Und die Welt war jung

Köln am Neujahrstag 1950. Im Haus von Gerda und Heinrich Aldenhoven ist im fünften Jahr nach dem Untergang des 1000jährigen Reiches das Geld knapper als vor dem Krieg, aber immerhin steht das Gebäude noch und die Jugend feiert schon wieder.

Auch das Haus von Gerdas Freundin Elisabeth in Hamburg hat den Krieg überstanden, nur müssen Elisabeth und Kurt Borgfeld dieses Haus nun mit ihrer Tochter Nina, dem kleinen Enkelsohn Jan und Einquartierten aus Schlesien teilen. Von Schwiegersohn Joachim gibt es seit Kriegsende kein Lebenszeichen, und während Elisabeth immer noch fest an seine Rückkehr glaubt, geht Tochter Nina der britische Journalist Winton Langley, den sie in der Silvesternacht kennengelernt hat, nicht mehr aus dem Kopf.

Bei Familie Canna in San Remo haben alle den Krieg wohlbehalten überstanden, und es mangelt weder an Geld noch an Wohnraum, dafür muss Heinrich Aldehovens Schwester Margarethe schon seit Jahren mit dem Standesdünkel und den andern Marotten ihrer italienischen Schwiegermutter klarkommen. Im Laufe des Jahrzehnts, das gerade begonnen hat, wird sich für alle drei Familien viel ändern, die Elterngeneration wird lernen, die Kriegsereignisse aufzuarbeiten, die Kinder werden erwachsen, Beziehungen gehen zu Ende, neue Lieben entstehen, und Kinder werden geboren.

Meine Meinung: Carmen Korns neuer Roman, der erste Teil einer als Drei-Städte-Saga angekündigten Serie, folgt dem Muster ihrer Jahrhundert-Trilogie, nur dass diesmal nicht einzelne Frauen, sondern ganze Familien im Mittelpunkt stehen. Im Leben der Mitglieder dieser Familien spiegeln sich die gesellschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhhunderts, genauer gesagt der 1950er-Jahre wider. Verletzungen werden sichtbar, alte Wunden heilen, wenn auch manchmal nur unter Mühen, das Leben wird einfacher und freier, der Wohlstand wächst.

Ein bisschen vorhersehbar sind die Ereignisse, und manche der Personen bleiben in stereotypen Rollen stecken, von der neureichen herrschsüchtigen Schwiegermutter bis zum schwermütigen mutlosen Kriegsheimkehrer, und wie schon in der Jahrhundert-Trilogie herrscht in den Familien ein Umgangston, der für die Heftigkeit der Konflikte zu höflich und emotionslos wirkt. Und natürliche lassen sich die meisten dieser Konflikte auflösen, als würden Kriegstraumata irgendwann von alleine verschwinden. Auch die Lesung durch die Autorin trägt nicht dazu bei, dem Roman mehr emotionale Tiefe oder mehr Zwischentöne zu verleihen. Trotz all dieser Einschränkungen habe ich mir die Geschichte gerne als nostalgische Zeitreise ohne Anspruch auf psychologischen Tiefgang vorlesen lassen. Der Autorin gelingt es, das Leben der 50er-Jahre als Geschichte des Wieder-Mut-Fassens, des Überwindens von Schwierigkeiten und erster Schritte zur Befreiung von Zwängen zu zeichnen, und das kommt der Realität trotz Weichzeichner und Vermeidung allzu unschöner Aspekte der Wirklichkeit der damaligen Zeit wahrscheinlich nahe.

Carmen Korn, Und die Welt war jung. Drei-Städte-Saga Teil 1. Gekürzte Hörbuchfassung gelesen von der Autorin. Argon Verlag GmbH 2020, 14 h 57 min.