Österreichischer Buchpreis: Alles was glänzt

ÖBP_Logo_300dpiSeit 2016 hat Österreich endlich einen eigenen Staatspreis für Literatur. Der Österreichische Buchpreis wird in zwei Kategorien vergeben: Neben dem Hauptpreis gibt es auch einen Debütpreis.  Anders als bei anderen Preisen dieser Art kann sich die Geschlechterbilanz durchaus sehen lassen: 5 der 6 bisherigen Auszeichnungen gingen an Autorinnen. Die Preisträger*innen werden jedes Jahr am Vorabend der Buch Wien bekanntgegeben und dann im Rahmen der Buchmesse präsentiert.  Heuer ging der Hauptpreis an Daniel Wisser für seinen Roman Königin der Berge, den Debütpreis erhielt Marie Gamillscheg für Alles was glänzt.

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Florian Wisser und Marie Gamillscheg auf der Buch Wien im Gespräch mit Katja Gasser

‚Erfolg ist das Rattengift des Menschen‘, mit diesem Zitat von Elias Canetti leitet Moderatorin Katja Gasser die Frage ein, welche Auswirkung der Preis auf die Ausgezeichneten haben würde. Wisser antwortet, das Gift könne nur Gutes bewirken, und auch Marie Gamillscheg sagt, bisher habe ihr der Preis sehr gut getan. ‚Ich bin gespannt, wie es ist, wenn ich mich wieder an den Schreibtisch setze, ob es dann giftelt.‘

Danach geht es um die Frage, was die beiden Romane gemeinsam haben. In beiden Fällen ist es ein Ausgeliefertsein an die Natur: Seine Hauptfigur sei, sagt Daniel Wisser, von der Natur (Anm: einer Multiple Sklerose-Erkrankung) aus dem Leben gerissen worden, sie habe ihm die Sexualität und die Bewegungsfreiheit genommen. Er wolle der Natur kontra geben, indem er den Zeitpunkt seines Todes bestimmt. Auch in Alles was glänzt spielt die Natur eine wesentliche Rolle. Sie ist in Form eines Berges mit einem stillgelegten Bergwerk präsent, das bedrohlich über dem Ort der Handlung liegt

Die Moderatorin scheint ein Faible für das Zitieren berühmter Schriftsteller zu haben. Als nächstes ist Peter Handke dran: ‚Das literarische Tun ist so etwas wie die Arbeit an der Würde des Menschen.‘ Marie Gamillscheg findet diesen Anspruch „für einen Debütroman ganz schön hochgestapelt“ und möchte ‚Würde‘ durch ‚Realität‘ ersetzen. Sie habe in ihrem Romandebüt versucht, zu zeigen, dass der ‚arme‘ Mensch nicht in allem arm sei, sondern manchmal auch ein Arsch sein kann. Darin sieht sie die Aufgabe der Literatur. Sie will dabei die Figuren ernst nehmen, den Blick nicht von oben auf sie richten, sondern in ihr Leben eintauchen. Das ist ihr  gelungen. Alles was glänzt schaut schonungslos auf die Bewohner und Bewohnerinnen eines Dorfes, von dem man weder den Namen noch die geografische Lage erfährt; aufgrund der Herkunft der Autorin kann man allerdings vermuten, dass sie das steirischen Erzgebirge zu ihrer Geschichte inspiriert hat, und auch sonst spiegelt der Roman die Autorin: „Jeder, der mich kennt, weiß ,wie viel von mir drin steht.“ Das Leben im Dorf wird vom Berg bestimmt, und so wie der Betrieb des Bergwerks eingestellt wurde, wirkt auch das Leben der Menschen wie eingefroren. Daran ändert weder der Tod des jungen Martin etwas, der unter nicht genau geklärten Umständen am Berg mit dem Auto verunglückt ist, noch das Eintreffen des Regionalmanagers Merih, der Restrukturierungsmaßnahmen einleiten und dem Ort neue Impulse geben soll. Susa sperrt ihr ESPRESSO wie immer für die wenigen Gäste auf, der alte Wenisch beschäftigt sich weiterhin mit den Anlagen im alten Bergwerk, und die junge Teresa übt nach wie vor Klavier und träumt davon, in der Stadt aufs Konservatorium zu gehen, während ihre Schwester Esther zuhause auf die Zimmerdecke starrt.

Meine Meinung: Im Interview erzählt Marie Gamillscheg, sie würde sehr viel schreiben und sehr viel aussortieren, das bewirke „sprachliche Entschlossenheit anstelle von überbordendem Stil.“ Einen überbordenden Stil kann man dem Roman tatsächlich nicht vorwerfen. Das würde auch gar nicht zu einer Geschichte passen, die wie in Zeitlupe eine in wenigen Sätzen zusammenzufassende Handlung erzählt. Man merkt dem Text an, dass jedes der nicht aussortierten Wörter sorgfältig gewählt ist, aber ich hatte beim Lesen ständig das Gefühl, irgendetwas überlesen zu haben und die Geschichte daher nicht voll zu erfassen.  Zu meiner großen Erleichterung klärte sich zumindest das Rätsel der geheimnisvollen Zahlen, die jedem Kapitel vorangestellt sind, gegen Ende auf. Ich war trotzdem froh, das Dorf nach der letzten Seite verlassen zu können, aber vielleicht war ja gerade das die Intention.

Marie Gamillscheg, Alles was glänzt. Luchterhand 2018. 219 Seiten. Ich danke der Verlagsgruppe Randomhouse für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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Autorinnen auf der Buch Wien 2018

Meine Vorstellung vom Schlaraffenland: eine Messehalle voller Bücher, Autorinnen, die bereitwillig über ihre Werke und deren Entstehungsgeschichte Auskunft geben und vier Tage Zeit, um das alles in Ruhe zu genießen. Meine Realität: fast damit identisch, nur leider keine vier Tage, sondern gerade mal ein halber und ein ganzer Nachmittag für das riesige Angebot. Zum Glück fiel einer dieser Nachmittage auf den Sonntag, und zum Glück war da die Dichte an interessanten Autorinnen besonders groß und das Angebot sehr vielfältig.

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Birgit Fenderl und Anneliese Rohrer im Gespräch mit Juliane Nagiller

Gerade noch rechtzeitig schaffte ich es zur Präsentation von Die Mutter, die ich sein wollte. Die Tochter, die ich bin. Darin beschäftigen sich Anneliese Rohrer und Birgit Fenderl mit der „Mutter aller Beziehungen“ – der Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Anhand von prominenten und weniger prominenten Beispielen machen sich die beiden Journalistinnen, selbst Mütter von Töchtern, auf die Suche nach den Prägungen, Erziehungsmustern und Rollenbildern im Leben von Frauen, die im besten Fall den Müttern gutgeschrieben und im schlechtesten Fall diesen angelastet werden. Ein großes Thema auch zwischen Müttern und Töchtern ist die Frage, wie man Familie und Karriere unter einen Hut bringen kann. Auch die für das Buch ebenfalls interviewte deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen war nicht davor gefeit, sich gegen Kritik aus der eigenen Familie zur Wehr setzen zu müssen. „Das Schlimmste ist dabei das schlechte Gewissen“, zitiert  Rohrer die Politikerin. Eine detaillierte Besprechung der Betrachtungen folgt demnächst auf diesem Blog.

Hager
Juliane Nagiller im Gespräch mit Angelika Hager

Die nächste Präsentation, die ich mir im Programm angestrichen hatte, bildete so etwas wie einen Kontrastpunkt zur ersten. Nicht Frauen, sondern Männer waren die Gesprächspartner, die Angelika Hager für Kerls! – Eine Safari durch die männliche Psyche interviewt hat. Angeregt durch die #MeToo-Debatte zeigt sie, weshalb Männer wie ticken und wie Frauen mit den dabei entstehenden Geräuschen umgehen. Wer die Polly Adler-Kolumnen der Journalistin kennt, wird nicht verwundert sein, dass sie dem Thema auch humorvolle Seiten abgewinnen kann. Das klingt auch an, wenn Hager erzählt, man habe ihr bei ihrer Recherche von Frauen berichtet, die ihre Männer bei der Paartherapie „reparieren lassen wollen“.

Uhlig
Juliane Nagiller im Gespräch mit Elena Uhlig

Auch beim nächsten Programmpunkt auf meiner Liste kommt der Humor nicht zu kurz. Die Schauspielerin Elena Uhlig berichtet in Qualle vor Malle davon, wie es zugeht, wenn sie mit ihrer Familie Urlaub in einem Familienhotel auf Mallorca macht. Ihre Familie, dazu gehören ihr Ehemann, der Schauspieler Fritz Karl, und die mittlerweile vier gemeinsamen Kinder. Das Buch enthielte zwar die eine oder andere Verdichtung, räumt die Autorin ein, basiere aber auf realen Erlebnissen. Die Angestellten im Reisebüro würden manchmal glauben, sie seien unfreiwillig Teil von Verstehen Sie Spaß? geworden, wenn die Familie Uhlig/Karl auftaucht, um einen Urlaub zu buchen, erzählt sie, und sie müsse sich auch damit auseinandersetzen, dass superschlanke Flugbegleiterinnen ihren Mann anflirten und sie daneben vollkommen ignorieren.

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Claudia Stöckel im Gespräch mit Judith Hoffmann

Wieder auf der Hauptbühne tritt eine Autorin auf, die mit literarischer Verdichtung gar nichts am Hut hat, sondern immer bemüht ist, möglichst nahe an die Realität heranzukommen. In Interview mit dem Leben liefert Claudia Stöckel Hintergrundinformationen zu ihren sonntäglichen Interviews im Frühstück bei mir. Wer die Sendung kennt, weiß, dass sie ihren Interviewpartner*innen meist deutlich mehr als nur die PR-tauglichen Statements entlocken kann. Im Buch und im Gespräch mit Judith Hoffmann erzählt sie davon, wie ihr das gelingt, aber auch von jenen Fällen, in denen Interviews daneben gingen oder sogar abgebrochen wurden.

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Doris Priesching und Ursula Strauss

Die nächste Autorin war selbst schon Gast bei Claudia Stöckel. Ursula Strauss gehört zu meinen Lieblingsschauspielerinnen, daher war die Präsentation ihres Buches Warum ich nicht mehr fliegen kann und wie ich gegen Zwerge kämpfte für mich so etwas wie ein Pflichttermin. Ihre Co-Autorin Doris Priesching hatte die Idee, Ursula Strauss ausgehend von Familienfotos über ihr Leben erzählen zu lassen.  Warum sie nicht mehr fliegen kann und wie sie gegen Zwerge kämpfte erfuhr ich bei der Präsentation der Erinnerungen zwar nicht, dafür aber viel über ihren Umgang mit ihrem Beruf und dem Interesse der Öffentlichkeit und der Medien an ihrer Person. Es sei beim Schreiben manchmal schwierig gewesen, die Grenzen der Familie nicht zu verletzen, aber für sich selbst scheint es Ursula Strauss nicht schwer zu fallen, eine klare Trennlinie zu ziehen: Wenn es darum geht, Dinge über sich zu erzählen, unterscheidet sie zwischen Persönlichem und Privatem. Die Beziehung sei außen vor, das gehört zum Privaten, sie findet jedoch nichts dabei, über Persönliches wie Selbstzweifel und Gefühle zu sprechen. „Schmerz, Freude, Humor, Leid – das ist bei mir genau wie bei allen anderen.“ Manchmal hadert sie damit, dank ihres Bekanntheitsgrades in der Öffentlichkeit sehr rasch wahrgenommen zu werden, sie habe aber das Glück, da langsam hineingewachsen zu sein und von ihrer Familie immer wieder auf den Boden zurückgeholt zu werden. Der Beruf erfordere hohe Präzision und sei auch sonst sehr fordernd. „Du musst kerngesund und absolut schmerzfrei sein“, habe sie zu Beginn ihrer Tätigkeit gehört, und das kann sie bestätigen. „Man braucht starke Nerven.“

Dine Petrik
Esther Capo im Gespräch mit Dine Petrik

Eher durch Zufall kann ich dann dazu, als Dine Petrik aus  Stahlrosen zur Nacht  las, einem Titel, den sie als Strophen eines Romans bezeichnet. Darin setzt sie sich mit den harten Erfahrungen als Mädchen auf dem Dorf auseinander. Für die mehrfach ausgezeichnete Autorin ist das Schreiben auch ein Mittel, mehr Klarheit über sich selbst zu erlangen, und aus dem, was sie über ihre Kindheit im Mittelburgenland der Nachkriegszeit erzählt, klingt ein unnachgiebiges Sich-nicht-unterkriegen-lassen heraus, das damals begann und bis heute anhält.

Alex Beer BuchWien
Alex Beer im Gespräch mit Judith Hoffmann

Die letzte Autorin auf meiner Liste war Alex Beer, die ich schon vor einigen Monaten bei der Präsentation ihres Roman Die rote Frau kennengelernt hatte. Sie erzählt über die intensive Recherche für ihre in den frühen Zwanzigerjahren in Wien spielenden Kriminalgeschichten um den Ermittler August Emmerich. Die Ergebnisse dieser Recherche finden auch Eingang in die Handlung. Als Beispiel nennt sie Emmerichs Heroinsucht, die in Teil 1, Der zweite Reiter, ihren Anfang nimmt und die er in Teil 2, Die rote Frau, mit Alkohol bekämpft. Diese Abhängigkeit habe sie ihm verpasst, nachdem sie herausgefunden hatte, dass Heroin zur damaligen Zeit in Tablettenform legal erhältlich war. Auf die Frage, warum sie sich einen solchen Aufwand antue, antwortet Beer: „Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich es nicht gemacht. Aber das hab ich mir eingebrockt, jetzt muss ich es auslöffeln.“ Sie löffelt offenbar fleißig, denn im Mai 2019 erscheint der dritte Band der Serie.

 

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Daniel Wisser und Marie Gamillscheg im Gespräch mit Katja Gasser

Nicht erst am Sonntag, sondern schon am Donnerstag fand ein Interview mit den beiden Preisträger*innen des diesjährigen Österreichischen Buchpreises statt. Ich hatte ja jenseits jeder weiblichen Solidarität Arno Geiger die Daumen gedrückt, von dessen Roman Unter der Drachenwand ich restlos begeistert war, aber die Jury entschied sich für Königin der Berge von Daniel Wisser. Seine Hauptfigur  Herr Turin wartet in einem Pflegeheim auf den richtigen Moment und eine günstige Gelegenheit, seinem von Multipler Sklerose bestimmten Leben ein Ende zu setzen. Der Debütpreis ging dann aber an eine Frau: Marie Gamillscheg wurde für Alles was glänzt ausgezeichnet. Darin wirft sie einen sehr genauen Blick auf ein Dorf, das immer noch irgendwie vom Bergbau dominiert wird, obwohl die Förderung längst eingestellt wurde.  Auch diesen Titel werde ich demnächst hier besprechen, daher sei vorläufig nicht mehr verraten.

Natürlich hätte es noch Vieles zu entdecken gegeben, aber wie gesagt: ein halber und ein ganzer Nachmittag. Da blieb gerade noch Zeit dafür, einen Blick auf meine besondere Leseleidenschaft zu werfen: Krimis. Den Beitrag dazu findet Ihr auf www.britlitscout.com.

Titelbild (C) LCM Foto Richard Schuster

 

Ein (fast) perfektes Wochenende in Venedig

Mit dem Nachtzug nach Venedig, in der Saison des acqua alta, das stand seit vielen Jahren auf meiner bucket list. Nicht, weil ich unbedingt nasse Füße bekommen wollte, sondern um die Stadt dann zu erleben, wenn sie sich notgedrungen nicht von ihrer allerbesten Seite zeigt und andere sich dadurch möglicherweise abschrecken lassen. Ich wollte mich einfach so durch die Stadt treiben lassen, die Sehenswürdigkeiten besichtigen, an denen die Warteschlange gerade nicht ganz so lang ist, und dort einkehren, wo dies auch die Einheimischen tun.

Ausgestattet mit dem Reiseführer für Ein perfektes Wochenende … Venedig der Süddeutsche Zeitung Edition, die mir schon in Rom gute Dienste geleistet hatte, setzte ich mich also vor genau einer Woche mit meiner Familie in Wien in den Nighttjet. Obwohl wir nur mehr Sitzplätze bekommen hatten, war die Reise einigermaßen bequem, und nach einem Frühstück mit Espresso und Croissants

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in einem Café, das gerade aufgesperrt hatte, ging es zu Fuß  durch die noch sehr ruhige Stadt in Richtung Campanile di San Marco. Mit der Ruhe war es bald vorbei. Die Lagunenstadt kennt ganz offensichtlich keine Nebensaison, und so drängten sich im Laufe des Vormittags und mit zunehmender Nähe zur Piazza San Marco immer mehr Menschen an den Podesten und Rampen vorbei, mit denen sich die Stadt auf das für Sonntag angekündigte Hochwasser und den ebenfalls für diesen Tag geplanten Venedig-Marathon vorbereitete. Ein kurzer Blick auf die lange Schlange vor dem Dom genügte, um die Besichtigung zu verschieben. Stattdessen schnell mit dem Boot zurück zur Stazione Santa Lucia, um das Gepäck abzuholen, und weiter zu unserem Apartment nach La Giudecca, dachten wir. Am Schalter der ACTV wurden wir dann aber in unserem Tatendrang gebremst: sciopero – Streik. Daher nicht mit dem vaporetto, sondern doch zu Fuß um Bahnhof, von dort mit allen Koffern und Rucksäcken wieder zurück nach San Marco und mit einem der wenigen verfügbaren Boote über den Canale della Giudecca ans Südufer, Schlüssel in Empfang nehmen, Gepäck deponieren und mit dem nächsten verfügbaren Boot wieder ins Zentrum. Genau so mühsam wie es klingt, aber ich wollte ja das lebensnahe Venedig. Sei vorsichtig mit deinen Wünschen…

Der nächste Wunsch ging glimpflicher in Erfüllung: Von den Touristen-Hotspots entfernt essen. Das passende Lokal fanden wir am Campo Santa Margherita im Bezirk Dorsoduro: In der Osteria Alla Bifora gibt es weder fünfsprachige Speisekarten noch glutenfreie Pizza, dafür köstliche Lasagne und alle anderen Klassiker der italienischen Hausmannskost. Die jungen Venezianer*innen treffen sich dort auf ein Glas Wein oder für ein Essen mit der Familie und bezahlen nicht mit Kreditkarte sondern in bar. Nachdem wir uns gestärkt hatten, ließen wir uns weiter durch die Stadt treiben.

 

Gegen Abend wagten wir uns dann wieder auf die Piazza San Marco. Diesmal keine Menschenmassen. statt dessen stimmungsvolle Beleuchtung, Musik aus den umliegenden Cafés, Platz zum Toben für die Kinder – so geht Städtebummel.

Einen der Gründe dafür, dass die piazza im Vergleich zu tagsüber fast menschenleer wirkt, bekamen wir sehr bald vor Augen geführt: Über den Canale della Giudecca glitt lautlos und daher umso bedrohlicher eines der unvorstellbar riesigen Kreuzfahrtschiffe in die Lagune. Die Altstadt schrumpft dahinter zu Zwergengröße, man fühlt sich plötzlich wie in Minimundus. Zigtausende Besucher täglich, die, mit Bändchen mit dem Namen der Reederei um den Hals, in Gruppen von Bord gehen, hinter einem gelben, grünen, blauen Fähnchen durch die Stadt marschieren, alle, die nicht zur Gruppe gehören, zur Seite schubsen und sich am Abend wieder schön brav no grandi naviim Speisesaal des Schiffes am internationalen Buffet anstellen. ‚no grandi navi‚ kann man auf Transparenten lesen, und die Stadt hat das auch durchzusetzen versucht, aber die Reedereien haben erfolgreich dagegen geklagt. Nach langen Verhandlungen gibt es jetzt doch eine Einigung, und ab 2019 sollen die stinkenden Kolosse in der Lagune endgültig der Vergangenheit angehören.

Venice cruiserDie Besitzerin des Cafés direkt am Canale della Giudecca, wo wir am nächsten Tag als einzige Nicht-Italiener frühstücken, meint, die Monsterkreuzer seien ein großes, aber bei weitem nicht das einzige Problem. Offiziell hat Venedig noch 50.000 Einwohner, in Wirklichkeit seien es nur mehr etwa 20.000. Die Mieten seien für Einheimische einfach nicht mehr leistbar, weil alle ihre Wohnungen lieber an Touristen vermieten. Schuldbewusst denke ich an unser 4-Zimmer-Apartment mit atemberaubenden Blick auf die Altstadt um 160 Euro pro Tag. Für zwei Nächte absolut leistbar, aber hochgerechnet auf ein Monat …

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Blick von La Giudecca auf die Chiesa di Santa Maria del Rosario

Vielleicht hätten wir doch eine andere Bleibe wählen sollen 😉

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Hotel Danieli, San Marco

Wer für die Probleme sensibilisiert durch die Stadt geht, kann sich gut vorstellen, weshalb die Einheimischen das Weite suchen: Einen Kinderwagen oder den Hund an der Leine durch die Menschenmassen zu manövrieren kostet Nerven, und das Permesso! und Attentione! mit dem sich die Venezianer*innen den Weg bahnen, klingt nicht immer freundlich. Freundlich sind sie aber doch: Ein Per favore! und Grazie! reicht als Zeichen dafür, dass man als Besucher*in bereit ist, sich auf das Land und die Stadt einzulassen, und eine elegante ältere Dame bietet uns von sich aus ihre Hilfe an, als wir orientierungslos an einer Ecke stehen. Etwas abseits vom ärgsten Trubel, in den Stadtteilen Santa Croce, Dorsoduro und Giudecca, fanden wir  das Venedig, auf das ich mich gefreut hatte, und bei einem Espresso und Campari Soda auf einem nicht ganz so stark frequentierten Platz waren wir immer noch Touristen, fühlten uns aber nicht mehr wie eine Landplage.

Beim zweiten Versuch am Samstag erschien uns auch die Schlange vor dem Markusdom nicht mehr ganz so lang, und nach der ausgiebigen Besichtigung der Kunstschätze – besonders die aus der Antike stammenden Pferdestatuen hatten es uns angetan – war die Piazza dank Flut wieder deutlich leerer.

Venice MarathonMit der Ebbe am späteren Nachmittag war der Spuk schnell wieder vorbei, aber am Sonntag kam das Wasser dann auch von oben, was den Zieleinlauf des Venedig-Marathons zu einem Erlebnis der besonderen Art machte.

Wir wollten dem erwarteten Trubel des Marathons entgehen, indem wir einen Ausflug nach Murano planten, aber das Acqua alta machte den Weg auch für uns mühsam: Die Boote verkehrten wieder nur sehr unregelmäßig, und die Glasbläserinsel war zwar weitgehend frei von Touristen, aber die Straßen und Geschäfte wirkten bei gähnender Leere und trübem Wetter auch nicht eben einladend.

 

Version 2Zurück auf dem Festland hatten wir dank Ebbe noch einmal Gelegenheit, trockenen Fußes durch die Stadt bis zum Bahnhof zu spazieren, in weniger belebten Gassen das eine oder andere Geschäft zu durchstöbern, uns zwischendurch mit köstlichen Pizzaecken und Tramezzini zu stärken und für Zuhause eine Focaccia Veneziana, einen typisch venezianischen Kuchen, und noch einige andere Köstlichkeiten und Mitbringsel zu kaufen. Und auch der Rucksack im Bild war auf der Hinreise noch nicht dabei.

Nach Wien ging es am Abend im Liegewagen deutlich komfortabler als auf der Hinreise, und da hatte ich dann auch Zeit, im Reiseführer nachzublättern, was wir alles versäumt hatten: Ich werde wohl bald wieder hinfahren müssen. Zuhause erwarteten uns in den Nachrichten nochmals Bilder von Venedig:  Am Montag hatte das Acqua alta einen zehnjährigen Höchststand erreicht, 70 Prozent der Stadt waren überschwemmt und die Bewohner und Besucher dazu aufgerufen, die Häuser möglichst nicht zu verlassen.

Mein Fazit: Venedig ist nicht in erster Linie eine Stadt, sondern eher ein Freilichtmuseum, aber der Besuch lohnt sich ohne jeden Zweifel. Wer nicht vollkommen unkritisch in jede beliebige Touristenfalle tappt, wird zu erschwinglichen Preisen sehr gut essen und trinken und sehenswerte Architektur und Kunstschätze bewundern können. Und wer mit dem Kreuzfahrtschiff anreist, wird am Tag des Jüngsten Gerichts auch bei ansonsten untadeligem Lebenswandel mit einem längeren Aufenthalt im Fegefeuer zu rechnen haben.

Ein perfektes Wochenende … Venedig. Süddeutsche Zeitung Edition. Smart Travelling  2018. 115 Seiten.