Ein Weihnachtsgeschenk für Buchhändler*innen

Der Heilige Abend rückt näher, und damit kommt auch in all jene Bewegung, die nicht schon Monate vor dem Fest Listen mit möglichen Geschenken angelegt oder diese Geschenke sogar schon fein säuberlich verpackt im hintersten Winkel des Kastens versteckt haben – also in die übrigen 80 % der Bevölkerung. Diese 80 % teilen sich meiner Erfahrung nach in zwei Gruppen: jene, die  losstarten (oder lossurfen), um für ihre Lieben doch noch irgendwie irgendetwas Brauchbares zu ergattern, und jene, die gemütlich zu Hause sitzen bleiben, weil sie ohnehin wissen, dass sie das beste Geschenk von allen in petto haben: ein Buch. Und das lässt sich auch noch in letzter Sekunde in der nächsten Buchhandlung kaufen. Wenn man weiß, welchen Titel man möchte, bzw. mit welchem Titel man dem/der zu Beschenkenden Freude machen kann. Und wenn man es nicht weiß, dann hat der/die Buchhändler*in doch sicher den richtigen Tipp. Auch noch am letzten Einkaufssamstag oder am 24. – der fällt heuer auf einen Montag, da sind die Buchhandlungen ja noch bis Mittag geöffnet.

Es lässt sich leicht ausrechnen, was das für die Buchhändler*innen bedeutet, vor allem, weil diese es sich nicht nehmen lassen wollen, die Kund*innen gut zu beraten, schließlich ist Beratung immer noch das Ass im Ärmel, das sie von den Internetgiganten  unterscheidet. Was wünschen sich also Buchhändler*innen 8 Tage vor Weihnachten? Kund*innen, die eine vage Vorstellung davon haben, wonach sie suchen. Oder auch eine etwas konkretere.

Um einen kleinen Beitrag zur Erfüllung dieses Wunsches zu liefern, möchte ich hier nochmals die Bücher und Autor*innen präsentieren, die mir heuer am besten gefallen haben und die vielleicht auch anderen gefallen werden:

Unter der DrachenwandGanz oben auf meiner Liste steht Arno Geiger mit Unter der Drachenwand. Die Erinnerungen eines Mannes, der kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs seinen Genesungsurlaub nach einer Verwundung im oberösterreichischen Mondsee verbringt, hat mich vollkommen gefangengenommen. Daher war ich auch etwas enttäuscht, dass der Roman weder den Deutschen Buchpreis noch das österreichische Gegenstück gewonnen hat, obwohl er bei beiden Preisen auf der Longlist zu finden war.

junger-mannDer zweite österreichische Autor unter meiner Favoriten ist Wolf Haas. Mit Junger Mann(*) hat er sich nicht zum ersten Mal erfolgreich in einem neuen Genre versucht: nach den Brenner-Krimis und  dem literarischen Experiment von Verteidigung der Missionarsstellung erzählt er diesmal die Geschichte eines Teenagers, der auch er selbst gewesen sein könnte.

9783701734641Das einzige Sachbuch auf meiner Liste ist eines, das ich erst angelesen habe, das ich aber schon auf Basis des ersten Kapitels vorbehaltlos empfehlen kann: Für Der Preis der Macht hat die Journalistin Lou Lorenz-Dittelbacher ehemalige Politikerinnen interviewt. Die Aussagen von Gabi Burgsteller, von 2004 bis 2013 Landeshauptfrau von Salzburg, gehören zum Ehrlichsten und Erhellendsten, was ich von einer Politikerin oder einem Politiker je zu lesen bekommen habe, und die Liste der anderen Interviewpartnerinnen aus allen politischen Lagern klingt ebenfalls vielversprechend.

hausbrandHochpolitisch ist auch der Roman, mit dem die britisch-pakistanische Autorin Kamila Shamsie den Women’s Prize for Fiction 2018 gewonnen hat. In Hausbrand (Home Fire) zeigt sie anhand des Beispiels einer jungen Frau mit pakistanischen Wurzeln, deren Bruder sich dem IS anschließt, welche Auswirkungen die Weltpolitik auf das Leben eines Menschen ohne jegliche politische Agenda haben kann.

9783813506983_CoverPolitisch in einem ganz anderen Sinn ist auch ein Roman, der schon 2017 erschienen ist, zu dem ich aber heuer gerne noch einmal zurückgekehrt bin. In Dunbar und seine Töchter(*) muss ein Medienmogul vor seinen eigenen Kindern fliehen, nachdem er seine Macht unvorsichtigerweise aus den Händen gegeben hat. Der Roman ist eine moderne Nacherzählung von King Lear und damit Edward St. Aubyns Beitrag zum Hogarth Shakespeare Project. Ich habe alle bisher erschienen Bände der Serie gelesen und kann jedes davon empfehlen, wenn sie auch teilweise ein sehr unterschiedliches Zielpublikum ansprechen werden. Eines haben aber alle meiner Meinung nach gemeinsam: sie sind auch dann lesenswert, wenn man das zugrundeliegende Shakespeare-Stück nicht kennt.

9783813506730_CoverBesonders gut gefallen hat mir Der weite Raum der Zeit(*) (The Gap of Time), Jeanette Wintersons Version von Ein Wintermärchen. Der Roman ist schon 2015 erschienen, ich bin heuer endlich dazugekommen, ihn zu lesen. Die Autorin spielt darin auf sehr vergnügliche Weise mit den Motiven aus Shakespeares Stück um ein Findelkind, mit dem sich die Autorin, selbst ein Adoptivkind, schon ihr ganzes Leben intensiv auseinandergesetzt hatte.

launen der zeitEine nach Meinung mancher Kritiker*innen zu zahme Version von Der Widerspenstigen Zähmung lieferte Anne Tyler 2016 mit Die störrische Braut (Vinegar Girl) ab. Ich habe die Geschichte um eine nicht mehr ganz junge Frau, die ihr Leben sehr resolut in die eigene Hand nimmt, sehr unterhaltsam gefunden, und mich daher heuer sofort auf ihren neuesten Roman gestürzt. In Launen der Zeit (Clock Dance) beschreibt sie anhand von 4 Episoden aus deren Leben die Geschichte von Willa Drake, einer Frau, die ähnlich wie die Titelfigur in Vinegar Girl unaufgeregt, aber unnachgiebig ihren eigenen Weg geht.

41gBaD+NS1L._SX311_BO1,204,203,200_Auch Eine Liebe, in Gedanken(*) von Kristine Bilkenau ist eine eher leise Geschichte. Der Roman erzählt von einer großen Liebe ohne Happy End, die das Leben einer Frau aus der Nachkriegsgeneration trotzdem bereichert und den Beginn eines Aufbruchs in Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit darstellt.

Die übrigen Titel auf meiner Best of-Liste stammen alle von irischen Autor*innen. Roddy Doyle ist ein moderner Klassiker. Sein jüngster Roman Smile, der leider noch nicht auf Deutsch erschienen ist, geht unter die Haut, ich bin aber nicht sicher, ob ich ihn vorbehaltlos empfehlen würde. Ganz sicher ein Meisterwerk, aber ganz sicher auch schwere Kost und eine Geschichte mit mehr Interpretationsspielraum, als vielen lieb sein wird. Ganz anders ist das mit den Veröffentlichungen, die den Beginn seiner Karriere bildeten und ihn sofort zu einem der beliebtesten Schriftsteller seines Landes werden ließen. Die drei als Barrytown Trilogy bezeichneten  Romane erzählen Geschichten aus dem Leben einer Dubliner Arbeiterfamilie, den Rabbittes, in den späten 80er-Jahren. Alle drei Titel (Die Commitments, The Snapper, Fisch & Chips) sind sehr erfolgreich verfilmt worden, und Teil 2 habe ich heuer im Sommer in einer dramatisierten Fassung im Gate Theatre in Dublin gesehen und Tränen gelacht. Ein vierter Teil, der sich ebenfalls mit dem Schicksal der Rabittes beschäftigt, ist 2013 unter dem Titel The Guts (in deutscher Übersetzung: Punk is Dad) erschienen.

normal-peopleDer jüngste Star der irischen Literaturszene ist Sally Rooney. Obwohl von ihr noch keine deutschen Übersetzungen vorliegen, darf ihr Name in dieser Aufstellung auf keinen Fall fehlen. Nachdem sie schon 2017 mit ihrem Debütroman Conversations with Friends mehr als nur einen Achtungserfolg hingelegt hatte, schaffte sie es heuer mit der Liebesgeschichte Normal People auf die Longlist des Man Booker Prize.  Die 1991 in Dublin geborene Autorin portraitiert in ihren Geschichten das Leben der Millenial-Generation mit sehr modernen Mitteln und vollkommen schnörkellos und  hat mich damit emotional so berührt, als wäre ich selbst mitten unter den Student*innen am Trinity College.

In sehr guter deutscher Übersetzung sind hingegen zahlreiche Bücher eines Autors erhältlich, den ich nicht erst heuer für mich entdeckt, aber auch heuer wieder gerne gelesen habe. Ken Bruen beschreibt in seinen Jack Taylor-Krimis eine Welt, die mit jener der Millenials am Trinity College nichts gemeinsam hat, mich aber ebenso fasziniert. Der Privatdetektiv stolpert häufig selbstzerstörerisch, aber mit einem unbändigen Gerechtigkeitssinn und einer unglaublichen Zähigkeit ausgestattet, durch sein heimatliches Galway und löst dabei Kriminalfälle in einem Sumpf aus politischer und kirchlicher Korruption. 11 Bände sind von der Reihe bisher erschienen, die ersten neun, alle mit dem Namen des Protagonisten im Titel, wurden von Harry Rowohlt ins Deutsche übertragen.

Alchimie einer MordnachtAuch der letzte Titel auf meiner Liste ist ein Krimi eines irischen Autors und für mich die perfekte Lektüre für lange Winterabende, auch wenn der Roman mit 384 Seiten nicht besonders umfangreich ist. Das hat vielleicht damit zu tun, dass Benjamin Black seinen Historienkrimi Alchimie einer Mordnacht im Dezember 1499 beginnen und, obwohl sich die Handlung über viele Monate hinstreckt, in keiner einzigen Szene sommerliche Atmosphäre aufkommen lässt. Eiskalt, düster und geheimnisvoll präsentiert sich Prag, bis der junge Gelehrte Christian Stern das Mordrätsel gelöst hat, und trotzdem kann ich mir nichts Gemütlicheres vorstellen, als auf diese Zeitreise zu gehen.

Bei dieser Auswahl müsste für jede(n) etwas Passenden dabei sein, Ihr könnt Euch jetzt also beruhigt zurücklehnen oder vielleicht einen Punsch trinken gehen und dann im Laufe der nächsten Tage bei Eurer Buchhandlung vorbeischauen oder anrufen, um den passenden Titel noch rechtzeitig vor Weihnachten abzuholen oder sogar noch kurz vorher zu bestellen – das geht nämlich ganz ohne Mausklick bei den großen Händlern. Damit können wir sicherstellen, dass die netten Buchhändler*innen uns noch viele Weihnachten dabei helfen werden, die richtigen Bücher für unsere Lieben zu finden.

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Anmerkung: Die mit (*) markierten Titel wurden mir vom jeweiligen Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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