Das weiße Feld

IMG_0638Das weiße Feld von Lenka Hornáková-Civade erzählt von vier Frauen: Marie, deren Tochter Magdalena, der Enkelin Libuce und der Urenkelin Eva. Geschildert werden die Ereignisse in drei Teilen, jeweils aus der Perspektive von einer der drei Jüngeren, die eines gemeinsam haben: Sie sind unehelich geboren, und das ist in dem kleinen mährischen Ort, in dem sie leben, ein schwerer Makel. Marie war mit der 1929 in Wien geborenen Magdalena in die Tschechoslowakei zurückgekehrt, nachdem der Arzt, bei dem sie gearbeitet hatte, mit seiner Familie vor den Nazis geflohen war. Sie hatte gewusst, wie sie sich für ihr neues Leben in ihrem Heimatdorf wappnen musste:

Während der Zug uns einem entlegenen Dorf näher brachte, löste meine Mutter ihr kunstvolle, elegante Frisur. Sie fuhr mit den Händen durch ihren blonden Haarschopf, ließ ihre Haare frei auf Schultern und Rücken fallen. Sie warf den Kopf zurück und verharrte einige Augenblicke unbeweglich. Mit geschlossenen Augen. Ich erinnere mich ganz genau. Sie atmete tief. Anschließend griff sie alle ihre Haare mit einer entschlossenen und zielsicheren Bewegung, glättete sie und schlang sie zu einem strengen Knoten. Sie setzte sich das Kopftuch auf, das ich vorher nie an ihr gesehen hatte.

Magdalena verbringt den zweiten Weltkrieg in relativer Sicherheit und Abgeschiedenheit als Magd auf dem Gutshof der deutschstämmigen Familie Feldmann. Nach dem Krieg müssen die Feldmanns die Tschechoslowakei aufgrund der Benes-Dekrete verlassen, Magdalena bleibt mit ihrer Tochter Libuce zurück. 1968, zur Zeit des Prager Frühlings, ist diese eine junge Frau, und auch sie bekommt eine uneheliche Tochter. Als diese Tochter, Eva, gerade erwachsen geworden ist, fällt 1989 der Eiserne Vorhang, und der Westen, den Marie und Magdalena ein halbes Jahrhundert zuvor verlassen hatten, rückt endlich wieder in erreichbare Nähe.

Meine Meinung: Ich mag Bücher, die persönliche Lebensgeschichten vor dem Hintergrund geschichtlicher Ereignisse erzählen, vorausgesetzt, diese sind realistisch dargestellt, und das ist hier der Fall. Lenka Hornáková-Civade lebt zwar in Frankreich und hat den Roman auf Französisch geschrieben, aber sie ist hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen, und im Nachwort sagt sie selbst, es handle sich zwar um keine Autobiographie, aber der Roman erzähle auch von ihr. 

Eine Geschichte über uneheliche Kinder ist immer auch eine Geschichte über Patchworkfamilien, auch wenn dieser Begriff so gar nicht zur Atmosphäre des Romans passt. Marie, Magdalena und Libuce heiraten und bekommen noch weitere Kinder. Die Ehemänner kommen im Roman allesamt nicht gut weg, und für mich war es schwer, als Leserin mitansehen, was die Frauen sich alles gefallen lassen und was sie vor allem auch ihren Töchtern abverlangen. Marie und Magdalena betonen immer wieder, wie wichtig die Freiheit sei, aber das, was sie als Freiheit bezeichnen, ist in meinem Verständnis nur die Fähigkeit, viel zu ertragen und nicht daran zu zerbrechen. Aus heutiger Perspektive wirkt das alles fast unverständlich, aber trotzdem hat mich das Buch sehr schnell gefangen genommen. Den Reiz hat für mich auch ausgemacht, dass die drei unehelichen Töchter als junge Mädchen und Frauen zu Wort kommen, die über ihre Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte berichten, während sie als Mütter  in den Erzählungen ihrer Töchter als pragmatisch, streng und unerbittlich   erscheinen.   Die Lebensgeschichten der Frauen sind dabei stimmig erzählt, sie folgen den unsichtbaren Mustern, die auch in der Realität häufig dafür sorgen, dass die nächste Generation das Leben der vorhergehenden nachspielt. Mein Fazit: Eine faszinierende und berührende Geschichte über eine Welt, die – hoffentlich – der Vergangenheit angehört. 

Eine weitere Rezension von Das weiße Feld findet ihr bei wurmsuchtbuch

Lenka Hornáková-Civade, Das weiße Feld. Aus dem Französischen von Hanna van Lack. Karl Blessing Verlag München, 2017. 272 Seiten. Ich danke dem Blessing-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Im französischen Original: Giboulées de Soleil. Alma Éditeur Paris, 2014. 

 

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