Mein Lieblingstier heißt Winter

Norbert und Harald stehen auf dem Bauch eines Stegosaurus, um diesem den Dreck vieler Jahre abzuschrubben, denn der Dinopark, in dem sie am Werk sind, soll nach dem Willen eines großzügigen Sponsors wiedereröffnet werden. Die beiden Männer arbeiten für die Firma Schimmelteufel. Diese hat ihre Existenz der Tatsache zu verdanken, dass es der Putzfrau Sabine Teufel einige Jahre zuvor gelungen ist, an die zur Firmengründung notwendige Geldsumme heranzukommen. Währenddessen liefert Franz Schlicht Tiefkühlwaren aus, um eine alte Schuld abzutragen. In der brütenden Sommerhitze ist das eine Ochsentour, und es bleibt nicht die einzige. Sein Stammkunde Doktor Schauer kauft immer Rehragout, doch diesmal hat er noch einen anderen Wunsch, und Schlicht fühlt sich verpflichtet, den einmal übernommenen und im voraus bezahlten Auftrag zu erfüllen. Das bringt ihn mit seltsamen Menschen in Berührung und in große Gefahr. Schnell merkt Schlicht, dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt, und er gibt nicht auf, bevor er alle Rückschläge überwunden hat und der Sache auf den Grund gegangen ist.

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Dunkelblum

Etwas mehr als eine Woche nach der Veröffentlichung der Longlist für den Deutschen Buchpreis wurden heute auch die für den Österreichischen Buchpreis 2021 Nominierten genannt, und während Monika Helfers Vati und Ferdinand Schmalz‘ Mein Lieblingstier heißt Winter auf beiden Listen zu finden sind, fehlt Eva Menasses soeben erschienener Roman Dunkelblum ganz. Schade!

August 1989. Nach dem unerwarteten Tod seiner Mutter kommt der Mittdreißiger Lowetz zurück nach Dunkelblum, einem Ort nahe der Grenze, und findet dort eine Welt vor, die er fast vergessen hatte, die aber immer noch beinahe so funktioniert wie in seiner Kindheit, in wesentlichen Zügen sogar noch immer so wie in der Jugend seines schon lange verstorbenen Vaters. Immer noch dieselben Nachbarn, immer noch derselbe Gemeindearzt, immer noch derselbe Greißler, immer noch dieselben Winzerfamilien, immer noch der Stammtisch in der Gaststube des Hotel Tüffer, und immer noch tut „eine Gruppe von ehemaligen Halbstarken“ ihr Möglichstes, damit keiner aus der Reihe tanzt.

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Identitti

Heute beginnt der Bücherherbst: Die Veröffentlichung der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021 ist für mich wie jedes Jahr mit der Frage verbunden: Welche Titel aus meiner Sommerleseliste sind nominiert? Und überrascht mich das? Die Antwort auf die erste Frage lautet: Nur einer – ich hätte mehr lesen sollen (oder vielleicht auch nur andere Titel). Und die Antwort auf die zweite Frage ist: Ganz sicher nicht! In Identitti beschreibt Mithu Sanyal einen Skandal an einer deutschen Universität: Prof. Dr. Saraswati, die in Düsseldorf Intercultural Studies und Postkoloniale Theorie lehrt, ist nicht, wie sie alle glauben ließ, eine Person of Colour, sondern eine in Deutschland geborene Tochter in Deutschland lebender Deutscher. Deutscher geht’s nicht mehr, und damit steht nicht nur ihre eigene Karriere und ihr Ruf als Wissenschaftlerin auf dem Spiel, das unfreiwillige Outing stellt auch alles in Frage, was ihre Vorzeigestudentin Nivedita Anand in den vorangegangenen Semestern bei der von ihr Bewunderten gelernt und als Social Media Star auch gleich wieder in die Welt hinausgerufen hat. Nivedita tut, was jede selbstbewusste Vertreterin ihrer Generation tun würde: inmitten des sofort losbrechenden Sturms verlangt sie von ihrer Professorin Erklärungen. Diese Erklärungen bekommt sie auch, und sie bringen ihr Weltbild nicht wieder in Ordnung, sondern stellen es erst recht auf den Kopf.

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Kristin Lavranstochter – Der Kranz

Norwegen zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Kristin, die Tochter von Lavrans Bjørgulfssohn und seiner Frau Ragnfrid, lebt mit ihren Eltern auf dem Jjørundhof in der Nähe des heutigen Lillehammer. Ihr Vater ist ein wohlhabender, tüchtiger und von vielen bewunderter Adeliger, ihre Mutter eine sehr schwermütige Frau, was alle auf den Verlust ihrer drei kleinen Söhne zurückführen. Für die sehr hübsche und eher stille Kristin ist es selbstverständlich, die strengen religiösen Gesetze und sozialen Spielregeln einzuhalten, die das Leben aller bestimmen und die ihre Eltern noch strenger auslegen, sie bewahrt sich dabei aber ihre Individualität und ihren Freiheitssinn. Sie erlebt eine idyllische Kindheit, wenn auch nicht ganz frei von traumatischen Erfahrungen, freundet sich, als sie ihren Vater auf eine Reise in die Stadt begleiten darf, mit Bruder Edwin an, einem Wandermönch, der ihr zusätzlich spirituelle Führung gibt, und akzeptiert die Verlobung mit Simon Darre, dem Sohn eines benachbarten Gutsbesitzers.

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Und die Welt war jung

Köln am Neujahrstag 1950. Im Haus von Gerda und Heinrich Aldenhoven ist im fünften Jahr nach dem Untergang des 1000jährigen Reiches das Geld knapper als vor dem Krieg, aber immerhin steht das Gebäude noch und die Jugend feiert schon wieder.

Auch das Haus von Gerdas Freundin Elisabeth in Hamburg hat den Krieg überstanden, nur müssen Elisabeth und Kurt Borgfeld dieses Haus nun mit ihrer Tochter Nina, dem kleinen Enkelsohn Jan und Einquartierten aus Schlesien teilen. Von Schwiegersohn Joachim gibt es seit Kriegsende kein Lebenszeichen, und während Elisabeth immer noch fest an seine Rückkehr glaubt, geht Tochter Nina der britische Journalist Winton Langley, den sie in der Silvesternacht kennengelernt hat, nicht mehr aus dem Kopf.

Bei Familie Canna in San Remo haben alle den Krieg wohlbehalten überstanden, und es mangelt weder an Geld noch an Wohnraum, dafür muss Heinrich Aldehovens Schwester Margarethe schon seit Jahren mit dem Standesdünkel und den andern Marotten ihrer italienischen Schwiegermutter klarkommen. Im Laufe des Jahrzehnts, das gerade begonnen hat, wird sich für alle drei Familien viel ändern, die Elterngeneration wird lernen, die Kriegsereignisse aufzuarbeiten, die Kinder werden erwachsen, Beziehungen gehen zu Ende, neue Lieben entstehen, und Kinder werden geboren.

Meine Meinung: Carmen Korns neuer Roman, der erste Teil einer als Drei-Städte-Saga angekündigten Serie, folgt dem Muster ihrer Jahrhundert-Trilogie, nur dass diesmal nicht einzelne Frauen, sondern ganze Familien im Mittelpunkt stehen. Im Leben der Mitglieder dieser Familien spiegeln sich die gesellschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhhunderts, genauer gesagt der 1950er-Jahre wider. Verletzungen werden sichtbar, alte Wunden heilen, wenn auch manchmal nur unter Mühen, das Leben wird einfacher und freier, der Wohlstand wächst.

Ein bisschen vorhersehbar sind die Ereignisse, und manche der Personen bleiben in stereotypen Rollen stecken, von der neureichen herrschsüchtigen Schwiegermutter bis zum schwermütigen mutlosen Kriegsheimkehrer, und wie schon in der Jahrhundert-Trilogie herrscht in den Familien ein Umgangston, der für die Heftigkeit der Konflikte zu höflich und emotionslos wirkt. Und natürliche lassen sich die meisten dieser Konflikte auflösen, als würden Kriegstraumata irgendwann von alleine verschwinden. Auch die Lesung durch die Autorin trägt nicht dazu bei, dem Roman mehr emotionale Tiefe oder mehr Zwischentöne zu verleihen. Trotz all dieser Einschränkungen habe ich mir die Geschichte gerne als nostalgische Zeitreise ohne Anspruch auf psychologischen Tiefgang vorlesen lassen. Der Autorin gelingt es, das Leben der 50er-Jahre als Geschichte des Wieder-Mut-Fassens, des Überwindens von Schwierigkeiten und erster Schritte zur Befreiung von Zwängen zu zeichnen, und das kommt der Realität trotz Weichzeichner und Vermeidung allzu unschöner Aspekte der Wirklichkeit der damaligen Zeit wahrscheinlich nahe.

Carmen Korn, Und die Welt war jung. Drei-Städte-Saga Teil 1. Gekürzte Hörbuchfassung gelesen von der Autorin. Argon Verlag GmbH 2020, 14 h 57 min.

City of Girls

Eigentlich wollte ich Ende Mai nach New York reisen. Die Tickets waren bestätigt, das Hotel reserviert, der Timeslot für den Besuch der Freiheitsstatue gebucht. Dieser Tage hätte ich mir aus diversen Reiseführern Tipps zusammengesucht, mich nach den besten Broadwayshows erkundigt, mir überlegt, auf welcher Dachterrasse ich wohl Cocktails trinken möchte, ob ich den Central Park besser mit dem Fahrrad oder per Segway erkunde. Das muss leider warten. Statt dessen habe ich eine literarische Reise ins New York des Jahres 1940 gemacht. Dort ist die 19-jährige Vivian Morris gerade gelandet, nachdem eine exklusive Mädchenschule ihren Eltern nahegelegt hatte, sie mit Ende des Schuljahres abzumelden. Nun wohnt sie bei ihre Tante Peggy, die ein nur mäßig erfolgreiches Theater in einem heruntergekommenen Viertel der Stadt betreibt und der Überzeugung ist, man müsse junge Menschen wie Erwachsene behandeln und ihnen daher ihre Freiheit lassen. Das einzige, was Vivian wirklich kann, ist, mit ihrer Singer-Nähmaschine aus dem, was sich gerade auftreiben lässt, atemberaubende Kreationen zu zaubern, also übernimmt sie das Schneidern der Theaterkostüme und stürzt sich vor und nach der Vorstellung mit den Showgirls des Theaters ins Großstadtleben.

Meine Meinung: Bisher kannte ich Elizabeth Gilbert nur als Verfasserin des bekanntesten Reiseberichts der ChickLit-Literatur und seiner Fortsetzung. Mit Eat, Pray, Love landete sie 2006 einen Bestseller,  Das Ja-Wort: Eine Geschichte vom Heiraten erzählt, wie sie sich dazu durchringen konnte, den Mann, dem sie auf Bali begegnet war, zu heiraten. Dass diese Ehe mittlerweile wieder geschieden ist, zeigt, dass auch sorgfältige Überlegungen nicht immer zum erwünschten Ziel führen. Sorgfältiges Überlegen kann man der jungen Protagonistin von City of Girls allerdings ohnehin nicht vorwerfen. Vivian tut, wonach ihr der Sinn steht, begibt sich in Abenteuer, von denen sie weiß, dass sie auch schlecht ausgehen können, und genießt das alles in vollen Zügen, bis sie von den Konventionen ihrer Zeit eingeholt wird. Gilbert erzählt die Geschichte aus Sicht der 90-jährigen Vivian, die die Geschehnisse ihres ersten New Yorker Jahres und der Jahrzehnte danach mit unverblümtem Blick und trockenem Witz Revue passieren lässt, und zeichnet dabei eine manchmal zärtliches und immer zumindest verständnisvolles Bild der unterschiedlichen Beziehungen, denen Vivian begegnet. Dabei handelt es sich nicht in erster Linie um Beziehungen zu Männern, im Zentrum stehen, mit einer Ausnahme, ihre Freundschaften zu Frauen: mit ihnen arbeitet sie zusammen, von ihnen lernt sie und auf sie setzt sie bei wichtigen Entscheidungen. Die Autorin erzählt mit Humor, wie die 19-Jährige zielstrebig ihre Unschuld los wird, lässt sie erstaunt eine lesbische Liebe beobachten und liefert eine nüchterne, manchmal sarkastische, aber nie verbitterte Schilderung schmerzhafter wie amüsanter Erfahrungen auf dem Weg hin zu einem selbstbestimmten Liebesleben. 

Dieser Besprechung liegt das Hörbuch in englischer Sprache, gelesen von Blair Brown, zugrunde. Die deutsche Übersetzung von Britt Somann-Jung erscheint am 27. Mai bei S. Fischer. Da werde ich gerade eine Reisetasche für ein Wochenende an einem österreichischen See packen. New York ist nächstes Jahr dran.

Elizabeth Gilbert, City of Girls. Als Audiobook gelesen von Blaire Brown. Penguin Audio 2019. 15 h 8 min.

In deutscher Übersetzung von Brit Somann-Jung: City of Girls.  S. Fischer 2020. 496 Seiten. 

Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger

Lorenz Prischinger badet in Selbstmitleid: Seine Karriere als Schauspieler ist nach hoffnungsvollen Anfängen zum Erliegen gekommen, seiner Freundin Stephie unterrichtet seit einem Jahr nicht mehr in Wien, sondern an der Universität Heidelberg, und sowohl Sozialversicherung als auch Finanzamt drohen mit der Zwangsvollstreckung ihrer Ansprüche.  Obwohl er sich das also definitiv nicht leisten kann, lässt Lorenz sich an einem verregneten Märztag mit dem Taxi von seiner Vierzimmer-Altbauwohnung in der Mondscheingasse „im hippen und kulturellen Zentrum des Siebten Bezirks“ nach Liesing, einer Mischung aus Wohnghetto und Industriezone, an der Demarkationslinie zu Niederösterreich“ chauffieren, zur Genossenschaftswohnung seiner Tante Hedi in der Dionys-Schönecker-Gasse, wohin er sich zum Abendessen eingeladen hat. Neben seiner Tante Hedi und deren Lebensgefährten Willi warten dort auch Wetti (Barbara) und Mirl (Maria-Josefa), die zwei anderen Schwestern seines Vater. Die Prischingers stammen aus einem kleinen Dorf im Waldviertel, Onkel Willi kommt ursprünglich aus Montenegro, und sein Herz hängt Titos Jugoslawien immer noch nach.

Im Laufe der nächsten Wochen wird Lorenz‘ Situation immer aussichtsloser, da helfen auch die Kochkünste seiner Tanten und Onkel Willis Ratschläge nichts, doch dann passiert etwas, womit niemand gerechnet hat und was die ganze Familie im wahrsten Sinn des Wortes in Bewegung bringt. Und die Geister der Vergangenheit weckt.

Meine Meinung: Es gibt also doch diese Manen. Nicht alles beendet der Tod, sondern ein blasser Schatten entflieht“ Dieses Zitat des römischen Dichters Properz ist der von Cornelius Obonya gelesenen Hörbuchfassung von Vea Kaisers drittem Roman vorangestellt, und die Manen, laut Duden die guten Geister eines Toten, machen Lorenz‘ Familie das Leben nicht gerade leichter. Während sich Lorenz mit seinen Tanten und dem Onkel im roten Fiat Panda auf eine 13-stündige Fahrt macht, deren Schilderung sich am besten als literarisches Roadmovie mit Slapstick-Elementen beschreiben lässt, widmen sich die Kapitel dazwischen in Rückblenden den sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten der Prischinger–Schwestern samt Anhang. Wie der Untertitel erwarten lässt, haben die Verstorbenen großen Einfluss auf die von den Lebenden getroffenen Entscheidungen, und die Autorin, die selbst Altgriechisch und Latein studiert hat, lässt sich dabei von der griechischen und römischen Mythologie inspirieren und den verbummelten Altphilologen Lorenz die Analogien erläutern.  Die Schrulligkeit und verbale Schlagfertigkeit der handelnden Personen macht aus dem Roman eine humorvolle Betrachtung der Lebenswirklichkeiten von zwei Generationen: der Kriegsgeneration, die den Sachzwängen eisernes Durchhaltevermögen entgegensetzen musste, um Selbstbestimmung zu erlangen, und ihren Töchtern und Söhnen, die es mit den lebenden und verblichenen Vorfahren auch nicht immer einfach, aber viel mehr materiellen Spielraum und Freiheit in ihren Entscheidungen haben. 

Vea Kaiser, Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger, als Hörbuch gelesen von Cornelius Obonya, Argon Hörbuch 2019, 13 h 39 min. 

Bookster HRO geht hart mit dem Roman und der Autorin ins Gericht, viel besser gefallen hat es letteratura, und lobende Worte findet auch buchrevier.

weg

Vietnam ist total angesagt. Ich war im Februar dort, eine meiner Kolleginnen bereist das Land gerade jetzt und meine beste Freundin hat schon gebucht. Somit scheint es fast logisch, dass Doris Knecht, eine Autorin, die mich schon in der Vergangenheit immer wieder damit  verblüfft hat, wie genau sie aktuellen gesellschaftlichen Strömungen nachspüren kann, die Protagonisten ihres neuesten Romans in das Land in Südostasien schickt. In weg machen sich Georg und Heidi also dorthin auf, um ihre gemeinsame Tochter Charlotte zu suchen. Lotte ist 23, psychisch krank und das Einzige, was die beiden bis zu ihrem Wiedersehen in Saigon gemeinsam haben. Sehr bald nach der ungeplanten Schwangerschaft war Heidi, Austauschstudentin in Wien, wieder nach Deutschland zurückgekehrt, hatte geheiratet und mit neuem Mann und zweitem Kind ein Leben im Reihenhausidyll in der Nähe von Frankfurt begonnen, während der Bummelstudent Georg gemeinsam mit seiner neuen Partnerin Lea im Waldviertel den Gasthof seiner Eltern übernommen hatte. Lotte hatte er immer nur in den Ferien einige Wochen gesehen, während Heidi das ganze Jahr über darauf konzentriert war, alles richtig zu machen, um die psychische Erkrankung ihrer Tochter in den Griff zu bekommen. Das schien ihr auch gelungen zu sein, bis Lotte plötzlich aus ihrer WG in Berlin abgehauen war. Das Verschwinden ihrer Tochter beschert Heidi die erste Flugreise ihres Lebens, Georg eine Trennung von seinen geliebten Kindern, seiner geliebten Frau und seiner weniger geliebten Mutter und beiden eine Reise durch Südvietnam und Kambodscha, auf der für die Touristenattraktionen keine Zeit bleibt, die aber zumindest kulinarisch einiges zu bieten hat und auch das Familiensystem neu ordnet.

_MG_9047Meine Meinung: Doris Knechts Roman ist kein Reisebericht, aber trotzdem nimmt die Schilderung der Gegebenheiten in Vietnam und Kambodscha in der Geschichte viel Raum ein und deckt sich, was Vietnam betrifft, mit meinen Beobachtungen. Einer der ersten Eindrücke ist für Reisende meist die unüberschaubare Flut an Mopeds, auf denen sich die Vietnamesen und einige wagemutige Touristen ihren Weg durch die Städte und über Land bahnen, und zwar nicht allein oder zu zweit, sondern auch mal zu viert oder zu fünft, wahlweise auch mit Hühnerkäfigen oder Bambusstangen im Gepäck. _MG_7101Und Mopeds sind der rote Faden, der sich durch die Geschichte zieht. Auf einem Moped waren Heidi und Georg auf den Kahlenberg bei Wien gedüst, um dort in einer warmen Sommernacht Charlotte zu zeugen. Jetzt steht das Moped in desolatem Zustand in Georgs Schuppen. Mopeds sind das Erste, was Heidi nach ihrer Ankunft in Saigon in die Augen springt, und das Erste, was sie in Angst und Schrecken versetzt. Aber sie muss sich dieser Angst stellen, denn um auf die andere Straßenseite zu gelangen, muss sie sich ihren Weg durch die Mopeds bahnen, und um Charlotte zu finden, muss sie wieder hinter Georg auf dem Sozius Platz nehmen. 

Nachdem ich von Doris Knechts Wald restlos begeistert war, fand ich Besser und Alles über Beziehungen dann immer noch gut, aber nicht mehr ganz so überwältigend. Mit weg hat die Autorin mir jetzt aber bewiesen, dass sie immer noch sehr genau auf unser mitteleuropäisches Wohlstandsleben und unsere Erste-Welt-Probleme schauen kann, ohne dabei zu sehr auf den Unterhaltungswert zu schielen. Sie  wirft Schlaglichter auf einzelne Szenen und Entwicklungen, die Heidi und Georg schließlich auf eine Trauminsel in Kambodscha führen, und verzichtet darauf, jeden einzelnen Faden der Geschichte bis zum Ende zu erzählen. Die nächste Etappe wird aber möglicherweise auf einem Moped zurückgelegt. 

Im Interview erzählt die Autorin, ein zentrales Thema sei für sie die durch Marihuanakonsum ausgelöste psychische Erkrankung von Charlotte gewesen. Dieser Zusammenhang kommt in der Geschichte nicht so deutlich zum Ausdruck, wie das notwendig wäre, um eindringlich davor zu warnen, der Input hat mir aber genügt, um meine eher liberale Einstellung zu diesem Thema ernsthaft zu überdenken.

Weitere Besprechungen des Romans gibt es bei letteratura, bei masuko13 und bei meineliteraturwelt.

Doris Knecht, weg. Rowohlt Berlin 2019. 304 Seiten. Ich danke dem Rowohlt-Verlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar!

Zeiten des Aufbruchs

Vor einigen Wochen habe ich Euch die von Carmen Korn gelesene Hörbuchversion ihres Romans Töchter einer neuen Zeit vorgestellt. Darin begleitet die Autorin 4 Frauen, alle um 1900 in Hamburg geboren, von ihrer Jugend bis ins Jahr 1949. In Zeiten des Aufbruchs erzählt sie, was das Leben für  Henny, Käthe, Ida und Lina in den nächsten zwei Jahrzehnten bringt. Während Käthe, die aus politischen Gründen im KZ war, vorläufig verschwunden bleibt und auch ihr Mann Rudi noch nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist, beginnt sich Ida an der Seite ihrer großen Liebe Tian zu langweilen. Henny, die in zweiter Ehe mit einem überzeugten Nazi verheiratet war, muss sich Wahrheiten stellen, vor denen sie bisher lieber die Augen verschlossen hat, und ihrer Schwägerin Lina gelingt es, ihr privates Glück mit einem beruflichen Neuanfang als Buchhändlerin zu kombinieren. Obwohl Hamburg stark vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen worden war, geht es in der Zeit des Wirtschaftswunders für alle aufwärts, und davon profitiert vor allem auch die nächste Generation. Hennys Tochter Marike studiert Medizin, ihr Sohn Klaus macht beim Rundfunk Karriere, Florentine, die Tochter von Ida und Tian, reist als Fotomodell durch die Welt, und Ruth, die in sich gekehrte Adoptivtochter von Käthe und Rudi, kann sich im Studium verwirklichen und zeigt starkes politisches Engagemen

Meine Meinung: Der erste Teil von Carmen Korns Trilogie hat mir gut gefallen, und nun wollte ich wissen, wie es im Leben ihrer vier Protagonistinnen weitergeht. Die Autorin beschreibt dieses Leben  auch im zweiten Teil wieder vor dem Hintergrund der Geschichte Deutschlands und ihrer Heimatstadt Hamburg und lässt viele Details dieser Geschichte in ihre Erzählung einfließen. Weiterlesen »

Nora Ephrons Sodbrennen

heartburnAuch im Bereich ChickLit gibt es Klassiker, und einen solchen möchte ich Euch heute vorstellen. 1983 veröffentlichte die amerikanische  Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Nora Ephron den Roman Heartburn, der in deutscher Übersetzung unter dem Titel Sodbrennen oder Quetschkartoffeln gegen Trübsinn erschien. Ephron erzählt darin die Geschichte der New Yorker Kochbuchautorin Rachel, die im siebten Monat schwanger dahinter kommt, dass ihr Mann Mark, ein Washingtoner Journalist, sie mit einer gemeinsamen Freundin, Thelma, betrügt, die ebenfalls verheiratet ist und einen Hals wie eine Giraffe und riesige Füße hat. Rachel schnappt daraufhin den gemeinsamen Sohn und zieht zu ihrem  Vater, wünscht sich aber nichts sehnlicher, als dass Mark seinen Fehler einsieht und sie ihre Ehe retten kann.  Sowohl der Roman als auch die Verfilmung mit Meryl Streep und Jack Nicholson war ein Riesenerfolg. Für Ephron nur einer unter vielen: Sie schrieb auch das Drehbuch zu Harry & Sally, Schlaflos in Seattle und Silkwood, einem Film über eine Whistleblowerin in der Atomindustrie, für den sie eine Oscar-Nominierung erhielt. Heartburn nimmt trotzdem einen ganz besonderen Platz im Leben der 2012 verstorbenen Autorin ein, denn sie erzählt darin ihre eigene Geschichte. Von 1976 bis 1980 war sie mit dem Watergate-Aufdecker Carl Bernstein verheiratet, und während ihrer zweiten Schwangerschaft im Jahr 1979 fand sie heraus, dass ihr Mann mit der Journalistin Margaret Jay, einer gemeinsamen Freundin, eine Affäre hatte.

So viele Jahre nach dem Erscheinen an Sodbrennen erinnert hat mich ein Interview mit Dolly Alderton, einer der Jurorinnen des Women’s Prize for Fiction 2019. Dessen Longlist wurde übrigens am vergangenen Montag veröffentlicht und dankenswerterweise auf schiefgelesen umgehend kommentiert. 

Meine Meinung: Mit trockenem Humor und einem Blick dafür, wie die Dinge wirklich stehen, berichtet die Ich-Erzählerin von ihrer Beziehung zu Mark und ihrer neuen Rolle als betrogene Ehefrau, stellt Überlegungen dazu an, was ihren Mann zum Seitensprung veranlasst haben könnte, und liefert Beobachtungen nicht nur zum Leben als Ehefrau und Mutter, sondern zu  Beziehungen im Allgemeinen und zur Position als Frau in der Welt des politischen Journalismus in Washington, die auch noch 35 Jahre später gewisse Gültigkeit haben. Die Situation von Frauen hat sich seither weniger geändert als uns lieb ist, so viel steht fest.

Während das von Meryl Streep im Original präsentierte Hörbuch lief, hatte ich keine Ahnung, dass Nora Ephron hier einen autobiographischen Roman geschrieben hat,  ich amüsierte mich einfach über die gekonnte Darbietung. Nach der Recherche zur Autorin finde ich es bewundernswert, wie diese die Geschichte so vergnüglich-nüchtern und nah an der Realität erzählen konnte, und dabei hat sich der Unterhaltungsfaktor im Nachhinein noch erhöht. Es ist ihr souverän und ganz ohne selbstmitleidiges Wehklagen gelungen, sich mit spitzer Feder an ihrem Ex zu rächen. Carl Bernstein, nicht nur für mich eine Ikone des investigativen Journalismus, drohte nach Erscheinen des Romans mit Klage, ließ das dann aber doch lieber bleiben. Er wusste, dass mit seiner Frau nicht zu spaßen war, wenn sie sich im Recht fühlte. Nachdem sie in den 1960er-Jahren trotz adäquater Ausbildung bei Newsweek nicht als Journalistin, sondern nur als Sekretärin tätig sein durfte, hatte sie die Zeitschrift gemeinsam mit anderen Frauen wegen Diskriminierung geklagt und den Prozess gewonnen. 

Nora Ephron, Heartburn. Ungekürztes Audiobook gelesen von Meryl Streep. Random House Audio 2013, 5 h 30 min.

Als Paperback neu aufgelegt von Virago Modern Classics 2018 (Band 19) mit einer Einleitung von Delia Ephron. 

In deutscher Übersetzung: Sodbrennen oder Quetschkartoffeln gegen Trübsinn. Knaur Verlag 1984, 236 Seiten. Nur antiquarisch erhältlich.