Mein Lieblingstier heißt Winter

Norbert und Harald stehen auf dem Bauch eines Stegosaurus, um diesem den Dreck vieler Jahre abzuschrubben, denn der Dinopark, in dem sie am Werk sind, soll nach dem Willen eines großzügigen Sponsors wiedereröffnet werden. Die beiden Männer arbeiten für die Firma Schimmelteufel. Diese hat ihre Existenz der Tatsache zu verdanken, dass es der Putzfrau Sabine Teufel einige Jahre zuvor gelungen ist, an die zur Firmengründung notwendige Geldsumme heranzukommen. Währenddessen liefert Franz Schlicht Tiefkühlwaren aus, um eine alte Schuld abzutragen. In der brütenden Sommerhitze ist das eine Ochsentour, und es bleibt nicht die einzige. Sein Stammkunde Doktor Schauer kauft immer Rehragout, doch diesmal hat er noch einen anderen Wunsch, und Schlicht fühlt sich verpflichtet, den einmal übernommenen und im voraus bezahlten Auftrag zu erfüllen. Das bringt ihn mit seltsamen Menschen in Berührung und in große Gefahr. Schnell merkt Schlicht, dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt, und er gibt nicht auf, bevor er alle Rückschläge überwunden hat und der Sache auf den Grund gegangen ist.

Meine Meinung: 2017 gewann Ferdinand Schmalz mit einem Auszug aus Mein Lieblingstier heißt Winter den Ingeborg-Bachmann-Preis, und daher ist es wenig verwunderlich, dass es der nun erschienene Roman heuer auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat und auch für den Österreichischen Buchpreis nominiert wurde. Schmalz erzählt die Geschichte von Franz Schlichts Suche als eine Abfolge von Begegnungen mit skurrilen Menschen in surrealen Situationen. Die Art, wie Schmalz mit der deutschen Sprache spielt, erfordert beim Lesen volle Aufmerksamkeit, aber die Mühe lohnt sich. Er liefert kunstvoll verdrehte Sätze, manchmal kurz, manchmal endlos lang, immer mit elegantem, nie plumpem Wortwitz.

Und sollte er, der Doktor Schauer, nicht mehr unter uns Lebenden verweilen, sollte er auf unnatürliche Weise seinen Tod gefunden haben, so wäre er, der Tulp, wär wohl der Erste, der davon etwas mitbekommen hätte, weil er doch all die ungeklärten Toten, die Namenlosen und die, die man schon ihren Namen wieder zugeordnet, alle llanden sie dann da bei ihm, in diesem Keller, wo in den Kühlfächern die Toten auf ihre Obduktionen warten, warten drauf, dass man ihnen die Todesursache ergründet, um sie dann erst in ihre Totenruhe wieder zu entlassen. (S. 50)

In seiner Danksagung hebt der Autor jene hervor, die während der Entstehung des Romans das „Mitlesen und Mitdenken“ übernommen haben. Diese haben tatsächlich großartige Arbeit geleistet, denn obwohl die Geschichte komplex ist und die Querverbindungen zwischen den einzelnen Personen so vielschichtig sind, dass sich Schmalz beim Schreiben leicht in seinem eigenen Labyrinth hätte verirren können, hatte ich nach der letzten Seite das Gefühl, dass, soweit sich das von einer derart schrägen Geschichte behaupten lässt, das Knäuel an Verwirrungen aufgelöst ist und keine losen Enden bleiben.

Ferdinand Schmalz, Mein Lieblingstier heißt Winter. S. Fischer 2021, 189 Seiten. Ich danke dem Verlag S. Fischer für das bereitgestellte Rezensionsexemplar!

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