Meine Zeit mit Eleanor

27. April 1945. Die Journalistin Lorena Hickok wartet in einer Wohnung in Manhattan of Eleanor Roosevelt, seit zwei Wochen Witwe des 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten, und erinnert sich an die erste Begegnung mit der Frau, deren heimliche Geliebte sie seit vielen Jahren ist. Heimlich war die Liebe dabei nur für die Öffentlichkeit: Sowohl Franklin D. Roosevelt als auch das berufliche und private Umfeld des Paares wusste über die Beziehung Bescheid, denn schon kurz nach diesem ersten Zusammentreffen im Jahr 1932 hängte die Reporterin ihren Job bei der Associated Press an den Nagel und zog zum frischgekürten Präsidenten und der First Lady ins Weiße Haus. In Meine Zeit mit Eleanor lässt Amy Bloom diese Beziehung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Frauen Revue passieren. Sie erzählt von glücklichen Momenten und großen und kleinen Kränkungen, die ‚Hick‘ sich gefallen lässt, während gleich nebenan Weltpolitik gemacht wird. Die Ich-Erzählerin teilt mit den Leser*innen aber auch Details darüber, wie sie es aus tristen Familienverhältnissen in South Dakota in Redaktionsräume in New York geschafft hat, und wir erfahren dabei mehr als Eleanor je erfahren hat.

Meine Meinung: Ich habe den Roman schon vor einem Jahr im englischen Original gelesen und war  davon sehr angetan (siehe Weiße Häuser & First Ladies). In die letzte Woche erschienene deutsche Übersetzung wollte ich eigentlich nur hineinlesen, konnte dann aber einfach nicht aufhören, Amy Blooms Erzählweise hat mich sofort wieder in die Geschichte hineingezogen. Ausgehend vom Zusammentreffen der beiden Frauen im April 1945 präsentiert sie eine geschickt zusammengestellte Collage von Episoden aus deren  Leben, ergänzt mit Geschichten über FDR, seine Affären und sein Umfeld und der einen oder anderen spöttischen Bemerkung über Berühmtheiten wie Wallis Simpson oder die politischen Geschehnisse der damaligen Zeit. So mixt Bloom Anekdoten mit Szenen, die unter die Haut gehen, und lässt Hick als Erzählerin dabei zu journalistischer Höchstform auflaufen. Dass die Autorin selbst als Journalistin tätig war – unter anderem arbeitete sie für die New York Times – hat dabei sicher nicht geschadet. 

Auch wenn Amy Bloom in den Nachbemerkungen betont, dass sie eine „von der ersten bis zur letzten Seite fiktive“ Geschichte erzählt (S. 266), klingt diese glaubwürdig, stimmig und authentisch. Das verdankt sie wahrscheinlich vor allem der genauen Recherche und dem Studium der 3000 Briefe umfassenden Korrespondenz zwischen den beiden Frauen. Nicht zuletzt hat auch die ausgezeichnete Übersetzung von Kathrin Razum zum Vergnügen beim Wiederlesen beigetragen. Sie trifft den flapsig-eleganten bis nüchtern-groben und erstaunlicherweise gleichzeitig rührend-zärtlichen Ton des Originals punktgenau.

Amy Bloom, Meine Zeit mit Eleanor. Übersetzung aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum. Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2019. 269 Seiten.

Ich danke dem Atlantik Verlag herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Im englischen Original: White Houses. Granta Books 2018. 216 Seiten. 

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Zeiten des Aufbruchs

Vor einigen Wochen habe ich Euch die von Carmen Korn gelesene Hörbuchversion ihres Romans Töchter einer neuen Zeit vorgestellt. Darin begleitet die Autorin 4 Frauen, alle um 1900 in Hamburg geboren, von ihrer Jugend bis ins Jahr 1949. In Zeiten des Aufbruchs erzählt sie, was das Leben für  Henny, Käthe, Ida und Lina in den nächsten zwei Jahrzehnten bringt. Während Käthe, die aus politischen Gründen im KZ war, vorläufig verschwunden bleibt und auch ihr Mann Rudi noch nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist, beginnt sich Ida an der Seite ihrer großen Liebe Tian zu langweilen. Henny, die in zweiter Ehe mit einem überzeugten Nazi verheiratet war, muss sich Wahrheiten stellen, vor denen sie bisher lieber die Augen verschlossen hat, und ihrer Schwägerin Lina gelingt es, ihr privates Glück mit einem beruflichen Neuanfang als Buchhändlerin zu kombinieren. Obwohl Hamburg stark vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen worden war, geht es in der Zeit des Wirtschaftswunders für alle aufwärts, und davon profitiert vor allem auch die nächste Generation. Hennys Tochter Marike studiert Medizin, ihr Sohn Klaus macht beim Rundfunk Karriere, Florentine, die Tochter von Ida und Tian, reist als Fotomodell durch die Welt, und Ruth, die in sich gekehrte Adoptivtochter von Käthe und Rudi, kann sich im Studium verwirklichen und zeigt starkes politisches Engagemen

Meine Meinung: Der erste Teil von Carmen Korns Trilogie hat mir gut gefallen, und nun wollte ich wissen, wie es im Leben ihrer vier Protagonistinnen weitergeht. Die Autorin beschreibt dieses Leben  auch im zweiten Teil wieder vor dem Hintergrund der Geschichte Deutschlands und ihrer Heimatstadt Hamburg und lässt viele Details dieser Geschichte in ihre Erzählung einfließen. Weiterlesen »

Töchter einer neuen Zeit

9783837141177_CoverHenny und Käthe beginnen 1919 gemeinsam ihre Hebammenausbildung in der Hamburger Entbindungsanstalt an der Finkenau. Tür an Tür in einer bescheidenen Wohngegend aufgewachsen haben die ansonsten recht unterschiedlichen Freundinnen den festen Vorsatz, die Aufbruchsstimmung nach dem Ersten Weltkrieg zu nutzen und aus ihrem Leben etwas zu machen. Zur selben Zeit sitzt Ida, für deren Familie Käthes Mutter als Putzfrau arbeitet, in einem vornehmeren Stadtteil Hamburgs im Haus ihrer Eltern und überlegt, wie sie der Verheiratung mit dem Wunschkandidaten ihres Vaters entgehen und etwas Abwechslung in ihr langweiliges Leben als Tochter aus gutem Hause bringen könnte. Mia, das zweite Dienstmädchen in der eleganten Villa, ist ihr nicht ganz freiwillig dabei behilflich. Und schließlich ist da noch Lina, die es in ihrer kleinen Wohnung als ihre Lebensaufgabe sieht, auf ihren jüngeren Bruder Lud aufzupassen, für den sie sorgt, seit ihre Eltern den Entbehrungen der Kriegsjahre zum Opfer gefallen sind, und die als Lehrerin davon träumt, die Ideen der Reformpädagogik umzusetzen.

In den nächsten drei Jahrzehnten bilden Henny, Käthe, Lina und Ida eine Schicksalsgemeinschaft, und auch Mia spielt im Leben der Frauen immer wieder eine entscheidende Rolle.

Meine Meinung: Mit Töchter einer neuen Zeit hat sich Carmen Korn offensichtlich das Ziel gesetzt, die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts am Beispiel ihrer Hauptfiguren – der vier Frauen und der Männer in deren Leben – nachzuzeichnen: Henny, die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen kommt,  aber viel offener und toleranter als ihre deutschnationale Mutter ist und vorsichtig versucht, den alten und neuen Engstirnigkeiten etwas entgegenzusetzen; die aus einer Arbeiterfamilie stammende Kommunistin Käthe, die für ihre politischen Überzeugungen kämpft und deshalb von den Nazis unerbittlich verfolgt wird; Ida, die zwar gerne ein Leben ohne gesellschaftliche Zwänge führen würde, aber nicht den Mut aufbringt, dafür ihr Dasein in  bequemem Wohlstand aufzugeben; und Lina, der das Eintauchen in eine moderne Welt die Möglichkeit bietet, zu sich selbst zu finden und zu ihren Überzeugungen zu stehen, auch wenn sie sich damit in Gefahr begibt. Sehr leicht hätte das Vorhaben der Autorin in einer von Stereotypen geprägten Herz-Schmerz-Geschichte enden können, aber Carmen Korn ist es gelungen, glaubwürdige Charaktere zu schaffen und diese in einer spannenden Geschichte nicht ganz ohne, aber auch nicht mit übertriebener Dramatik agieren zu lassen. So hat sie mein echtes Interesse am Schicksal der Frauen geweckt und den Spannungsbogen bis zur letzten Seite mit manchmal überraschenden Wendungen aufrecht halten können. Die Autorin hat das Hörbuch selbst eingelesen, und auch wenn  etwas längere Pausen die Übergänge zwischen den einzelnen Kapiteln klarer erkennbar gemacht und mir so die Orientierung erleichtert hätten, hat sie ihre literarischen Lektionen in Zeitgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Stadt Hamburg so erzählt, dass ich mich schon auf den zweiten und den dritten Teil ihrer Jahrhundert-Trilogie freue. 

Carmen Korn, Töchter einer neuen Zeit. Gekürzte Hörbuchfassung gelesen von der Autorin. Random House Audio 2017. 10 h 4 min. 

Ich danke Random House Audio herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Die Frau im hellblauen Kleid

Volkstheater bühneneingang
Bühneneingang, Volkstheater, Wien

Die Frau im hellblauen Kleid ist Käthe Schlögel, Tochter eines Wiener Gemüsehändlers. Sie wohnt ganz in der Nähe des Theaters in der Josefstadt, beginnt ihre Karriere gegen den Widerstand der Eltern am Volkstheater und feiert in Prag und Berlin große Erfolge. Als Bühnen- und Filmstar begründet sie  so eine Schauspieler*innendynastie. Wenn dieser Begriff fällt, denke ich sofort an die Familie Hörbiger/Wessely und ihre Nachfahren. Aus diesem Grund habe ich beim Lesen vom ersten Kapitel an nach Parallelen Ausschau gehalten, und die gibt es durchaus: Im richtigen Leben wie im Roman beginnt der Erfolg in der Zwischenkriegszeit und setzt sich über vier Generationen bis in die Gegenwart fort. Damit ist es unvermeidlich, dass die erste Generation sich mit dem Naziregime und den Auswirkungen seiner Politik konfrontiert sieht und die nachfolgenden Generationen sich damit abmühen müssen, unangenehme Fragen zu beantworten und das aufzuarbeiten, was schiefgegangen ist. So erging es auch der Familie von Paula Wessely, deren Name im Roman auch tatsächlich erwähnt wird; aber die Art, wie das geschieht, macht deutlich, dass der Roman von Beate Maxian eben keine fiktionalisierte Familienbiographie ist, sondern seine eigene Geschichte erzählt.  Vera Altmann, als Schauspielerin weit weniger erfolgreich als ihre Mutter Marianne und ihre Großmutter Käthe, möchte eine TV-Dokumentation über ihre Familie drehen und liefert damit den Anstoß dafür, dass all das auf den Tisch kommt, worüber bisher nicht gesprochen wurde.Weiterlesen »