Lise Meitner – Pionierin des Atomzeitalters

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Vor kurzem stellte das Autor*innenpaar David Rennert und Tanja Traxler in der Buchhandlung Leo in Wien Lise Meitner – Pionierin des Atomzeitalters vor. Die Veranstaltung war sehr gut besucht, schließlich ist die Biographie der österreichischen Physikerin das Wissenschaftsbuch des Jahres 2019. Ehrengast war Monica Frisch, Lise Meitners Großnichte. Deren Vater, Otto Robert Frisch, war nicht nur der Neffe, sondern auch ein enger Kollege der 1878 in Wien geborenen Wissenschaftlerin.  Die jüdische Familie musste vor den Nazis fliehen, daher wurde Monica Frisch  auch im Exil geboren und lebt bis heute in Großbritannien. Der Besuch in der Heimat ihrer Eltern ist ihr erster seit 50 Jahren.

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Monica Frisch (r.) und Ulla Remmer von der Buchhandlung Leo

Lise Meitners Flucht vor den Nazis nimmt in ihrer Biographie natürlich breiten Raum ein und hatte auch wesentlichen Einfluss auf ihre Karriere, David Rennert und Tanja Traxler gingen in ihrer Präsentation und Lesung aber vor allem auf die Schwierigkeiten ein, die Lise Meitner überwinden musste, um als Frau einen Platz in der Welt der Wissenschaft zu finden. Der Weg war von Anfang an steinig. Die Matura, Voraussetzung für die Zulassung zu einem Hochschulstudium, darf sie als Mädchen nur auf dem Weg der Externistenprüfung ablegen, erst dann kann sie als eine der ersten Frauen 1901 an der Universität Wien ihr Physikstudium an aufnehmen. 1907 geht sie nach Berlin, um ihre akademische Laufbahn fortzusetzen,  sich nicht darum kümmernd, dass Frauen in der Wissenschaft dort noch weniger gern gesehen sind als in Wien. Trotzdem kann sie sich durchsetzen und macht gemeinsam mit dem Chemiker Otto Hahn, mit dem sie in Berlin von Anfang an zusammenarbeitet, zahlreiche Entdeckungen, die unser Verständnis der Welt für immer verändert haben. Die jahrzehntelange Zusammenarbeit mündet schließlich in der Entdeckung der Kernspaltung.  Die Liste der Persönlichkeiten, mit denen sich Lise Meitner ausgetauscht und mit denen sie im Laufe ihrer Karriere gemeinsam geforscht hat, liest sich wie ein Who-is-Who der Welt der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts: Neben Otto Hahn und Otto Robert Frisch arbeitet sie unter anderem mit Ludwig Boltzmann, Albert Einstein, Max Planck, Niels Bohr, Enrico Fermi und Erwin Schrödinger zusammen. Als Hahn 1945 den Nobelpreis enthält, lebt Lise Meitner in Schweden im Exil und geht vollkommen zu Unrecht leer aus. Einerseits ist sie persönlich enttäuscht darüber, dass Hahn ihren Beitrag in seiner Dankesrede nicht hinreichend würdigt, andererseits übt sie sich ihr ganzes Leben lang in zurückhaltender Bescheidenheit – ein typisches Frauenschicksal nicht nur der damaligen Zeit.

Meine Meinung: Eine Biographie als Wissenschaftsbuch des Jahres? Das erschien mir zunächst etwas überraschend, aber das Autor*innenduo Renner/Traxler hat es zustande gebracht, beides zu vereinen: in vier Teilen (Aufbereitung – Strahlung – Kernspaltung – Spaltprodukte) zeichnen sie den persönlichen Werdegang einer Forscherin nach und beschreiben parallel dazu die wissenschaftlichen Fortschritte, an denen diese beteiligt ist, auf eine Weise, die die Geschichte der Entdeckung der Kernspaltung auch für Laien verständlich macht. Die Kombination Politikwissenschafter/Historiker (David Rennert) und Physikerin/Philosophin (Tanja Traxler) bringt ein Buch zustande, dessen leichte Lesbarkeit nicht auf Kosten des Informationsgehalts geht. Ein besonders erhellendes Kapitel beleuchtet dabei die Frage, wie es passieren konnte, dass eine Frau, die insgesamt 48mal für den Nobelpreis nominiert war, diesen nie bekommen hat. 

Auf Interpretationen und Wertungen verzichten die Autor*innen weitgehend, sie lassen Fakten und Aussagen der Wissenschafterin sprechen. Ihre Recherchen beruhen dabei vor allem auf der genauen Auswertung von Lise Meitners persönlicher Korrespondenz. Das lässt hinter der engagierten und erfolgreichen Forscherin auch den Menschen Lise Meitner aufblitzen, eine Frau, die ihren Weg konsequent ging und sich ihre Integrität bewahren konnte, aber nicht ganz frei von Widersprüchen war.  Die Frage, inwieweit sie als Spitzenwissenschafterin die Verpflichtung hatte oder gehabt hätte, sich für andere Frauen in ihrem Metier einzusetzen, wird im Buch nur kurz angesprochen, bei der Präsentation vom Publikum aber heiß diskutiert. 

Dieser Bericht ist ein Beitrag zu #WomeninScience, einer Serie von bingereader.

David Rennert und Tanja Traxler, Lise Meitner – Pionierin des Atomzeitalters. Residenz Verlag 2018. 220 Seiten. Ich danke dem Residenz Verlag herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Alles, was ich weiß über die Liebe

9783462051957_10In meinem letzten Blogbeitrag habe ich Euch die Jurymitglieder des Women’s Prize for Fiction 2019 vorgestellt. Eine davon ist die britische Journalistin Dolly Alderton, die sich in ihren Kolumnen und Podcasts vor allem mit dem Thema Liebe und Beziehungen beschäftigt. Noch keine 30 veröffentlichte sie letztes Jahr ihre Autobiographie Everything I Know about Love und landete damit einen Volltreffer. Soeben ist das mit einem National Book Award ausgezeichnete Buch unter dem Titel Alles, was ich weiß über die Liebe auch auf Deutsch erschienen. Beginnend mit Alles, was ich als Teenager über die Liebe wusste  – „Eine Beziehung zu haben, ist das Wichtigste und Aufregendste überhaupt“ (S.7) –  erzählt Alderton von wilden Parties und nicht sehr langlebigen Beziehungen, dem perfekten Haus und der Krebserkrankung einer Freundin, einem nicht ganz nach Plan verlaufenen Aufenthalt in New York und den Sitzungen mit einer Psychotherapeutin. An ihr Studium an der Universität Exeter erinnert sie sich als Mitglied einer Mädchenclique von „lärmenden, dummen, selbstverliebten Exhibitionisten“  (S. 40), und während sie kein Geheimnis aus ihrem Alkohol- und Drogenkonsum macht, findet sie klare Worte zur Vorstellung, man könne sich uneingeschränkt besaufen und zudröhnen und trotzdem beruflich erfolgreich und bis ins hohe Alter fit sein.

Meine Meinung: Dolly Alterton erzählt die Geschichte ihrer Roaring Twenties mit Ehrlichkeit, Witz und Selbstironie in einzelnen Kapiteln. Zwischendurch gibt es Kochrezepte für alle Gelegenheiten,  E-Mails mit Betrachtungen über Phänomene wie Baby- und Dinnerpartys oder überkandidelte Hochzeiten und Listen à la Bridget Jones. Die Parallelen zu Helen Fieldings Erfolgsroman der späten 1990er-Jahre sind für mich auch sonst unübersehbar, aber es gibt doch große Unterschiede: Abgesehen davon, dass die fiktive Bridget zu Beginn ihrer Erzählung um 15 Jahre älter ist als die reale Dolly, verwendet Alderton eine  deutlich explizitere Sprache als ihre literarische Vorgängerin. Das hat mich zu Beginn etwas irritiert, was möglicherweise auch an der nicht sehr nuancenreichen Übersetzung liegt. Vor allem aber ist Dolly Alderton nicht auf der Suche nach Mister Right, sondern auf der Reise zu einem angemessenen Platz  in einem erfüllenden Leben. Am Ende wartet nicht der Traummann, sondern die Erkenntnis, was es für dieses erfüllende Leben braucht. Die Achtundzwanzig Lektionen, gelernt in achtundzwanzig Jahren, die die Autorin ihren Leser*innen in einem der letzten Kapitel präsentiert, fand ich beeindruckend: Bei mir hat es deutlich länger gedauert, so viele nützliche Erkenntnisse über das Leben zu gewinnen. 

Eine weitere Besprechung gibt es bei letusreadsomebooks.

Dolly Alderton, Alles, was ich weiß über die Liebe. Aus dem Englischen von Friederike Achilles. Kiepenheuer & Witsch 2019, 331 Seiten. Ich danke dem KiWi-Verlag herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Becoming Michelle Obama

Michelle LaVaughn Robinson wurde am 17. Jänner 1964 in Chicago, Illinois geboren und wuchs gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Greg in der South Side of Chicago, auf, die nur selten in den Lebensgeschichten erfolgreicher Persönlichkeiten, dafür umso häufiger in Songtexten und Polizeiberichten vorkommt. Ihre Mutter war Sekretärin, ihr Vater arbeitete beim Wasserwerk. Nach der High School studierte sie zunächst an der Princeton University Soziologie und Afroamerikanische Studien und machte dann an der Harvard Law School ein Doktorat. Während ihrer Arbeit in einer Anwaltskanzlei in Chicago wurde ihr ein in Hawaii geborener Jurist als Praktikant zugeteilt, dessen Vater aus Kenia stammte – der Rest ist bekannt.

Meine Meinung: Kurz nachdem Barack Obama die US-Präsidentschaftswahl gewonnen hatte wurde seine Frau gefragt, ob sie nun nicht Angst vor einem Attentat auf ihn habe. ‚Mein Mann ist Afroamerikaner‘, soll Michelle Obama gesagt haben, ‚er riskiert jedesmal sein Leben, wenn er tanken fährt.‘ Diese Aussage ist in ähnlicher Form auch in der Autobiographie der Frau enthalten, die von Jänner 2009 bis Jänner 2017 First Lady der Vereinigten Staaten war. In Becoming: Meine Geschichte erzählt sie nicht die Geschichte einer Politikerehefrau und ganz sicher nicht die Geschichte eine Frau, die selbst politische Ambitionen hat – dafür legt sie ihre Karten viel zu offen auf den Tisch. Sie erzählt die Geschichte einer Afroamerikanerin, die es getragen von der Geborgenheit eines liebevollen Elternhauses geschafft hat, auf Basis einer ausgezeichneten Ausbildung Karriere zu machen und den Weg zu gehen, den sie selbst gehen wollte. Besonders zu Beginn des Präsidentschaftswahlkampfes ihres Mannes wurde sie, wohl nicht zuletzt aufgrund von Aussagen wie der eingangs zitierten, dafür kritisiert, eine „zornige Schwarze“ zu sein. So etwas wie Zorn habe ich in ihrer Autobiographie nur an einer Stelle aufblitzen sehen, nämlich in ihren Kommentaren zu Donald Trumps offen zur Schau gestelltem Sexismus und Rassismus. Ansonsten liefert sie eine nüchterne Bestandsaufnahme der Situation von Minderheiten und der politischen Stimmung in ihrem Land. Sie und ihr Mann seien sich dessen bewusst gewesen, dass er als schwarzer Präsident für manche eine Provokation darstellen würde, erklärt sie ganz offen, und damit einer der Auslöser einer reaktionären Gegenbewegung gegen die Liberalisierung der Gesellschaft und gewesen sei. 

Aber auch wenn die Hautfarbe ein Faktor ist, der sich aus Michelle Obamas Lebensgeschichte nicht einfach wegdenken lässt, es ist nicht das Thema, um das diese Biographie kreist. Sie erzählt von einer liebevoll behüteten Kindheit in einfachen, aber stabilen Verhältnissen, von einem Leben mit einem  Vater, der sich von seiner Multiple Sklerose-Erkrankung nicht unterkriegen ließ, vom Hineinwachsen in eine ihr vollkommen fremde akademische Welt, von der erfolgreichen Suche nach einer sinnstiftenden beruflichen Tätigkeit, vom Zusammenwachsen mit einem Partner, dessen Naturell von dem ihren vollkommen verschieden war, von den Schwierigkeiten bei der Erfüllung des Kinderwunsches, von den Herausforderungen im Alltag einer berufstätigen Mutter, vom Erlernen des „Jobs“ einer Politikerehefrau und einer First Lady, vom Leben im Weißen Haus und davon, wie es gelingen kann, Kindern unter ungewöhnlichen Bedingungen eine einigermaßen normale Kindheit zu ermöglichen. 

Michelle Obama spricht über all das mit Selbstbewusstsein, aber ohne Überheblichkeit, mit dem Mut, Unangenehmes anzusprechen, aber ohne Wehleidigkeit, mit viel Optimismus, aber ohne Schönfärberei. Ich hatte den Eindruck, dass ihre Motivation vor allem darin besteht, zu erzählen, wer Michelle Obama ist, und anderen Mädchen und Frauen Mut zu machen, ebenfalls ihren eigenen Weg zu gehen und sie selbst zu sein. Die von der Autorin selbst eingespielte Hörbuchfassung des englischen Originals hat mich begeistert, aber ich bin überzeugt davon, dass die deutsche Übersetzung nicht weniger beeindruckend ist. 

Michelle Obama, Becoming. Audiobook read by the author. Random House Audio 2018, 19 h 3 min.

In deutscher Übersetzung von Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Andrea O’Brien, Jan Schönherr & Henriette Zeltner: BECOMING: Meine Geschichte. Goldmann Verlag 2018. 544 Seiten. 

 

Autorinnen auf der Buch Wien 2018

Meine Vorstellung vom Schlaraffenland: eine Messehalle voller Bücher, Autorinnen, die bereitwillig über ihre Werke und deren Entstehungsgeschichte Auskunft geben und vier Tage Zeit, um das alles in Ruhe zu genießen. Meine Realität: fast damit identisch, nur leider keine vier Tage, sondern gerade mal ein halber und ein ganzer Nachmittag für das riesige Angebot. Zum Glück fiel einer dieser Nachmittage auf den Sonntag, und zum Glück war da die Dichte an interessanten Autorinnen besonders groß und das Angebot sehr vielfältig.

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Birgit Fenderl und Anneliese Rohrer im Gespräch mit Juliane Nagiller

Gerade noch rechtzeitig schaffte ich es zur Präsentation von Die Mutter, die ich sein wollte. Die Tochter, die ich bin. Darin beschäftigen sich Anneliese Rohrer und Birgit Fenderl mit der „Mutter aller Beziehungen“ – der Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Anhand von prominenten und weniger prominenten Beispielen machen sich die beiden Journalistinnen, selbst Mütter von Töchtern, auf die Suche nach den Prägungen, Erziehungsmustern und Rollenbildern im Leben von Frauen, die im besten Fall den Müttern gutgeschrieben und im schlechtesten Fall diesen angelastet werden. Ein großes Thema auch zwischen Müttern und Töchtern ist die Frage, wie man Familie und Karriere unter einen Hut bringen kann. Auch die für das Buch ebenfalls interviewte deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen war nicht davor gefeit, sich gegen Kritik aus der eigenen Familie zur Wehr setzen zu müssen. „Das Schlimmste ist dabei das schlechte Gewissen“, zitiert  Rohrer die Politikerin. Eine detaillierte Besprechung der Betrachtungen folgt demnächst auf diesem Blog.

Hager
Juliane Nagiller im Gespräch mit Angelika Hager

Die nächste Präsentation, die ich mir im Programm angestrichen hatte, bildete so etwas wie einen Kontrastpunkt zur ersten. Nicht Frauen, sondern Männer waren die Gesprächspartner, die Angelika Hager für Kerls! – Eine Safari durch die männliche Psyche interviewt hat. Angeregt durch die #MeToo-Debatte zeigt sie, weshalb Männer wie ticken und wie Frauen mit den dabei entstehenden Geräuschen umgehen. Wer die Polly Adler-Kolumnen der Journalistin kennt, wird nicht verwundert sein, dass sie dem Thema auch humorvolle Seiten abgewinnen kann. Das klingt auch an, wenn Hager erzählt, man habe ihr bei ihrer Recherche von Frauen berichtet, die ihre Männer bei der Paartherapie „reparieren lassen wollen“.

Uhlig
Juliane Nagiller im Gespräch mit Elena Uhlig

Auch beim nächsten Programmpunkt auf meiner Liste kommt der Humor nicht zu kurz. Die Schauspielerin Elena Uhlig berichtet in Qualle vor Malle davon, wie es zugeht, wenn sie mit ihrer Familie Urlaub in einem Familienhotel auf Mallorca macht. Ihre Familie, dazu gehören ihr Ehemann, der Schauspieler Fritz Karl, und die mittlerweile vier gemeinsamen Kinder. Das Buch enthielte zwar die eine oder andere Verdichtung, räumt die Autorin ein, basiere aber auf realen Erlebnissen. Die Angestellten im Reisebüro würden manchmal glauben, sie seien unfreiwillig Teil von Verstehen Sie Spaß? geworden, wenn die Familie Uhlig/Karl auftaucht, um einen Urlaub zu buchen, erzählt sie, und sie müsse sich auch damit auseinandersetzen, dass superschlanke Flugbegleiterinnen ihren Mann anflirten und sie daneben vollkommen ignorieren.

Stöckel
Claudia Stöckel im Gespräch mit Judith Hoffmann

Wieder auf der Hauptbühne tritt eine Autorin auf, die mit literarischer Verdichtung gar nichts am Hut hat, sondern immer bemüht ist, möglichst nahe an die Realität heranzukommen. In Interview mit dem Leben liefert Claudia Stöckel Hintergrundinformationen zu ihren sonntäglichen Interviews im Frühstück bei mir. Wer die Sendung kennt, weiß, dass sie ihren Interviewpartner*innen meist deutlich mehr als nur die PR-tauglichen Statements entlocken kann. Im Buch und im Gespräch mit Judith Hoffmann erzählt sie davon, wie ihr das gelingt, aber auch von jenen Fällen, in denen Interviews daneben gingen oder sogar abgebrochen wurden.

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Doris Priesching und Ursula Strauss

Die nächste Autorin war selbst schon Gast bei Claudia Stöckel. Ursula Strauss gehört zu meinen Lieblingsschauspielerinnen, daher war die Präsentation ihres Buches Warum ich nicht mehr fliegen kann und wie ich gegen Zwerge kämpfte für mich so etwas wie ein Pflichttermin. Ihre Co-Autorin Doris Priesching hatte die Idee, Ursula Strauss ausgehend von Familienfotos über ihr Leben erzählen zu lassen.  Warum sie nicht mehr fliegen kann und wie sie gegen Zwerge kämpfte erfuhr ich bei der Präsentation der Erinnerungen zwar nicht, dafür aber viel über ihren Umgang mit ihrem Beruf und dem Interesse der Öffentlichkeit und der Medien an ihrer Person. Es sei beim Schreiben manchmal schwierig gewesen, die Grenzen der Familie nicht zu verletzen, aber für sich selbst scheint es Ursula Strauss nicht schwer zu fallen, eine klare Trennlinie zu ziehen: Wenn es darum geht, Dinge über sich zu erzählen, unterscheidet sie zwischen Persönlichem und Privatem. Die Beziehung sei außen vor, das gehört zum Privaten, sie findet jedoch nichts dabei, über Persönliches wie Selbstzweifel und Gefühle zu sprechen. „Schmerz, Freude, Humor, Leid – das ist bei mir genau wie bei allen anderen.“ Manchmal hadert sie damit, dank ihres Bekanntheitsgrades in der Öffentlichkeit sehr rasch wahrgenommen zu werden, sie habe aber das Glück, da langsam hineingewachsen zu sein und von ihrer Familie immer wieder auf den Boden zurückgeholt zu werden. Der Beruf erfordere hohe Präzision und sei auch sonst sehr fordernd. „Du musst kerngesund und absolut schmerzfrei sein“, habe sie zu Beginn ihrer Tätigkeit gehört, und das kann sie bestätigen. „Man braucht starke Nerven.“

Dine Petrik
Esther Capo im Gespräch mit Dine Petrik

Eher durch Zufall kann ich dann dazu, als Dine Petrik aus  Stahlrosen zur Nacht  las, einem Titel, den sie als Strophen eines Romans bezeichnet. Darin setzt sie sich mit den harten Erfahrungen als Mädchen auf dem Dorf auseinander. Für die mehrfach ausgezeichnete Autorin ist das Schreiben auch ein Mittel, mehr Klarheit über sich selbst zu erlangen, und aus dem, was sie über ihre Kindheit im Mittelburgenland der Nachkriegszeit erzählt, klingt ein unnachgiebiges Sich-nicht-unterkriegen-lassen heraus, das damals begann und bis heute anhält.

Alex Beer BuchWien
Alex Beer im Gespräch mit Judith Hoffmann

Die letzte Autorin auf meiner Liste war Alex Beer, die ich schon vor einigen Monaten bei der Präsentation ihres Roman Die rote Frau kennengelernt hatte. Sie erzählt über die intensive Recherche für ihre in den frühen Zwanzigerjahren in Wien spielenden Kriminalgeschichten um den Ermittler August Emmerich. Die Ergebnisse dieser Recherche finden auch Eingang in die Handlung. Als Beispiel nennt sie Emmerichs Heroinsucht, die in Teil 1, Der zweite Reiter, ihren Anfang nimmt und die er in Teil 2, Die rote Frau, mit Alkohol bekämpft. Diese Abhängigkeit habe sie ihm verpasst, nachdem sie herausgefunden hatte, dass Heroin zur damaligen Zeit in Tablettenform legal erhältlich war. Auf die Frage, warum sie sich einen solchen Aufwand antue, antwortet Beer: „Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich es nicht gemacht. Aber das hab ich mir eingebrockt, jetzt muss ich es auslöffeln.“ Sie löffelt offenbar fleißig, denn im Mai 2019 erscheint der dritte Band der Serie.

 

Version 2
Daniel Wisser und Marie Gamillscheg im Gespräch mit Katja Gasser

Nicht erst am Sonntag, sondern schon am Donnerstag fand ein Interview mit den beiden Preisträger*innen des diesjährigen Österreichischen Buchpreises statt. Ich hatte ja jenseits jeder weiblichen Solidarität Arno Geiger die Daumen gedrückt, von dessen Roman Unter der Drachenwand ich restlos begeistert war, aber die Jury entschied sich für Königin der Berge von Daniel Wisser. Seine Hauptfigur  Herr Turin wartet in einem Pflegeheim auf den richtigen Moment und eine günstige Gelegenheit, seinem von Multipler Sklerose bestimmten Leben ein Ende zu setzen. Der Debütpreis ging dann aber an eine Frau: Marie Gamillscheg wurde für Alles was glänzt ausgezeichnet. Darin wirft sie einen sehr genauen Blick auf ein Dorf, das immer noch irgendwie vom Bergbau dominiert wird, obwohl die Förderung längst eingestellt wurde.  Auch diesen Titel werde ich demnächst hier besprechen, daher sei vorläufig nicht mehr verraten.

Natürlich hätte es noch Vieles zu entdecken gegeben, aber wie gesagt: ein halber und ein ganzer Nachmittag. Da blieb gerade noch Zeit dafür, einen Blick auf meine besondere Leseleidenschaft zu werfen: Krimis. Den Beitrag dazu findet Ihr auf www.britlitscout.com.

Titelbild (C) LCM Foto Richard Schuster

 

..als ob sie Emma hießen

9783701734580In Österreich gezeugt, ins Deutsche Reich zur Welt gekommen‘, so kommentiert  Emmy Werner das Datum ihrer Geburt, den 13. September 1938. Am Donnerstag hat die Theatermacherin in der Wiener Buchhandlung Leo, einer ihrer Lieblingsbuchhandlungen, wie sie sagt, ihr Buch …als ob sie Emma hießen vorgestellt. Nein, keine Autobiographie, kein Theaterbuch, kein Skandalbuch, eine Nachbetrachtung. Diese basiere auf einem 600-Seiten-Manuskript, das sie ursprünglich nur für ihre Familie geschrieben habe. Der Titel leitet sich von Christian Morgensterns Möwenlied ab: ‚Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen‘ lauten dessen erste Zeilen. Im Nachhinein ist sie mit dieser Wahl nicht zufrieden, weil das Gedicht heute weniger bekannt sei als sie gedacht habe. Ich habe es auch nicht gekannt. Emmy Werner hingegen ist mir seit vielen Jahren ein Begriff. Zunächst spielte sie am Theater der Jugend, für das auch ich während der Schulzeit ein Abo hatte, dann im Theater der Courage, das sie gemeinsam mit Stella Kadmon kurze Zeit leitete. Anfang der 1980er-Jahre gründete sie ‚zum Entsetzen aller‚ das Theater in der Drachengasse. ‚Diese Zeit war der Horror und gleichzeitig aber auch wunderschön.‘  Später war sie die erste Frau an der Spitze eines der großen Wiener Theater: Von 1988 bis 2005 hatte sie die künstlerische Leitung des Volkstheaters inne, wo sie auch als Regisseurin tätig war, und wurde damit, da das Theater im 7. Wiener Gemeindebezirk Neubau liegt, ‚die Neubauerin vom Brillantengrund.‘

Emmy Werner stehendNach einer Augen-OP kann Emmy Werner nur kurze Stücke lesen und wird daher bei der Lesung von ihrer Enkeltochter Anna unterstützt.  Diese bewältigt die Aufgabe souverän, was vermutlich nicht ganz einfach ist, denn die Oma kann das Regieführen nicht lassen, unterbricht und korrigiert gelegentlich liebevoll, aber bestimmt. Von Anna ist auch gleich zu Beginn des Buches die Rede. Für sie hatte die Großmutter ihre Stöckelschuhe aufgehoben, nachdem sie sie ‚nicht mehr er-tragen‚ (S. 11) konnte, nur leider trägt Anna ihre Schuhe 2 Nummern größer – und zumindest an diesem Abend auch keine High Heels, sondern Schnürstiefel.  Mit Augenzwinkern teilt Emmy Werner ihre Erfahrungen mit dem Älterwerden, bevor sie von ihren ersten Lebensjahren in Wien vorliest und berichtet. Sie selbst habe im Krieg keine Angst gehabt, manchmal sogar zum Spaß den ‚Kuckuck‘, den Warnton für Bombenangriffe im Radio, nachgemacht, aber sie habe die Angst der anderen gespürt. Ihre Mutter etwa habe eine Zwangsneurose entwickelt und sich am ganzen Körper waschen müssen, bevor sie in den Luftschutzkeller gehen konnte. Die Familie hat Glück gehabt: Das Wohnhaus in der Nähe der Volksoper blieb von den Bomben verschont, sowohl der Vater als auch der ältere Bruder kamen unverletzt aus dem Krieg zurück. Aber bis heute sind Sirenen und Flugzeuge für Emmy Werner etwas Schlimmes.

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Meine Meinung: Ich konnte die Nachbetrachtung schon vorab lesen und möchte mich bei dieser Gelegenheit beim Residenz Verlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar bedanken. Zentrale Themen in Werners Leben wie  in ihrem Buch sind Eigenständigkeit und das Alleinsein.  Nach der Trennung in Freundschaft am Ende einer sehr früh eingegangenen Ehe habe sie sich ganz bewusst dafür entschieden, mit ihrem Sohn alleine zu leben, und ihre späteren Lebenspartner hätten keinesfalls bei ihr einziehen dürfen. Aber natürlich sei ihr klar, dass es einen Unterschied mache, ob man freiwillig oder unfreiwillig alleine lebe. Selbstbestimmt müsse es in jedem Fall sein, und empört kritisiert sie die Stimmen, die die Meinung vertreten, Frauenhäuser seien ein Angriff auf die Familie. 

Emmy Werner erzählt in der dritten Person über das Leben von E. Anders sei ihr das gar nicht möglich gewesen, erklärt sie. In den ersten Kapiteln fand ich das etwas befremdlich, denn da ist E. ein Kind, später ein Teenager (Backfisch nannte man das damals), und auf mich wirkte die Erzählweise ein bisschen so, als würde ich einen Bericht vom Jugendamt oder aus einer Polizeiakte lesen. Aber weiter hinten, wenn es um die junge Ehe und um die Karriere geht, erreicht Emmy Werner das, was sie vermutlich beabsichtigt hat: die mit objektiver Distanz gelungene Schilderung eines Frauenlebens, ihres eigenen Lebens, vor dem Hintergrund der gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen, die sie miterlebt hat. Und da sie weitgehend darauf verzichtet, die teilweise prominenten Namen der Personen in ihrem Umfeld zu nennen, bleibt der Blick beim Lesen auf sie und ihre persönliche und berufliche Entwicklung fokussiert. Keine Lebensbeichte, keine Skandalgeschichten, keine Indiskretionen,  stattdessen der eine oder andere humorvolle, aber anonyme Hinweis auf menschliche Schwächen und Marotten. Die Erfolgsstory einer Frau mit Prinzipien in einer spannenden Zeit. 

Emmy Werner, … als ob sie Emma hießen. Eine Nachbetrachtung. Residenz Verlag Salzburg – Wien 2018. 319 Seiten. 

 

Meghan Markle

IMG_1867Das Motto dieses Blogs ist ja Gute Bücher von und für Frauen, aber das Buch, das ich Euch heute vorstellen möchte, wird dem nur mit Einschränkungen gerecht. Zunächst einmal wurde Meghan, die Biografie der Amerikanerin Meghan Markle, die am Pfingstwochenende Prinz Henry of Wales geheiratet hat, von einem Mann geschrieben: dem britischen Journalisten Andrew Morton, der 1992 mit Diana: Ihre wahre Geschichte einen Bestseller landete und seither zahlreiche andere Promis unter die nicht immer freundliche Lupe genommen hat, darunter Madonna, Monica Lewinsky, Tom Cruise und Angelina Jolie. Und inwieweit das Genre der Promibiographien generell in die Kategorie „Gute Bücher“ einzuordnen ist, darüber scheiden sich sicher die Geister.

Trotz dieser und einiger weiterer Einschränkungen finde ich, dass die Biographie einen Beitrag wert ist. Ausgewählt habe ich sie aus mehreren Gründen: Erstens wollte ich in einer beruflich sehr stressigen Zeit ganz bewusst etwas weniger Anspruchsvolles lesen als zuletzt. Normalerweise greife ich in solchen Phasen zu einem Krimi, aber ich war so auf meine Arbeit konzentriert, dass ich einen komplizierten Plot sicher nicht durchblickt hätte.  Zweitens hat das Interview, das Meghan Markle und Prinz Harry der BBC aus Auslass ihrer Verlobung gaben, meine Sympathien für und mein Interesse an der amerikanischen Schauspielerin geweckt, von der ich bis vor wenigen Monaten noch nie etwas gehört hatte. Und drittens muss ich gestehen, dass ich eine Schwäche für die britischen Royals habe. Diese beginnt nicht mit den Windsors, sondern mit King Arthur, auch wenn es den vielleicht gar nicht gegeben hat.Weiterlesen »

Die Gewitterschwimmerin

2095_Hauser_Gewitterschwimmerin_135x215_RZ.inddIn Die Gewitterschwimmerin erzählt Franziska Hauser, Jahrgang 1975, die Geschichte ihrer eigenen Familie. Die Idee dazu sei aus der Frage entstanden, warum ihre Mutter so ein Biest geworden war, sagt die Autorin im Interview, und erst nach Fertigstellung des Romans  sei ihr klar geworden, dass ihre Mutter auch die Hauptfigur ist. Als Titelheldin des Romans wird diese Mutter zur 1951 geborenen Tamara Hirsch, Tochter von Alfred Hirsch, eines  prominenten jüdischen DDR-Schriftstellers, der dank seiner Vergangenheit als kommunistischer Widerstandskämpfer gegen das Naziregime viele Privilegien genießt. In Episoden zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Jahr 2017 erfahren wir Details über die Geschichte der Familie, wobei manche Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden. So ergibt sich nach und nach ein umfassendes Bild und so manche Erklärung für das zerstörerische Verhalten, das Alfred und Adele Hirsch ihren Töchtern gegenüber an den Tag legen. Während ihre jüngere Schwester Dascha an der oft lieblosen Behandlung und am sexuellen Missbrauch zerbricht, lernt Tamara, damit umzugehen, auch wenn der Preis dafür hoch ist.Weiterlesen »

Bist du wahnsinnig geworden?

IMG_1378Claudia Erdheims Debütroman Bist du wahnsinnig geworden? erschien erstmals 1984/85 im Löcker Verlag und wurde soeben vom Czernin-Verlag neu aufgelegt. Im Zentrum steht die Beziehung der Autorin zu ihrer Mutter, einer  Psychoanalytikerin, die im Wien der Nachkriegszeit zwei Töchter alleine großzieht, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Die Familie mit jüdischen Wurzeln ist dem Holocaust nur durch Glück entkommen, daher ist es kein Wunder, dass die „Frau Doktor“ ihrer Umgebung mit zorniger Überheblichkeit begegnet. Verschont bleiben davon nur ihre Patienten, denen ihre ganze Aufmerksamkeit gilt. Die Töchter hingegen erleben den Alltag als Abfolge von Worttiraden gegen alles und jeden in einer Welt, vor der sie um jeden Preis ferngehalten werden müssen. Weiterlesen »

Maikäfer flieg!

Die soeben im österreichischen Fernsehen gezeigte Verfilmung des Romans Maikäfer flieg! von Christine Nöstlinger hat mich dazu veranlasst,  das Buch nach langem wieder zur Hand zu nehmen und beides zu vergleichen. Mein Fazit: Eine sehr gelungene Umsetzung eines beeindruckenden Zeitdokuments, das sich als unprätentiöser Jugendroman präsentiert.

 

Maikäfer flieg!

Der Vater ist im  Krieg,

die Mutter ist im Pulverland,

Pulverland ist abgebrannt.

Maikäfer flieg. (*)

Diesen Kinderreim, der den Titel für Christine Nöstlingers Erlebnisbericht über die letzten Kriegstage in Wien liefert, konnte im Erscheinungsjahr 1973 anders als heute jedes Kind mitsingen, aber der Inhalt der Worte war auch für die in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren Geborenen schon ganz weit weg. Daher weist die Autorin in der Einleitung ihres Buches darauf hin, die Väter in ihrer Geschichte seien tatsächlich im Krieg gewesen, während sich die Mütter und mit ihnen die Kinder im abgebrannten Pulverland befunden hätten. Dann beginnt sie, ihre „Pulverlandgeschichte“ zu erzählen:Weiterlesen »