Identitti

Heute beginnt der Bücherherbst: Die Veröffentlichung der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021 ist für mich wie jedes Jahr mit der Frage verbunden: Welche Titel aus meiner Sommerleseliste sind nominiert? Und überrascht mich das? Die Antwort auf die erste Frage lautet: Nur einer – ich hätte mehr lesen sollen (oder vielleicht auch nur andere Titel). Und die Antwort auf die zweite Frage ist: Ganz sicher nicht! In Identitti beschreibt Mithu Sanyal einen Skandal an einer deutschen Universität: Prof. Dr. Saraswati, die in Düsseldorf Intercultural Studies und Postkoloniale Theorie lehrt, ist nicht, wie sie alle glauben ließ, eine Person of Colour, sondern eine in Deutschland geborene Tochter in Deutschland lebender Deutscher. Deutscher geht’s nicht mehr, und damit steht nicht nur ihre eigene Karriere und ihr Ruf als Wissenschaftlerin auf dem Spiel, das unfreiwillige Outing stellt auch alles in Frage, was ihre Vorzeigestudentin Nivedita Anand in den vorangegangenen Semestern bei der von ihr Bewunderten gelernt und als Social Media Star auch gleich wieder in die Welt hinausgerufen hat. Nivedita tut, was jede selbstbewusste Vertreterin ihrer Generation tun würde: inmitten des sofort losbrechenden Sturms verlangt sie von ihrer Professorin Erklärungen. Diese Erklärungen bekommt sie auch, und sie bringen ihr Weltbild nicht wieder in Ordnung, sondern stellen es erst recht auf den Kopf.

Meine Meinung: Mithu Sanyal wagt das Undenkbare – sie macht sich über die ernsthafte Auseinandersetzung mit Rassismus und Diskriminierung lustig, zieht wissenschaftliche Diskurse zu diesen Themen durch den Kakao und würzt das Ganze mit einer stereotypen Darstellung von Beziehungsmustern. Die Akteure sind als Karikaturen angelegt: die wissenschaftliche Koryphäe, die sie verehrende Studentin, die unmotivierte Streberin, die ideologiefreie Opportunistin, die Eltern mit sozialem Engagement, der eifersüchtige Bruder, der egoistische Boyfriend, die empört aufschreienden Öffentlichkeit und die Stimme des Gewissens in Gestalt einer indischen Göttin. Volltreffer, genau dort, wo’s weh tut. Es ist klug und es macht Spaß, weil jeder Satz der nicht kurzen Streitgespräche sitzt, jeder Charakter in glaubwürdigen Details portraitiert ist und die Geschichte den Weg aller Skandale geht, ohne vorhersehbar zu sein. Cynthia Mikas verleiht den Protagonisten in der Hörbuchversion die Stimmen, die sie brauchen, um sich in den verbalen Duellen Gehör zu verschaffen. Nur gegen Ende verliert die Geschichte ein wenig an Dynamik, da sind der Autorin vermutlich die Entwicklungen des Jahres 2020 in die Quere gekommen, und die lassen sich bei einem Roman, der auf der Höhe der Zeit sein will und ist, nicht ignorieren.

Mithu Sanyal, Identitti, als Hörbuch gelesen von Cynthia Mikas und als Download von bookbeat gehört, speak low 2021, 11 h 1 min.

Bookster HRO hat mit Saraswati ein Interview geführt, und Frank O. Rudkoffsky und letteratura haben den Roman ebenfalls besprochen.

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