Dunkelblum

Etwas mehr als eine Woche nach der Veröffentlichung der Longlist für den Deutschen Buchpreis wurden heute auch die für den Österreichischen Buchpreis 2021 Nominierten genannt, und während Monika Helfers Vati und Ferdinand Schmalz‘ Mein Lieblingstier heißt Winter auf beiden Listen zu finden sind, fehlt Eva Menasses soeben erschienener Roman Dunkelblum ganz. Schade!

August 1989. Nach dem unerwarteten Tod seiner Mutter kommt der Mittdreißiger Lowetz zurück nach Dunkelblum, einem Ort nahe der Grenze, und findet dort eine Welt vor, die er fast vergessen hatte, die aber immer noch beinahe so funktioniert wie in seiner Kindheit, in wesentlichen Zügen sogar noch immer so wie in der Jugend seines schon lange verstorbenen Vaters. Immer noch dieselben Nachbarn, immer noch derselbe Gemeindearzt, immer noch derselbe Greißler, immer noch dieselben Winzerfamilien, immer noch der Stammtisch in der Gaststube des Hotel Tüffer, und immer noch tut „eine Gruppe von ehemaligen Halbstarken“ ihr Möglichstes, damit keiner aus der Reihe tanzt.

Anders ist nur, dass ein Trupp junger Leute von außerhalb begonnen hat, den jüdischen Friedhof zu renovieren und dass sich erstmals Widerstand gegen einen Plan des Bürgermeisters formiert: Eine Bürgerinitiative widersetzt sich dem Beitritt zum Wasserverband und verlangt stattdessen die Errichtung einer autonome Wasserversorgung für die Gemeinde. Fast gleichzeitig mit Lowetz kommt ein älterer Mann in dem Ort „am östlichen Ende der westlichen Welt“ an, mietet sich im Hotel Tüffer ein und beginnt mit den Leuten über die Vergangenheit zu reden. Die Menschen sind meist nicht besonders auskunftsfreudig, wenn es um „die alten Geschichten“ geht, nur Rehberg, der Besitzer des Reisebüros, findet das Thema ebenso interessant wie der Fremde. Rehberg arbeitet gemeinsam mit Flocke Malnitz, der jüngsten Tochter der aus einem anderen Ort eingeheirateten „Dorfkönigin“ und erfolgreichen Bio-Winzerin Leonore Malnitz, an einer Ortschronik. Während die Menschen unter der Sommerhitze leiden, der Bürgermeister in einem Krankenhaus der Hauptstadt mit dem Tod ringt und auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs ein Paneuropäisches Picknick organisiert wird, gelingt einem DDR-Flüchtling der illegale Grenzübertritt. Er wird in Dunkelblum vorbeugend mit einer Tracht Prügel begrüßt, findet aber, nachdem sich seine Identität geklärt hat, Aufnahme bei Lowetz und hofft in dessen Haus darauf, dass seine Frau und Tochter bald nachkommen können.

Meine Meinung: Dunkelblum ist Eva Menasses Auseinandersetzung mit dem Massaker von Rechnitz und seinen Nachwirkungen. In der burgenländischen Kleinstadt waren im März 1945, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee, 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter vermutlich von Gästen eines Festes auf Burg Rechnitz ermordet und danach auf deren Befehl vergraben worden. Die Leichen wurden nie gefunden, einige Zeugen wurden in den darauffolgenden Jahren ermordet. Es gibt bereits zahlreiche literarische und journalistische Versuche, das Thema aufzuarbeiten, unter anderem ein Hörspiel von Elfriede Jelinek und einen Bericht von Sacha Batthyany, dessen Großtante Margit die Gastgeberin des Festes auf der Burg gewesen war. Eva Menasses Geschichte bleibt den bekannten Fakten oder zumindest Wahrscheinlichkeiten treu und erzählt, ebenfalls nahe an der Realität, wie die Ortsbewohner in den Jahrzehnten danach mit ihrer Geschichte umgehen. Sie tut das mit tiefen Einblicken in die österreichische Seele, aber gleichzeitig verfremdet sie die Geschichte durch sprachliche Symbolik anstelle von burgenländischem Lokalkolorit. Während die Personen ortsübliche deutsche, jüdische und ungarische Namen tragen und damit kein Zweifel an ihrem Status innerhalb der Gemeinschaft bleibt, sind die Ortsnamen Dunkelblum für die österreichische Kleinstadt und Himmelstoß für die „drübige“ Nachbargemeinde nur zwei Beispiele für die Bilder, die Eva Menasse zur Beschreibung dessen entwirft, was sich in dieser Gemeinschaft abspielt. Besonders beeindruckt hat mich die Darstellung der Suche nach der Wahrheit, die auch jenen nur unvollständig gelingt, die sich ehrlich darum bemühen. Dafür formuliert die Autorin zwei Erklärungen, die Hand in Hand gehen:

„Dem Gedächtnis Einzelner ist nur in begrenztem Ausmaß zu trauen. Die meisten erinnern sich lediglich an das, was ihnen selbst in den Kram passt, ihre eigene Rolle in ein besseres Licht rückt oder ihre Gefühle schont. Die groben Fakten stehen ungefähr fest, obwohl es auch da Abweichungen gibt.“

„Und das ist eben das Problem mit der Wahrheit. Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst, deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen, den von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot, oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis.“

Die Geschichte von Dunkelblum sei als ein Beispiel für viele ähnliche Geschehnisse zu verstehen, und sie habe versucht, alles zu fiktionalisieren, erzählt die seit 20 Jahren in Berlin lebende Autorin in einem Interview für den Deutschlandfunk. An anderer Stelle sagt sie, sie versuche, die Menschen so komplett wie möglich zu zeigen, und auf diese Weise gelingt es ihr, die nachvollziehbaren Motive für das von außen oft verstockt und ewig-gestrig wirkende Tun und Denken ihrer Charaktere aufzuzeigen, ohne dabei die kritische Perspektive zu verlieren. Manchmal ist das nur mit einer Portion Sarkasmus möglich, den die Autorin in der von ihr selbst gelesenen Hörbuchfassung auch verbal gut dosiert.

Eva Menasse, Dunkelblum. Kiepenheuer & Witsch August 2021, 528 Seiten. Als Hörbuch von der Autorin gelesen und als Download von bookbeat gehört. Tacheles 2021, 18 h 50 min.

Auf Seiten-Hinweis und bei Litla Gletta finden sich weitere Besprechungen, die noch einige weitere Details der Geschichte verraten.

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