Österreichischer Buchpreis: Alles was glänzt

ÖBP_Logo_300dpiSeit 2016 hat Österreich endlich einen eigenen Staatspreis für Literatur. Der Österreichische Buchpreis wird in zwei Kategorien vergeben: Neben dem Hauptpreis gibt es auch einen Debütpreis.  Anders als bei anderen Preisen dieser Art kann sich die Geschlechterbilanz durchaus sehen lassen: 5 der 6 bisherigen Auszeichnungen gingen an Autorinnen. Die Preisträger*innen werden jedes Jahr am Vorabend der Buch Wien bekanntgegeben und dann im Rahmen der Buchmesse präsentiert.  Heuer ging der Hauptpreis an Daniel Wisser für seinen Roman Königin der Berge, den Debütpreis erhielt Marie Gamillscheg für Alles was glänzt.

Version 2
Florian Wisser und Marie Gamillscheg auf der Buch Wien im Gespräch mit Katja Gasser

‚Erfolg ist das Rattengift des Menschen‘, mit diesem Zitat von Elias Canetti leitet Moderatorin Katja Gasser die Frage ein, welche Auswirkung der Preis auf die Ausgezeichneten haben würde. Wisser antwortet, das Gift könne nur Gutes bewirken, und auch Marie Gamillscheg sagt, bisher habe ihr der Preis sehr gut getan. ‚Ich bin gespannt, wie es ist, wenn ich mich wieder an den Schreibtisch setze, ob es dann giftelt.‘

Danach geht es um die Frage, was die beiden Romane gemeinsam haben. In beiden Fällen ist es ein Ausgeliefertsein an die Natur: Seine Hauptfigur sei, sagt Daniel Wisser, von der Natur (Anm: einer Multiple Sklerose-Erkrankung) aus dem Leben gerissen worden, sie habe ihm die Sexualität und die Bewegungsfreiheit genommen. Er wolle der Natur kontra geben, indem er den Zeitpunkt seines Todes bestimmt. Auch in Alles was glänzt spielt die Natur eine wesentliche Rolle. Sie ist in Form eines Berges mit einem stillgelegten Bergwerk präsent, das bedrohlich über dem Ort der Handlung liegt

Die Moderatorin scheint ein Faible für das Zitieren berühmter Schriftsteller zu haben. Als nächstes ist Peter Handke dran: ‚Das literarische Tun ist so etwas wie die Arbeit an der Würde des Menschen.‘ Marie Gamillscheg findet diesen Anspruch „für einen Debütroman ganz schön hochgestapelt“ und möchte ‚Würde‘ durch ‚Realität‘ ersetzen. Sie habe in ihrem Romandebüt versucht, zu zeigen, dass der ‚arme‘ Mensch nicht in allem arm sei, sondern manchmal auch ein Arsch sein kann. Darin sieht sie die Aufgabe der Literatur. Sie will dabei die Figuren ernst nehmen, den Blick nicht von oben auf sie richten, sondern in ihr Leben eintauchen. Das ist ihr  gelungen. Alles was glänzt schaut schonungslos auf die Bewohner und Bewohnerinnen eines Dorfes, von dem man weder den Namen noch die geografische Lage erfährt; aufgrund der Herkunft der Autorin kann man allerdings vermuten, dass sie das steirischen Erzgebirge zu ihrer Geschichte inspiriert hat, und auch sonst spiegelt der Roman die Autorin: „Jeder, der mich kennt, weiß ,wie viel von mir drin steht.“ Das Leben im Dorf wird vom Berg bestimmt, und so wie der Betrieb des Bergwerks eingestellt wurde, wirkt auch das Leben der Menschen wie eingefroren. Daran ändert weder der Tod des jungen Martin etwas, der unter nicht genau geklärten Umständen am Berg mit dem Auto verunglückt ist, noch das Eintreffen des Regionalmanagers Merih, der Restrukturierungsmaßnahmen einleiten und dem Ort neue Impulse geben soll. Susa sperrt ihr ESPRESSO wie immer für die wenigen Gäste auf, der alte Wenisch beschäftigt sich weiterhin mit den Anlagen im alten Bergwerk, und die junge Teresa übt nach wie vor Klavier und träumt davon, in der Stadt aufs Konservatorium zu gehen, während ihre Schwester Esther zuhause auf die Zimmerdecke starrt.

Meine Meinung: Im Interview erzählt Marie Gamillscheg, sie würde sehr viel schreiben und sehr viel aussortieren, das bewirke „sprachliche Entschlossenheit anstelle von überbordendem Stil.“ Einen überbordenden Stil kann man dem Roman tatsächlich nicht vorwerfen. Das würde auch gar nicht zu einer Geschichte passen, die wie in Zeitlupe eine in wenigen Sätzen zusammenzufassende Handlung erzählt. Man merkt dem Text an, dass jedes der nicht aussortierten Wörter sorgfältig gewählt ist, aber ich hatte beim Lesen ständig das Gefühl, irgendetwas überlesen zu haben und die Geschichte daher nicht voll zu erfassen.  Zu meiner großen Erleichterung klärte sich zumindest das Rätsel der geheimnisvollen Zahlen, die jedem Kapitel vorangestellt sind, gegen Ende auf. Ich war trotzdem froh, das Dorf nach der letzten Seite verlassen zu können, aber vielleicht war ja gerade das die Intention.

Marie Gamillscheg, Alles was glänzt. Luchterhand 2018. 219 Seiten. Ich danke der Verlagsgruppe Randomhouse für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Advertisements

Autorinnen auf der Buch Wien 2018

Meine Vorstellung vom Schlaraffenland: eine Messehalle voller Bücher, Autorinnen, die bereitwillig über ihre Werke und deren Entstehungsgeschichte Auskunft geben und vier Tage Zeit, um das alles in Ruhe zu genießen. Meine Realität: fast damit identisch, nur leider keine vier Tage, sondern gerade mal ein halber und ein ganzer Nachmittag für das riesige Angebot. Zum Glück fiel einer dieser Nachmittage auf den Sonntag, und zum Glück war da die Dichte an interessanten Autorinnen besonders groß und das Angebot sehr vielfältig.

Rohrer Fenderl 1
Birgit Fenderl und Anneliese Rohrer im Gespräch mit Juliane Nagiller

Gerade noch rechtzeitig schaffte ich es zur Präsentation von Die Mutter, die ich sein wollte. Die Tochter, die ich bin. Darin beschäftigen sich Anneliese Rohrer und Birgit Fenderl mit der „Mutter aller Beziehungen“ – der Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Anhand von prominenten und weniger prominenten Beispielen machen sich die beiden Journalistinnen, selbst Mütter von Töchtern, auf die Suche nach den Prägungen, Erziehungsmustern und Rollenbildern im Leben von Frauen, die im besten Fall den Müttern gutgeschrieben und im schlechtesten Fall diesen angelastet werden. Ein großes Thema auch zwischen Müttern und Töchtern ist die Frage, wie man Familie und Karriere unter einen Hut bringen kann. Auch die für das Buch ebenfalls interviewte deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen war nicht davor gefeit, sich gegen Kritik aus der eigenen Familie zur Wehr setzen zu müssen. „Das Schlimmste ist dabei das schlechte Gewissen“, zitiert  Rohrer die Politikerin. Eine detaillierte Besprechung der Betrachtungen folgt demnächst auf diesem Blog.

Hager
Juliane Nagiller im Gespräch mit Angelika Hager

Die nächste Präsentation, die ich mir im Programm angestrichen hatte, bildete so etwas wie einen Kontrastpunkt zur ersten. Nicht Frauen, sondern Männer waren die Gesprächspartner, die Angelika Hager für Kerls! – Eine Safari durch die männliche Psyche interviewt hat. Angeregt durch die #MeToo-Debatte zeigt sie, weshalb Männer wie ticken und wie Frauen mit den dabei entstehenden Geräuschen umgehen. Wer die Polly Adler-Kolumnen der Journalistin kennt, wird nicht verwundert sein, dass sie dem Thema auch humorvolle Seiten abgewinnen kann. Das klingt auch an, wenn Hager erzählt, man habe ihr bei ihrer Recherche von Frauen berichtet, die ihre Männer bei der Paartherapie „reparieren lassen wollen“.

Uhlig
Juliane Nagiller im Gespräch mit Elena Uhlig

Auch beim nächsten Programmpunkt auf meiner Liste kommt der Humor nicht zu kurz. Die Schauspielerin Elena Uhlig berichtet in Qualle vor Malle davon, wie es zugeht, wenn sie mit ihrer Familie Urlaub in einem Familienhotel auf Mallorca macht. Ihre Familie, dazu gehören ihr Ehemann, der Schauspieler Fritz Karl, und die mittlerweile vier gemeinsamen Kinder. Das Buch enthielte zwar die eine oder andere Verdichtung, räumt die Autorin ein, basiere aber auf realen Erlebnissen. Die Angestellten im Reisebüro würden manchmal glauben, sie seien unfreiwillig Teil von Verstehen Sie Spaß? geworden, wenn die Familie Uhlig/Karl auftaucht, um einen Urlaub zu buchen, erzählt sie, und sie müsse sich auch damit auseinandersetzen, dass superschlanke Flugbegleiterinnen ihren Mann anflirten und sie daneben vollkommen ignorieren.

Stöckel
Claudia Stöckel im Gespräch mit Judith Hoffmann

Wieder auf der Hauptbühne tritt eine Autorin auf, die mit literarischer Verdichtung gar nichts am Hut hat, sondern immer bemüht ist, möglichst nahe an die Realität heranzukommen. In Interview mit dem Leben liefert Claudia Stöckel Hintergrundinformationen zu ihren sonntäglichen Interviews im Frühstück bei mir. Wer die Sendung kennt, weiß, dass sie ihren Interviewpartner*innen meist deutlich mehr als nur die PR-tauglichen Statements entlocken kann. Im Buch und im Gespräch mit Judith Hoffmann erzählt sie davon, wie ihr das gelingt, aber auch von jenen Fällen, in denen Interviews daneben gingen oder sogar abgebrochen wurden.

Strauss Prieschnig.jpg
Doris Priesching und Ursula Strauss

Die nächste Autorin war selbst schon Gast bei Claudia Stöckel. Ursula Strauss gehört zu meinen Lieblingsschauspielerinnen, daher war die Präsentation ihres Buches Warum ich nicht mehr fliegen kann und wie ich gegen Zwerge kämpfte für mich so etwas wie ein Pflichttermin. Ihre Co-Autorin Doris Priesching hatte die Idee, Ursula Strauss ausgehend von Familienfotos über ihr Leben erzählen zu lassen.  Warum sie nicht mehr fliegen kann und wie sie gegen Zwerge kämpfte erfuhr ich bei der Präsentation der Erinnerungen zwar nicht, dafür aber viel über ihren Umgang mit ihrem Beruf und dem Interesse der Öffentlichkeit und der Medien an ihrer Person. Es sei beim Schreiben manchmal schwierig gewesen, die Grenzen der Familie nicht zu verletzen, aber für sich selbst scheint es Ursula Strauss nicht schwer zu fallen, eine klare Trennlinie zu ziehen: Wenn es darum geht, Dinge über sich zu erzählen, unterscheidet sie zwischen Persönlichem und Privatem. Die Beziehung sei außen vor, das gehört zum Privaten, sie findet jedoch nichts dabei, über Persönliches wie Selbstzweifel und Gefühle zu sprechen. „Schmerz, Freude, Humor, Leid – das ist bei mir genau wie bei allen anderen.“ Manchmal hadert sie damit, dank ihres Bekanntheitsgrades in der Öffentlichkeit sehr rasch wahrgenommen zu werden, sie habe aber das Glück, da langsam hineingewachsen zu sein und von ihrer Familie immer wieder auf den Boden zurückgeholt zu werden. Der Beruf erfordere hohe Präzision und sei auch sonst sehr fordernd. „Du musst kerngesund und absolut schmerzfrei sein“, habe sie zu Beginn ihrer Tätigkeit gehört, und das kann sie bestätigen. „Man braucht starke Nerven.“

Dine Petrik
Esther Capo im Gespräch mit Dine Petrik

Eher durch Zufall kann ich dann dazu, als Dine Petrik aus  Stahlrosen zur Nacht  las, einem Titel, den sie als Strophen eines Romans bezeichnet. Darin setzt sie sich mit den harten Erfahrungen als Mädchen auf dem Dorf auseinander. Für die mehrfach ausgezeichnete Autorin ist das Schreiben auch ein Mittel, mehr Klarheit über sich selbst zu erlangen, und aus dem, was sie über ihre Kindheit im Mittelburgenland der Nachkriegszeit erzählt, klingt ein unnachgiebiges Sich-nicht-unterkriegen-lassen heraus, das damals begann und bis heute anhält.

Alex Beer BuchWien
Alex Beer im Gespräch mit Judith Hoffmann

Die letzte Autorin auf meiner Liste war Alex Beer, die ich schon vor einigen Monaten bei der Präsentation ihres Roman Die rote Frau kennengelernt hatte. Sie erzählt über die intensive Recherche für ihre in den frühen Zwanzigerjahren in Wien spielenden Kriminalgeschichten um den Ermittler August Emmerich. Die Ergebnisse dieser Recherche finden auch Eingang in die Handlung. Als Beispiel nennt sie Emmerichs Heroinsucht, die in Teil 1, Der zweite Reiter, ihren Anfang nimmt und die er in Teil 2, Die rote Frau, mit Alkohol bekämpft. Diese Abhängigkeit habe sie ihm verpasst, nachdem sie herausgefunden hatte, dass Heroin zur damaligen Zeit in Tablettenform legal erhältlich war. Auf die Frage, warum sie sich einen solchen Aufwand antue, antwortet Beer: „Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich es nicht gemacht. Aber das hab ich mir eingebrockt, jetzt muss ich es auslöffeln.“ Sie löffelt offenbar fleißig, denn im Mai 2019 erscheint der dritte Band der Serie.

 

Version 2
Daniel Wisser und Marie Gamillscheg im Gespräch mit Katja Gasser

Nicht erst am Sonntag, sondern schon am Donnerstag fand ein Interview mit den beiden Preisträger*innen des diesjährigen Österreichischen Buchpreises statt. Ich hatte ja jenseits jeder weiblichen Solidarität Arno Geiger die Daumen gedrückt, von dessen Roman Unter der Drachenwand ich restlos begeistert war, aber die Jury entschied sich für Königin der Berge von Daniel Wisser. Seine Hauptfigur  Herr Turin wartet in einem Pflegeheim auf den richtigen Moment und eine günstige Gelegenheit, seinem von Multipler Sklerose bestimmten Leben ein Ende zu setzen. Der Debütpreis ging dann aber an eine Frau: Marie Gamillscheg wurde für Alles was glänzt ausgezeichnet. Darin wirft sie einen sehr genauen Blick auf ein Dorf, das immer noch irgendwie vom Bergbau dominiert wird, obwohl die Förderung längst eingestellt wurde.  Auch diesen Titel werde ich demnächst hier besprechen, daher sei vorläufig nicht mehr verraten.

Natürlich hätte es noch Vieles zu entdecken gegeben, aber wie gesagt: ein halber und ein ganzer Nachmittag. Da blieb gerade noch Zeit dafür, einen Blick auf meine besondere Leseleidenschaft zu werfen: Krimis. Den Beitrag dazu findet Ihr auf www.britlitscout.com.

Titelbild (C) LCM Foto Richard Schuster

 

Deutscher Buchpreis – Die Shortlist

Da ich von den 20 Büchern der Longlist des Deutschen Buchpreises nur 2 gelesen habe, darf ich mich natürlich nicht wundern, wenn auf der Shortlist dann nur mehr mir unbekannte Romane zu finden sind, aber ein bisschen enttäuscht bin ich doch. Arno Geigers Unter der Drachenwand hat mir so gut gefallen, dass ich dem Buch ausgezeichnete Chancen gegeben hatte, aber offensichtlich hat sich die Jury doch den nicht ganz so Begeisterten angeschlossen. Bei Sören Heim findet sich eine mögliche Erklärung fürs Nicht-Weiterkommen.

Der Siegertitel wird am 8. Oktober bekanntgegeben. Bis dahin werde ich es wohl nicht schaffen, auch nur einen der nominierten Titel zu lesen, daher hier die Shortlist mit Links zu Besprechungen meiner Blogger-Kolleginnen.

Maria Cecilia Barbetta, Nachtleuchten

Maxim Biller, Sechs Koffer

Nino Haratischwili, Die Katze und der General

Inger-Maria Mahlke, Archipel auch hier besprochen.

Susanne Röckel, Der Vogelgott

Stephan Thome, Gott der Barbaren

Die nächsten Titel auf meiner Leseliste: Der Krimi Helle und der Tote im Tivoli von Judith Arendt (erscheint am 15. September), Mareike Fallwickels Romandebüt Dunkelgrün fast schwarz, das es auf die Longlist der Österreichischen Buchpreises 2018 geschafft hat, und endlich Unterleuten von Julie Zeh.

Beitragsbild (c) Christina Weiß, Quelle: http://www.deutscher-buchpreis.de

Launen der Zeit

In ihrem jüngsten Roman Launen der Zeit (Clock Dance) erzählt Anne Tyler  vier Episoden aus dem Leben ihrer Hauptperson:

1967: Wenn Willa Drake nach Hause kommt, weiß sie nie, was sie erwartet. Ihre Mutter Alice ist die hübscheste, lebendigste und klügste Mutter in ihrer Schule, aber manchmal ist sie wie ausgewechselt, zornig und unbeherrscht. Ihr Vater Melvin hingegen ist die Geduld in Person und liebt seine Frau und seine Töchter vorbehaltlos.Weiterlesen »

Bullshit Bingo – Wie das Leben so spielt

BULLSHIT BINGOMarie und Moritz sind nicht nur ein Paar, sie arbeiten auch in der selben Firma, und öde Besprechungen verkürzen sie sich mit Bullshit Bingo – „von A wie Arbeitszeiterfassungs-software bis Z wie Zielgruppen-segmentierung.“ (S.7)Doch dann findet Moritz heraus, dass Marie doch die Pille nimmt, und ihr erster Streit ist auch ihr letzter. Dass Maries beste Freundin Elisa gerade im Babyglück schwelgt, macht die Vorstellung, eine eigene Familie zu gründen, für Marie auch nicht attraktiver, vor allem, weil sie deren Ehe mit dem affigen Gynäkologen Johannes sehr skeptisch gegenüber steht.

Dann beginnt das Leben zu spielen, wie der Untertitel des Romans es ankündigt. Weiterlesen »

Die Frau im hellblauen Kleid

Volkstheater bühneneingang
Bühneneingang, Volkstheater, Wien

Die Frau im hellblauen Kleid ist Käthe Schlögel, Tochter eines Wiener Gemüsehändlers. Sie wohnt ganz in der Nähe des Theaters in der Josefstadt, beginnt ihre Karriere gegen den Widerstand der Eltern am Volkstheater und feiert in Prag und Berlin große Erfolge. Als Bühnen- und Filmstar begründet sie  so eine Schauspieler*innendynastie. Wenn dieser Begriff fällt, denke ich sofort an die Familie Hörbiger/Wessely und ihre Nachfahren. Aus diesem Grund habe ich beim Lesen vom ersten Kapitel an nach Parallelen Ausschau gehalten, und die gibt es durchaus: Im richtigen Leben wie im Roman beginnt der Erfolg in der Zwischenkriegszeit und setzt sich über vier Generationen bis in die Gegenwart fort. Damit ist es unvermeidlich, dass die erste Generation sich mit dem Naziregime und den Auswirkungen seiner Politik konfrontiert sieht und die nachfolgenden Generationen sich damit abmühen müssen, unangenehme Fragen zu beantworten und das aufzuarbeiten, was schiefgegangen ist. So erging es auch der Familie von Paula Wessely, deren Name im Roman auch tatsächlich erwähnt wird; aber die Art, wie das geschieht, macht deutlich, dass der Roman von Beate Maxian eben keine fiktionalisierte Familienbiographie ist, sondern seine eigene Geschichte erzählt.  Vera Altmann, als Schauspielerin weit weniger erfolgreich als ihre Mutter Marianne und ihre Großmutter Käthe, möchte eine TV-Dokumentation über ihre Familie drehen und liefert damit den Anstoß dafür, dass all das auf den Tisch kommt, worüber bisher nicht gesprochen wurde.Weiterlesen »

ChickLit-Ferien

1. Juli, das klingt nach Sommerferien,  Sonne, Meer und – ChickLit. Keine Zeit im Jahr ist besser dazu geeignet, die eigene Seele baumeln zu lassen, indem man sich in das Seelenleben fiktiver Geschlechtsgenossinnen vertieft und mit diesen lacht, weint, hofft, bangt, trauert und feiert. Da ich die Sonne und das Meer, nicht aber die Hitze liebe, habe ich mir heuer wieder ein Reiseziel ausgesucht, das nicht nur für mich ideale klimatische Bedingungen bietet (wenn stören schon Regenschauer und 18°C Außentemperatur), sondern auch das Land ist, in dem ChickLit mit-erfunden wurde: Viele der erfolgreichsten ChickLit-Autorinnen kommen aus Irland, das auch sonst nicht arm an literarischen Größen ist.Weiterlesen »

Eine Liebe, in Gedanken

41gBaD+NS1L._SX311_BO1,204,203,200_Du musst dir keine Sorgen machen“, hatte Antonia Weber zu ihrer Tochter gesagt, als diese begann, sich vor dem Alter und vor dem Alleinsein zu fürchten. „Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben.“ (S. 241) Antonia wusste, wovon sie sprach. In den frühen 60er-Jahren hatte sie sich in Edgar verliebt, von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm geträumt, sich sogar mit ihm verlobt. Toni hatte alles auf diese eine Karte gesetzt, und auch, nachdem die Beziehung zerbrochen war, hatte sie 50 Jahre lang nicht aufgehört, an Edgar zu denken und ihrer Tochter von der Zeit mit ihm zu erzählen. Gleichzeitig hatte sie auch nach der Trennung viele ihrer Träume gelebt, ein selbstbestimmtes Leben geführt, Reisen unternommen, zweimal geheiratet und ein Kind bekommen. Nach Antonias Tod, den Kristine Bilkau als Ausgangspunkt für ihren Roman Eine Liebe, in Gedanken wählt, findet die Tochter die alten Briefe und Fotos und beschließt, Edgar aufzusuchen. Noch vor dem Zusammentreffen mit dem Mittsiebziger trägt sie Details über die Geschichte dieser Liebe zusammen, die 1964 begann und 1967 endete.

Meine Meinung: Der Roman ist im März erschienen, und eigentlich wollte ich ihn noch im selben Monat lesen. Vor kurzem habe ich ihn dann endlich von meinem SuB gefischt, aber jetzt tut es mir fast leid, dass ich damit nicht bis zu den Sommerferien gewartet habe. Nicht, weil er ein seichtes Lesevergnügen für den Strand wäre, sondern damit die Bilder, die er zeichnet, genug Zeit zum Nachklingen haben und nicht sofort wieder im Alltagsstress versinken. Kristine Bilkau fängt die Stimmung einer Zeit der gesellschaftlichen Veränderungen ein. Antonia gehört der ersten Generation „moderner“ Frauen an: einer Generation, für die Berufstätigkeit eine Selbstverständlichkeit zu werden begann, die sich den einen oder anderen bescheidenen Luxus leisten konnte, die nicht mehr vollkommen in strikten Moralvorstellungen gefangen war, die Beziehungen eingehen, sich wieder trennen  und ein Kind alleine großziehen konnte, ohne sofort und automatisch im  gesellschaftlichen Abseits zu landen. Heute sind diese Frauen Großmütter und Urgroßmütter, und beim Lesen von Antonias Geschichte wurde mir bewusst, dass ihr Leben dem heutiger junger Frauen schon ähnlich war. Der Gedanke an diese heute alten Frauen hat es für mich umso reizvoller gemacht, einen Blick in Tonis Leben in den 1960er-Jahren  zu werfen: eine junge Frau wie viele andere seither, nicht immer diszipliniert, aber ambitioniert, manchmal in ihre Träume versponnen, aber doch in der Lage, das Leben zu meistern. Der Autorin geht es laut eigener Aussage um die Frage, ob wir eigentlich wirklich wissen können, wer unsere Eltern gewesen sind. Ich bin nicht sicher, ob wir  das wissen können oder überhaupt wissen sollten. In jedem Fall ist Toni aber bereit, über alles, was geschehen ist und was sie bewegt offen zu sprechen, und auch das ist schon eine sehr moderne Einstellung.

Das andere Thema des Romans ist für Kristine Bilkau die Frage, was eigentlich erfüllte Liebe ist. Für mich hat Antonias Liebe zu Edgar ein bisschen etwas von einer Romeo & Julia-Geschichte. Wir wissen von Anfang an, dass die Sache nicht gut ausgehen wird, aber trotzdem habe ich den beiden das Happy End bis zum letzten Kapitel gewünscht. Die Geschichte ist also auch sehr romantisch (und damit doch etwas für den Strand), kommt aber ohne Kitsch aus und überlässt es der Leserin, die Frage nach der erfüllten Liebe zu beantworten. Auch dafür sollte man sich Zeit nehmen, und das ruhige Tempo der Geschichte lädt dazu ein. 

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar!

Weitere Besprechungen des Romans, die sich auch mit den vielen anderen Facetten dieser Geschichte beschäftigen, findet Ihr bei LiteraturReich, bei literaturleuchtet, in Julia’s Library , bei aboutbookscoffeeandcats, auf dem paper and poetry blog und auf literaturlese.

Kristine Bilkau, Eine Liebe, in Gedanken. Luchterhand Literaturverlag 2018. 253 Seiten.

Die Gewitterschwimmerin

2095_Hauser_Gewitterschwimmerin_135x215_RZ.inddIn Die Gewitterschwimmerin erzählt Franziska Hauser, Jahrgang 1975, die Geschichte ihrer eigenen Familie. Die Idee dazu sei aus der Frage entstanden, warum ihre Mutter so ein Biest geworden war, sagt die Autorin im Interview, und erst nach Fertigstellung des Romans  sei ihr klar geworden, dass ihre Mutter auch die Hauptfigur ist. Als Titelheldin des Romans wird diese Mutter zur 1951 geborenen Tamara Hirsch, Tochter von Alfred Hirsch, eines  prominenten jüdischen DDR-Schriftstellers, der dank seiner Vergangenheit als kommunistischer Widerstandskämpfer gegen das Naziregime viele Privilegien genießt. In Episoden zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Jahr 2017 erfahren wir Details über die Geschichte der Familie, wobei manche Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden. So ergibt sich nach und nach ein umfassendes Bild und so manche Erklärung für das zerstörerische Verhalten, das Alfred und Adele Hirsch ihren Töchtern gegenüber an den Tag legen. Während ihre jüngere Schwester Dascha an der oft lieblosen Behandlung und am sexuellen Missbrauch zerbricht, lernt Tamara, damit umzugehen, auch wenn der Preis dafür hoch ist.Weiterlesen »

Meine geniale Freundin

Vorbemerkung: Die nachstehende Besprechung enthält Hinweise auf den Plot und den Ausgang des Romans. Dieser war auch mir beim Anhören des Hörbuchs bereits bekannt, aber das hat meine Freude an dem Buch in keiner Weise beeinträchtigt. Wer jedoch sicher gehen möchte, sollte lieber nicht weiterlesen.

IMG_0978.jpgObwohl mich der vierte Teil von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga nur mittelmäßig begeistert hatte, wie im Beitrag zur Geschichte des verlorenen Kindes nachzulesen, war ich trotzdem auf den ersten Band neugierig, und daher besorgte ich mir die von Eva Mattes gelesene Hörbuchfassung von Meine geniale Freundin in der Städtischen Bücherei. Dieser erste Teil beginnt so, wie der letzte endet: Die erfolgreiche Schriftstellerin Elena Greco erhält einen Anruf von Gennaro, dem Sohn von Raffaella (Lila) Cerullo: Seine Mutter ist seit zwei Wochen spurlos verschwunden, so als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Zu dem Zeitpunkt, als dies geschieht, sind beide Frauen 66 Jahre alt und kennen sich schon ihr ganzes Leben. Elena weiß sofort, was es mit dem Verschwinden ihrer Freundin auf sich hat: Lila hat einen schon lange gehegten Plan in die Tat umgesetzt, nämlich den, sich aus der Welt zurückzuziehen, ohne auch nur ein Staubkörnchen von sich zu hinterlassen. Elena wundert sich nur wenig, denn sie kennt Lila besser als sonst jemand, aber sie findet, dass Lila wieder einmal übertreibt, und  sie fasst einen Entschluss:

Mal sehen, wer diesmal das letzte Wort behält, sagte ich mir. Ich schaltete den Computer ein und begann, unsere Geschichte aufzuschreiben, in allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist.

 Das Ergebnis sind die vier Bände der Neapolitanischen Saga.

Die Freundschaft der beiden Mädchen beginnt, als sie Anfang der 1950er-Jahre in die Grundschule des Rione, eines Armenviertels bei Neapel, kommen.  Schnell wird der Lehrerin, Maestra Oliviero, klar, dass die Mädchen, vor allem aber Lila, überdurchschnittlich begabt sind, und sie beginnt, die beiden zu fördern. Während Elenas Eltern zähneknirschend und unter finanziellen Opfern den Empfehlungen der Maestra folgen und ihre Tochter später in die Mittelschule und aufs Gymnasium schicken, bleibt Lila dieser Weg versperrt: Sie, die immer die mutigere und starrköpfigere von den beiden war, fügt sich nach einem kurzen Ausflug in eine berufsbildende Schule den Wünschen ihres Vaters und beginnt mit ihrem älteren Bruder Rino gemeinsam in der Schusterwerkstatt der Familie Schuhe zu reparieren. Hatte sie vorher die örtliche Bibliothek leergelesen und davon geträumt, mit Elena gemeinsam ein Buch wie Betty und ihre Schwestern zu schreiben und dadurch reich zu werden, setzt sie jetzt alle ihre Energien daran, durch das Anfertigen von Schuhen nach eigenen Entwürfen aus der bescheidenen Schusterwerkstatt der Familie eine erfolgreiche Schuhmanufaktur zu machen.

Meine Meinung: ‚Meine geniale Freundin‘ nennt Lila Elena, als sie sich im Alter von 16 Jahren gerade dabei ist, sich für ihre Hochzeit zurechtmacht, und sie nimmt Elena das Versprechen ab, zu studieren und das zu erreichen, was sie beide sich vorgenommen haben. Für mich ist das eine der traurigsten Szenen, die ich in einem Buch je gelesen habe, und die Aussage hat mich nicht nur traurig, sondern auch wütend gemacht.  Auf Bildung verzichten zu müssen, weil man aus einer armen Familie kommt oder ein Mädchen ist, etwas Ungerechteres kann ich mir nicht vorstellen! Elena ist klug und begabt, aber sie hat, nicht ganz zu unrecht, das Gefühl, dass sie es ohne Lilas Hilfe nicht schaffen kann. Gleichzeitig sieht sie einen inneren Zusammenhang zwischen ihrem Schicksal und dem ihrer Freundin:

‚Es war, als wäre die Freude oder der Schmerz der Einen wie durch einen bösen Zauber die Voraussetzung für den Schmerz oder die Freude der Anderen. Auch unser Äußeres schien diesem Auf und Ab zu unterliegen.‘

Lila versucht in einer Mischung aus Trotz und Schicksalsergebenheit, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Elena ist dabei eine genaue, schonungslose und ehrliche Beobachterin sowohl ihrer eigenen Entwicklung als auch der Entwicklung ihrer Freundin. Die Erzählerin ergeht sich aber nicht in endlosen psychologischen Analysen, sie beschränkt sich auf die Fakten und die knappe Beschreibung ihrer eigenen Gefühle. Die Interpretation dessen, was die Geschehnisse für die Mädchen bedeuten und was die Gründe für ihre Handlungen und Entscheidungen sind,  bleibt weitgehend den Leser*innen überlassen, und ich glaube, dass mich die Geschichte genau deshalb so berührt hat. Ein weiteres wichtiges Element sind für mich die rätselhaften Geschehnisse: das Verschwinden von Puppen, das am Anfang der Freundschaft steht, und Lilas Verschwinden im Alter von 66 Jahren. Sie bilden ein Gegengewicht zum betonten Realismus  und verleihen der Erzählung Magie, ohne sie ins Esoterische abgleiten zu lassen. Eva Mattes liefert dabei ein tolles Hörerlebnis, das der Geschichte vollkommen gerecht wird. 

Weitere Besprechungen des Romans findet ihr bei buchherz, bei BirthesLesezeit und bei den Büchertauben, und in der buchpost gibt es zusätzlich auch zahlreiche interessante Links zum Buch und zur Autorin.

Als Hörbuch: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger. Der Hörverlag 2016. 11h 43min.

In gedruckter Form: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. 422 Seiten.