Töchter einer neuen Zeit

9783837141177_CoverHenny und Käthe beginnen 1919 gemeinsam ihre Hebammenausbildung in der Hamburger Entbindungsanstalt an der Finkenau. Tür an Tür in einer bescheidenen Wohngegend aufgewachsen haben die ansonsten recht unterschiedlichen Freundinnen den festen Vorsatz, die Aufbruchsstimmung nach dem Ersten Weltkrieg zu nutzen und aus ihrem Leben etwas zu machen. Zur selben Zeit sitzt Ida, für deren Familie Käthes Mutter als Putzfrau arbeitet, in einem vornehmeren Stadtteil Hamburgs im Haus ihrer Eltern und überlegt, wie sie der Verheiratung mit dem Wunschkandidaten ihres Vaters entgehen und etwas Abwechslung in ihr langweiliges Leben als Tochter aus gutem Hause bringen könnte. Mia, das zweite Dienstmädchen in der eleganten Villa, ist ihr nicht ganz freiwillig dabei behilflich. Und schließlich ist da noch Lina, die es in ihrer kleinen Wohnung als ihre Lebensaufgabe sieht, auf ihren jüngeren Bruder Lud aufzupassen, für den sie sorgt, seit ihre Eltern den Entbehrungen der Kriegsjahre zum Opfer gefallen sind, und die als Lehrerin davon träumt, die Ideen der Reformpädagogik umzusetzen.

In den nächsten drei Jahrzehnten bilden Henny, Käthe, Lina und Ida eine Schicksalsgemeinschaft, und auch Mia spielt im Leben der Frauen immer wieder eine entscheidende Rolle.

Meine Meinung: Mit Töchter einer neuen Zeit hat sich Carmen Korn offensichtlich das Ziel gesetzt, die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts am Beispiel ihrer Hauptfiguren – der vier Frauen und der Männer in deren Leben – nachzuzeichnen: Henny, die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen kommt,  aber viel offener und toleranter als ihre deutschnationale Mutter ist und vorsichtig versucht, den alten und neuen Engstirnigkeiten etwas entgegenzusetzen; die aus einer Arbeiterfamilie stammende Kommunistin Käthe, die für ihre politischen Überzeugungen kämpft und deshalb von den Nazis unerbittlich verfolgt wird; Ida, die zwar gerne ein Leben ohne gesellschaftliche Zwänge führen würde, aber nicht den Mut aufbringt, dafür ihr Dasein in  bequemem Wohlstand aufzugeben; und Lina, der das Eintauchen in eine moderne Welt die Möglichkeit bietet, zu sich selbst zu finden und zu ihren Überzeugungen zu stehen, auch wenn sie sich damit in Gefahr begibt. Sehr leicht hätte das Vorhaben der Autorin in einer von Stereotypen geprägten Herz-Schmerz-Geschichte enden können, aber Carmen Korn ist es gelungen, glaubwürdige Charaktere zu schaffen und diese in einer spannenden Geschichte nicht ganz ohne, aber auch nicht mit übertriebener Dramatik agieren zu lassen. So hat sie mein echtes Interesse am Schicksal der Frauen geweckt und den Spannungsbogen bis zur letzten Seite mit manchmal überraschenden Wendungen aufrecht halten können. Die Autorin hat das Hörbuch selbst eingelesen, und auch wenn  etwas längere Pausen die Übergänge zwischen den einzelnen Kapiteln klarer erkennbar gemacht und mir so die Orientierung erleichtert hätten, hat sie ihre literarischen Lektionen in Zeitgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Stadt Hamburg so erzählt, dass ich mich schon auf den zweiten und den dritten Teil ihrer Jahrhundert-Trilogie freue. 

Carmen Korn, Töchter einer neuen Zeit. Gekürzte Hörbuchfassung gelesen von der Autorin. Random House Audio 2017. 10 h 4 min. 

Ich danke Random House Audio herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Der zweite Reiter

Alex Beer

Der aus dem Krieg mit einem Granatsplitter im Bein heimgekehrte Rayonsinspektor August Emmerich ist alles andere als erfreut, als ihm Ferdinand Winter, ein zartbesaiteter verarmter Adeliger, als Assistent zugeteilt wird, und er lässt den jungen Kollegen das auch spüren. Die beiden machen sich ohne großen Enthusiasmus daran, gegen einen Schwarzhändlerring zu ermitteln und entdecken dabei durch Zufall im Wienerwald die Leiche eines Kriegsheimkehrers, der davon geträumt hatte, nach Brasilien auszuwandern. Der Tote hat eine Schusswunde, die Pistole liegt daneben. Der Pathologe vermutet Selbstmord, aber Emmerich glaubt an Mord und ermittelt gegen die ausdrückliche Anordnung seines Vorgesetzten in diese Richtung weiter. Als eine zweite Leiche auftaucht und sich herausstellt, dass sich  beide  Männer kurz vor ihrem Tod getroffen hatten, sieht Emmerich den Fall als Chance, sich zu profilieren, und lässt nicht mehr locker.

‚Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.‘

Dieses Zitat von Martin Kessel stellt Alex Beer dem ersten Krimi um August Emmerich voran. Weiterlesen »

Die rote Frau

IMG_1959Alex Beer? Wieso schon wieder ein männlicher Autor auf diesem Blog? Aber Alex Beer, das ist die aus Bregenz stammende Autorin Daniela Larcher. Diese Woche hat sie in der Buchhandlung Leo in Wien ihren zweiten August-Emmerich-Krimi vorgestellt. Nach Der zweite Reiter nun Die rote Frau. Ihre Namenswahl spricht die Autorin gleich zu Beginn der Lesung an, und sie gibt auch einen Einblick in ihren Werdegang als Schriftstellerin: Nach einem BWL- und einem Archäologiestudium habe sie in New York bei einem Verlag gearbeitet und dabei erkannt: Bücher schreiben – das ist es! Nach ihrer Rückkehr habe sie unter ihrem wirklichen Namen mehrere Krimis veröffentlicht, dann aber einen Psychothriller schreiben wollen und sich dafür das Pseudonym zugelegt. Als sie die ersten 100 Seiten des Thrillers ihrem Literaturagenten vorlegte, fand dieser den Text zwar schlecht, konnte aber das Problem orten: Ihre Sprache sei für das Genre einfach zu antiquiert. Also galt es, das Sujet dem Schreibstil anzupassen. So entstand der erste Fall des in der Zwischenkriegszeit in Wien ermittelnden August Emmerich. „Ich kann die Leser auf eine Zeitreise mitnehmen“, sagt die Autorin und spricht über die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe ihrer Geschichten, die sie in der Österreichischen Nationalbibliothek anhand der dort archivierten Tageszeitungen recherchiert. Der zweite Reiter spielt im Jahr 1919, der Mord, der den Auftakt zu Die rote Frau bildet, wird am 18. März 1920 verübt. „Damals war Wien ein Drecksloch.“ Diese Aussage gefällt nicht allen im Publikum, auch wenn die Autorin zu bedenken gibt, dass dies die Zeit vor den als Rotes Wien in die Geschichte eingegangenen Sozialreformen gewesen sei. Lebensmittel- und Energieknappheit, hohe Arbeitslosigkeit, miserabelste Wohnbedingungen, schlechte Gesundheitsversorgung. Genau aus diesen Gründen sei Wien damals aber eine Metropole der Filmindustrie gewesen, die in Die rote Frau ebenfalls eine Rolle spielt: Ein Heer von Arbeitslosen, das waren billige Statisten für die Monumentalfilme.

Auch dem Ermittlerduo Emmerich und Winter hat das Leben übel mitgespielt. August Emmerich ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Gerade einmal die Hälfte aller Kinder, die in einer solchen Einrichtung untergebracht waren, hätten ihre Volljährigkeit erlebt, erzählt Beer. Im Krieg war er durch einen Granatsplitter verwundet worden und leidet immer noch an den Folgen. Aufgrund von Umständen, die im ersten Teil der Serie nachzulesen sind, lebt Emmerich jetzt in dem Männerwohnheim in der Meldemannstraße im 20. Wiener Gemeindebezirk, in dem vor dem Ersten Weltkrieg auch jener erfolglose Kunstmaler Unterschlupf gefunden hatte, der den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brechen sollte. Emmerichs Assistent Ferdinand Winter wohnt zwar wesentlich feudaler, aber ansonsten geht es dem verarmten Adeligen kaum besser als seinem Vorgesetzten.

IMG_1951Meine Meinung: Die sympatisch-selbstsichere Unverblümtheit, mit der Daniela Larcher/Alex Beer vor Publikum spricht, findet im Roman ihr Gegenstück in einer stilsicheren Beschreibung des sozialen Umfelds einer Zeit, die, wie die Autorin meint, in der Literatur unterrepräsentiert ist. Genau deshalb hat sie sich auf diese Epoche konzentriert. Sie will Unbekanntes zeigen und sagt: „Ich probiere, meine Leser an Orte mitzunehmen, wo sie sonst nicht hinkommen.“ Als Beispiele nennt sie den Wienerberg, die Chatham Bar (heute das legendäre Café Hawelka und zufällig auch der Ort, an dem die Buchhandlung Leo 1817 gegründet wurde) oder die mehrstöckigen Keller unter der Innenstadt. Dort spielt eine sehr unterhaltsame, wenn auch brutale Ringkampfszene, und das ist auch eine der Passagen, in denen Dialoge im Wiener Dialekt dem Roman zusätzlich Authentizität verleihen. An dieser Stelle hatte die Geschichte schon rasant Fahrt aufgenommen, und das mit einer Lockerheit, die im Kontrast zum düsteren Setting steht. „Alle Krimis sind irgendwie gleich“, behauptet die Autorin. Auch das werden manche nicht gern hören, und wahrscheinlich stimmt es auch nicht. Aber die Krimis von Alex Beer sind in jedem Fall ganz anders als alles, was ich bisher gelesen habe. „Warten Sie erst auf Teil 3“, verspricht sie. Ich warte!

Alex Beer, Die rote Frau. Ein Fall für August Emmerich. Limes 2018. 411 Seiten. Ich danke der Buchhandlung Leo für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Eine Besprechung des von Cornelius Obonya gelesenen Hörbuchs gibt es hier.