Die Mutter, die ich sein wollte. Die Tochter, die ich bin.

9783991002550Die Mutter aller Beziehungen, so nennen die Journalistinnen Birgit Fenderl und Anneliese Rohrer die Mutter/Tochter-Beziehung in ihrer gemeinsamen Bestandsaufnahme derselben. Die Analogie zur ‚Mutter aller Schlachten‘ (© Saddam Hussein) ist möglicherweise weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich (© Heinrich Böll), aber die Etikettierung mit kriegerischem Unterton sollte wohl besser mit einem Augenzwinkern verstanden werden, denn zum Glück ist das Feld, auf dem sich die Beziehungen abspielen, nicht immer eine Kampfzone. Manchmal aber doch.

In 17 Beiträgen zeigen die Autorinnen, wie unterschiedlich Frauen ihre Rolle als Mutter und/oder Tochter wahrnehmen und leben. Die Bandbreite reicht vom symbiotischen Miteinander bis zu größtmöglicher Distanz, und die Präsentation all dieser Varianten erfolgt unter einer klaren Prämisse:

Wir sind keine Therapeutinnen und haben auch keinerlei therapeutischen Ansatz. Wir sind Journalistinnen, die gelernt haben, genau hinzuschauen und gut zuzuhören. (S. 12)

Zu Wort kommen Frauen in verschiedensten Familienkonstellationen und mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund. Die prominenteste Interviewpartnerin ist wohl die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die so etwas wie ein Leuchtturm sein kann. Ihre Aussagen zu den Schwierigkeiten, mit denen frau zu rechnen hat, wenn sie weder auf Beruf noch auf Familie verzichten möchte, geben Anhaltspunkte dafür, welcher Ansatz dabei helfen könnte, die gesteckten Ziele zu erreichen.

Rohrer Fenderl 2
Birgit Fenderl und Anneliese Rohrer beim Signieren auf der Buch Wien 2018

Die Erzählungen zeichnen selten einen „geraden“ Weg, häufig geht es um Alleinerzieherinnen- und Patchwork-Konstellationen, um besonders frühe oder besonders späte Mutterschaft. Die dabei auftretenden Brüche und Konflikte und ihre Auswirkungen auf die Mutter-Tochter-Beziehung portraitieren die Autorinnen vor allem in den Worten der Beteiligten, Kommentare werden sehr sparsam eingesetzt, Wertungen bleiben ganz außen vor. Besonders interessant wird es dann, wenn mehr als zwei Generationen, das heißt Großmutter, Mutter und Tochter, zu Wort kommen, und schnell zeigt sich: Der Vorsatz „nicht wie meine Mutter“ ist alles andere als leicht in die Tat umzusetzen.

Meine Meinung: Ich habe noch keine Frau getroffen, die behauptet hätte, ihre Mutter habe auf ihr Leben keinen Einfluss gehabt, aber wie lässt sich dieser Einfluss beschreiben? Ein Antwort auf diese Frage hätte ich mir von dem Buch erwartet, bekommen habe ich etwas anderes: Ein ziemlich breitgefächertes Bild davon, wie Frauen ihre Beziehung zur Mutter auf der einen und zur Tochter auf der anderen Seite beurteilen und auch zu gestalten versuchen und wie die damit verbundenen Bemühungen bei der Empfängerin ankommen. Mein Fazit lässt mich schmunzeln, auch wenn mich das aufgezeigte Ergebnis vor allem im letzten Beitrag schmerzlich berührt hat: Fast alle psychisch gesunden Mütter bemühen sich um ein gutes Verhältnis zu ihren Töchtern, und fast alle Töchter sehen beim Erfolg dieser Bemühungen „Luft nach oben“. Mit anderen Worten: Wie sehr eine Mutter sich auch bemüht, so ganz gelingt es oft nicht, und vor allem fast nie auf Anhieb und durchgängig. Das Lesen der verschiedenen Portraits hatte für mich dadurch einerseits etwas Tröstliches (offensichtlich geht es vielen Müttern wie mir), war aber andererseits auch etwas frustrierend: Wieso zum Kuckuck klappt das so selten?

Ein möglicher Schlüssel könnte die Vermutung einer der Interviewten sein:

Vielleicht ist wirklich etwas dran an dieser komischen Idee, dass sich Eltern in ihren Kindern verwirklichen. (S. 244)

Birgit Fenderl und Anneliese Rohrer, Die Mutter, die ich sein wollte. Die Tochter, die ich bin. Braumüller, Wien 2018. 263 Seiten. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s