Ein (fast) perfektes Wochenende in Venedig

Mit dem Nachtzug nach Venedig, in der Saison des acqua alta, das stand seit vielen Jahren auf meiner bucket list. Nicht, weil ich unbedingt nasse Füße bekommen wollte, sondern um die Stadt dann zu erleben, wenn sie sich notgedrungen nicht von ihrer allerbesten Seite zeigt und andere sich dadurch möglicherweise abschrecken lassen. Ich wollte mich einfach so durch die Stadt treiben lassen, die Sehenswürdigkeiten besichtigen, an denen die Warteschlange gerade nicht ganz so lang ist, und dort einkehren, wo dies auch die Einheimischen tun.

Ausgestattet mit dem Reiseführer für Ein perfektes Wochenende … Venedig der Süddeutsche Zeitung Edition, die mir schon in Rom gute Dienste geleistet hatte, setzte ich mich also vor genau einer Woche mit meiner Familie in Wien in den Nighttjet. Obwohl wir nur mehr Sitzplätze bekommen hatten, war die Reise einigermaßen bequem, und nach einem Frühstück mit Espresso und Croissants

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in einem Café, das gerade aufgesperrt hatte, ging es zu Fuß  durch die noch sehr ruhige Stadt in Richtung Campanile di San Marco. Mit der Ruhe war es bald vorbei. Die Lagunenstadt kennt ganz offensichtlich keine Nebensaison, und so drängten sich im Laufe des Vormittags und mit zunehmender Nähe zur Piazza San Marco immer mehr Menschen an den Podesten und Rampen vorbei, mit denen sich die Stadt auf das für Sonntag angekündigte Hochwasser und den ebenfalls für diesen Tag geplanten Venedig-Marathon vorbereitete. Ein kurzer Blick auf die lange Schlange vor dem Dom genügte, um die Besichtigung zu verschieben. Stattdessen schnell mit dem Boot zurück zur Stazione Santa Lucia, um das Gepäck abzuholen, und weiter zu unserem Apartment nach La Giudecca, dachten wir. Am Schalter der ACTV wurden wir dann aber in unserem Tatendrang gebremst: sciopero – Streik. Daher nicht mit dem vaporetto, sondern doch zu Fuß um Bahnhof, von dort mit allen Koffern und Rucksäcken wieder zurück nach San Marco und mit einem der wenigen verfügbaren Boote über den Canale della Giudecca ans Südufer, Schlüssel in Empfang nehmen, Gepäck deponieren und mit dem nächsten verfügbaren Boot wieder ins Zentrum. Genau so mühsam wie es klingt, aber ich wollte ja das lebensnahe Venedig. Sei vorsichtig mit deinen Wünschen…

Der nächste Wunsch ging glimpflicher in Erfüllung: Von den Touristen-Hotspots entfernt essen. Das passende Lokal fanden wir am Campo Santa Margherita im Bezirk Dorsoduro: In der Osteria Alla Bifora gibt es weder fünfsprachige Speisekarten noch glutenfreie Pizza, dafür köstliche Lasagne und alle anderen Klassiker der italienischen Hausmannskost. Die jungen Venezianer*innen treffen sich dort auf ein Glas Wein oder für ein Essen mit der Familie und bezahlen nicht mit Kreditkarte sondern in bar. Nachdem wir uns gestärkt hatten, ließen wir uns weiter durch die Stadt treiben.

 

Gegen Abend wagten wir uns dann wieder auf die Piazza San Marco. Diesmal keine Menschenmassen. statt dessen stimmungsvolle Beleuchtung, Musik aus den umliegenden Cafés, Platz zum Toben für die Kinder – so geht Städtebummel.

Einen der Gründe dafür, dass die piazza im Vergleich zu tagsüber fast menschenleer wirkt, bekamen wir sehr bald vor Augen geführt: Über den Canale della Giudecca glitt lautlos und daher umso bedrohlicher eines der unvorstellbar riesigen Kreuzfahrtschiffe in die Lagune. Die Altstadt schrumpft dahinter zu Zwergengröße, man fühlt sich plötzlich wie in Minimundus. Zigtausende Besucher täglich, die, mit Bändchen mit dem Namen der Reederei um den Hals, in Gruppen von Bord gehen, hinter einem gelben, grünen, blauen Fähnchen durch die Stadt marschieren, alle, die nicht zur Gruppe gehören, zur Seite schubsen und sich am Abend wieder schön brav no grandi naviim Speisesaal des Schiffes am internationalen Buffet anstellen. ‚no grandi navi‚ kann man auf Transparenten lesen, und die Stadt hat das auch durchzusetzen versucht, aber die Reedereien haben erfolgreich dagegen geklagt. Nach langen Verhandlungen gibt es jetzt doch eine Einigung, und ab 2019 sollen die stinkenden Kolosse in der Lagune endgültig der Vergangenheit angehören.

Venice cruiserDie Besitzerin des Cafés direkt am Canale della Giudecca, wo wir am nächsten Tag als einzige Nicht-Italiener frühstücken, meint, die Monsterkreuzer seien ein großes, aber bei weitem nicht das einzige Problem. Offiziell hat Venedig noch 50.000 Einwohner, in Wirklichkeit seien es nur mehr etwa 20.000. Die Mieten seien für Einheimische einfach nicht mehr leistbar, weil alle ihre Wohnungen lieber an Touristen vermieten. Schuldbewusst denke ich an unser 4-Zimmer-Apartment mit atemberaubenden Blick auf die Altstadt um 160 Euro pro Tag. Für zwei Nächte absolut leistbar, aber hochgerechnet auf ein Monat …

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Blick von La Giudecca auf die Chiesa di Santa Maria del Rosario

Vielleicht hätten wir doch eine andere Bleibe wählen sollen 😉

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Hotel Danieli, San Marco

Wer für die Probleme sensibilisiert durch die Stadt geht, kann sich gut vorstellen, weshalb die Einheimischen das Weite suchen: Einen Kinderwagen oder den Hund an der Leine durch die Menschenmassen zu manövrieren kostet Nerven, und das Permesso! und Attentione! mit dem sich die Venezianer*innen den Weg bahnen, klingt nicht immer freundlich. Freundlich sind sie aber doch: Ein Per favore! und Grazie! reicht als Zeichen dafür, dass man als Besucher*in bereit ist, sich auf das Land und die Stadt einzulassen, und eine elegante ältere Dame bietet uns von sich aus ihre Hilfe an, als wir orientierungslos an einer Ecke stehen. Etwas abseits vom ärgsten Trubel, in den Stadtteilen Santa Croce, Dorsoduro und Giudecca, fanden wir  das Venedig, auf das ich mich gefreut hatte, und bei einem Espresso und Campari Soda auf einem nicht ganz so stark frequentierten Platz waren wir immer noch Touristen, fühlten uns aber nicht mehr wie eine Landplage.

Beim zweiten Versuch am Samstag erschien uns auch die Schlange vor dem Markusdom nicht mehr ganz so lang, und nach der ausgiebigen Besichtigung der Kunstschätze – besonders die aus der Antike stammenden Pferdestatuen hatten es uns angetan – war die Piazza dank Flut wieder deutlich leerer.

Venice MarathonMit der Ebbe am späteren Nachmittag war der Spuk schnell wieder vorbei, aber am Sonntag kam das Wasser dann auch von oben, was den Zieleinlauf des Venedig-Marathons zu einem Erlebnis der besonderen Art machte.

Wir wollten dem erwarteten Trubel des Marathons entgehen, indem wir einen Ausflug nach Murano planten, aber das Acqua alta machte den Weg auch für uns mühsam: Die Boote verkehrten wieder nur sehr unregelmäßig, und die Glasbläserinsel war zwar weitgehend frei von Touristen, aber die Straßen und Geschäfte wirkten bei gähnender Leere und trübem Wetter auch nicht eben einladend.

 

Version 2Zurück auf dem Festland hatten wir dank Ebbe noch einmal Gelegenheit, trockenen Fußes durch die Stadt bis zum Bahnhof zu spazieren, in weniger belebten Gassen das eine oder andere Geschäft zu durchstöbern, uns zwischendurch mit köstlichen Pizzaecken und Tramezzini zu stärken und für Zuhause eine Focaccia Veneziana, einen typisch venezianischen Kuchen, und noch einige andere Köstlichkeiten und Mitbringsel zu kaufen. Und auch der Rucksack im Bild war auf der Hinreise noch nicht dabei.

Nach Wien ging es am Abend im Liegewagen deutlich komfortabler als auf der Hinreise, und da hatte ich dann auch Zeit, im Reiseführer nachzublättern, was wir alles versäumt hatten: Ich werde wohl bald wieder hinfahren müssen. Zuhause erwarteten uns in den Nachrichten nochmals Bilder von Venedig:  Am Montag hatte das Acqua alta einen zehnjährigen Höchststand erreicht, 70 Prozent der Stadt waren überschwemmt und die Bewohner und Besucher dazu aufgerufen, die Häuser möglichst nicht zu verlassen.

Mein Fazit: Venedig ist nicht in erster Linie eine Stadt, sondern eher ein Freilichtmuseum, aber der Besuch lohnt sich ohne jeden Zweifel. Wer nicht vollkommen unkritisch in jede beliebige Touristenfalle tappt, wird zu erschwinglichen Preisen sehr gut essen und trinken und sehenswerte Architektur und Kunstschätze bewundern können. Und wer mit dem Kreuzfahrtschiff anreist, wird am Tag des Jüngsten Gerichts auch bei ansonsten untadeligem Lebenswandel mit einem längeren Aufenthalt im Fegefeuer zu rechnen haben.

Ein perfektes Wochenende … Venedig. Süddeutsche Zeitung Edition. Smart Travelling  2018. 115 Seiten.

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12 Gedanken zu “Ein (fast) perfektes Wochenende in Venedig

      • Uns hat’s auch allen gefallen, und ich werde ganz bestimmt wieder hinfahren. Meine erste Erfahrung mit dem Nachtzug hat mir völlig neue Reisemöglichkeiten aufgezeigt. Danke übrigens für die vielen wertvollen Tipps aus Deinen Beiträgen – das hat sehr geholfen, für die ganze Familie das Richtige zu finden!

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      • Wir hatten auf der Hinreise ein 6er-Abteil Sitzplätze für die erweiterte Großfamilie und retour dann 2 Liegewagenabteile für uns 6 – fast schon luxuriös, und das Preis – Leistungsverhältnis hat absolut gepasst

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      • War glücklicherweise nicht ganz so schlimm – die ÖBB bietet Sparschiene-Tickets an (das war vielleicht auch Euer Angebot?), ein Liegewagen-Abteil um EUR 149. Eigentlich wollten wir nur 1 Abteil, aber aus mysteriösen Gründen dürfen da nur 2 Erwachsene rein, und da meine Große schon über 18 ist mussten wir 2 Abteile nehmen. Hat dann aber gut gepasst.

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      • Bei uns war das Problem, daß Männer und Frauen in Triples eigentlich getrennt werden. Wir haben ja über die DB gebucht und schnell gemerkt, daß man da als gemischtgeschlechtliche Gruppe getrennt wird. Sprich: Sohn und Freund hätten sich ein Abteil mit jemand Fremden teilen dürfen und ich wäre mit zwei anderen Frauen in einem extra Abteil gewesen.
        Will man zusammen reisen, hätten wir ein Familienabteil nehmen müssen, was aber mehr als das doppelte gekostet hätte!
        Wir haben dann überlegt, ob wir mich einfach bei der Buchung zu einem Herren machen… Andrea kann ja schließlich auch ein Männername sein. 😉 Aber dann hatten wir Angst, daß es vor Ort Probleme geben könnte.
        Also haben wir ganz normal gebucht, wurden wie befürchtet auf verschiedene Abteile aufgeteilt und meldeten uns dann ganz unschuldig und ahnungslos beim Service der ÖBB.
        Da meinte die wunderbare Angestellte nur, daß das System das immer automatisch machen würde, sie könnte das aber manuell ändern und hat uns die Tickets dann per Einschreiben geschickt.
        So hatten wir dann den Sündenpfuhl eines gemischtgeschlechtlichen Familienabteils zum Preis eines getrenntgeschlechtlichen Triple Abteils. 😅😉

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      • Freut mich, dass die ÖBB da so flexibel war – das ist nicht immer so… Aber auch wenn’s manchmal hakt, mir gefallen Bahnreisen immer besser, und zu Venedig passt es einfach perfekt, in Santa Lucia anzukommen.

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