City of Girls

Eigentlich wollte ich Ende Mai nach New York reisen. Die Tickets waren bestätigt, das Hotel reserviert, der Timeslot für den Besuch der Freiheitsstatue gebucht. Dieser Tage hätte ich mir aus diversen Reiseführern Tipps zusammengesucht, mich nach den besten Broadwayshows erkundigt, mir überlegt, auf welcher Dachterrasse ich wohl Cocktails trinken möchte, ob ich den Central Park besser mit dem Fahrrad oder per Segway erkunde. Das muss leider warten. Statt dessen habe ich eine literarische Reise ins New York des Jahres 1940 gemacht. Dort ist die 19-jährige Vivian Morris gerade gelandet, nachdem eine exklusive Mädchenschule ihren Eltern nahegelegt hatte, sie mit Ende des Schuljahres abzumelden. Nun wohnt sie bei ihre Tante Peggy, die ein nur mäßig erfolgreiches Theater in einem heruntergekommenen Viertel der Stadt betreibt und der Überzeugung ist, man müsse junge Menschen wie Erwachsene behandeln und ihnen daher ihre Freiheit lassen. Das einzige, was Vivian wirklich kann, ist, mit ihrer Singer-Nähmaschine aus dem, was sich gerade auftreiben lässt, atemberaubende Kreationen zu zaubern, also übernimmt sie das Schneidern der Theaterkostüme und stürzt sich vor und nach der Vorstellung mit den Showgirls des Theaters ins Großstadtleben.

Meine Meinung: Bisher kannte ich Elizabeth Gilbert nur als Verfasserin des bekanntesten Reiseberichts der ChickLit-Literatur und seiner Fortsetzung. Mit Eat, Pray, Love landete sie 2006 einen Bestseller,  Das Ja-Wort: Eine Geschichte vom Heiraten erzählt, wie sie sich dazu durchringen konnte, den Mann, dem sie auf Bali begegnet war, zu heiraten. Dass diese Ehe mittlerweile wieder geschieden ist, zeigt, dass auch sorgfältige Überlegungen nicht immer zum erwünschten Ziel führen. Sorgfältiges Überlegen kann man der jungen Protagonistin von City of Girls allerdings ohnehin nicht vorwerfen. Vivian tut, wonach ihr der Sinn steht, begibt sich in Abenteuer, von denen sie weiß, dass sie auch schlecht ausgehen können, und genießt das alles in vollen Zügen, bis sie von den Konventionen ihrer Zeit eingeholt wird. Gilbert erzählt die Geschichte aus Sicht der 90-jährigen Vivian, die die Geschehnisse ihres ersten New Yorker Jahres und der Jahrzehnte danach mit unverblümtem Blick und trockenem Witz Revue passieren lässt, und zeichnet dabei eine manchmal zärtliches und immer zumindest verständnisvolles Bild der unterschiedlichen Beziehungen, denen Vivian begegnet. Dabei handelt es sich nicht in erster Linie um Beziehungen zu Männern, im Zentrum stehen, mit einer Ausnahme, ihre Freundschaften zu Frauen: mit ihnen arbeitet sie zusammen, von ihnen lernt sie und auf sie setzt sie bei wichtigen Entscheidungen. Die Autorin erzählt mit Humor, wie die 19-Jährige zielstrebig ihre Unschuld los wird, lässt sie erstaunt eine lesbische Liebe beobachten und liefert eine nüchterne, manchmal sarkastische, aber nie verbitterte Schilderung schmerzhafter wie amüsanter Erfahrungen auf dem Weg hin zu einem selbstbestimmten Liebesleben. 

Dieser Besprechung liegt das Hörbuch in englischer Sprache, gelesen von Blair Brown, zugrunde. Die deutsche Übersetzung von Britt Somann-Jung erscheint am 27. Mai bei S. Fischer. Da werde ich gerade eine Reisetasche für ein Wochenende an einem österreichischen See packen. New York ist nächstes Jahr dran.

Elizabeth Gilbert, City of Girls. Als Audiobook gelesen von Blaire Brown. Penguin Audio 2019. 15 h 8 min.

In deutscher Übersetzung von Brit Somann-Jung: City of Girls.  S. Fischer 2020. 496 Seiten. 

Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger

Lorenz Prischinger badet in Selbstmitleid: Seine Karriere als Schauspieler ist nach hoffnungsvollen Anfängen zum Erliegen gekommen, seiner Freundin Stephie unterrichtet seit einem Jahr nicht mehr in Wien, sondern an der Universität Heidelberg, und sowohl Sozialversicherung als auch Finanzamt drohen mit der Zwangsvollstreckung ihrer Ansprüche.  Obwohl er sich das also definitiv nicht leisten kann, lässt Lorenz sich an einem verregneten Märztag mit dem Taxi von seiner Vierzimmer-Altbauwohnung in der Mondscheingasse „im hippen und kulturellen Zentrum des Siebten Bezirks“ nach Liesing, einer Mischung aus Wohnghetto und Industriezone, an der Demarkationslinie zu Niederösterreich“ chauffieren, zur Genossenschaftswohnung seiner Tante Hedi in der Dionys-Schönecker-Gasse, wohin er sich zum Abendessen eingeladen hat. Neben seiner Tante Hedi und deren Lebensgefährten Willi warten dort auch Wetti (Barbara) und Mirl (Maria-Josefa), die zwei anderen Schwestern seines Vater. Die Prischingers stammen aus einem kleinen Dorf im Waldviertel, Onkel Willi kommt ursprünglich aus Montenegro, und sein Herz hängt Titos Jugoslawien immer noch nach.

Im Laufe der nächsten Wochen wird Lorenz‘ Situation immer aussichtsloser, da helfen auch die Kochkünste seiner Tanten und Onkel Willis Ratschläge nichts, doch dann passiert etwas, womit niemand gerechnet hat und was die ganze Familie im wahrsten Sinn des Wortes in Bewegung bringt. Und die Geister der Vergangenheit weckt.

Meine Meinung: Es gibt also doch diese Manen. Nicht alles beendet der Tod, sondern ein blasser Schatten entflieht“ Dieses Zitat des römischen Dichters Properz ist der von Cornelius Obonya gelesenen Hörbuchfassung von Vea Kaisers drittem Roman vorangestellt, und die Manen, laut Duden die guten Geister eines Toten, machen Lorenz‘ Familie das Leben nicht gerade leichter. Während sich Lorenz mit seinen Tanten und dem Onkel im roten Fiat Panda auf eine 13-stündige Fahrt macht, deren Schilderung sich am besten als literarisches Roadmovie mit Slapstick-Elementen beschreiben lässt, widmen sich die Kapitel dazwischen in Rückblenden den sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten der Prischinger–Schwestern samt Anhang. Wie der Untertitel erwarten lässt, haben die Verstorbenen großen Einfluss auf die von den Lebenden getroffenen Entscheidungen, und die Autorin, die selbst Altgriechisch und Latein studiert hat, lässt sich dabei von der griechischen und römischen Mythologie inspirieren und den verbummelten Altphilologen Lorenz die Analogien erläutern.  Die Schrulligkeit und verbale Schlagfertigkeit der handelnden Personen macht aus dem Roman eine humorvolle Betrachtung der Lebenswirklichkeiten von zwei Generationen: der Kriegsgeneration, die den Sachzwängen eisernes Durchhaltevermögen entgegensetzen musste, um Selbstbestimmung zu erlangen, und ihren Töchtern und Söhnen, die es mit den lebenden und verblichenen Vorfahren auch nicht immer einfach, aber viel mehr materiellen Spielraum und Freiheit in ihren Entscheidungen haben. 

Vea Kaiser, Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger, als Hörbuch gelesen von Cornelius Obonya, Argon Hörbuch 2019, 13 h 39 min. 

Bookster HRO geht hart mit dem Roman und der Autorin ins Gericht, viel besser gefallen hat es letteratura, und lobende Worte findet auch buchrevier.

Zeiten des Aufbruchs

Vor einigen Wochen habe ich Euch die von Carmen Korn gelesene Hörbuchversion ihres Romans Töchter einer neuen Zeit vorgestellt. Darin begleitet die Autorin 4 Frauen, alle um 1900 in Hamburg geboren, von ihrer Jugend bis ins Jahr 1949. In Zeiten des Aufbruchs erzählt sie, was das Leben für  Henny, Käthe, Ida und Lina in den nächsten zwei Jahrzehnten bringt. Während Käthe, die aus politischen Gründen im KZ war, vorläufig verschwunden bleibt und auch ihr Mann Rudi noch nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist, beginnt sich Ida an der Seite ihrer großen Liebe Tian zu langweilen. Henny, die in zweiter Ehe mit einem überzeugten Nazi verheiratet war, muss sich Wahrheiten stellen, vor denen sie bisher lieber die Augen verschlossen hat, und ihrer Schwägerin Lina gelingt es, ihr privates Glück mit einem beruflichen Neuanfang als Buchhändlerin zu kombinieren. Obwohl Hamburg stark vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen worden war, geht es in der Zeit des Wirtschaftswunders für alle aufwärts, und davon profitiert vor allem auch die nächste Generation. Hennys Tochter Marike studiert Medizin, ihr Sohn Klaus macht beim Rundfunk Karriere, Florentine, die Tochter von Ida und Tian, reist als Fotomodell durch die Welt, und Ruth, die in sich gekehrte Adoptivtochter von Käthe und Rudi, kann sich im Studium verwirklichen und zeigt starkes politisches Engagemen

Meine Meinung: Der erste Teil von Carmen Korns Trilogie hat mir gut gefallen, und nun wollte ich wissen, wie es im Leben ihrer vier Protagonistinnen weitergeht. Die Autorin beschreibt dieses Leben  auch im zweiten Teil wieder vor dem Hintergrund der Geschichte Deutschlands und ihrer Heimatstadt Hamburg und lässt viele Details dieser Geschichte in ihre Erzählung einfließen. Weiterlesen »

Nora Ephrons Sodbrennen

heartburnAuch im Bereich ChickLit gibt es Klassiker, und einen solchen möchte ich Euch heute vorstellen. 1983 veröffentlichte die amerikanische  Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Nora Ephron den Roman Heartburn, der in deutscher Übersetzung unter dem Titel Sodbrennen oder Quetschkartoffeln gegen Trübsinn erschien. Ephron erzählt darin die Geschichte der New Yorker Kochbuchautorin Rachel, die im siebten Monat schwanger dahinter kommt, dass ihr Mann Mark, ein Washingtoner Journalist, sie mit einer gemeinsamen Freundin, Thelma, betrügt, die ebenfalls verheiratet ist und einen Hals wie eine Giraffe und riesige Füße hat. Rachel schnappt daraufhin den gemeinsamen Sohn und zieht zu ihrem  Vater, wünscht sich aber nichts sehnlicher, als dass Mark seinen Fehler einsieht und sie ihre Ehe retten kann.  Sowohl der Roman als auch die Verfilmung mit Meryl Streep und Jack Nicholson war ein Riesenerfolg. Für Ephron nur einer unter vielen: Sie schrieb auch das Drehbuch zu Harry & Sally, Schlaflos in Seattle und Silkwood, einem Film über eine Whistleblowerin in der Atomindustrie, für den sie eine Oscar-Nominierung erhielt. Heartburn nimmt trotzdem einen ganz besonderen Platz im Leben der 2012 verstorbenen Autorin ein, denn sie erzählt darin ihre eigene Geschichte. Von 1976 bis 1980 war sie mit dem Watergate-Aufdecker Carl Bernstein verheiratet, und während ihrer zweiten Schwangerschaft im Jahr 1979 fand sie heraus, dass ihr Mann mit der Journalistin Margaret Jay, einer gemeinsamen Freundin, eine Affäre hatte.

So viele Jahre nach dem Erscheinen an Sodbrennen erinnert hat mich ein Interview mit Dolly Alderton, einer der Jurorinnen des Women’s Prize for Fiction 2019. Dessen Longlist wurde übrigens am vergangenen Montag veröffentlicht und dankenswerterweise auf schiefgelesen umgehend kommentiert. 

Meine Meinung: Mit trockenem Humor und einem Blick dafür, wie die Dinge wirklich stehen, berichtet die Ich-Erzählerin von ihrer Beziehung zu Mark und ihrer neuen Rolle als betrogene Ehefrau, stellt Überlegungen dazu an, was ihren Mann zum Seitensprung veranlasst haben könnte, und liefert Beobachtungen nicht nur zum Leben als Ehefrau und Mutter, sondern zu  Beziehungen im Allgemeinen und zur Position als Frau in der Welt des politischen Journalismus in Washington, die auch noch 35 Jahre später gewisse Gültigkeit haben. Die Situation von Frauen hat sich seither weniger geändert als uns lieb ist, so viel steht fest.

Während das von Meryl Streep im Original präsentierte Hörbuch lief, hatte ich keine Ahnung, dass Nora Ephron hier einen autobiographischen Roman geschrieben hat,  ich amüsierte mich einfach über die gekonnte Darbietung. Nach der Recherche zur Autorin finde ich es bewundernswert, wie diese die Geschichte so vergnüglich-nüchtern und nah an der Realität erzählen konnte, und dabei hat sich der Unterhaltungsfaktor im Nachhinein noch erhöht. Es ist ihr souverän und ganz ohne selbstmitleidiges Wehklagen gelungen, sich mit spitzer Feder an ihrem Ex zu rächen. Carl Bernstein, nicht nur für mich eine Ikone des investigativen Journalismus, drohte nach Erscheinen des Romans mit Klage, ließ das dann aber doch lieber bleiben. Er wusste, dass mit seiner Frau nicht zu spaßen war, wenn sie sich im Recht fühlte. Nachdem sie in den 1960er-Jahren trotz adäquater Ausbildung bei Newsweek nicht als Journalistin, sondern nur als Sekretärin tätig sein durfte, hatte sie die Zeitschrift gemeinsam mit anderen Frauen wegen Diskriminierung geklagt und den Prozess gewonnen. 

Nora Ephron, Heartburn. Ungekürztes Audiobook gelesen von Meryl Streep. Random House Audio 2013, 5 h 30 min.

Als Paperback neu aufgelegt von Virago Modern Classics 2018 (Band 19) mit einer Einleitung von Delia Ephron. 

In deutscher Übersetzung: Sodbrennen oder Quetschkartoffeln gegen Trübsinn. Knaur Verlag 1984, 236 Seiten. Nur antiquarisch erhältlich. 

Töchter einer neuen Zeit

9783837141177_CoverHenny und Käthe beginnen 1919 gemeinsam ihre Hebammenausbildung in der Hamburger Entbindungsanstalt an der Finkenau. Tür an Tür in einer bescheidenen Wohngegend aufgewachsen haben die ansonsten recht unterschiedlichen Freundinnen den festen Vorsatz, die Aufbruchsstimmung nach dem Ersten Weltkrieg zu nutzen und aus ihrem Leben etwas zu machen. Zur selben Zeit sitzt Ida, für deren Familie Käthes Mutter als Putzfrau arbeitet, in einem vornehmeren Stadtteil Hamburgs im Haus ihrer Eltern und überlegt, wie sie der Verheiratung mit dem Wunschkandidaten ihres Vaters entgehen und etwas Abwechslung in ihr langweiliges Leben als Tochter aus gutem Hause bringen könnte. Mia, das zweite Dienstmädchen in der eleganten Villa, ist ihr nicht ganz freiwillig dabei behilflich. Und schließlich ist da noch Lina, die es in ihrer kleinen Wohnung als ihre Lebensaufgabe sieht, auf ihren jüngeren Bruder Lud aufzupassen, für den sie sorgt, seit ihre Eltern den Entbehrungen der Kriegsjahre zum Opfer gefallen sind, und die als Lehrerin davon träumt, die Ideen der Reformpädagogik umzusetzen.

In den nächsten drei Jahrzehnten bilden Henny, Käthe, Lina und Ida eine Schicksalsgemeinschaft, und auch Mia spielt im Leben der Frauen immer wieder eine entscheidende Rolle.

Meine Meinung: Mit Töchter einer neuen Zeit hat sich Carmen Korn offensichtlich das Ziel gesetzt, die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts am Beispiel ihrer Hauptfiguren – der vier Frauen und der Männer in deren Leben – nachzuzeichnen: Henny, die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen kommt,  aber viel offener und toleranter als ihre deutschnationale Mutter ist und vorsichtig versucht, den alten und neuen Engstirnigkeiten etwas entgegenzusetzen; die aus einer Arbeiterfamilie stammende Kommunistin Käthe, die für ihre politischen Überzeugungen kämpft und deshalb von den Nazis unerbittlich verfolgt wird; Ida, die zwar gerne ein Leben ohne gesellschaftliche Zwänge führen würde, aber nicht den Mut aufbringt, dafür ihr Dasein in  bequemem Wohlstand aufzugeben; und Lina, der das Eintauchen in eine moderne Welt die Möglichkeit bietet, zu sich selbst zu finden und zu ihren Überzeugungen zu stehen, auch wenn sie sich damit in Gefahr begibt. Sehr leicht hätte das Vorhaben der Autorin in einer von Stereotypen geprägten Herz-Schmerz-Geschichte enden können, aber Carmen Korn ist es gelungen, glaubwürdige Charaktere zu schaffen und diese in einer spannenden Geschichte nicht ganz ohne, aber auch nicht mit übertriebener Dramatik agieren zu lassen. So hat sie mein echtes Interesse am Schicksal der Frauen geweckt und den Spannungsbogen bis zur letzten Seite mit manchmal überraschenden Wendungen aufrecht halten können. Die Autorin hat das Hörbuch selbst eingelesen, und auch wenn  etwas längere Pausen die Übergänge zwischen den einzelnen Kapiteln klarer erkennbar gemacht und mir so die Orientierung erleichtert hätten, hat sie ihre literarischen Lektionen in Zeitgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Stadt Hamburg so erzählt, dass ich mich schon auf den zweiten und den dritten Teil ihrer Jahrhundert-Trilogie freue. 

Carmen Korn, Töchter einer neuen Zeit. Gekürzte Hörbuchfassung gelesen von der Autorin. Random House Audio 2017. 10 h 4 min. 

Ich danke Random House Audio herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Becoming Michelle Obama

Michelle LaVaughn Robinson wurde am 17. Jänner 1964 in Chicago, Illinois geboren und wuchs gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Greg in der South Side of Chicago, auf, die nur selten in den Lebensgeschichten erfolgreicher Persönlichkeiten, dafür umso häufiger in Songtexten und Polizeiberichten vorkommt. Ihre Mutter war Sekretärin, ihr Vater arbeitete beim Wasserwerk. Nach der High School studierte sie zunächst an der Princeton University Soziologie und Afroamerikanische Studien und machte dann an der Harvard Law School ein Doktorat. Während ihrer Arbeit in einer Anwaltskanzlei in Chicago wurde ihr ein in Hawaii geborener Jurist als Praktikant zugeteilt, dessen Vater aus Kenia stammte – der Rest ist bekannt.

Meine Meinung: Kurz nachdem Barack Obama die US-Präsidentschaftswahl gewonnen hatte wurde seine Frau gefragt, ob sie nun nicht Angst vor einem Attentat auf ihn habe. ‚Mein Mann ist Afroamerikaner‘, soll Michelle Obama gesagt haben, ‚er riskiert jedesmal sein Leben, wenn er tanken fährt.‘ Diese Aussage ist in ähnlicher Form auch in der Autobiographie der Frau enthalten, die von Jänner 2009 bis Jänner 2017 First Lady der Vereinigten Staaten war. In Becoming: Meine Geschichte erzählt sie nicht die Geschichte einer Politikerehefrau und ganz sicher nicht die Geschichte eine Frau, die selbst politische Ambitionen hat – dafür legt sie ihre Karten viel zu offen auf den Tisch. Sie erzählt die Geschichte einer Afroamerikanerin, die es getragen von der Geborgenheit eines liebevollen Elternhauses geschafft hat, auf Basis einer ausgezeichneten Ausbildung Karriere zu machen und den Weg zu gehen, den sie selbst gehen wollte. Besonders zu Beginn des Präsidentschaftswahlkampfes ihres Mannes wurde sie, wohl nicht zuletzt aufgrund von Aussagen wie der eingangs zitierten, dafür kritisiert, eine „zornige Schwarze“ zu sein. So etwas wie Zorn habe ich in ihrer Autobiographie nur an einer Stelle aufblitzen sehen, nämlich in ihren Kommentaren zu Donald Trumps offen zur Schau gestelltem Sexismus und Rassismus. Ansonsten liefert sie eine nüchterne Bestandsaufnahme der Situation von Minderheiten und der politischen Stimmung in ihrem Land. Sie und ihr Mann seien sich dessen bewusst gewesen, dass er als schwarzer Präsident für manche eine Provokation darstellen würde, erklärt sie ganz offen, und damit einer der Auslöser einer reaktionären Gegenbewegung gegen die Liberalisierung der Gesellschaft und gewesen sei. 

Aber auch wenn die Hautfarbe ein Faktor ist, der sich aus Michelle Obamas Lebensgeschichte nicht einfach wegdenken lässt, es ist nicht das Thema, um das diese Biographie kreist. Sie erzählt von einer liebevoll behüteten Kindheit in einfachen, aber stabilen Verhältnissen, von einem Leben mit einem  Vater, der sich von seiner Multiple Sklerose-Erkrankung nicht unterkriegen ließ, vom Hineinwachsen in eine ihr vollkommen fremde akademische Welt, von der erfolgreichen Suche nach einer sinnstiftenden beruflichen Tätigkeit, vom Zusammenwachsen mit einem Partner, dessen Naturell von dem ihren vollkommen verschieden war, von den Schwierigkeiten bei der Erfüllung des Kinderwunsches, von den Herausforderungen im Alltag einer berufstätigen Mutter, vom Erlernen des „Jobs“ einer Politikerehefrau und einer First Lady, vom Leben im Weißen Haus und davon, wie es gelingen kann, Kindern unter ungewöhnlichen Bedingungen eine einigermaßen normale Kindheit zu ermöglichen. 

Michelle Obama spricht über all das mit Selbstbewusstsein, aber ohne Überheblichkeit, mit dem Mut, Unangenehmes anzusprechen, aber ohne Wehleidigkeit, mit viel Optimismus, aber ohne Schönfärberei. Ich hatte den Eindruck, dass ihre Motivation vor allem darin besteht, zu erzählen, wer Michelle Obama ist, und anderen Mädchen und Frauen Mut zu machen, ebenfalls ihren eigenen Weg zu gehen und sie selbst zu sein. Die von der Autorin selbst eingespielte Hörbuchfassung des englischen Originals hat mich begeistert, aber ich bin überzeugt davon, dass die deutsche Übersetzung nicht weniger beeindruckend ist. 

Michelle Obama, Becoming. Audiobook read by the author. Random House Audio 2018, 19 h 3 min.

In deutscher Übersetzung von Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Andrea O’Brien, Jan Schönherr & Henriette Zeltner: BECOMING: Meine Geschichte. Goldmann Verlag 2018. 544 Seiten. 

 

Die Schwestern von Mitford Manor – Unter Verdacht

9783837143195_CoverIm deutschen Sprachraum ist der Name Mitford nur wenigen bekannt, in Großbritannien hat er einen ähnlichen Klang wie in den USA der Name Kennedy, und auch die Lebensumstände der beiden Familien sind vergleichbar. Eine hohe gesellschaftliche Stellung, eine große Kinderschar, hineingeboren in ein Luxusleben, sorglos und ohne wesentliche Einschränkungen aufgewachsen, die Burschen dazu bestimmt, später gestalterisch im Land zu wirken, die Mädchen dazu erzogen, solche Männer mit großer Zukunft zu heiraten und Society Ladies zu werden. Bei den Kennedys erfüllte der Nachwuchs diese Erwartungen, bei den Mitfords lief es etwas anders. Während der einzige Sohn 1945 beim Kriegseinsatz in Burma starb, waren es die sechs zwischen 1904 und 1920 geborenen Töchter, die der Familie zu ihrer bis heute anhaltenden Berühmtheit verhalfen. Nachdem sie in ihrer Jugend auf dem gesellschaftlichen Parkett reüssiert hatten, gestalteten sich ihre weiteren Lebenswege sehr unterschiedlich:Weiterlesen »

Der zweite Reiter

Alex Beer

Der aus dem Krieg mit einem Granatsplitter im Bein heimgekehrte Rayonsinspektor August Emmerich ist alles andere als erfreut, als ihm Ferdinand Winter, ein zartbesaiteter verarmter Adeliger, als Assistent zugeteilt wird, und er lässt den jungen Kollegen das auch spüren. Die beiden machen sich ohne großen Enthusiasmus daran, gegen einen Schwarzhändlerring zu ermitteln und entdecken dabei durch Zufall im Wienerwald die Leiche eines Kriegsheimkehrers, der davon geträumt hatte, nach Brasilien auszuwandern. Der Tote hat eine Schusswunde, die Pistole liegt daneben. Der Pathologe vermutet Selbstmord, aber Emmerich glaubt an Mord und ermittelt gegen die ausdrückliche Anordnung seines Vorgesetzten in diese Richtung weiter. Als eine zweite Leiche auftaucht und sich herausstellt, dass sich  beide  Männer kurz vor ihrem Tod getroffen hatten, sieht Emmerich den Fall als Chance, sich zu profilieren, und lässt nicht mehr locker.

‚Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.‘

Dieses Zitat von Martin Kessel stellt Alex Beer dem ersten Krimi um August Emmerich voran. Weiterlesen »

Meine geniale Freundin

Vorbemerkung: Die nachstehende Besprechung enthält Hinweise auf den Plot und den Ausgang des Romans. Dieser war auch mir beim Anhören des Hörbuchs bereits bekannt, aber das hat meine Freude an dem Buch in keiner Weise beeinträchtigt. Wer jedoch sicher gehen möchte, sollte lieber nicht weiterlesen.

IMG_0978.jpgObwohl mich der vierte Teil von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga nur mittelmäßig begeistert hatte, wie im Beitrag zur Geschichte des verlorenen Kindes nachzulesen, war ich trotzdem auf den ersten Band neugierig, und daher besorgte ich mir die von Eva Mattes gelesene Hörbuchfassung von Meine geniale Freundin in der Städtischen Bücherei. Dieser erste Teil beginnt so, wie der letzte endet: Die erfolgreiche Schriftstellerin Elena Greco erhält einen Anruf von Gennaro, dem Sohn von Raffaella (Lila) Cerullo: Seine Mutter ist seit zwei Wochen spurlos verschwunden, so als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Zu dem Zeitpunkt, als dies geschieht, sind beide Frauen 66 Jahre alt und kennen sich schon ihr ganzes Leben. Elena weiß sofort, was es mit dem Verschwinden ihrer Freundin auf sich hat: Lila hat einen schon lange gehegten Plan in die Tat umgesetzt, nämlich den, sich aus der Welt zurückzuziehen, ohne auch nur ein Staubkörnchen von sich zu hinterlassen. Elena wundert sich nur wenig, denn sie kennt Lila besser als sonst jemand, aber sie findet, dass Lila wieder einmal übertreibt, und  sie fasst einen Entschluss:

Mal sehen, wer diesmal das letzte Wort behält, sagte ich mir. Ich schaltete den Computer ein und begann, unsere Geschichte aufzuschreiben, in allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist.

 Das Ergebnis sind die vier Bände der Neapolitanischen Saga.

Die Freundschaft der beiden Mädchen beginnt, als sie Anfang der 1950er-Jahre in die Grundschule des Rione, eines Armenviertels bei Neapel, kommen.  Schnell wird der Lehrerin, Maestra Oliviero, klar, dass die Mädchen, vor allem aber Lila, überdurchschnittlich begabt sind, und sie beginnt, die beiden zu fördern. Während Elenas Eltern zähneknirschend und unter finanziellen Opfern den Empfehlungen der Maestra folgen und ihre Tochter später in die Mittelschule und aufs Gymnasium schicken, bleibt Lila dieser Weg versperrt: Sie, die immer die mutigere und starrköpfigere von den beiden war, fügt sich nach einem kurzen Ausflug in eine berufsbildende Schule den Wünschen ihres Vaters und beginnt mit ihrem älteren Bruder Rino gemeinsam in der Schusterwerkstatt der Familie Schuhe zu reparieren. Hatte sie vorher die örtliche Bibliothek leergelesen und davon geträumt, mit Elena gemeinsam ein Buch wie Betty und ihre Schwestern zu schreiben und dadurch reich zu werden, setzt sie jetzt alle ihre Energien daran, durch das Anfertigen von Schuhen nach eigenen Entwürfen aus der bescheidenen Schusterwerkstatt der Familie eine erfolgreiche Schuhmanufaktur zu machen.

Meine Meinung: ‚Meine geniale Freundin‘ nennt Lila Elena, als sie sich im Alter von 16 Jahren gerade dabei ist, sich für ihre Hochzeit zurechtmacht, und sie nimmt Elena das Versprechen ab, zu studieren und das zu erreichen, was sie beide sich vorgenommen haben. Für mich ist das eine der traurigsten Szenen, die ich in einem Buch je gelesen habe, und die Aussage hat mich nicht nur traurig, sondern auch wütend gemacht.  Auf Bildung verzichten zu müssen, weil man aus einer armen Familie kommt oder ein Mädchen ist, etwas Ungerechteres kann ich mir nicht vorstellen! Elena ist klug und begabt, aber sie hat, nicht ganz zu unrecht, das Gefühl, dass sie es ohne Lilas Hilfe nicht schaffen kann. Gleichzeitig sieht sie einen inneren Zusammenhang zwischen ihrem Schicksal und dem ihrer Freundin:

‚Es war, als wäre die Freude oder der Schmerz der Einen wie durch einen bösen Zauber die Voraussetzung für den Schmerz oder die Freude der Anderen. Auch unser Äußeres schien diesem Auf und Ab zu unterliegen.‘

Lila versucht in einer Mischung aus Trotz und Schicksalsergebenheit, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Elena ist dabei eine genaue, schonungslose und ehrliche Beobachterin sowohl ihrer eigenen Entwicklung als auch der Entwicklung ihrer Freundin. Die Erzählerin ergeht sich aber nicht in endlosen psychologischen Analysen, sie beschränkt sich auf die Fakten und die knappe Beschreibung ihrer eigenen Gefühle. Die Interpretation dessen, was die Geschehnisse für die Mädchen bedeuten und was die Gründe für ihre Handlungen und Entscheidungen sind,  bleibt weitgehend den Leser*innen überlassen, und ich glaube, dass mich die Geschichte genau deshalb so berührt hat. Ein weiteres wichtiges Element sind für mich die rätselhaften Geschehnisse: das Verschwinden von Puppen, das am Anfang der Freundschaft steht, und Lilas Verschwinden im Alter von 66 Jahren. Sie bilden ein Gegengewicht zum betonten Realismus  und verleihen der Erzählung Magie, ohne sie ins Esoterische abgleiten zu lassen. Eva Mattes liefert dabei ein tolles Hörerlebnis, das der Geschichte vollkommen gerecht wird. 

Weitere Besprechungen des Romans findet ihr bei buchherz, bei BirthesLesezeit und bei den Büchertauben, und in der buchpost gibt es zusätzlich auch zahlreiche interessante Links zum Buch und zur Autorin.

Als Hörbuch: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger. Der Hörverlag 2016. 11h 43min.

In gedruckter Form: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. 422 Seiten.

 

Die Geschichte des verlorenen Kindes

IMG_08402011 erschien Meine geniale Freundin, der erste Band von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga, vor wenigen Wochen kam der vierte Band der Serie in deutscher Übersetzung als Die Geschichte des verlorenen Kindes in die Buchhandlungen. Ich hatte zwar die ersten drei Teile nicht gelesen, wollte mir dieses Buch aber trotzdem nicht entgehen lassen, war es doch von der Kritik hochgelobt und 2016 für den Man Booker International Prize nominiert worden. Die Hörbuchfassung wird von Eva Mattes gelesen, ein weiteres starkes Argument für die Geschichte. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich beim Hörverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplar herzlichst bedanken.

Die Neapolitanische Saga, das sind die Lebenserinnerungen von Elena Greco, einer linken Intellektuellen und Schriftstellerin. Sie stammt aus  dem Rione, einem Armenviertel bei Neapel, wo sie in den 1950er-Jahren gemeinsam mit ihrer besten Freundin Raffaella Cerullo, genannt Lila, zur Schule gegangen ist. Dem Hörbuch ist eine kleine Broschüre beigelegt, eine Art „Was bisher geschah“ der ersten 3 Teile, es war also nicht schwer, den Einstieg zu schaffen. Die Geschichte des verlorenen Kindes nimmt den Faden in den späten 1970er-Jahren auf, als Lila und Elena Anfang 30 sind.  Weiterlesen »