River

Während die kanadische Journalistin Natalie aus Vancouver in ihre Heimatstadt fährt, wo ihre Mutter Nettie im Sterben liegt, erinnert sie sich an die Ereignisse, die ihrer Familie fast 35 Jahre zuvor nicht nur im übertragenen Sinn tiefe Narben zugefügt haben. Im Sommer 1966 hatte Nettie den jungen Vietnamkriegsverweigerer River Jordan als Hilfskraft für die Farm der Wards nahe der Grenze zu den Vereinigten Staaten engagiert, damit nicht noch einer ihrer Söhne die Schule verlassen muss, um wie ihr Ältester, Boyer, Kühe zu melken anstatt zur Universität zu gehen. Innerhalb kurzer Zeit wurde der sanfte Hippie, der trotzdem zupacken konnte, zu einem von allen geschätzten Mitglied dieser Familie.  Donna Milners Roman, der auf Deutsch unter dem Titel River erschienen ist, heißt im englischen Original After River, und aus den Gedanken und Erinnerungen, denen Natalie auf der Busfahrt nach Atwood nachhängt, wird schnell klar, dass es in der Familie ein „Vor River“ in liebevollem Miteinander und ein von nie angesprochenen Verletzungen und Schuldgefühlen geprägtes „Nach River“ gegeben hat, das bis in die Gegenwart andauert.

Eines der Hauptmotive des Romans sind Geheimnisse und ihre Zerstörungskraft für Familien. In der Familie Ward gibt es jede Menge davon, und man könnte der Autorin den Vorwurf machen, dass sie ziemlich dick aufträgt, aber trotzdem oder vielleicht genau deshalb hat mich der Roman auch beim zweiten und dritten Mal Lesen tief berührt. Als Natalie den Bus nach Atwood besteigt kennt sie viele, aber nicht alle der Geheimnisse, und gemeinsam mit den Leser_innen erfährt sie das, was sie noch wissen muss, um sich selbst besser zu verstehen.

Ein zweites Thema, das der Autorin so am Herzen liegt, dass sie es durch einen Epilog nochmals herausstreicht, sind die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen und insbesondere die „Drückeberger“ (im Englischen „draft dodger“), die jungen Männer, die in den 60er- und 70er-Jahren über die Grenze nach Kanada flüchteten, um der Einberufung nach Vietnam zu entgehen. Die große Katastrophe auf der Farm der Wards nimmt am 8. Juni 1968 ihren Lauf, zwei Tage nach der Ermordung Robert Kennedys, von dem River gehofft hatte, er würde den Krieg beenden, der dann noch bis 1975 dauern sollte.

Der Roman ist nicht nur eine tragisch-romantische Familiensaga, er fängt auch mit einem schonungslosen und doch liebevollen Blick auf die gesellschaftlichen Normen und Einschränkungen die Stimmung ein, die der Begriff 60er-Jahre und der Name Kennedy bis heute hervorrufen können.

Donna Milner: After River. Quercus Publishing Plc 2008, 358 Seiten.

Ins Deutsche übersetzt von Sylvia Hofer: River. Piper 2010, 397 Seiten. 

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