HomeOffice mit Familie

Das Buch, das ich heute vorstellen möchte, passt ausgezeichnet zum 1. Mai 2021. In HomeOffice mit Familie – Wie Sie sich selbst, Arbeit und Familie so organisieren, dass (fast) nichts zu kurz kommt gibt Autorin Felicitas Richter aber Tipps, die für mich auch schon vor 15 Jahren nützlich gewesen wären. Damals, kurz nach der Geburt meines Sohnes, begann ich an einer Fachhochschule zu unterrichten und erledigte die Vor- und Nachbereitung meiner Kurse, die den Großteil der Gesamtarbeitszeit ausmachte, fast ausschließlich zuhause. Während der Junior zunächst im Kindergarten, später in der Schule, mit dem Papa unterwegs oder bei Freunden oder auch in seinem eigenen Zimmer zum Spielen war. Von echter Organisation konnte dabei keine Rede sein, gearbeitet wurde in der Zeit, die nicht von allem anderen aufgefressen worden war, notfalls auch spätabends oder in der U-Bahn auf dem Weg zum Unterricht. Zu einem Burnout habe ich es nicht gebracht, aber in einem Seminar zur WorkLife-Balance wurde mir sehr schnell klar, dass der Weg dahin bereits vorgezeichnet war. Und den Tag, an dem mein Sohn einem meiner Kollegen über mein Handy mitteilte: „Die Mama kann gerade nicht, die ist am Klo“ habe ich nicht als Sternstunde meiner Professionalität in Erinnerung…

Heute ist alles anders. Die Zeiten der Doppelt- und Dreifachbelastung sind für mich weitgehend vorbei, der Junior sammelt als Oberstufenschüler selbst gerade HomeOffice-Erfahrung und hat dabei seine liebe Not mit dem Zeitmanagement, meine Studierenden sitzen mir in Zoom-Konferenzen gegenüber und ich bekomme dank nicht stummgeschalteter Mikrophone so manchen Einblick in ein Familienleben, in dem auch nicht immer alles reibungslos abläuft. Wir alle sind in den letzten 14 Monaten zu Improvisationskünstler*innen geworden und schlagen uns wacker. Aber irgendwann wird es die „neue Normalität“ geben, vor der ich mich übrigens ein bisschen fürchte – ich hätte gerne meine alten Bürger*innenrechte zurück -, und HomeOffice wird gekommen sein, um zu bleiben. Nicht alle werden es sich aussuchen können, aber viele werden versuchen, zumindest die Vorteile zu nützen.

Wie das gehen kann und was man besser bleiben lässt, das versucht Felicitas Richter in ihrem kompakten Ratgeber zu erklären. Die Autorin und vierfache Mutter arbeitet seit vielen Jahren von zuhause aus und organisiert unter anderem Vorträge und Seminare zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie (https://www.felicitas-richter.de). Im Jahr 2020 habe sie selbst viele Familien durch anstrengende Wochen begleitet und gesehen, was es braucht, damit die Arbeit daheim produktiv und das Familienleben lebendig bleibt. Die wichtigsten von ihr genannten Erfolgsfaktoren sind die richtige innere Einstellung, Achtsamkeit, Nein-Sagen, partnerschaftliche Vereinbarkeit, Nothelfer*innen und Zusammenarbeit im Team (S.12).

In kurz umreißenden, klaren Worten beschreibt sie, wie sich der Spagat zwischen beruflichen und privaten Verpflichtungen und Ambitionen schaffen lässt und verweist dabei immer wieder auf ihre eigenen Erfahrungen und die Probleme, die sie selbst schon zu bewältigen hatte. Dabei tauchen neben Schlagwörtern wie Achtsamkeit und Nein-Sagen auch die Begriffe Wertschätzung, DeepWork und Effizienz auf, aber auch das verlockende Powernapping findet Erwähnung und die nicht nur im übertragenen Sinn gute alte Leih-Oma. Es geht jedoch nicht nur um die private Seite dieses Arbeitskonzepts, sondern auch darum, wie die Arbeit selbst und die dafür notwendige Kommunikation asynchron organisiert und eine brauchbare Feedback-Kultur etabliert werden kann und welche Vereinbarungen es mit der Arbeitgeber*innenseite zu treffen gilt.

Meine Meinung: HomeOffice mit Familie ist nicht in erster Linie ein Instant-Ratgeber für die Coronakrise. Die Frage, wie man neben allen anderen Herausforderungen auch noch die des Home Schooling bewältigen kann, wird beispielsweise zwar angeschnitten, im Mittelpunkt steht aber der „normale“ Familienalltag ganz ohne Pandemie. Positiv aufgefallen ist mir dabei, dass kein Stufen-Programm und keine Checklisten dazu einladen, hier zusätzlich zu allen ohnehin schon vorhandenen Aufgaben noch etwas abzuarbeiten. Das ist von der Autorin bewusst so angelegt:

Mit Tipps ist das (…) so eine Sache: sie passen nicht immer, verwirren manchmal und überfordern oft. Bitte wählen Sie deshalb aus den (…) Empfehlungen das, was Sie ausprobieren wollen. Und bitte nicht alles auf einmal. Sortieren Sie aus, was für Sie nicht passt, und finden Sie heraus, was Ihre eigenen Produktivitäts-Booster sind“ (S. 90).

Eine Ausnahme bilden dabei die „10 Dinge, die Sie jetzt mit Ihrem Arbeitgeber klären (und in einer Zusatzvereinbarung zum Arbeitsvertrag schriftlich festhalten) sollten“ (S. 104), und als Frau der Praxis hat die Autorin für diese ausdrücklichen Empfehlungen sicher gute Gründe.

Für alle, die einigermaßen durch die letzten Monate gekommen sind und nun ein bisschen durchatmen und überlegen können, wie sie sich für das Leben nach Corona neu ausrichten können, liefert dieser Ratgeber sicher die geeignete Unterstützung. Aber für jene, die die letzten Monaten nur unter großen Schwierigkeiten hingekriegt haben und jetzt nach einem Weg suchen, ihr Leben wieder in positivere Bahnen zu lenken, werden die Anregungen nicht ausreichen. Das gilt insbesondere für Alleinerziehende oder Eltern in schwierigen finanziellen Verhältnissen. Auch wenn die Autorin im Vorwort meint: „Bitte fühlen Sie sich in Ihrer jeweiligen Lebenssituation und Familienkonstellation und Ihren besonderen Herausforderungen gemeint. Nehmen Sie mit, was Ihnen hilfreich scheint, und überblättern Sie, was (im Moment) für Sie nicht zutrifft“ (S. 7) dürfte genau das schwierig sein, wenn es gerade gar nicht gut läuft und der Ratgeber, wie die Autorin selbst einräumt, in vielem „von einer idealtypischen Familie“ ausgeht. Aber wenn diese oft übersehenen Opfer der Krise wieder etwas mehr Kapazitäten haben werden, ist auch ihnen der Ratgeber ans Herz zu legen, da bei den zahlreichen Vorschlägen für kleinere und größere Kurskorrekturen wohl für viele etwas dabei ist, was zu einer Verbesserung der Gesamtsituation beitragen kann.

Felicias Richter, HomeOffice mit Familie – Wie Sie sich selbst, Arbeit und Familie so organisieren, dass (fast) nichts zu kurz kommt. Beckkompakt München 2021. Ich danke dem Verlag C.H. Beck für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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