City of Girls

Eigentlich wollte ich Ende Mai nach New York reisen. Die Tickets waren bestätigt, das Hotel reserviert, der Timeslot für den Besuch der Freiheitsstatue gebucht. Dieser Tage hätte ich mir aus diversen Reiseführern Tipps zusammengesucht, mich nach den besten Broadwayshows erkundigt, mir überlegt, auf welcher Dachterrasse ich wohl Cocktails trinken möchte, ob ich den Central Park besser mit dem Fahrrad oder per Segway erkunde. Das muss leider warten. Statt dessen habe ich eine literarische Reise ins New York des Jahres 1940 gemacht. Dort ist die 19-jährige Vivian Morris gerade gelandet, nachdem eine exklusive Mädchenschule ihren Eltern nahegelegt hatte, sie mit Ende des Schuljahres abzumelden. Nun wohnt sie bei ihre Tante Peggy, die ein nur mäßig erfolgreiches Theater in einem heruntergekommenen Viertel der Stadt betreibt und der Überzeugung ist, man müsse junge Menschen wie Erwachsene behandeln und ihnen daher ihre Freiheit lassen. Das einzige, was Vivian wirklich kann, ist, mit ihrer Singer-Nähmaschine aus dem, was sich gerade auftreiben lässt, atemberaubende Kreationen zu zaubern, also übernimmt sie das Schneidern der Theaterkostüme und stürzt sich vor und nach der Vorstellung mit den Showgirls des Theaters ins Großstadtleben.

Meine Meinung: Bisher kannte ich Elizabeth Gilbert nur als Verfasserin des bekanntesten Reiseberichts der ChickLit-Literatur und seiner Fortsetzung. Mit Eat, Pray, Love landete sie 2006 einen Bestseller,  Das Ja-Wort: Eine Geschichte vom Heiraten erzählt, wie sie sich dazu durchringen konnte, den Mann, dem sie auf Bali begegnet war, zu heiraten. Dass diese Ehe mittlerweile wieder geschieden ist, zeigt, dass auch sorgfältige Überlegungen nicht immer zum erwünschten Ziel führen. Sorgfältiges Überlegen kann man der jungen Protagonistin von City of Girls allerdings ohnehin nicht vorwerfen. Vivian tut, wonach ihr der Sinn steht, begibt sich in Abenteuer, von denen sie weiß, dass sie auch schlecht ausgehen können, und genießt das alles in vollen Zügen, bis sie von den Konventionen ihrer Zeit eingeholt wird. Gilbert erzählt die Geschichte aus Sicht der 90-jährigen Vivian, die die Geschehnisse ihres ersten New Yorker Jahres und der Jahrzehnte danach mit unverblümtem Blick und trockenem Witz Revue passieren lässt, und zeichnet dabei eine manchmal zärtliches und immer zumindest verständnisvolles Bild der unterschiedlichen Beziehungen, denen Vivian begegnet. Dabei handelt es sich nicht in erster Linie um Beziehungen zu Männern, im Zentrum stehen, mit einer Ausnahme, ihre Freundschaften zu Frauen: mit ihnen arbeitet sie zusammen, von ihnen lernt sie und auf sie setzt sie bei wichtigen Entscheidungen. Die Autorin erzählt mit Humor, wie die 19-Jährige zielstrebig ihre Unschuld los wird, lässt sie erstaunt eine lesbische Liebe beobachten und liefert eine nüchterne, manchmal sarkastische, aber nie verbitterte Schilderung schmerzhafter wie amüsanter Erfahrungen auf dem Weg hin zu einem selbstbestimmten Liebesleben. 

Dieser Besprechung liegt das Hörbuch in englischer Sprache, gelesen von Blair Brown, zugrunde. Die deutsche Übersetzung von Britt Somann-Jung erscheint am 27. Mai bei S. Fischer. Da werde ich gerade eine Reisetasche für ein Wochenende an einem österreichischen See packen. New York ist nächstes Jahr dran.

Elizabeth Gilbert, City of Girls. Als Audiobook gelesen von Blaire Brown. Penguin Audio 2019. 15 h 8 min.

In deutscher Übersetzung von Brit Somann-Jung: City of Girls.  S. Fischer 2020. 496 Seiten. 

Ich bin, ich bin, ich bin

Immer wieder werde ich durch Literaturpreise und die dazugehörigen Long- und Shortlists auf Autorinnen aufmerksam, von denen ich ansonsten wahrscheinlich nie etwas gehört hätte, und so war es auch bei Maggie O’Farrell. Die in Nordirland geborene und in Wales und Schottland aufgewachsene Britin hat es mit Hamnet auf die Shortlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction geschafft und mich mit dieser fiktiven Geschichte über den realen Sohn von William Shakespeare und Anne Hathaway restlos begeistert. Die deutsche Übersetzung erscheint erst im Herbst bei Piper, aber schon seit Juni 2018 gibt es Farrells Autobiographie Ich bin, ich bin, ich bin: 17 Berührungen mit dem Tod auf Deutsch. Aufgeschrieben hat sie diese Erinnerungen vor allem für ihre Kinder, und ihnen ist das Buch auch gewidmet, allerdings geht schon die im ersten Kapitel beschriebene Situation so unter die Haut, dass ich mich beim Anhören der von Maria Simon eindringlich gelesenen Hörbuchversion gefragt habe, ab welchem Alter Kinder Derartiges wohl verdauen können. 1990 begegnete O’Farrell als 18-jährige Praktikantin in einem Wellness-Hotel im Lake District  bei einer Wanderung einem Mann, der ihr den Riemen seines Feldstechers um den Hals legte. Mit gespielt kühlem Kopf gelang es ihr, den Mann abzuschütteln. Sie meldete den Vorfall bei der Polizei, wurde aber nicht ernstgenommen. Zwei Wochen später tauchten Kriminalbeamte bei ihr auf. Diese fahndeten nach einem Täter, der eine neuseeländische Studentin mit dem Riemen eines Feldstechers erdrosselt hatte.

Ihre erste Begegnung mit dem Tod hatte die Autorin schon mit acht, als sie an Enzephalitis erkrankte, und wie dem Titel zu entnehmen ist, folgten darauf noch zahlreiche andere: Bei der Geburt ihres ersten Kindes,  bei der ihr der Kaiserschnitt zunächst verweigert wurde, auf einer Reise durch Südamerika in Gestalt von mit einer Machete bewaffneten Räubern, beim Schwimmen im Indischen Ozean und schließlich auch auf einer verlassenen Landstraße in der Toskana, auf der Suche nach einem Krankenhaus, in dem der anaphylaktische Schock ihrer Tochter behandelt werden kann.

Meine Meinung: Wie eingangs erwähnt hat Maggie O’Farrell ihre Erinnerungen für ihre Kinder aufgeschrieben. Wohl aus diesem Grund hat sich auch über Dinge berichtet, die sie nach eigenen Aussagen bis dahin niemandem oder zumindest nur ihrem Ehemann (dem Schriftsteller William Sutcliffe) erzählt hatte, und sie verrät dabei viel über ihre Gefühlswelt. Der Tod ist Maggie O’Farrells Lebensthema, das lässt sie ihre Leserinnen bereits mit dem Untertitel wissen, aber mit welcher Konsequenz sie sich immer wieder in Situationen begeben hat, die auch für Menschen ohne neurologische Vorbelastung eine Herausforderung wären, das hat mich doch verblüfft. Auch ich reise gern und habe mich schon in Gegenden gewagt, die andere nicht ohne den Schutz einer Reisegruppe kennenlernen möchten, ich  esse unterwegs nicht immer nach dem Gebot „Koch es, schäl es oder lass es“, ich habe die eine oder andere Sportart ausprobiert, die in der Unfallstatistik nicht unter ferner liefen vorkommt, und ich habe auch mit meinen Kindern nicht nur Dinge unternommen, die der Kinderarzt empfohlen hat. Farrells Erzählungen lassen aber auf einen Lebenshunger und eine Risikobereitschaft schließen, die ich mir vor allem dadurch erklären kann, dass sie, einmal dem Tod durch Gehirnentzündung und dem Leben im Rollstuhl entronnen, durch nichts und niemanden mehr aufzuhalten war, auch durch ihren eigenen Körper nicht. Wenn sie dabei für meinen Geschmack dem Schicksal etwas zu viel abzutrotzen scheint, dann hat das vermutlich genau denselben Grund.

Möglicherweise nicht ganz beabsichtigt haben Farrells Schilderungen dessen, was ihr bei Berührungen nicht mit dem Tod, sondern mit diversem medizinischen Personal  widerfahren ist, auch noch einen Nebeneffekt: Sie zeigen die schon seit langem bestehenden Schwächen des britischen Gesundheitssystems auf, die ganz aktuell ihren Niederschlag in Corona-Statistiken finden. 

Maggie O’Farrell, Ich bin, ich bin, ich bin. Als Hörbuch gelesen von Maria Simon. Tacheles! (Hörbuch) 2018, 6 h 6min.