Das weiße Feld

IMG_0638Das weiße Feld von Lenka Hornáková-Civade erzählt von vier Frauen: Marie, deren Tochter Magdalena, der Enkelin Libuce und der Urenkelin Eva. Geschildert werden die Ereignisse in drei Teilen, jeweils aus der Perspektive von einer der drei Jüngeren, die eines gemeinsam haben: Sie sind unehelich geboren, und das ist in dem kleinen mährischen Ort, in dem sie leben, ein schwerer Makel. Marie war mit der 1929 in Wien geborenen Magdalena in die Tschechoslowakei zurückgekehrt, nachdem der Arzt, bei dem sie gearbeitet hatte, mit seiner Familie vor den Nazis geflohen war. Sie hatte gewusst, wie sie sich für ihr neues Leben in ihrem Heimatdorf wappnen musste:

Während der Zug uns einem entlegenen Dorf näher brachte, löste meine Mutter ihr kunstvolle, elegante Frisur. Sie fuhr mit den Händen durch ihren blonden Haarschopf, ließ ihre Haare frei auf Schultern und Rücken fallen. Sie warf den Kopf zurück und verharrte einige Augenblicke unbeweglich. Mit geschlossenen Augen. Ich erinnere mich ganz genau. Sie atmete tief. Anschließend griff sie alle ihre Haare mit einer entschlossenen und zielsicheren Bewegung, glättete sie und schlang sie zu einem strengen Knoten. Sie setzte sich das Kopftuch auf, das ich vorher nie an ihr gesehen hatte.

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Das Café in Roscarbury Hall

9783442484874_CoverDie Frauen, von denen die irische Journalistin und Autorin Ann O’Loughlin in Das Café in Roscarbury Hall erzählt, sind für Frauenromane typisch: Ella und Roberta, zwei unversöhnlich zerstrittene Schwestern, die sich in einem heruntergekommenen Herrenhaus gegenseitig das Leben schwer machen, Debbie, eine Krebskranke auf der Suche nach ihrer leiblichen Mutter,  Agnes, eine herrschsüchtige Pedantin mit einem ihr treu ergebenen Ehemann, Mary, ein von einem verheirateten Mann verführtes junges Mädchen,  Muriel, eine neugierige Tratschtante, sowie Schwester Consuelo und Mutter Asumpta, bigotte Nonnen, denen der Ruf ihres Ordens wichtiger ist als alles andere. Dazu ereignen sich ziemlich viele Tragöden, mit anderen Worten, es wird ziemlich dick aufgetragen.  Dass mich der Roman trotzdem vom ersten Kapitel an berührt hat, lässt sich einfach erklären: er ist einfühlsam aber ohne Schnörkel erzählt, und die Schicksale der Frauen im Buch sind keine unrealistischen Seifenopern, sie basieren auf historischen Tatsachen.

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Alles über Beziehungen

20171222_143841.jpg‚Reiche, weiße Menschen haben auch Probleme‘, so beginnt Doris Knechts Roman Alles über Beziehungen, und da ich weiß, wie die Autorin diese Erste-Welt-Probleme üblicherweise abhandelt,  zog ich das Buch trotz sommerlichem Cover letzte Woche aus meinem SUB, um mir im Vorweihnachtstrubel auf unterhaltsame Weise vor Augen führen zu lassen, was alles eigentlich gar nicht wichtig ist und wo es dann doch an die Substanz geht.

Viktor Kirchners gesamtes Leben war und ist von Frauen dominiert: zwei Schwestern, drei Lebensabschnittspartnerinnen und fünf Töchter. Dazu noch jede Menge Geliebte, aber die haben im ersten Teil des Buches mit der Überschrift Vorher nur die Rolle von Statistinnen und kommen folgerichtig nur als Anmerkungen in Klammern vor. Dann, in dem Moment, als Viktors Lebensgefährtin Magda eine Reiche-weiße-Leute-SMS bekommt, ändert sich das,  und Nachher ist scheinbar alles anders. Weiterlesen »

Besser

Da ich die internationalen Bestsellerlisten viel besser kenne als die deutschsprachigen, habe ich die Autorin Doris Knecht erst kennengelernt, als mir eine Freundin eines ihrer Bücher zum Geburtstag schenkte. Damals habe ich den Roman innerhalb von zwei Tagen fertiggelesen, diesmal war’s genauso. In Besser führen Antonia Pollak und ihr Mann Adam ein Leben ‚wie aus dem Bobo-Handbuch‘, wie sie selbst das ausdrückt: eine schicke Wohnung in einem hippen Vorstadtviertel, ein lichtdurchflutetes Atelier, wo sie ungestört an ihren Skulpturen arbeiten kann während die beiden Kinder im Kindergarten sind, eine Kreditkarte ohne Limit. Aber sie sieht sich nicht als Teil dieser privilegierten Welt, sondern als jemand, der sich da nur hineingeschummelt hat.

Glückliche Menschen ohne Geheimnisse schlafen besser. Glückliche Menschen ohne Geheimnisse sind am Morgen ausgeschlafen. Glückliche Menschen tun sich deshalb leicht beim Aufstehen.‚ Als Toni diese Erkenntnis mit uns teilt, wissen wir bereits, dass sie zu den Menschen mit Geheimnissen gehört und deshalb zu denen, die nicht gut schlafen.Weiterlesen »