Bist du wahnsinnig geworden?

IMG_1378Claudia Erdheims Debütroman Bist du wahnsinnig geworden? erschien erstmals 1984/85 im Löcker Verlag und wurde soeben vom Czernin-Verlag neu aufgelegt. Im Zentrum steht die Beziehung der Autorin zu ihrer Mutter, einer  Psychoanalytikerin, die im Wien der Nachkriegszeit zwei Töchter alleine großzieht, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Die Familie mit jüdischen Wurzeln ist dem Holocaust nur durch Glück entkommen, daher ist es kein Wunder, dass die „Frau Doktor“ ihrer Umgebung mit zorniger Überheblichkeit begegnet. Verschont bleiben davon nur ihre Patienten, denen ihre ganze Aufmerksamkeit gilt. Die Töchter hingegen erleben den Alltag als Abfolge von Worttiraden gegen alles und jeden in einer Welt, vor der sie um jeden Preis ferngehalten werden müssen. „Erlebte Rede“ nennt die Autorin ihren Schreibstil, und der liest sich so:

Meine Fingernägel schneidet sie zu kurz; ins Kino nimmt sie mich mit; ins Kino! Ein Ort absoluter Primitivität! Zu fremden Leuten im Gemeindebau geht sie mit mir; zu fremden Leuten! Und noch dazu zu solchen, die im Gemeindebau wohnen; die sind ja dumm und primitiv; verwahrlostes Gesindel; Kriminelle wohnen dort. Und dann der Dialekt! Zännt putzen sage ich statt Zähne putzen. Jetzt reicht es aber; alles, was recht ist; das geht wirklich nicht mehr. Das letzte Kindermädel wird entlassen. Ich bin gerade fünf. Es passiert im Speisezimmer, dem Zimmer, das immer schon das Speisezimmer war, seit den Zeiten der Großmutter. Meine Mutter tobt, das Mädchen weint und ich mach in die Hose (S. 6).

Mit diesem ersten Absatz des Buches beginnt Claudia Erdheim ihrer Lesung in der Buchhandlung Leo, einer der ältesten Buchhandlungen Wiens, 3 Gehminuten vom  Stephansdom entfernt.

IMG_1375Sie erzählt, wie es zu dem Buch kam: Sie habe ihre Erinnerungen mit Mitte 30 auf Anregung ihrer eigenen Psychoanalytikerin niedergeschrieben, und, bestärkt durch positives Feedback, in weiterer Folge auch einen Verlag gesucht und gefunden. Die Veröffentlichung sei damals ein Skandal gewesen, erinnert sich die Autorin. Dieser Skandal muss vorhersehbar gewesen sein, denn der Roman zeigt ihre Mutter in einem wenig schmeichelhaften Licht. Auch heute noch scheinen sich manche im Publikum mit  diesem schonungslosen Blick der Tochter auf die Mutter schwer zu tun. Ob sie denn je Verständnis für ihre Mutter gehabt habe, wird die Autorin gefragt. „Nur mäßig“, ist ihre Antwort, denn diese habe den Mädchen zum Beispiel nach der Trennung verboten, den Vater zu sehen.  Ihre Erklärung dafür: „Sie wollte die Kinder besitzen.“ Der Vater kommt im Rückblick besser weg.  „Mein Vater war ein Held“, sagt sie. Nachdem es ihm gelungen war, das Familienvermögen durch Arisierung zu retten, wurde er kommunistischer Widerstandskämpfer.

IMG_1386Allzu böse scheint sie aber auch auf ihre Mutter nicht zu sein.  Diese sei zu früh gestorben, um die Kindheit mit ihr besprechen und aufarbeiten zu können, aber im Großen und Ganzen habe sie, anders als die ältere Schwester, kein schlechtes Verhältnis zu ihr gehabt. Ihr Resümee aus heutiger Sicht: „Es kann nicht ganz so daneben gewesen sein, denn sonst würde ich nicht so dastehen wie ich dastehe.“

Meine Meinung:  Mit großer Bestimmtheit und Nüchternheit teilt Claudia Erdheim Erinnerungen, die keine angenehmen Erfahrungen gewesen sein können. Bist du wahnsinnig geworden? lässt eine Zeit wiederauferstehen, die für die meisten von uns zumindest eine Generation vor der eigenen Kindheit und Jugend liegt, und zeigt, wie eine Gesellschaft, die gerade erst ein totalitäres Regime hinter sich gebracht hat, mit ihren Erlebnissen fertig zu werden versucht, und was das für die Nachkommen bedeutet. Dabei ist es völlig egal, ob man Täter oder Opfer war: der wertschätzende Umgang mit Kindern und Rücksichtnahme darauf, ihre Gefühle nicht zu verletzen, ist noch Zukunftsmusik.

Auch die Sprache des Romans ist eine Reminiszenz:  Die Erzählung verwendet die stark wienerisch gefärbte Umgangssprache des Bildungsbürgertums, wo sich Fachausdrücke der Psychologie mit Wörtern aus dem Jiddischen und Ausdrücken wie Gattihose (lange Unterhose), Reindl (Topf) und Kredenz (Anrichte) abwechseln, die auch österreichische Kinder heute meist nur noch von ihren (Ur-) Großeltern zu hören bekommen. Für mich ein nostalgischer Nachklang, für Nicht-Österreicher*innen möglicherweise eine Herausforderung, die aber mit dem Glossar im Anhang leicht zu meistern ist. 

Claudia Erdheim, Bist du wahnsinnig geworden? Czernin Verlag, Wien. 2018. 128 Seiten. 

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