Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger

Lorenz Prischinger badet in Selbstmitleid: Seine Karriere als Schauspieler ist nach hoffnungsvollen Anfängen zum Erliegen gekommen, seiner Freundin Stephie unterrichtet seit einem Jahr nicht mehr in Wien, sondern an der Universität Heidelberg, und sowohl Sozialversicherung als auch Finanzamt drohen mit der Zwangsvollstreckung ihrer Ansprüche.  Obwohl er sich das also definitiv nicht leisten kann, lässt Lorenz sich an einem verregneten Märztag mit dem Taxi von seiner Vierzimmer-Altbauwohnung in der Mondscheingasse „im hippen und kulturellen Zentrum des Siebten Bezirks“ nach Liesing, einer Mischung aus Wohnghetto und Industriezone, an der Demarkationslinie zu Niederösterreich“ chauffieren, zur Genossenschaftswohnung seiner Tante Hedi in der Dionys-Schönecker-Gasse, wohin er sich zum Abendessen eingeladen hat. Neben seiner Tante Hedi und deren Lebensgefährten Willi warten dort auch Wetti (Barbara) und Mirl (Maria-Josefa), die zwei anderen Schwestern seines Vater. Die Prischingers stammen aus einem kleinen Dorf im Waldviertel, Onkel Willi kommt ursprünglich aus Montenegro, und sein Herz hängt Titos Jugoslawien immer noch nach.

Im Laufe der nächsten Wochen wird Lorenz‘ Situation immer aussichtsloser, da helfen auch die Kochkünste seiner Tanten und Onkel Willis Ratschläge nichts, doch dann passiert etwas, womit niemand gerechnet hat und was die ganze Familie im wahrsten Sinn des Wortes in Bewegung bringt. Und die Geister der Vergangenheit weckt.

Meine Meinung: Es gibt also doch diese Manen. Nicht alles beendet der Tod, sondern ein blasser Schatten entflieht“ Dieses Zitat des römischen Dichters Properz ist der von Cornelius Obonya gelesenen Hörbuchfassung von Vea Kaisers drittem Roman vorangestellt, und die Manen, laut Duden die guten Geister eines Toten, machen Lorenz‘ Familie das Leben nicht gerade leichter. Während sich Lorenz mit seinen Tanten und dem Onkel im roten Fiat Panda auf eine 13-stündige Fahrt macht, deren Schilderung sich am besten als literarisches Roadmovie mit Slapstick-Elementen beschreiben lässt, widmen sich die Kapitel dazwischen in Rückblenden den sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten der Prischinger–Schwestern samt Anhang. Wie der Untertitel erwarten lässt, haben die Verstorbenen großen Einfluss auf die von den Lebenden getroffenen Entscheidungen, und die Autorin, die selbst Altgriechisch und Latein studiert hat, lässt sich dabei von der griechischen und römischen Mythologie inspirieren und den verbummelten Altphilologen Lorenz die Analogien erläutern.  Die Schrulligkeit und verbale Schlagfertigkeit der handelnden Personen macht aus dem Roman eine humorvolle Betrachtung der Lebenswirklichkeiten von zwei Generationen: der Kriegsgeneration, die den Sachzwängen eisernes Durchhaltevermögen entgegensetzen musste, um Selbstbestimmung zu erlangen, und ihren Töchtern und Söhnen, die es mit den lebenden und verblichenen Vorfahren auch nicht immer einfach, aber viel mehr materiellen Spielraum und Freiheit in ihren Entscheidungen haben. 

Vea Kaiser, Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger, als Hörbuch gelesen von Cornelius Obonya, Argon Hörbuch 2019, 13 h 39 min. 

Bookster HRO geht hart mit dem Roman und der Autorin ins Gericht, viel besser gefallen hat es letteratura, und lobende Worte findet auch buchrevier.

Bist du wahnsinnig geworden?

IMG_1378Claudia Erdheims Debütroman Bist du wahnsinnig geworden? erschien erstmals 1984/85 im Löcker Verlag und wurde soeben vom Czernin-Verlag neu aufgelegt. Im Zentrum steht die Beziehung der Autorin zu ihrer Mutter, einer  Psychoanalytikerin, die im Wien der Nachkriegszeit zwei Töchter alleine großzieht, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Die Familie mit jüdischen Wurzeln ist dem Holocaust nur durch Glück entkommen, daher ist es kein Wunder, dass die „Frau Doktor“ ihrer Umgebung mit zorniger Überheblichkeit begegnet. Verschont bleiben davon nur ihre Patienten, denen ihre ganze Aufmerksamkeit gilt. Die Töchter hingegen erleben den Alltag als Abfolge von Worttiraden gegen alles und jeden in einer Welt, vor der sie um jeden Preis ferngehalten werden müssen. Weiterlesen »

Alles über Beziehungen

20171222_143841.jpg‚Reiche, weiße Menschen haben auch Probleme‘, so beginnt Doris Knechts Roman Alles über Beziehungen, und da ich weiß, wie die Autorin diese Erste-Welt-Probleme üblicherweise abhandelt,  zog ich das Buch trotz sommerlichem Cover letzte Woche aus meinem SUB, um mir im Vorweihnachtstrubel auf unterhaltsame Weise vor Augen führen zu lassen, was alles eigentlich gar nicht wichtig ist und wo es dann doch an die Substanz geht.

Viktor Kirchners gesamtes Leben war und ist von Frauen dominiert: zwei Schwestern, drei Lebensabschnittspartnerinnen und fünf Töchter. Dazu noch jede Menge Geliebte, aber die haben im ersten Teil des Buches mit der Überschrift Vorher nur die Rolle von Statistinnen und kommen folgerichtig nur als Anmerkungen in Klammern vor. Dann, in dem Moment, als Viktors Lebensgefährtin Magda eine Reiche-weiße-Leute-SMS bekommt, ändert sich das,  und Nachher ist scheinbar alles anders. Weiterlesen »

Maikäfer flieg!

Die soeben im österreichischen Fernsehen gezeigte Verfilmung des Romans Maikäfer flieg! von Christine Nöstlinger hat mich dazu veranlasst,  das Buch nach langem wieder zur Hand zu nehmen und beides zu vergleichen. Mein Fazit: Eine sehr gelungene Umsetzung eines beeindruckenden Zeitdokuments, das sich als unprätentiöser Jugendroman präsentiert.

 

Maikäfer flieg!

Der Vater ist im  Krieg,

die Mutter ist im Pulverland,

Pulverland ist abgebrannt.

Maikäfer flieg. (*)

Diesen Kinderreim, der den Titel für Christine Nöstlingers Erlebnisbericht über die letzten Kriegstage in Wien liefert, konnte im Erscheinungsjahr 1973 anders als heute jedes Kind mitsingen, aber der Inhalt der Worte war auch für die in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren Geborenen schon ganz weit weg. Daher weist die Autorin in der Einleitung ihres Buches darauf hin, die Väter in ihrer Geschichte seien tatsächlich im Krieg gewesen, während sich die Mütter und mit ihnen die Kinder im abgebrannten Pulverland befunden hätten. Dann beginnt sie, ihre „Pulverlandgeschichte“ zu erzählen:Weiterlesen »

Besser

Da ich die internationalen Bestsellerlisten viel besser kenne als die deutschsprachigen, habe ich die Autorin Doris Knecht erst kennengelernt, als mir eine Freundin eines ihrer Bücher zum Geburtstag schenkte. Damals habe ich den Roman innerhalb von zwei Tagen fertiggelesen, diesmal war’s genauso. In Besser führen Antonia Pollak und ihr Mann Adam ein Leben ‚wie aus dem Bobo-Handbuch‘, wie sie selbst das ausdrückt: eine schicke Wohnung in einem hippen Vorstadtviertel, ein lichtdurchflutetes Atelier, wo sie ungestört an ihren Skulpturen arbeiten kann während die beiden Kinder im Kindergarten sind, eine Kreditkarte ohne Limit. Aber sie sieht sich nicht als Teil dieser privilegierten Welt, sondern als jemand, der sich da nur hineingeschummelt hat.

Glückliche Menschen ohne Geheimnisse schlafen besser. Glückliche Menschen ohne Geheimnisse sind am Morgen ausgeschlafen. Glückliche Menschen tun sich deshalb leicht beim Aufstehen.‚ Als Toni diese Erkenntnis mit uns teilt, wissen wir bereits, dass sie zu den Menschen mit Geheimnissen gehört und deshalb zu denen, die nicht gut schlafen.Weiterlesen »