Ich muss raus

Ich finde Ulrike Folkerts sympathisch. Ich meine Ulrike Folkerts, die 1941 in Kassel geborene Schauspielerin, nicht Lena Odenthal, die Tatort-Kommissarin. Von deren Persönlichkeit habe ich kein klares Bild, und das könnte mit einem Umstand zu tun haben, den die Darstellerin in ihrer im April erschienen Autobiographie beschreibt: Es gebe keine Kontinuität bei den Drehbuchautoren, jedes Skript lasse die Figur daher anders sprechen. Die Drehbücher seien oft so unterschiedlich gewesen, dass Lena Odenthal kaum wiederzukennen gewesen sei. (S. 137).

Die häufige Vermischung zwischen ihr als Person und der Figur, die sie seit 1989 in bisher 74 Folgen der Krimiserie darstellt, ist nur eines der Themen in den im Corona-Jahr 2020 entstandenen Erinnerungen, aber natürlich ist ihre Geschichte auch die Geschichte der Lena Odenthal, die mit dem Casting eines „französischen Typs“, der ersten Shoppingtour für eine (leider nicht ganz) passende Garderobe und dem ersten Übergriff eines Kollegen beginnt, auf den Die Neue der ersten Folge brüsk reagiert. Sich gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen, das ist eines der Leitmotive in Ulrike Folkerts Leben. Sich nicht damit abzufinden, dass sie als Mädchen zuhause Margarine aufs Brot bekam, während die Butter dem Vater vorbehalten blieb. Sich nicht auf Stereotype festlegen zu lassen, sich nicht unterzuordnen.

Ulrike Folkerts hat auch keine Angst davor, zu beschreiben, wie es ihr und so mancher ihrer Kolleginnen zumindest vor #MeToo beim Vorsprechen für Rollen oder auch bei Proben ergehen konnte – Harvey Weinstein lässt seine Kollegen im deutschen Filmgeschäft grüßen! Ganz allgemein kritisiert sie die männliche Dominanz im Theater- und Filmbetrieb und den Überhang an männlichen Rollen, und sie umreißt, wie ihr Outing als Homosexuelle die Bandbreite der Rollen eingeschränkt hat, für die sie besetzt wurde und wird. Auch hier scheint es schwer, der Vermischung zwischen Darstellerin und Figur zu entkommen, und extra betont sie: Lena Odenthal ist keine Lesbe.

Meine Meinung: Für mich wird der Name Ulrike Folkerts ganz unabhängig von der Entstehungszeit des Buches immer mit Corona verknüpft bleiben. So wie 52 ihrer Kolleg*innen hat sie in einem Kurzvideo die Aktion #allesdichtmachen mitgetragen, in der auf satirische Weise der Umgang mit der Pandemie durch Gesetzgeber und Medien in Frage gestellt wird. Endlich macht mal jemand auf kluge Weise den Mund auf, dachte ich am Tage der Veröffentlichung der Videos, doch schon kurz darauf, nachdem der zu erwartende Sturm der Entrüstung über die 53 kritischen Geister hinweggefegt war, bezeichnete die Schauspielerin die Aktion als „schief gegangen und unverzeihlich.“ Schade, aber Frau Folkerts wird wohl ihre Gründe haben. An einem Mangel an Mut, Irrwitzigkeiten anzusprechen, sollte es eigentlich nicht liegen, denn auch in Ich muss raus findet sie klare Worte, wenn es um absurde Auswüchse der Political Correctness geht:

„Diese Angst, irgendjemandem auf die Füße zu treten, beherrscht die Inhalte – und das schon lange. Es gab eine Phase zwischen 2003 und 2015, in der ich wirklich unglücklich war mit der weltfernen Spießigkeit, die manche TV-Verantwortliche in die Lena-Odenthal-Tatorte brachten. Die Kommissarin durfte nicht mal auf de Tisch hauen oder ein Glas Wein trinken nach einem anstrengenden Tag. Gleich hieß es, das fördere die Gewaltbereitschaft oder den Alkoholismus des jungen Publikums. „Also bitte, Sie sind ein Vorbild, Frau Folkerts!“ Einmal sollte Lena Odenthal laut Drehbuch im Frühling fasten. Junge Mädchen könnten magersüchtig werden, wenn wir das so umsetzten, wurde uns da gleich vorgeworfen. Zeitweise gab es sogar eine Fibel für all das, was Lena Odenthal nicht durfte: nicht rauchen, nicht trinken, nicht fasten, sich nicht verlieben, keine Kraftausdrücke verwenden.“ (S.137).

Nicht nur in diesem Absatz, sondern im gesamten Buch spricht eine Frau, die weder bei jeder Entscheidung und Äußerung darüber nachzudenken scheint, was für ihre Karriere gut und was dieser abträglich ist, noch das Leben ausschließlich aus der Perspektive des Schauspielstars betrachtet. Eine Frau mit starker Persönlichkeit, selbstbewusst und reflektiert, manchmal auch kritisch gegenüber ihren Geschlechtsgenossinen, eine Frau, die die Auftritte auf dem Roten Teppich und den übrigen Rummel mit einer gesunden Distanz beschreibt, für die ein schöner Drehort und eine komfortable Umgebung etwas Erwähnenswertes geblieben sind, in deren Schilderungen ein ganz normales Alltagsleben durchschimmert, so normal, wie es bei einem Gesicht mit Wiedererkennungswert eben sein kann. Sympathisch. Und lesenswert.

Ulrike Folkerts in Zusammenarbeit mit Heike Vowinkel, Ich muss raus. Christian Brandstätter Verlag Wien 2021. 208 Seiten. Ich danke dem Verlag Christian Brandstätter für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s