Launen der Zeit

In ihrem jüngsten Roman Launen der Zeit (Clock Dance) erzählt Anne Tyler  vier Episoden aus dem Leben ihrer Hauptperson:

1967: Wenn Willa Drake nach Hause kommt, weiß sie nie, was sie erwartet. Ihre Mutter Alice ist die hübscheste, lebendigste und klügste Mutter in ihrer Schule, aber manchmal ist sie wie ausgewechselt, zornig und unbeherrscht. Ihr Vater Melvin hingegen ist die Geduld in Person und liebt seine Frau und seine Töchter vorbehaltlos.

1977: Willa und ihr Freund Derek machen sich auf den Weg, um die Osterfeiertage bei Willas Familie in Pennsylvania zu verbringen. Derek hat sein Studium soeben abgeschlossen und möchte so schnell wie möglich heiraten und in die Firma seines Onkels eintreten.

1997: Willa und ihr Mann sind im Auto auf dem Weg zu einem Geschäftsessen, aber der Fahrer neben ihnen provoziert mit seiner Fahrweise nicht nur ein wütendes Hupkonzert.

2017: Willa ist mit ihrem Mann, einem passionierten Golfspieler, nach Tucson, Arizona, gezogen. Dort erreicht sie ein Anruf: Sie soll sich um ihre neunjährige Enkeltochter in Baltimore kümmern, während deren Mutter im Krankenhaus liegt. Das kleine Mädchen ist gar nicht ihre Enkelin, aber Willa setzt sich trotzdem ins nächste Flugzeug.

Meine Meinung: Clock Dance ist nach Vinegar Girl (Die störrische Braut) und A Spool  of Blue Thread (Der leuchtend blaue Faden) mein dritter Anne Tyler-Roman. Schon die ersten beiden haben mir sehr gut gefallen, aber nach Clock Dance weiß ich: Ich möchte auch noch die 19 anderen lesen. Mit meiner Begeisterung bin ich nicht alleine: 1989 wurde die Autorin mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet, für Nick Hornby und Roddy Doyle ist sie die beste Schriftstellerin im englischen Sprachraum und John Updike nennt sie „hinterhältig gut(„wickedly good“) .

Gut ja, aber wieso „wicked„? Anne Tyler erzählt Willas Geschichte auf leisen Sohlen, ohne Dramatik und Pathetik, nicht wie in einer Reality Show, sondern wie in einer Naturdoku. Die Einstellungen sind dabei so gewählt, dass nichts verborgen bleibt, weder die Gefühle des Mädchens und später der Frau, noch ihre Schwächen oder die aller anderen. Willa ist nicht das, was man heute als emanzipiert bezeichnen würde:  Sie gibt für Ehe und Kinder ihr Studium auf, sie behandelt ihre Söhne mit Nachsicht, sie versucht ausgleichend zu wirken, wenn ihr Mann seinen Emotionen freien Lauf lässt. Aber so, als würde sie einem inneren Kompass folgen, lässt sie sich trotz aller Unsicherheit von anderen nur so weit beeinflussen, dass sie ihr selbstgewähltes Ziel nicht aus den Augen verliert. Ähnlich wie in Die störrische Braut kommen auch hier die Männer nicht immer gut weg, aber sie sind auch nicht ein ständiges Feindbild, das es zu besiegen gilt. Und wenn Willa dennoch siegt, dann nicht mit großem Triumphgeschrei, sondern mit einem leisen Lächeln. Wickedly.

Besprechungen des Romans gibt es auch auf dem Literaturblog von Günter Keil, bei Lesen und Hören, und auf lesbar.

Anne Tyler, Clock Dance. Chatto & Windus London 2018. 292 Seiten.

In deutscher Übersetzung: Launen der Zeit. Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger. Kein & Aber 2018. 304 Seiten. 

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