Becoming Michelle Obama

Michelle LaVaughn Robinson wurde am 17. Jänner 1964 in Chicago, Illinois geboren und wuchs gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Greg in der South Side of Chicago, auf, die nur selten in den Lebensgeschichten erfolgreicher Persönlichkeiten, dafür umso häufiger in Songtexten und Polizeiberichten vorkommt. Ihre Mutter war Sekretärin, ihr Vater arbeitete beim Wasserwerk. Nach der High School studierte sie zunächst an der Princeton University Soziologie und Afroamerikanische Studien und machte dann an der Harvard Law School ein Doktorat. Während ihrer Arbeit in einer Anwaltskanzlei in Chicago wurde ihr ein in Hawaii geborener Jurist als Praktikant zugeteilt, dessen Vater aus Kenia stammte – der Rest ist bekannt.

Meine Meinung: Kurz nachdem Barack Obama die US-Präsidentschaftswahl gewonnen hatte wurde seine Frau gefragt, ob sie nun nicht Angst vor einem Attentat auf ihn habe. ‚Mein Mann ist Afroamerikaner‘, soll Michelle Obama gesagt haben, ‚er riskiert jedesmal sein Leben, wenn er tanken fährt.‘ Diese Aussage ist in ähnlicher Form auch in der Autobiographie der Frau enthalten, die von Jänner 2009 bis Jänner 2017 First Lady der Vereinigten Staaten war. In Becoming: Meine Geschichte erzählt sie nicht die Geschichte einer Politikerehefrau und ganz sicher nicht die Geschichte eine Frau, die selbst politische Ambitionen hat – dafür legt sie ihre Karten viel zu offen auf den Tisch. Sie erzählt die Geschichte einer Afroamerikanerin, die es getragen von der Geborgenheit eines liebevollen Elternhauses geschafft hat, auf Basis einer ausgezeichneten Ausbildung Karriere zu machen und den Weg zu gehen, den sie selbst gehen wollte. Besonders zu Beginn des Präsidentschaftswahlkampfes ihres Mannes wurde sie, wohl nicht zuletzt aufgrund von Aussagen wie der eingangs zitierten, dafür kritisiert, eine „zornige Schwarze“ zu sein. So etwas wie Zorn habe ich in ihrer Autobiographie nur an einer Stelle aufblitzen sehen, nämlich in ihren Kommentaren zu Donald Trumps offen zur Schau gestelltem Sexismus und Rassismus. Ansonsten liefert sie eine nüchterne Bestandsaufnahme der Situation von Minderheiten und der politischen Stimmung in ihrem Land. Sie und ihr Mann seien sich dessen bewusst gewesen, dass er als schwarzer Präsident für manche eine Provokation darstellen würde, erklärt sie ganz offen, und damit einer der Auslöser einer reaktionären Gegenbewegung gegen die Liberalisierung der Gesellschaft und gewesen sei. 

Aber auch wenn die Hautfarbe ein Faktor ist, der sich aus Michelle Obamas Lebensgeschichte nicht einfach wegdenken lässt, es ist nicht das Thema, um das diese Biographie kreist. Sie erzählt von einer liebevoll behüteten Kindheit in einfachen, aber stabilen Verhältnissen, von einem Leben mit einem  Vater, der sich von seiner Multiple Sklerose-Erkrankung nicht unterkriegen ließ, vom Hineinwachsen in eine ihr vollkommen fremde akademische Welt, von der erfolgreichen Suche nach einer sinnstiftenden beruflichen Tätigkeit, vom Zusammenwachsen mit einem Partner, dessen Naturell von dem ihren vollkommen verschieden war, von den Schwierigkeiten bei der Erfüllung des Kinderwunsches, von den Herausforderungen im Alltag einer berufstätigen Mutter, vom Erlernen des „Jobs“ einer Politikerehefrau und einer First Lady, vom Leben im Weißen Haus und davon, wie es gelingen kann, Kindern unter ungewöhnlichen Bedingungen eine einigermaßen normale Kindheit zu ermöglichen. 

Michelle Obama spricht über all das mit Selbstbewusstsein, aber ohne Überheblichkeit, mit dem Mut, Unangenehmes anzusprechen, aber ohne Wehleidigkeit, mit viel Optimismus, aber ohne Schönfärberei. Ich hatte den Eindruck, dass ihre Motivation vor allem darin besteht, zu erzählen, wer Michelle Obama ist, und anderen Mädchen und Frauen Mut zu machen, ebenfalls ihren eigenen Weg zu gehen und sie selbst zu sein. Die von der Autorin selbst eingespielte Hörbuchfassung des englischen Originals hat mich begeistert, aber ich bin überzeugt davon, dass die deutsche Übersetzung nicht weniger beeindruckend ist. 

Michelle Obama, Becoming. Audiobook read by the author. Random House Audio 2018, 19 h 3 min.

In deutscher Übersetzung von Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Andrea O’Brien, Jan Schönherr & Henriette Zeltner: BECOMING: Meine Geschichte. Goldmann Verlag 2018. 544 Seiten. 

 

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Die Schwestern von Mitford Manor – Unter Verdacht

9783837143195_CoverIm deutschen Sprachraum ist der Name Mitford nur wenigen bekannt, in Großbritannien hat er einen ähnlichen Klang wie in den USA der Name Kennedy, und auch die Lebensumstände der beiden Familien sind vergleichbar. Eine hohe gesellschaftliche Stellung, eine große Kinderschar, hineingeboren in ein Luxusleben, sorglos und ohne wesentliche Einschränkungen aufgewachsen, die Burschen dazu bestimmt, später gestalterisch im Land zu wirken, die Mädchen dazu erzogen, solche Männer mit großer Zukunft zu heiraten und Society Ladies zu werden. Bei den Kennedys erfüllte der Nachwuchs diese Erwartungen, bei den Mitfords lief es etwas anders. Während der einzige Sohn 1945 beim Kriegseinsatz in Burma starb, waren es die sechs zwischen 1904 und 1920 geborenen Töchter, die der Familie zu ihrer bis heute anhaltenden Berühmtheit verhalfen. Nachdem sie in ihrer Jugend auf dem gesellschaftlichen Parkett reüssiert hatten, gestalteten sich ihre weiteren Lebenswege sehr unterschiedlich:Weiterlesen »

Der zweite Reiter

Alex Beer

Der aus dem Krieg mit einem Granatsplitter im Bein heimgekehrte Rayonsinspektor August Emmerich ist alles andere als erfreut, als ihm Ferdinand Winter, ein zartbesaiteter verarmter Adeliger, als Assistent zugeteilt wird, und er lässt den jungen Kollegen das auch spüren. Die beiden machen sich ohne großen Enthusiasmus daran, gegen einen Schwarzhändlerring zu ermitteln und entdecken dabei durch Zufall im Wienerwald die Leiche eines Kriegsheimkehrers, der davon geträumt hatte, nach Brasilien auszuwandern. Der Tote hat eine Schusswunde, die Pistole liegt daneben. Der Pathologe vermutet Selbstmord, aber Emmerich glaubt an Mord und ermittelt gegen die ausdrückliche Anordnung seines Vorgesetzten in diese Richtung weiter. Als eine zweite Leiche auftaucht und sich herausstellt, dass sich  beide  Männer kurz vor ihrem Tod getroffen hatten, sieht Emmerich den Fall als Chance, sich zu profilieren, und lässt nicht mehr locker.

‚Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.‘

Dieses Zitat von Martin Kessel stellt Alex Beer dem ersten Krimi um August Emmerich voran. Weiterlesen »

Meine geniale Freundin

Vorbemerkung: Die nachstehende Besprechung enthält Hinweise auf den Plot und den Ausgang des Romans. Dieser war auch mir beim Anhören des Hörbuchs bereits bekannt, aber das hat meine Freude an dem Buch in keiner Weise beeinträchtigt. Wer jedoch sicher gehen möchte, sollte lieber nicht weiterlesen.

IMG_0978.jpgObwohl mich der vierte Teil von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga nur mittelmäßig begeistert hatte, wie im Beitrag zur Geschichte des verlorenen Kindes nachzulesen, war ich trotzdem auf den ersten Band neugierig, und daher besorgte ich mir die von Eva Mattes gelesene Hörbuchfassung von Meine geniale Freundin in der Städtischen Bücherei. Dieser erste Teil beginnt so, wie der letzte endet: Die erfolgreiche Schriftstellerin Elena Greco erhält einen Anruf von Gennaro, dem Sohn von Raffaella (Lila) Cerullo: Seine Mutter ist seit zwei Wochen spurlos verschwunden, so als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Zu dem Zeitpunkt, als dies geschieht, sind beide Frauen 66 Jahre alt und kennen sich schon ihr ganzes Leben. Elena weiß sofort, was es mit dem Verschwinden ihrer Freundin auf sich hat: Lila hat einen schon lange gehegten Plan in die Tat umgesetzt, nämlich den, sich aus der Welt zurückzuziehen, ohne auch nur ein Staubkörnchen von sich zu hinterlassen. Elena wundert sich nur wenig, denn sie kennt Lila besser als sonst jemand, aber sie findet, dass Lila wieder einmal übertreibt, und  sie fasst einen Entschluss:

Mal sehen, wer diesmal das letzte Wort behält, sagte ich mir. Ich schaltete den Computer ein und begann, unsere Geschichte aufzuschreiben, in allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist.

 Das Ergebnis sind die vier Bände der Neapolitanischen Saga.

Die Freundschaft der beiden Mädchen beginnt, als sie Anfang der 1950er-Jahre in die Grundschule des Rione, eines Armenviertels bei Neapel, kommen.  Schnell wird der Lehrerin, Maestra Oliviero, klar, dass die Mädchen, vor allem aber Lila, überdurchschnittlich begabt sind, und sie beginnt, die beiden zu fördern. Während Elenas Eltern zähneknirschend und unter finanziellen Opfern den Empfehlungen der Maestra folgen und ihre Tochter später in die Mittelschule und aufs Gymnasium schicken, bleibt Lila dieser Weg versperrt: Sie, die immer die mutigere und starrköpfigere von den beiden war, fügt sich nach einem kurzen Ausflug in eine berufsbildende Schule den Wünschen ihres Vaters und beginnt mit ihrem älteren Bruder Rino gemeinsam in der Schusterwerkstatt der Familie Schuhe zu reparieren. Hatte sie vorher die örtliche Bibliothek leergelesen und davon geträumt, mit Elena gemeinsam ein Buch wie Betty und ihre Schwestern zu schreiben und dadurch reich zu werden, setzt sie jetzt alle ihre Energien daran, durch das Anfertigen von Schuhen nach eigenen Entwürfen aus der bescheidenen Schusterwerkstatt der Familie eine erfolgreiche Schuhmanufaktur zu machen.

Meine Meinung: ‚Meine geniale Freundin‘ nennt Lila Elena, als sie sich im Alter von 16 Jahren gerade dabei ist, sich für ihre Hochzeit zurechtmacht, und sie nimmt Elena das Versprechen ab, zu studieren und das zu erreichen, was sie beide sich vorgenommen haben. Für mich ist das eine der traurigsten Szenen, die ich in einem Buch je gelesen habe, und die Aussage hat mich nicht nur traurig, sondern auch wütend gemacht.  Auf Bildung verzichten zu müssen, weil man aus einer armen Familie kommt oder ein Mädchen ist, etwas Ungerechteres kann ich mir nicht vorstellen! Elena ist klug und begabt, aber sie hat, nicht ganz zu unrecht, das Gefühl, dass sie es ohne Lilas Hilfe nicht schaffen kann. Gleichzeitig sieht sie einen inneren Zusammenhang zwischen ihrem Schicksal und dem ihrer Freundin:

‚Es war, als wäre die Freude oder der Schmerz der Einen wie durch einen bösen Zauber die Voraussetzung für den Schmerz oder die Freude der Anderen. Auch unser Äußeres schien diesem Auf und Ab zu unterliegen.‘

Lila versucht in einer Mischung aus Trotz und Schicksalsergebenheit, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Elena ist dabei eine genaue, schonungslose und ehrliche Beobachterin sowohl ihrer eigenen Entwicklung als auch der Entwicklung ihrer Freundin. Die Erzählerin ergeht sich aber nicht in endlosen psychologischen Analysen, sie beschränkt sich auf die Fakten und die knappe Beschreibung ihrer eigenen Gefühle. Die Interpretation dessen, was die Geschehnisse für die Mädchen bedeuten und was die Gründe für ihre Handlungen und Entscheidungen sind,  bleibt weitgehend den Leser*innen überlassen, und ich glaube, dass mich die Geschichte genau deshalb so berührt hat. Ein weiteres wichtiges Element sind für mich die rätselhaften Geschehnisse: das Verschwinden von Puppen, das am Anfang der Freundschaft steht, und Lilas Verschwinden im Alter von 66 Jahren. Sie bilden ein Gegengewicht zum betonten Realismus  und verleihen der Erzählung Magie, ohne sie ins Esoterische abgleiten zu lassen. Eva Mattes liefert dabei ein tolles Hörerlebnis, das der Geschichte vollkommen gerecht wird. 

Weitere Besprechungen des Romans findet ihr bei buchherz, bei BirthesLesezeit und bei den Büchertauben, und in der buchpost gibt es zusätzlich auch zahlreiche interessante Links zum Buch und zur Autorin.

Als Hörbuch: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger. Der Hörverlag 2016. 11h 43min.

In gedruckter Form: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. 422 Seiten.

 

Die Geschichte des verlorenen Kindes

IMG_08402011 erschien Meine geniale Freundin, der erste Band von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga, vor wenigen Wochen kam der vierte Band der Serie in deutscher Übersetzung als Die Geschichte des verlorenen Kindes in die Buchhandlungen. Ich hatte zwar die ersten drei Teile nicht gelesen, wollte mir dieses Buch aber trotzdem nicht entgehen lassen, war es doch von der Kritik hochgelobt und 2016 für den Man Booker International Prize nominiert worden. Die Hörbuchfassung wird von Eva Mattes gelesen, ein weiteres starkes Argument für die Geschichte. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich beim Hörverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplar herzlichst bedanken.

Die Neapolitanische Saga, das sind die Lebenserinnerungen von Elena Greco, einer linken Intellektuellen und Schriftstellerin. Sie stammt aus  dem Rione, einem Armenviertel bei Neapel, wo sie in den 1950er-Jahren gemeinsam mit ihrer besten Freundin Raffaella Cerullo, genannt Lila, zur Schule gegangen ist. Dem Hörbuch ist eine kleine Broschüre beigelegt, eine Art „Was bisher geschah“ der ersten 3 Teile, es war also nicht schwer, den Einstieg zu schaffen. Die Geschichte des verlorenen Kindes nimmt den Faden in den späten 1970er-Jahren auf, als Lila und Elena Anfang 30 sind.  Weiterlesen »

Ich, Eleanor Oliphant

IMG_0701Eleanor Oliphant hat sich ihr Leben konsequent nach rationalen Kriterien eingerichtet. Zu Beginn der Geschichte ist die Ich-Erzählerin in Gail Honeymans Debütroman fast 30, arbeitet seit neun Jahren als Debitorenbuchhalterin in einer Grafikdesign-Agentur in Glasgow, wohnt in einer funktionell eingerichteten Sozialwohnung und trägt praktische Kleidung und schwarze Schuhe mit Klettverschlüssen. Sie arbeitet effizient und lebt kostengünstig und vernünftig, nur am Freitag kauft sie eine Pizza Margherita, eine Flasche Chianti und zwei Flaschen Wodka, die sie sehr gleichmäßig über das Wochenende verteilt trinkt, ‚sodass ich nie ganz nüchtern, aber auch nicht betrunken bin. Bis Montag ist es lange hin.‘

Aber Eleanor Oliphant hat auch einen Universitätsabschluss in Altphilologie, Narben im Gesicht und eine Mutter, die sie zwar nie besucht, die aber pünktlich jeden Mittwochabend anruft.  Dann lernt sie innerhalb kurzer Zeit drei Männer kennen: Johnnie Lomond, den Leadsänger einer Band, den sie sofort als Den Richtigen erkennt, Raymond, einen neuen Kollegen, der ihren Bürocomputer von einem Virus befreit, und Sammy, einen alten Mann, dem sie gemeinsam mit Raymond eher zufällig das Leben rettet. Weiterlesen »