Österreichischer Buchpreis: Alles was glänzt

ÖBP_Logo_300dpiSeit 2016 hat Österreich endlich einen eigenen Staatspreis für Literatur. Der Österreichische Buchpreis wird in zwei Kategorien vergeben: Neben dem Hauptpreis gibt es auch einen Debütpreis.  Anders als bei anderen Preisen dieser Art kann sich die Geschlechterbilanz durchaus sehen lassen: 5 der 6 bisherigen Auszeichnungen gingen an Autorinnen. Die Preisträger*innen werden jedes Jahr am Vorabend der Buch Wien bekanntgegeben und dann im Rahmen der Buchmesse präsentiert.  Heuer ging der Hauptpreis an Daniel Wisser für seinen Roman Königin der Berge, den Debütpreis erhielt Marie Gamillscheg für Alles was glänzt.

Version 2
Florian Wisser und Marie Gamillscheg auf der Buch Wien im Gespräch mit Katja Gasser

‚Erfolg ist das Rattengift des Menschen‘, mit diesem Zitat von Elias Canetti leitet Moderatorin Katja Gasser die Frage ein, welche Auswirkung der Preis auf die Ausgezeichneten haben würde. Wisser antwortet, das Gift könne nur Gutes bewirken, und auch Marie Gamillscheg sagt, bisher habe ihr der Preis sehr gut getan. ‚Ich bin gespannt, wie es ist, wenn ich mich wieder an den Schreibtisch setze, ob es dann giftelt.‘

Danach geht es um die Frage, was die beiden Romane gemeinsam haben. In beiden Fällen ist es ein Ausgeliefertsein an die Natur: Seine Hauptfigur sei, sagt Daniel Wisser, von der Natur (Anm: einer Multiple Sklerose-Erkrankung) aus dem Leben gerissen worden, sie habe ihm die Sexualität und die Bewegungsfreiheit genommen. Er wolle der Natur kontra geben, indem er den Zeitpunkt seines Todes bestimmt. Auch in Alles was glänzt spielt die Natur eine wesentliche Rolle. Sie ist in Form eines Berges mit einem stillgelegten Bergwerk präsent, das bedrohlich über dem Ort der Handlung liegt

Die Moderatorin scheint ein Faible für das Zitieren berühmter Schriftsteller zu haben. Als nächstes ist Peter Handke dran: ‚Das literarische Tun ist so etwas wie die Arbeit an der Würde des Menschen.‘ Marie Gamillscheg findet diesen Anspruch „für einen Debütroman ganz schön hochgestapelt“ und möchte ‚Würde‘ durch ‚Realität‘ ersetzen. Sie habe in ihrem Romandebüt versucht, zu zeigen, dass der ‚arme‘ Mensch nicht in allem arm sei, sondern manchmal auch ein Arsch sein kann. Darin sieht sie die Aufgabe der Literatur. Sie will dabei die Figuren ernst nehmen, den Blick nicht von oben auf sie richten, sondern in ihr Leben eintauchen. Das ist ihr  gelungen. Alles was glänzt schaut schonungslos auf die Bewohner und Bewohnerinnen eines Dorfes, von dem man weder den Namen noch die geografische Lage erfährt; aufgrund der Herkunft der Autorin kann man allerdings vermuten, dass sie das steirischen Erzgebirge zu ihrer Geschichte inspiriert hat, und auch sonst spiegelt der Roman die Autorin: „Jeder, der mich kennt, weiß ,wie viel von mir drin steht.“ Das Leben im Dorf wird vom Berg bestimmt, und so wie der Betrieb des Bergwerks eingestellt wurde, wirkt auch das Leben der Menschen wie eingefroren. Daran ändert weder der Tod des jungen Martin etwas, der unter nicht genau geklärten Umständen am Berg mit dem Auto verunglückt ist, noch das Eintreffen des Regionalmanagers Merih, der Restrukturierungsmaßnahmen einleiten und dem Ort neue Impulse geben soll. Susa sperrt ihr ESPRESSO wie immer für die wenigen Gäste auf, der alte Wenisch beschäftigt sich weiterhin mit den Anlagen im alten Bergwerk, und die junge Teresa übt nach wie vor Klavier und träumt davon, in der Stadt aufs Konservatorium zu gehen, während ihre Schwester Esther zuhause auf die Zimmerdecke starrt.

Meine Meinung: Im Interview erzählt Marie Gamillscheg, sie würde sehr viel schreiben und sehr viel aussortieren, das bewirke „sprachliche Entschlossenheit anstelle von überbordendem Stil.“ Einen überbordenden Stil kann man dem Roman tatsächlich nicht vorwerfen. Das würde auch gar nicht zu einer Geschichte passen, die wie in Zeitlupe eine in wenigen Sätzen zusammenzufassende Handlung erzählt. Man merkt dem Text an, dass jedes der nicht aussortierten Wörter sorgfältig gewählt ist, aber ich hatte beim Lesen ständig das Gefühl, irgendetwas überlesen zu haben und die Geschichte daher nicht voll zu erfassen.  Zu meiner großen Erleichterung klärte sich zumindest das Rätsel der geheimnisvollen Zahlen, die jedem Kapitel vorangestellt sind, gegen Ende auf. Ich war trotzdem froh, das Dorf nach der letzten Seite verlassen zu können, aber vielleicht war ja gerade das die Intention.

Marie Gamillscheg, Alles was glänzt. Luchterhand 2018. 219 Seiten. Ich danke der Verlagsgruppe Randomhouse für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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