Glaub nicht alles, was du denkst

Alexandra Reinwarth ist die erfolgreichste Sachbuchautorin im deutschen Sprachraum. Das erzählt sie in der von ihr selbst gelesenen Hörbuchversion von Glaub nicht alles, was du denkst: Wie du deine Denkfehler entlarvst und endlich die richtigen Entscheidungen triffst. Ihr innerer Clown würde das nicht so formulieren. Der ist für Aussagen wie „Na ja, ich schreibe, aber nur Sachbücher, keine Romane“ zuständig. Die Wortmeldungen und Einflüsterungen dieses inneren Clowns verhindern, dass wir die beste Version von uns selbst sind, er achtet darauf, dass wir nicht genug Selbstvertrauen entwickeln, uns nicht für begabt genug, hübsch genug und liebenswert genug halten. Dafür bestärkt er uns darin, alte Muster beizubehalten, auch wenn diese sich nicht als hilfreich erwiesen haben, für Dinge vor Scham in den Boden versinken zu wollen, die anderen gar nicht aufgefallen sind, mit einer gesünderen Lebensweise doch erst nächsten Montag zu beginnen oder auch mal unsere Vorurteile zu pflegen, uns als einzige gegen Werbestrategien immun zu fühlen und gute Gründe dafür zu finden, dass an Horoskopen und Mondkalendern doch etwas dran ist. Anders formuliert: Der innere Clown, das sind die psychologischen Mechanismen und Fallen, die verhindern, dass wir ein zufriedenes, selbstbestimmtes Leben führen, uns weiterentwickeln, Manipulationen etwas entgegenzusetzen haben, unsere Ziele verfolgen und im Idealfall auch erreichen.

Meine Meinung: Bücher, die uns erklären, warum wir ticken wie wir ticken, gibt es viele. Das Wissen darüber alleine reicht aber nicht aus, um uns gegen diese meist unbewussten Automatismen zur Wehr zu setzen oder sie für unsere Zwecke zu nutzen. Alexandra Reinwarth hat bei der Recherche ihres Buches ihre Hausaufgaben gemacht, und so sind ihre Erklärungen keine Aneinanderreihung von wissenschaftlichen Anekdoten, Halbwahrheiten und Legenden, sondern geben einen Überblick über den tatsächlichen Stand der Wissenschaft im Bereich der Verhaltenspsychologie und Hirnforschung. Gleichzeitig wendet sie selbst aber einen Kniff an, der uns hilft, diese Mechanismen nicht nur zu verstehen, sondern tatsächlich besser mit unseren inneren Stimmen und Impulsen umgehen zu lernen. Sie macht daraus den inneren Clown, erklärt uns, warum dieser Clown etwas Bestimmtes sagt oder rät, das nicht zu unserem Vorteil ist oder uns möglicherweise unglücklich macht, und versetzt uns damit in die Lage, ihn nicht allzu ernst zu nehmen und ihm etwas entgegenzusetzen: den Mann im grauen Anzug, der nicht ganz so attraktiv auf uns wirkt, aber besser auf uns aufpassen kann. Wie schon in Am Arsch vorbei geht auch ein Weg greift die Autorin auf Beispiele aus ihrem eigenen Leben zurück und schildert diese mit viel Humor und dem Mut, auch weniger Schmeichelhaftes über sich selbst preiszugeben. Der Verzicht auf Selbstmitleid und vor allem die Fähigkeit zur Selbstironie sorgen für einen lebensbejahenden, optimistischen Grundton, und ganz oft habe ich beim Zzuhören nicht nur geschmunzelt, sondern laut gelacht. Gleichzeitig tut Alexandra Reinwarth aber nicht so, als gäbe es für jedes Problem eine Lösung und als sei Disziplin immer der beste Weg. Besonders haben mir ihre Gedanken zum Umgang mit Trauer und zum Sich-Fügen in das Unvermeidliche gefallen, und ganz zum Schluss vergisst sie auch nicht, darauf hinzuweisen, wann es nicht nur vernünftig, sondern notwendig ist, auf die Stimme des Clowns zu hören. Ich werde mit meinem jetzt trotzdem ein paar Takte reden, um da einiges klarzustellen…

Alexandra Reinwarth, Glaub nicht alles, was du denkst. Als Hörbuch gelesen von der Autorin. mvg Verlag 2019, 5 h 16 min.

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