta.  Ihre Mutter kämpfte für das Frauenwahlrecht, ihr Vater setzte die Abschaffung der Prügelstrafe in Schulen durch und sie selbst wurde nach der Veröffentlichung ihres Erfolges das, was man heute wohl als Charity-Lady bezeichnen würde. Sie hatte irische Vorfahren, ihr Urgroßvater mütterlicherseits war der Besitzer einer Plantage, die dem Tara des Romans  sicher sehr ähnlich war. Ihre Großmutter mütterlicherseits war Augenzeugin des Bürgerkriegs und seiner Auswirkungen auf Atlanta, und wenn man mit Scarlett O’Harra Bälle besucht, nach Savannah reist und sich durch Kriegswirren kämpft, hört man diese Großmutter förmlich erzählen.

Obwohl der Ausgang der Geschichte durch den Film bekannt ist, hat mich das Buch keine Sekunde gelangweilt, nur die  Dialoge im nicht ganz leicht verständlichen Dialekt der Sklaven waren im englischen Original eine gewisse Herausforderung. Alle Charaktere werden so portraitiert, dass sie glaubhaft, lebendig und emotional berührend bleiben, auch wenn ihr Verhalten und ihre Sichtweisen ethischen Standards nicht auch nur annähernd standhalten, und sie sagen und tun Überraschendes, auch wenn das Vorhersehbare passiert.

Ein Gedanke zu “Scarlett & Rhett

  1. […] Das Jahr 2017 war für mich sehr spannend: Ich habe so richtig mit dem Bloggen losgelegt, dabei viel gelernt und viele interessante Kontakte geknüpft. Zwar habe ich nicht annähernd so viele  Bücher gelesen und besprochen, wie ich mir das vorgenommen hatte, aber was soll’s: Tomorrow is another … year (Copyright Scarlett O’Harra). […]

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