Kristin Lavranstochter – Der Kranz

Norwegen zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Kristin, die Tochter von Lavrans Bjørgulfssohn und seiner Frau Ragnfrid, lebt mit ihren Eltern auf dem Jjørundhof in der Nähe des heutigen Lillehammer. Ihr Vater ist ein wohlhabender, tüchtiger und von vielen bewunderter Adeliger, ihre Mutter eine sehr schwermütige Frau, was alle auf den Verlust ihrer drei kleinen Söhne zurückführen. Für die sehr hübsche und eher stille Kristin ist es selbstverständlich, die strengen religiösen Gesetze und sozialen Spielregeln einzuhalten, die das Leben aller bestimmen und die ihre Eltern noch strenger auslegen, sie bewahrt sich dabei aber ihre Individualität und ihren Freiheitssinn. Sie erlebt eine idyllische Kindheit, wenn auch nicht ganz frei von traumatischen Erfahrungen, freundet sich, als sie ihren Vater auf eine Reise in die Stadt begleiten darf, mit Bruder Edwin an, einem Wandermönch, der ihr zusätzlich spirituelle Führung gibt, und akzeptiert die Verlobung mit Simon Darre, dem Sohn eines benachbarten Gutsbesitzers.

Als jedoch Arne, Gefährte ihrer Kindheit und Sohn eines Knechts am Gutshof, ums Leben kommt, leiden dadurch ihre innere Ausgeglichenheit und auch ihr Ruf sosehr, dass sie darum bittet, vor der Verheiratung für ein Jahr ins Kloster gehen zu dürfen. Ihre Klosterzelle teilt sie mit der dem Leben viel mehr zugewandten Ingebjørg, und mit ihr erlebt sie Abenteuer, die ihr Leben in eine vollkommen andere Bahn lenken, als sie Erlend Nikulaussøn kennenlernt. Erlend kommt aus einer hochgestellten Familie, hat aber durch seine langjährige Beziehung mit einer verheirateten Frau sowohl dem Ansehen seiner Familie als auch seinem Vermögen großen Schaden zugefügt.

Meine Meinung: Jede Buchliebhaberin hat sie, die Bücher, die im Bücherschrank stehen, weil man sie unbedingt gelesen haben sollte und ganz bestimmt irgendwann lesen wird. Sehr oft sind es die Klassiker, von denen man schon in der Schulzeit gehört hat, und oft sind es auch Bücher, die einen Preis gewonnen haben – zum Beispiel den Literaturnobelpreis. Dieser wurde in seiner 120-jährigen Geschichte bisher erst sechzehnmal an Frauen verliehen. Die erste Preisträgerin war 1909 die Schwedin Selma Lagerlöf, deren Nils Holgersson den meisten zumindest aus der Zeichentrickserie bekannt ist, und auch die zweite Preisträgerin kam aus Skandinavien: Sigrid Undset erhielt die Auszeichnung 1928 laut Wikipedia „vornehmlich für ihre mächtigen Schilderungen aus dem mittelalterlichen Leben des (skandinavischen) Nordens“. Der Kranz, der erste Band der Romantrilogie Kristin Lavranstochter, die dafür den Ausschlag gab, steht in einer hübschen Ausgabe der Deutschen Buchgemeinschaft, noch in altdeutscher Schrift, in meinem Bücherregal; (von mir) ungelesen. Jetzt hat der Kröner-Verlag diesen ersten Band in einer Neuübersetzung aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs vorgelegt und mich damit neugierig genug gemacht, um meine Habe-ich-endlich-gelesen-Liste um einen Eintrag zu erweitern. Die Schilderung des Lebens der Kristin Lavranstochter beginnt so, als hätte Astrid Lindgren eine skandinavische Version von Heidi geschrieben, und auch wenn mich Naturschilderungen normalerweise ziemlich langweilen, Sigrid Undset setzt sie so ein, dass sie die Stimmung der rauen Lebensumstände im mittelalterlichen Norwegen harmonisch unterstreichen und umso glaubwürdiger machen. Die Beschreibung dieser Lebensumstände entspringt nicht der Phantasie der Autorin: Als Tochter eines norwegischen Archäologen hatte sie von Kindheit an Gelegenheit, sich mit der Geschichte ihres Landes auseinanderzusetzen, und später baute sie dieses Wissen durch das Studium alter Manuskripte und Chroniken soweit aus, dass sie als führende Expertin für das mittelalterliche Leben in Norwegen galt. Die Geschichte der Kristin wird dadurch eine lebendige und spannende Zeitreise. Auch die Glaubwürdigkeit der Charaktere hat wohl einiges mit der Biographie der Autorin zu tun. Wie Kristins Leben war auch das der Autorin begleitet von schwerkranken Kindern, und wie Kristin setzte sie sich eine Liebe in den Kopf, die im Konflikt mit den Gesetzen der katholischen Kirche und den gesellschaftlichen Konventionen stand. Der Kranz ist dabei das Symbol der Jungfräulichkeit eines Mädchens adeliger Herkunft, und dass der Kampf um das persönliche Glück nicht nur die Geschichte der jungen Kristin, sondern auch die Geschichte ihrer Eltern ist, verleiht dem Roman mehr psychologische Tiefe als ich zu Beginn erwartet hätte. Ohne das Original zu kennen, finde ich auch die Übersetzung von Gabriele Haefs sehr gelungen: Ihre Sprache ist modern genug, um den Roman gut lesbar zu machen, aber der Ton trifft oder besser gesagt erzeugt eine Atmosphäre, die die geschilderte Zeit und die Menschen darin zum Leben erweckt. Ein Glossar mit Anmerkungen am Ende des Romans hilft Interessierten bei der zeitlichen und geografischen Einordnung der Geschehnisse und war mir daher mehr als willkommen.

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Band 1 Der Kranz. Aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs. Alfred Kröner Verlag 2021, 383 Seiten. Ich danke dem Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! 

In der Kulturbowle findet sich eine weitere Besprechung des Romans.

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