Meine geniale Freundin

Vorbemerkung: Die nachstehende Besprechung enthält Hinweise auf den Plot und den Ausgang des Romans. Dieser war auch mir beim Anhören des Hörbuchs bereits bekannt, aber das hat meine Freude an dem Buch in keiner Weise beeinträchtigt. Wer jedoch sicher gehen möchte, sollte lieber nicht weiterlesen.

IMG_0978.jpgObwohl mich der vierte Teil von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga nur mittelmäßig begeistert hatte, wie im Beitrag zur Geschichte des verlorenen Kindes nachzulesen, war ich trotzdem auf den ersten Band neugierig, und daher besorgte ich mir die von Eva Mattes gelesene Hörbuchfassung von Meine geniale Freundin in der Städtischen Bücherei. Dieser erste Teil beginnt so, wie der letzte endet: Die erfolgreiche Schriftstellerin Elena Greco erhält einen Anruf von Gennaro, dem Sohn von Raffaella (Lila) Cerullo: Seine Mutter ist seit zwei Wochen spurlos verschwunden, so als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Zu dem Zeitpunkt, als dies geschieht, sind beide Frauen 66 Jahre alt und kennen sich schon ihr ganzes Leben. Elena weiß sofort, was es mit dem Verschwinden ihrer Freundin auf sich hat: Lila hat einen schon lange gehegten Plan in die Tat umgesetzt, nämlich den, sich aus der Welt zurückzuziehen, ohne auch nur ein Staubkörnchen von sich zu hinterlassen. Elena wundert sich nur wenig, denn sie kennt Lila besser als sonst jemand, aber sie findet, dass Lila wieder einmal übertreibt, und  sie fasst einen Entschluss:

Mal sehen, wer diesmal das letzte Wort behält, sagte ich mir. Ich schaltete den Computer ein und begann, unsere Geschichte aufzuschreiben, in allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist.

 Das Ergebnis sind die vier Bände der Neapolitanischen Saga.

Die Freundschaft der beiden Mädchen beginnt, als sie Anfang der 1950er-Jahre in die Grundschule des Rione, eines Armenviertels bei Neapel, kommen.  Schnell wird der Lehrerin, Maestra Oliviero, klar, dass die Mädchen, vor allem aber Lila, überdurchschnittlich begabt sind, und sie beginnt, die beiden zu fördern. Während Elenas Eltern zähneknirschend und unter finanziellen Opfern den Empfehlungen der Maestra folgen und ihre Tochter später in die Mittelschule und aufs Gymnasium schicken, bleibt Lila dieser Weg versperrt: Sie, die immer die mutigere und starrköpfigere von den beiden war, fügt sich nach einem kurzen Ausflug in eine berufsbildende Schule den Wünschen ihres Vaters und beginnt mit ihrem älteren Bruder Rino gemeinsam in der Schusterwerkstatt der Familie Schuhe zu reparieren. Hatte sie vorher die örtliche Bibliothek leergelesen und davon geträumt, mit Elena gemeinsam ein Buch wie Betty und ihre Schwestern zu schreiben und dadurch reich zu werden, setzt sie jetzt alle ihre Energien daran, durch das Anfertigen von Schuhen nach eigenen Entwürfen aus der bescheidenen Schusterwerkstatt der Familie eine erfolgreiche Schuhmanufaktur zu machen.

Meine Meinung: ‚Meine geniale Freundin‘ nennt Lila Elena, als sie sich im Alter von 16 Jahren gerade dabei ist, sich für ihre Hochzeit zurechtmacht, und sie nimmt Elena das Versprechen ab, zu studieren und das zu erreichen, was sie beide sich vorgenommen haben. Für mich ist das eine der traurigsten Szenen, die ich in einem Buch je gelesen habe, und die Aussage hat mich nicht nur traurig, sondern auch wütend gemacht.  Auf Bildung verzichten zu müssen, weil man aus einer armen Familie kommt oder ein Mädchen ist, etwas Ungerechteres kann ich mir nicht vorstellen! Elena ist klug und begabt, aber sie hat, nicht ganz zu unrecht, das Gefühl, dass sie es ohne Lilas Hilfe nicht schaffen kann. Gleichzeitig sieht sie einen inneren Zusammenhang zwischen ihrem Schicksal und dem ihrer Freundin:

‚Es war, als wäre die Freude oder der Schmerz der Einen wie durch einen bösen Zauber die Voraussetzung für den Schmerz oder die Freude der Anderen. Auch unser Äußeres schien diesem Auf und Ab zu unterliegen.‘

Lila versucht in einer Mischung aus Trotz und Schicksalsergebenheit, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Elena ist dabei eine genaue, schonungslose und ehrliche Beobachterin sowohl ihrer eigenen Entwicklung als auch der Entwicklung ihrer Freundin. Die Erzählerin ergeht sich aber nicht in endlosen psychologischen Analysen, sie beschränkt sich auf die Fakten und die knappe Beschreibung ihrer eigenen Gefühle. Die Interpretation dessen, was die Geschehnisse für die Mädchen bedeuten und was die Gründe für ihre Handlungen und Entscheidungen sind,  bleibt weitgehend den Leser*innen überlassen, und ich glaube, dass mich die Geschichte genau deshalb so berührt hat. Ein weiteres wichtiges Element sind für mich die rätselhaften Geschehnisse: das Verschwinden von Puppen, das am Anfang der Freundschaft steht, und Lilas Verschwinden im Alter von 66 Jahren. Sie bilden ein Gegengewicht zum betonten Realismus  und verleihen der Erzählung Magie, ohne sie ins Esoterische abgleiten zu lassen. Eva Mattes liefert dabei ein tolles Hörerlebnis, das der Geschichte vollkommen gerecht wird. 

Weitere Besprechungen des Romans findet ihr bei buchherz, bei BirthesLesezeit und bei den Büchertauben, und in der buchpost gibt es zusätzlich auch zahlreiche interessante Links zum Buch und zur Autorin.

Als Hörbuch: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger. Der Hörverlag 2016. 11h 43min.

In gedruckter Form: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. 422 Seiten.

 

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Vier Schwestern

IMG_0860Joanna King, das ist für Hörer*innen des österreichischen Radiosenders FM4 die angenehme Stimme, die die englischsprachigen Nachrichten präsentiert. Vor kurzem hat die aus Neuseeland stammende Journalistin, die auch für den Inhalt dieser Nachrichten verantwortlich zeichnet, ihren ersten Roman veröffentlicht.  Vier Schwestern, so der deutsche Titel ihres Debütromans Absence, treffen sich 18 Jahre nach der Scheidung ihrer Eltern  in Corniglia, einem Ort der Cinque Terre an der italienischen Riviera. Die Idee für das Treffen hatte Rose, die mit ihrem Ehemann Sam, einem erfolgreichen Architekten, in Florenz lebt. Jess, die Älteste, macht für zwei Wochen Urlaub von ihrer Karriere als Anwältin, ihrem Mann und ihrem 9jährigen Sohn in Neuseeland, und Ngaio, die Zweitälteste, ist gemeinsam mit ihrem Mann Haig ebenfalls aus Neuseeland angereist. Erzählt wird die Geschichte aus dem Blickwinkel der Jüngsten, einer in London lebenden Tänzerin, deren Namen wir nicht erfahren. Sie ist Rose immer schon besonders nahe gestanden, und daher weiß sie als Einzige der Schwestern über ein Ereignis aus der Zeit knapp nach der Scheidung der Eltern Bescheid, das Rose noch heute mit sich herumschleppt. Gleichzeitig ist Rose die Einzige, der die Jüngste von ihrem Verhältnis mit Adrian erzählt hat, einem verheirateten Mann mit Frau und Kind in London.

Als Rose nach der ersten gemeinsamen Urlaubswoche plötzlich spurlos verschwindet, sind die anderen zunächst bemüht, sich keine allzu großen Sorgen zu machen, aber nach einigen Stunden schlägt das Rätselraten doch in Panik um, und sie beschließen, mit Sam Kontakt aufzunehmen. Dieser lehnt es ab, die Polizei einzuschalten, und verspricht, von Florenz aus etwas in der Sache zu unternehmen und am nächsten Tag nach Corniglia zu kommen. Die Jüngste hat ihr Handy ständig in Griffweite: Einerseits wartet sie auf Nachricht von Rose, andererseits hofft sie auch, dass Adrian sich meldet.

Meine Meinung: Die Ausgangssituation von Vier Schwestern würde sich ebenso gut für einen unbeschwerten Frauenroman wie für einen Psychothriller eignen, aber der Autorin gelingt etwas anderes: Sie liefert ein Kammerspiel, das auch ein tiefgründiges Theaterstück  à la Tennessee Williams oder einen französischen Film mit Anklängen an Der Swimmingpool abgeben würde. Die Haupthandlung konzentriert sich auf zwei Orte der Cinque Terre und wenige Tage, mit einigen Rückblenden in Form von Erinnerungen der Erzählerin, die letzten Kapitel haben den Charakter eines Epilogs. Die Rivalitäten und kleinen Gehässigkeiten zwischen den Schwestern, die unterschiedlichen Wahrnehmungen der vier Töchter zur Scheidung der Eltern und die widersprüchlichen Beurteilungen der jeweiligen Partner der anderen erzeugen beim Lesen eine Atmosphäre, als würde man bei einer Familienfeier mit am Tisch sitzen, bei der dicke Luft herrscht. Die Runde weckt vielleicht unangenehme Erinnerungen an die eigene Familie, aber man ist fasziniert von der aufgestauten Energie, neugierig auf Geheimnisse aus der Vergangenheit und gespannt, wie es weitergeht. Dann klärt sich das Verschwinden von Rose plötzlich auf. Diese durchaus überraschende Wendung ist ein mit gekonntem literarischem Understatement gelieferter Twist. Dieser mischt die Karten vollkommen neu, sorgt aber nicht für mehr Harmonie, und das Spiel geht munter weiter. 

Ich durfte den Roman im englischen Original lesen, das bei uns nicht erhältlich ist, und möchte mich bei der Autorin für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar herzlich bedanken. 

Eine weitere Besprechung findet Ihr bei schonhalbelf.

Joanna King, Vier Schwestern. Aus dem Englischen übersetzt von Juliane Zaubitzer. mare Verlag 2018. 256 Seiten.

Die Geschichte des verlorenen Kindes

IMG_08402011 erschien Meine geniale Freundin, der erste Band von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga, vor wenigen Wochen kam der vierte Band der Serie in deutscher Übersetzung als Die Geschichte des verlorenen Kindes in die Buchhandlungen. Ich hatte zwar die ersten drei Teile nicht gelesen, wollte mir dieses Buch aber trotzdem nicht entgehen lassen, war es doch von der Kritik hochgelobt und 2016 für den Man Booker International Prize nominiert worden. Die Hörbuchfassung wird von Eva Mattes gelesen, ein weiteres starkes Argument für die Geschichte. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich beim Hörverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplar herzlichst bedanken.

Die Neapolitanische Saga, das sind die Lebenserinnerungen von Elena Greco, einer linken Intellektuellen und Schriftstellerin. Sie stammt aus  dem Rione, einem Armenviertel bei Neapel, wo sie in den 1950er-Jahren gemeinsam mit ihrer besten Freundin Raffaella Cerullo, genannt Lila, zur Schule gegangen ist. Dem Hörbuch ist eine kleine Broschüre beigelegt, eine Art „Was bisher geschah“ der ersten 3 Teile, es war also nicht schwer, den Einstieg zu schaffen. Die Geschichte des verlorenen Kindes nimmt den Faden in den späten 1970er-Jahren auf, als Lila und Elena Anfang 30 sind.  Weiterlesen »

Liebe geht immer

IMG_0777.jpgCharlotte Mai hat einen netten Job bei einem kleinen TV-Sender, eine nette Wohnung in Berlin Kreuzberg und eine nette alte Nachbarin, die zufällig ebenfalls Mai heißt. Sie träumt von einer Karriere als Moderatorin und würde auch nicht nein sagen, wenn sie von ihrem Freund Oliver, der auch ihr Chef bei Kiez TV ist, einen Heiratsantrag bekäme. Aber eines Tages platzt der Traum.  Sie sei für einen Moderatorinnenjob zu dick, lässt Oliver sie wissen, und, um seiner Meinung Nachdruck zu verleihen, folgt gleich auch noch die Kündigung. Der Sender müsse sparen und schließlich könne sie ja zu ihm ziehen. Danke nein, denkt sich Charlotte, und sagt: ‚F… dich!‘ So locker-flockig beginnt Myriam Klatts soeben erschienener Romanerstling Liebe geht immer, und in flottem Erzähltempo geht es weiter.Weiterlesen »

Was alles war

Was alles war von Annette MingelsDas Thema Adoption interessiert mich schon seit langem, und daher habe ich, nachdem ich auf Was alles war von Annette Mingels aufmerksam wurde, um ein Rezensionsexemplar des Romans gebeten und möchte mich an dieser Stelle beim Albrecht Knaus Verlag herzlich für die Bereitstellung bedanken.

Susa wurde gleich nach ihrer Geburt von ihrer Mutter zur Adoption freigegeben und gemeinsam mit ihrer ebenfalls adoptierten Schwester Maike von liebevollen Adoptiveltern großgezogen. Jetzt arbeitet sie als Meeresbiologin und hat gerade Henryk kennengelernt, einen verwitweten Universitätsprofessor mit zwei Töchtern, als sich ihre biologische Mutter Viola bei ihr meldet. Susa trifft sich zwar mit Viola, kann mit der selbstverliebten Weltenbummlerin aber wenig anfangen. Ihre Kindheit als Adoptivkind war glücklich und sie hat ein ausgezeichnetes Verhältnis zu ihren Eltern, daher hat sie ihre Herkunftsfamilie nie vermisst, sie freut sich aber, ihre zwei Halbbrüder kennenzulernen, die ebenfalls nicht bei Viola aufgewachsen sind.Weiterlesen »