Maikäfer flieg!

Die soeben im österreichischen Fernsehen gezeigte Verfilmung des Romans Maikäfer flieg! von Christine Nöstlinger hat mich dazu veranlasst,  das Buch nach langem wieder zur Hand zu nehmen und beides zu vergleichen. Mein Fazit: Eine sehr gelungene Umsetzung eines beeindruckenden Zeitdokuments, das sich als unprätentiöser Jugendroman präsentiert.

 

Maikäfer flieg!

Der Vater ist im  Krieg,

die Mutter ist im Pulverland,

Pulverland ist abgebrannt.

Maikäfer flieg. (*)

Diesen Kinderreim, der den Titel für Christine Nöstlingers Erlebnisbericht über die letzten Kriegstage in Wien liefert, konnte im Erscheinungsjahr 1973 anders als heute jedes Kind mitsingen, aber der Inhalt der Worte war auch für die in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren Geborenen schon ganz weit weg. Daher weist die Autorin in der Einleitung ihres Buches darauf hin, die Väter in ihrer Geschichte seien tatsächlich im Krieg gewesen, während sich die Mütter und mit ihnen die Kinder im abgebrannten Pulverland befunden hätten. Dann beginnt sie, ihre „Pulverlandgeschichte“ zu erzählen:

Die 8-jährige Christl lebt mit ihrer Mutter, ihrer älteren Schwester und ihren Großeltern in einem zweistöckigen Haus im Wiener Außenbezirk Hernals. Ihr Vater wurde in Russland schwer verletzt und ist deshalb auf Heimaturlaub, muss aber jeden Abend ins Lazarett einrücken. An eine Zeit ohne Krieg kann Christine sich nicht erinnern. In der Vorbemerkung zum 1981 erschienen Roman Zwei Wochen im Mai,  einer Art Fortsetzung von Maikäfer, flieg!, schreibt Nöstlinger:

Den Krieg hatte ich gut gekannt, im Krieg hatte ich mich ausgekannt. Den Frieden musste ich erst lernen,…

Aber Anfang 1945 ist alles noch so, wie Christine es immer schon kennt. Sie weiß ganz genau, was zum Überleben wichtig ist: dass das Haus einen großen und schönen Keller hat – wegen der Bomben – und dass die Großmutter, wenn sie wieder einmal aus Zorn über die verfaulten Erdäpfel auf den Gauleiter und auf Hitler schimpft, bei Bombenalarm keinesfalls mit den anderen Bewohnern in diesen Keller gehen darf – wegen der Frau Brunner aus dem ersten Stock, die immer mit „Heil Hitler“ grüßt.  In diesem Jahr kommt der Frühling sehr zeitig, und alle sind froh darüber, weil es kein Brennmaterial mehr gibt. Mit dem warmen Wetter kommen aber auch die Luftangriffe und zerstören die Wohnung der Familie. Daraufhin nimmt Christines Mutter das Angebot an, mit den beiden Töchtern auf eine Sommervilla im vornehmen Stadtteil Neuwaldegg aufzupassen, deren Besitzerin sich selbst nach Tirol in Sicherheit bringen möchte. Der Vater kommt ebenfalls mit. Er hat unerlaubt den Zug verlassen, mit dem das Lazarett nach Deutschland verlegt werden sollte, und Christine kennt sich auch mit solchen Dingen aus: Er ist desertiert und kann für seine Flucht jederzeit ohne Gerichtsverfahren hingerichtet werden. Einige Wochen nachdem die Familie in die Villa eingezogen ist, wird diese von einem russischen Major und seinen Männern requiriert, und von nun an lebt die Familie mit den Soldaten unter einem Dach. Während es ihrem Vater gelingt, die fremden Soldaten davon zu überzeugen, dass er kein Soldat und schon gar kein Nazi ist und die Schwiegertochter der Villenbesitzerin sich in den Major verliebt, freundet sich Christine mit Cohn, dem Koch der Truppe, an, der ‚nach Gemüsesuppe und Speck und Tabak und Schweiß‘ riecht und ihr von Leningrad erzählt, und den sie liebt, weil nichts an ihm Krieg ist.

Die Autorin erzählt die Geschichte in einer subjektiv beschreibenden, leicht verständlichen Sprache. Aber wenn der Roman als Jugendbuch erschienen ist, war das wohl weniger eine Frage des Schreibstils als eine Frage des Erscheinungsjahrs. Erwachsenen musste man 1973 noch nicht vom Krieg erzählen, die meisten von ihnen hatten ihn selbst erlebt. Jugendliche waren also das logische Zielpublikum. In der Zwischenzeit ist das Buch mit diesem Zielpublikum gemeinsam erwachsen geworden und für alle lesenswert, die sich für Zeitgeschichte oder einfach nur für gute Bücher interessieren. Christine Nöstlinger hat die Fähigkeit, die real existierende Welt auf spannende und humorvolle Weise, aber ungeschönt zu schildern, und sie hat so etwas wie ein fotografisches Gedächtnis, das es ihr auch Jahrzehnte später noch ermöglicht, die Welt so zu schildern, wie eine wache, intelligente 8-Jährige sie wahrnehmen konnte. Und auch wenn das Buch nicht als Tatsachenbericht, sondern als Roman veröffentlich wurde, was aufgrund der zeitlichen Nähe zu den geschilderten Geschehnissen möglicherweise rechtliche Gründe hatte, ist doch davon auszugehen, dass die Geschichte sich ähnlich wie beschrieben zugetragen hat: In ihren 2013 erschienen Erinnerungen Glück ist was für Augenblicke widmet die Autorin der Zeit um 1945 zwei Kapitel, und darin findet sich nichts, was zu den im Roman geschilderten Ereignissen im Widerspruch steht.

Christine Nöstlinger, Maikäfer flieg! Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich. Roman (Gulliver 475), 2011. 228 Seiten.

Christine Nöstlinger, Glück ist was für Augenblicke. Erinnerungen. Residenzverlag, 2013. 252 Seiten.

Maikäfer flieg – Edition ‚Der österreichische Film #284‘, 2017, mit Zita Gaier, Ursula Strauss, Regie: Mirjam Unger, 105 min. 

(*) Anmerkung: Ein Bericht über die Suche nach den Wurzeln des Liedes mit interessanten Einblicken in die geschichtlichen und psychologischen Hintergründe findet sich im Archiv der FAZ.

 

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