Die rote Frau

IMG_1959Alex Beer? Wieso schon wieder ein männlicher Autor auf diesem Blog? Aber Alex Beer, das ist die aus Bregenz stammende Autorin Daniela Larcher. Diese Woche hat sie in der Buchhandlung Leo in Wien ihren zweiten August-Emmerich-Krimi vorgestellt. Nach Der zweite Reiter nun Die rote Frau. Ihre Namenswahl spricht die Autorin gleich zu Beginn der Lesung an, und sie gibt auch einen Einblick in ihren Werdegang als Schriftstellerin: Nach einem BWL- und einem Archäologiestudium habe sie in New York bei einem Verlag gearbeitet und dabei erkannt: Bücher schreiben – das ist es! Nach ihrer Rückkehr habe sie unter ihrem wirklichen Namen mehrere Krimis veröffentlicht, dann aber einen Psychothriller schreiben wollen und sich dafür das Pseudonym zugelegt. Als sie die ersten 100 Seiten des Thrillers ihrem Literaturagenten vorlegte, fand dieser den Text zwar schlecht, konnte aber das Problem orten: Ihre Sprache sei für das Genre einfach zu antiquiert. Also galt es, das Sujet dem Schreibstil anzupassen. So entstand der erste Fall des in der Zwischenkriegszeit in Wien ermittelnden August Emmerich. „Ich kann die Leser auf eine Zeitreise mitnehmen“, sagt die Autorin und spricht über die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe ihrer Geschichten, die sie in der Österreichischen Nationalbibliothek anhand der dort archivierten Tageszeitungen recherchiert. Der zweite Reiter spielt im Jahr 1919, der Mord, der den Auftakt zu Die rote Frau bildet, wird am 18. März 1920 verübt. „Damals war Wien ein Drecksloch.“ Diese Aussage gefällt nicht allen im Publikum, auch wenn die Autorin zu bedenken gibt, dass dies die Zeit vor den als Rotes Wien in die Geschichte eingegangenen Sozialreformen gewesen sei. Lebensmittel- und Energieknappheit, hohe Arbeitslosigkeit, miserabelste Wohnbedingungen, schlechte Gesundheitsversorgung. Genau aus diesen Gründen sei Wien damals aber eine Metropole der Filmindustrie gewesen, die in Die rote Frau ebenfalls eine Rolle spielt: Ein Heer von Arbeitslosen, das waren billige Statisten für die Monumentalfilme.

Auch dem Ermittlerduo Emmerich und Winter hat das Leben übel mitgespielt. August Emmerich ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Gerade einmal die Hälfte aller Kinder, die in einer solchen Einrichtung untergebracht waren, hätten ihre Volljährigkeit erlebt, erzählt Beer. Im Krieg war er durch einen Granatsplitter verwundet worden und leidet immer noch an den Folgen. Aufgrund von Umständen, die im ersten Teil der Serie nachzulesen sind, lebt Emmerich jetzt in dem Männerwohnheim in der Meldemannstraße im 20. Wiener Gemeindebezirk, in dem vor dem Ersten Weltkrieg auch jener erfolglose Kunstmaler Unterschlupf gefunden hatte, der den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brechen sollte. Emmerichs Assistent Ferdinand Winter wohnt zwar wesentlich feudaler, aber ansonsten geht es dem verarmten Adeligen kaum besser als seinem Vorgesetzten.

IMG_1951Meine Meinung: Die sympatisch-selbstsichere Unverblümtheit, mit der Daniela Larcher/Alex Beer vor Publikum spricht, findet im Roman ihr Gegenstück in einer stilsicheren Beschreibung des sozialen Umfelds einer Zeit, die, wie die Autorin meint, in der Literatur unterrepräsentiert ist. Genau deshalb hat sie sich auf diese Epoche konzentriert. Sie will Unbekanntes zeigen und sagt: „Ich probiere, meine Leser an Orte mitzunehmen, wo sie sonst nicht hinkommen.“ Als Beispiele nennt sie den Wienerberg, die Chatham Bar (heute das legendäre Café Hawelka und zufällig auch der Ort, an dem die Buchhandlung Leo 1817 gegründet wurde) oder die mehrstöckigen Keller unter der Innenstadt. Dort spielt eine sehr unterhaltsame, wenn auch brutale Ringkampfszene, und das ist auch eine der Passagen, in denen Dialoge im Wiener Dialekt dem Roman zusätzlich Authentizität verleihen. An dieser Stelle hatte die Geschichte schon rasant Fahrt aufgenommen, und das mit einer Lockerheit, die im Kontrast zum düsteren Setting steht. „Alle Krimis sind irgendwie gleich“, behauptet die Autorin. Auch das werden manche nicht gern hören, und wahrscheinlich stimmt es auch nicht. Aber die Krimis von Alex Beer sind in jedem Fall ganz anders als alles, was ich bisher gelesen habe. „Warten Sie erst auf Teil 3“, verspricht sie. Ich warte!

Alex Beer, Die rote Frau. Ein Fall für August Emmerich. Limes 2018. 411 Seiten. Ich danke der Buchhandlung Leo für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

 

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Bist du wahnsinnig geworden?

IMG_1378Claudia Erdheims Debütroman Bist du wahnsinnig geworden? erschien erstmals 1984/85 im Löcker Verlag und wurde soeben vom Czernin-Verlag neu aufgelegt. Im Zentrum steht die Beziehung der Autorin zu ihrer Mutter, einer  Psychoanalytikerin, die im Wien der Nachkriegszeit zwei Töchter alleine großzieht, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Die Familie mit jüdischen Wurzeln ist dem Holocaust nur durch Glück entkommen, daher ist es kein Wunder, dass die „Frau Doktor“ ihrer Umgebung mit zorniger Überheblichkeit begegnet. Verschont bleiben davon nur ihre Patienten, denen ihre ganze Aufmerksamkeit gilt. Die Töchter hingegen erleben den Alltag als Abfolge von Worttiraden gegen alles und jeden in einer Welt, vor der sie um jeden Preis ferngehalten werden müssen. Weiterlesen »

BuchWien von und für Frauen

20171109_150357Die zur Zeit stattfindende BuchWien präsentiert zahlreiche Autorinnen, die sich auf unterschiedlichste Weise mit der Lebenswelt von Frauen beschäftigen. Neben den bekannten Namen finden sich auch solche, von denen man noch nicht ganz so viel gehört hat.

So beschreibt Laura Freudenthaler in ihrem Roman Die Königin schweigt die Lebensgeschichte der über 80-jährigen Fanny, die zwar das Notizbuch, dass ihr ihre Enkelin geschenkt hat, damit sie darin ihre Erinnerungen festhält, mit leeren Seiten auf dem Nachttisch liegen lässt, von einzelnen Fragmenten diesen Erinnerungen aber nicht losgelassen wird, während sie vereinsamt auf den Besuch ihrer Tochter wartet. Im Gespräch im Literaturcafé der Messehalle sagt die Autorin, ihre Erzählung sei der Versuch, gegen das Schweigen und die Sprachlosigkeit anzukämpfen, die sie auch in ihrer Umgebung kennengelernt habe. Die Sprache, die sie dafür verwendet, klingt so rau wie die Umstände, unter denen Fanny groß geworden ist, und gefragt, ob sie ihren Schreibstil an die jeweils beschriebene Geschichte anpasse, gibt Freudenthaler zwei Antworten: anders sei das Schreiben für sie gar nicht vorstellbar, sagt sie, andererseits könne sie nicht wirklich sagen, wie das vor sich gehe, es passiere eher automatisch.

Theodora Bauer erzählt in Chikago vom Schicksal der jungen Katica, die in den 20er-Jahren gemeinsam mit ihrem Freund Feri nach Amerika auswandert, um der Armut in der Heimat zu entgehen. Anregungen für ihren Roman fand Theodora Bauer in den Lebens- und Familiengeschichten der Bewohner des Ortes Kittsee nahe dem Dreiländereck Österreich–Ungarn–Slowakei. Sie stellt ihr Buch gemeinsam mit der Autorin und Kolumnistin Saskia Jungnikl vor. Deren jüngste Veröffentlichung Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, die Angst vor dem Tod zu überwinden liefert mit dem Titel gleich die Inhaltsangabe.

Präsentiert werden (wie auf dem Bild zu sehen) auch die Gewinnerinnen des heuer zum zweiten Mal vergebenen Österreichischen Buchpreises und des Debütpreises: Eva Menasse, die schon zu den großen Namen auf der Messe gehört, hat den Hauptpreis für den Erzählungsband Tiere für Fortgeschrittene verliehen bekommen. Jeder ihrer Geschichten über Menschen ist eine Erkenntnis über das Verhalten einer Spezies aus dem Tierreich vorangestellt, und im Podiumsgespräch erklärt die Autorin – übrigens eines der freundlichsten Gesichter in der Messehalle – wie hilfreich Analogien aus den Naturwissenschaft beim Ordnen der Gedanken seien. Diesen Ansatz hat sie auch in ihrem 2013 erschienen Roman Quasikristalleverwendet, in dessen 13 Kapiteln eine Person, Xane Molin, immer wieder in unterschiedlichen Rollen und aus unterschiedlichen Perspektiven gesehen auftaucht.

Der Debütpreis ging an die in Teheran geborene und in Deutschland aufgewachsene Schriftstellerin Nava Ebrahimi. Ihre Zweisprachigkeit habe sich, wie sie berichtet, beim Schreiben als sehr hilfreich erwiesen: Ihre eigene „deutsche“ Humorlosigkeit könne sie kompensieren, indem sie auf den persischen Humor zurückgreife, und auch die bildreiche Sprache des Persischen erweitere das Repertoire für ihre literarische Arbeit. Auch bei den Sechzehn Wörtern, die ihrem Debütroman den Titel geben, handelt es sich  um persische Begriffe, und und Ebrahimi sagt, diese hätten ihr sehr dabei geholfen, ihre Gedanken zu ordnen, nachdem sie die Idee für den Roman schon lange Zeit mit sich herumgetragen habe.

Vier der genannten Bücher warten seit gestern auf meinem SUB, eines werde ich mir morgen noch besorgen, für die Beiträge der nächsten Wochen ist also gesorgt.