..als ob sie Emma hießen

9783701734580In Österreich gezeugt, ins Deutsche Reich zur Welt gekommen‘, so kommentiert  Emmy Werner das Datum ihrer Geburt, den 13. September 1938. Am Donnerstag hat die Theatermacherin in der Wiener Buchhandlung Leo, einer ihrer Lieblingsbuchhandlungen, wie sie sagt, ihr Buch …als ob sie Emma hießen vorgestellt. Nein, keine Autobiographie, kein Theaterbuch, kein Skandalbuch, eine Nachbetrachtung. Diese basiere auf einem 600-Seiten-Manuskript, das sie ursprünglich nur für ihre Familie geschrieben habe. Der Titel leitet sich von Christian Morgensterns Möwenlied ab: ‚Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen‘ lauten dessen erste Zeilen. Im Nachhinein ist sie mit dieser Wahl nicht zufrieden, weil das Gedicht heute weniger bekannt sei als sie gedacht habe. Ich habe es auch nicht gekannt. Emmy Werner hingegen ist mir seit vielen Jahren ein Begriff. Zunächst spielte sie am Theater der Jugend, für das auch ich während der Schulzeit ein Abo hatte, dann im Theater der Courage, das sie gemeinsam mit Stella Kadmon kurze Zeit leitete. Anfang der 1980er-Jahre gründete sie ‚zum Entsetzen aller‚ das Theater in der Drachengasse. ‚Diese Zeit war der Horror und gleichzeitig aber auch wunderschön.‘  Später war sie die erste Frau an der Spitze eines der großen Wiener Theater: Von 1988 bis 2005 hatte sie die künstlerische Leitung des Volkstheaters inne, wo sie auch als Regisseurin tätig war, und wurde damit, da das Theater im 7. Wiener Gemeindebezirk Neubau liegt, ‚die Neubauerin vom Brillantengrund.‘

Emmy Werner stehendNach einer Augen-OP kann Emmy Werner nur kurze Stücke lesen und wird daher bei der Lesung von ihrer Enkeltochter Anna unterstützt.  Diese bewältigt die Aufgabe souverän, was vermutlich nicht ganz einfach ist, denn die Oma kann das Regieführen nicht lassen, unterbricht und korrigiert gelegentlich liebevoll, aber bestimmt. Von Anna ist auch gleich zu Beginn des Buches die Rede. Für sie hatte die Großmutter ihre Stöckelschuhe aufgehoben, nachdem sie sie ‚nicht mehr er-tragen‚ (S. 11) konnte, nur leider trägt Anna ihre Schuhe 2 Nummern größer – und zumindest an diesem Abend auch keine High Heels, sondern Schnürstiefel.  Mit Augenzwinkern teilt Emmy Werner ihre Erfahrungen mit dem Älterwerden, bevor sie von ihren ersten Lebensjahren in Wien vorliest und berichtet. Sie selbst habe im Krieg keine Angst gehabt, manchmal sogar zum Spaß den ‚Kuckuck‘, den Warnton für Bombenangriffe im Radio, nachgemacht, aber sie habe die Angst der anderen gespürt. Ihre Mutter etwa habe eine Zwangsneurose entwickelt und sich am ganzen Körper waschen müssen, bevor sie in den Luftschutzkeller gehen konnte. Die Familie hat Glück gehabt: Das Wohnhaus in der Nähe der Volksoper blieb von den Bomben verschont, sowohl der Vater als auch der ältere Bruder kamen unverletzt aus dem Krieg zurück. Aber bis heute sind Sirenen und Flugzeuge für Emmy Werner etwas Schlimmes.

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Meine Meinung: Ich konnte die Nachbetrachtung schon vorab lesen und möchte mich bei dieser Gelegenheit beim Residenz Verlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar bedanken. Zentrale Themen in Werners Leben wie  in ihrem Buch sind Eigenständigkeit und das Alleinsein.  Nach der Trennung in Freundschaft am Ende einer sehr früh eingegangenen Ehe habe sie sich ganz bewusst dafür entschieden, mit ihrem Sohn alleine zu leben, und ihre späteren Lebenspartner hätten keinesfalls bei ihr einziehen dürfen. Aber natürlich sei ihr klar, dass es einen Unterschied mache, ob man freiwillig oder unfreiwillig alleine lebe. Selbstbestimmt müsse es in jedem Fall sein, und empört kritisiert sie die Stimmen, die die Meinung vertreten, Frauenhäuser seien ein Angriff auf die Familie. 

Emmy Werner erzählt in der dritten Person über das Leben von E. Anders sei ihr das gar nicht möglich gewesen, erklärt sie. In den ersten Kapiteln fand ich das etwas befremdlich, denn da ist E. ein Kind, später ein Teenager (Backfisch nannte man das damals), und auf mich wirkte die Erzählweise ein bisschen so, als würde ich einen Bericht vom Jugendamt oder aus einer Polizeiakte lesen. Aber weiter hinten, wenn es um die junge Ehe und um die Karriere geht, erreicht Emmy Werner das, was sie vermutlich beabsichtigt hat: die mit objektiver Distanz gelungene Schilderung eines Frauenlebens, ihres eigenen Lebens, vor dem Hintergrund der gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen, die sie miterlebt hat. Und da sie weitgehend darauf verzichtet, die teilweise prominenten Namen der Personen in ihrem Umfeld zu nennen, bleibt der Blick beim Lesen auf sie und ihre persönliche und berufliche Entwicklung fokussiert. Keine Lebensbeichte, keine Skandalgeschichten, keine Indiskretionen,  stattdessen der eine oder andere humorvolle, aber anonyme Hinweis auf menschliche Schwächen und Marotten. Die Erfolgsstory einer Frau mit Prinzipien in einer spannenden Zeit. 

Emmy Werner, … als ob sie Emma hießen. Eine Nachbetrachtung. Residenz Verlag Salzburg – Wien 2018. 319 Seiten. 

 

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Österreichischer Buchpreis – Die Longlist

Heute wurde das Ergebnis der ersten Runde des Österreichischen Buchpreises 2018 veröffentlicht. Von insgesamt 150 eingereichten Titeln wurden 10 für die Longlist 2018 und 3 für die Shortlist Debüt ausgewählt. Aus weiblicher Sicht ist die Liste etwas enttäuschend, da unter den Nominierten insgesamt nur fünf Autorinnen  sind. Das heißt aber nicht, dass die Liste nicht durchwegs interessant wäre. Hier alle nominierten Titel:

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Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz (Frankfurter Verlagsanstalt)
Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie (Verlag Klaus Wagenbach)
Arno Geiger: Unter der Drachenwand (Carl Hanser Verlag)
Gerhard Jäger: All die Nacht über uns (Picus Verlag)
Hanno Millesi: Die vier Weltteile (Edition Atelier)
Margit Schreiner: Kein Platz mehr (Schöffling & Co.)
Robert Seethaler: Das Feld (Hanser Berlin)
Heinrich Steinfest: Die Büglerin (Piper Verlag)
Josef Winkler: Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe (Suhrkamp)
Daniel Wisser: Königin der Berge (Jung und Jung)

Ich kenne bisher nur Unter der Drachenwand, die Geschichte einer Beziehung zwischen einem Soldaten auf Genesungsurlaub kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs und einer Deutschen, die es wie ihn an den Mondsee verschlagen hat. Für mich einer der besten Romane, die ich je gelesen habe, daher naturgemäß ein Anwärter auf den Sieg.

Nicht allzu weit vom Mondsee entfernt, nämlich in Hallein, spielt Dunkelgrün fast schwarz. ‚Ein großartiges Buch‘ nennt Andrea von Lesen… in vollen Zügen Mareike Fallwickels Debütroman und auch Bookster HRO zeigt sich begeistert.

Auf dem grauen Sofa liefert Claudia eine ausführliche Besprechung von Milena Michiko Flašars Herr Katō spielt Familie, der eher deprimierenden Geschichte eines Mannes, der sich auch nach der Pensionierung seine Träume nicht verwirklichen kann.

Die dritte Autorin, die es auf die Longlist geschafft hat, ist Margit Schreiner mit Kein Platz mehr. Ein Roman, dessen Thema der Mangel an Platz in unserer Wohlstandsgesellschaft ist. Ich denke, den werde ich auslassen.

Neben der Longlist wurde heute auch die Shortlist für die Kategorie Debütroman veröffentlicht. Erfreulicherweise gehen hier zwei der drei Nominierungen an Frauen:

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Ljuba Arnautović: Im Verborgenen (Picus Verlag)
David Fuchs: Bevor wir verschwinden (Haymon Verlag)
Marie Gamillscheg: Alles was glänzt (Luchterhand Literaturverlag)

Bei Ljuba Arnautović sticht zunächst einmal die Biographie hervor: 1954 in Russland geboren, aufgewachsen zwischen österreichischem Vater und russischer Mutter, Leben in Wien, München und Moskau, Tätigkeit als Übersetzerin, Journalistin und Autorin. Das Leben zwischen zwei Welten in politisch unruhigen Zeiten spiegelt sich auch in ihrem Debütroman wieder, der von Genovefa erzählt: Sie versteckt 1944 in ihrer Wiener Wohnung Menschen, während sich ihre Söhne in der UdSSR und ihr Mann in Australien befinden.

Marie Gamillscheg erzählt in Alles was glänzt vom Leben in einem Dorf, in dessen Bergwerksstollen es rumort. Klingt interessant genug, um es zumindest auf die Wunschliste zu setzen.

 

Der zweite Reiter

Alex Beer

Der aus dem Krieg mit einem Granatsplitter im Bein heimgekehrte Rayonsinspektor August Emmerich ist alles andere als erfreut, als ihm Ferdinand Winter, ein zartbesaiteter verarmter Adeliger, als Assistent zugeteilt wird, und er lässt den jungen Kollegen das auch spüren. Die beiden machen sich ohne großen Enthusiasmus daran, gegen einen Schwarzhändlerring zu ermitteln und entdecken dabei durch Zufall im Wienerwald die Leiche eines Kriegsheimkehrers, der davon geträumt hatte, nach Brasilien auszuwandern. Der Tote hat eine Schusswunde, die Pistole liegt daneben. Der Pathologe vermutet Selbstmord, aber Emmerich glaubt an Mord und ermittelt gegen die ausdrückliche Anordnung seines Vorgesetzten in diese Richtung weiter. Als eine zweite Leiche auftaucht und sich herausstellt, dass sich  beide  Männer kurz vor ihrem Tod getroffen hatten, sieht Emmerich den Fall als Chance, sich zu profilieren, und lässt nicht mehr locker.

‚Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.‘

Dieses Zitat von Martin Kessel stellt Alex Beer dem ersten Krimi um August Emmerich voran. Weiterlesen »

Die Frau im hellblauen Kleid

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Bühneneingang, Volkstheater, Wien

Die Frau im hellblauen Kleid ist Käthe Schlögel, Tochter eines Wiener Gemüsehändlers. Sie wohnt ganz in der Nähe des Theaters in der Josefstadt, beginnt ihre Karriere gegen den Widerstand der Eltern am Volkstheater und feiert in Prag und Berlin große Erfolge. Als Bühnen- und Filmstar begründet sie  so eine Schauspieler*innendynastie. Wenn dieser Begriff fällt, denke ich sofort an die Familie Hörbiger/Wessely und ihre Nachfahren. Aus diesem Grund habe ich beim Lesen vom ersten Kapitel an nach Parallelen Ausschau gehalten, und die gibt es durchaus: Im richtigen Leben wie im Roman beginnt der Erfolg in der Zwischenkriegszeit und setzt sich über vier Generationen bis in die Gegenwart fort. Damit ist es unvermeidlich, dass die erste Generation sich mit dem Naziregime und den Auswirkungen seiner Politik konfrontiert sieht und die nachfolgenden Generationen sich damit abmühen müssen, unangenehme Fragen zu beantworten und das aufzuarbeiten, was schiefgegangen ist. So erging es auch der Familie von Paula Wessely, deren Name im Roman auch tatsächlich erwähnt wird; aber die Art, wie das geschieht, macht deutlich, dass der Roman von Beate Maxian eben keine fiktionalisierte Familienbiographie ist, sondern seine eigene Geschichte erzählt.  Vera Altmann, als Schauspielerin weit weniger erfolgreich als ihre Mutter Marianne und ihre Großmutter Käthe, möchte eine TV-Dokumentation über ihre Familie drehen und liefert damit den Anstoß dafür, dass all das auf den Tisch kommt, worüber bisher nicht gesprochen wurde.Weiterlesen »

Die rote Frau

IMG_1959Alex Beer? Wieso schon wieder ein männlicher Autor auf diesem Blog? Aber Alex Beer, das ist die aus Bregenz stammende Autorin Daniela Larcher. Diese Woche hat sie in der Buchhandlung Leo in Wien ihren zweiten August-Emmerich-Krimi vorgestellt. Nach Der zweite Reiter nun Die rote Frau. Ihre Namenswahl spricht die Autorin gleich zu Beginn der Lesung an, und sie gibt auch einen Einblick in ihren Werdegang als Schriftstellerin: Nach einem BWL- und einem Archäologiestudium habe sie in New York bei einem Verlag gearbeitet und dabei erkannt: Bücher schreiben – das ist es! Nach ihrer Rückkehr habe sie unter ihrem wirklichen Namen mehrere Krimis veröffentlicht, dann aber einen Psychothriller schreiben wollen und sich dafür das Pseudonym zugelegt. Als sie die ersten 100 Seiten des Thrillers ihrem Literaturagenten vorlegte, fand dieser den Text zwar schlecht, konnte aber das Problem orten: Ihre Sprache sei für das Genre einfach zu antiquiert. Also galt es, das Sujet dem Schreibstil anzupassen. So entstand der erste Fall des in der Zwischenkriegszeit in Wien ermittelnden August Emmerich. „Ich kann die Leser auf eine Zeitreise mitnehmen“, sagt die Autorin und spricht über die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe ihrer Geschichten, die sie in der Österreichischen Nationalbibliothek anhand der dort archivierten Tageszeitungen recherchiert. Der zweite Reiter spielt im Jahr 1919, der Mord, der den Auftakt zu Die rote Frau bildet, wird am 18. März 1920 verübt. „Damals war Wien ein Drecksloch.“ Diese Aussage gefällt nicht allen im Publikum, auch wenn die Autorin zu bedenken gibt, dass dies die Zeit vor den als Rotes Wien in die Geschichte eingegangenen Sozialreformen gewesen sei. Lebensmittel- und Energieknappheit, hohe Arbeitslosigkeit, miserabelste Wohnbedingungen, schlechte Gesundheitsversorgung. Genau aus diesen Gründen sei Wien damals aber eine Metropole der Filmindustrie gewesen, die in Die rote Frau ebenfalls eine Rolle spielt: Ein Heer von Arbeitslosen, das waren billige Statisten für die Monumentalfilme.

Auch dem Ermittlerduo Emmerich und Winter hat das Leben übel mitgespielt. August Emmerich ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Gerade einmal die Hälfte aller Kinder, die in einer solchen Einrichtung untergebracht waren, hätten ihre Volljährigkeit erlebt, erzählt Beer. Im Krieg war er durch einen Granatsplitter verwundet worden und leidet immer noch an den Folgen. Aufgrund von Umständen, die im ersten Teil der Serie nachzulesen sind, lebt Emmerich jetzt in dem Männerwohnheim in der Meldemannstraße im 20. Wiener Gemeindebezirk, in dem vor dem Ersten Weltkrieg auch jener erfolglose Kunstmaler Unterschlupf gefunden hatte, der den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brechen sollte. Emmerichs Assistent Ferdinand Winter wohnt zwar wesentlich feudaler, aber ansonsten geht es dem verarmten Adeligen kaum besser als seinem Vorgesetzten.

IMG_1951Meine Meinung: Die sympatisch-selbstsichere Unverblümtheit, mit der Daniela Larcher/Alex Beer vor Publikum spricht, findet im Roman ihr Gegenstück in einer stilsicheren Beschreibung des sozialen Umfelds einer Zeit, die, wie die Autorin meint, in der Literatur unterrepräsentiert ist. Genau deshalb hat sie sich auf diese Epoche konzentriert. Sie will Unbekanntes zeigen und sagt: „Ich probiere, meine Leser an Orte mitzunehmen, wo sie sonst nicht hinkommen.“ Als Beispiele nennt sie den Wienerberg, die Chatham Bar (heute das legendäre Café Hawelka und zufällig auch der Ort, an dem die Buchhandlung Leo 1817 gegründet wurde) oder die mehrstöckigen Keller unter der Innenstadt. Dort spielt eine sehr unterhaltsame, wenn auch brutale Ringkampfszene, und das ist auch eine der Passagen, in denen Dialoge im Wiener Dialekt dem Roman zusätzlich Authentizität verleihen. An dieser Stelle hatte die Geschichte schon rasant Fahrt aufgenommen, und das mit einer Lockerheit, die im Kontrast zum düsteren Setting steht. „Alle Krimis sind irgendwie gleich“, behauptet die Autorin. Auch das werden manche nicht gern hören, und wahrscheinlich stimmt es auch nicht. Aber die Krimis von Alex Beer sind in jedem Fall ganz anders als alles, was ich bisher gelesen habe. „Warten Sie erst auf Teil 3“, verspricht sie. Ich warte!

Alex Beer, Die rote Frau. Ein Fall für August Emmerich. Limes 2018. 411 Seiten. Ich danke der Buchhandlung Leo für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

 

Bist du wahnsinnig geworden?

IMG_1378Claudia Erdheims Debütroman Bist du wahnsinnig geworden? erschien erstmals 1984/85 im Löcker Verlag und wurde soeben vom Czernin-Verlag neu aufgelegt. Im Zentrum steht die Beziehung der Autorin zu ihrer Mutter, einer  Psychoanalytikerin, die im Wien der Nachkriegszeit zwei Töchter alleine großzieht, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Die Familie mit jüdischen Wurzeln ist dem Holocaust nur durch Glück entkommen, daher ist es kein Wunder, dass die „Frau Doktor“ ihrer Umgebung mit zorniger Überheblichkeit begegnet. Verschont bleiben davon nur ihre Patienten, denen ihre ganze Aufmerksamkeit gilt. Die Töchter hingegen erleben den Alltag als Abfolge von Worttiraden gegen alles und jeden in einer Welt, vor der sie um jeden Preis ferngehalten werden müssen. Weiterlesen »

Alles über Beziehungen

20171222_143841.jpg‚Reiche, weiße Menschen haben auch Probleme‘, so beginnt Doris Knechts Roman Alles über Beziehungen, und da ich weiß, wie die Autorin diese Erste-Welt-Probleme üblicherweise abhandelt,  zog ich das Buch trotz sommerlichem Cover letzte Woche aus meinem SUB, um mir im Vorweihnachtstrubel auf unterhaltsame Weise vor Augen führen zu lassen, was alles eigentlich gar nicht wichtig ist und wo es dann doch an die Substanz geht.

Viktor Kirchners gesamtes Leben war und ist von Frauen dominiert: zwei Schwestern, drei Lebensabschnittspartnerinnen und fünf Töchter. Dazu noch jede Menge Geliebte, aber die haben im ersten Teil des Buches mit der Überschrift Vorher nur die Rolle von Statistinnen und kommen folgerichtig nur als Anmerkungen in Klammern vor. Dann, in dem Moment, als Viktors Lebensgefährtin Magda eine Reiche-weiße-Leute-SMS bekommt, ändert sich das,  und Nachher ist scheinbar alles anders. Weiterlesen »

Maikäfer flieg!

Die soeben im österreichischen Fernsehen gezeigte Verfilmung des Romans Maikäfer flieg! von Christine Nöstlinger hat mich dazu veranlasst,  das Buch nach langem wieder zur Hand zu nehmen und beides zu vergleichen. Mein Fazit: Eine sehr gelungene Umsetzung eines beeindruckenden Zeitdokuments, das sich als unprätentiöser Jugendroman präsentiert.

 

Maikäfer flieg!

Der Vater ist im  Krieg,

die Mutter ist im Pulverland,

Pulverland ist abgebrannt.

Maikäfer flieg. (*)

Diesen Kinderreim, der den Titel für Christine Nöstlingers Erlebnisbericht über die letzten Kriegstage in Wien liefert, konnte im Erscheinungsjahr 1973 anders als heute jedes Kind mitsingen, aber der Inhalt der Worte war auch für die in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren Geborenen schon ganz weit weg. Daher weist die Autorin in der Einleitung ihres Buches darauf hin, die Väter in ihrer Geschichte seien tatsächlich im Krieg gewesen, während sich die Mütter und mit ihnen die Kinder im abgebrannten Pulverland befunden hätten. Dann beginnt sie, ihre „Pulverlandgeschichte“ zu erzählen:Weiterlesen »